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Ida Aronsohn (geborene Ostberg) * 1888

Lenhartzstraße 7 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

1942 Auschwitz
ermordet

Weitere Stolpersteine in Lenhartzstraße 7:
Dr. Bernhard Aronsohn, Henriette Hirsch, Dr. Manfred Horowitz

Dr. Bernhard Aronsohn, geb. 1.8.1874 in Kolmar/Posen, am 11.7.1942 nach Auschwitz deportiert
Ida Aronsohn, geb. Ostberg, geb. 8.5.1888 in Bocholt/Westfalen, am 11.7.1942 nach Auschwitz deportiert

Lenhartzstraße 7

Beide Eheleute, Bernhard wie Ida Aronsohn, stammten aus jüdischen Familien.
Seine Eltern waren der Fabrikant Sally Aronsohn und Rosalie, geborene Meyersohn. Die Familie war ursprünglich in dem Kreisstädtchen Chodziez/Kolmar in der damals preußischen Provinz Posen (dem heute polnischen Poznàn) ansässig, aber nach Dresden übergesiedelt. Hier wuchs Bernhard auf.

Ihre Eltern waren Hermann Ostberg und Julie, geborene Lebenstein, sie lebten in Bocholt, Kreis Borken, Regierungsbezirk Münster, einer Kleinstadt, die seit 1815 zum Königreich Preußen gehörte.

Detailwissen über Bernhard Aronsohns Kinder- und Jugendzeit haben wir kaum. Den Zerstörungen, die Nationalsozialisten und Krieg auch in den Archiven Dresdens hinterließen, fielen auch seine Unterlagen zum Opfer.

Spuren finden sich erst aus dem Jahr 1884. In den Schuljahresprogrammen des Gymnasiums zum Heiligen Kreuz Dresden ist für den 21. April, er war gerade neun Jahre alt geworden, sein Eintritt in die Quinta vermerkt. Die in ganz Deutschland hoch angesehene Anstalt, bereits um das Jahr 1300 gegründet, war trotz ihres geistlichen Namens eine städtische Einrichtung und stand nach eigenem Verständnis seit dem 16. Jahrhundert in ungebrochener Tradition des deutschen Humanismus. Hier legte Bernhard Aronsohn 1895 die Reifeprüfung ab, mit der Beurteilung III a nicht gerade glänzend (die Wertung ging von I bis III). Aber es war bekannt, dass am Kreuzgymnasium "nichts verschenkt" wurde. Im Jahrbuch der Schule ist als Studienwunsch Medizin vermerkt.

1901, er war nun 27 Jahre alt, schloss er in Leipzig das Medizinstudium mit der Dissertation "Über Chorea gravidarum" ab. (Nach Auskunft des Klinischen Wörterbuchs "Pschyrembel" ist das eine leichte Form von Chorea minor, von Muskelkontraktionen, und kann bei der ersten Schwangerschaft zwischen dem dritten und fünften Monat auftreten.)

Über Herkunft und Jugend Ida Ostbergs, der späteren Frau Aronsohn, wissen wir etwas mehr. Bocholt, über Generationen ein verschlafenes Städtchen zwischen Münster und der holländischen Grenze, hatte seit Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders aber seit 1871, eine stürmische Entwicklung genommen. Mit einer aufblühenden Textilindustrie und dem An­schluss an das Eisenbahnnetz (1878) wuchs die Bevölkerung von 6000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Jahre 1871 auf 13000 im Jahre 1890. Die Textilunternehmen, Produktion wie Handel, erreichten vor dem Ersten Weltkrieg eine Anzahl von 114 Firmen. Eine der Fabriken gehörte der Familie Ostberg. In diese prosperierende Zeit wurde Ida Ostberg 1888 hineingeboren. Es folgten noch fünf Geschwister, drei Brüder und zwei Schwestern.

Ida besuchte zunächst die öffentliche Volksschule in Bocholt, absolvierte die Höhere Töchterschule und ging dann zur Handelshochschule in Düsseldorf. Auf kaufmännischem Gebiet bestens ausgebildet, arbeitete sie zunächst im Betrieb des Vaters, übernahm aber 1911 nach dem Tod der Mutter – sie war nun 23 Jahre alt – die Führung des großen Haushalts. Der jüngste Bruder, Walter, war zehn Jahre alt, der nächstfolgende, Siegfried (Fred), fünfzehn. 1923 starb auch der Vater.

1928 heiratete Ida Leopold Behr, einen Bremer, und verließ ihre Heimatstadt. Nach wenigen Jahren wurde die Ehe geschieden. Ida nannte sich wieder Ostberg und zog 1934 von Bremen nach Hamburg.

Hier eröffnete sie in der Rothenbaumchaussee 233 zunächst ein kleines Heim für ältere Damen. Sie hatte Erfolg und weitete ihr Unternehmen nach einigen Monaten aus: Wie die Zentralgewerbekartei Hamburg vom 9. Juli 1935 ausweist, meldete sie jetzt eine Pension an, mit dem Ziel der "Vermietung nur an Einheimische und für längere Dauer". Die Pension war großzügig und äußerst gepflegt angelegt: Sie umfasste nun das gesamte Haus, das waren drei Etagen mit je vier Zimmern. Im Kellergeschoss waren Küche und Schlafräume für Angestellte. Die Pensionszimmer wurden als geräumig und erstklassig eingerichtet beschrieben. Geschirr, Wäsche, Schmuckgegenstände usw., Ida Ostberg hatte auf Qualität geachtet und hohe Summen investiert. Sie begann mit fünf Angestellten.

Mit 36/37 Jahren hatte sich Ida Ostberg nun erstmals völlig selbstständig gemacht, gut gerüstet durch ihre Ausbildung in Geschäftsführung und durch ihre jahrelange praktische hauswirtschaftliche Tätigkeit im Elternhaus – aber in welch einer Zeit wagte sie diesen Schritt! Nur zwei Monate später, am 15. September, wurden die sogenannten Nürnberger Gesetze verkündet.

Bernhard Aronsohn war unmittelbar nach seiner Promotion 1901 aus Leipzig weggegangen und hatte sich in Lübtheen, einem Marktflecken im Kreis Ludwigslust im damaligen Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, als praktischer Arzt niedergelassen, mit dem Wohlwollen des dort ansässigen Sanitätsrates Seeler, der den Ort seit 15 Jahren als Arzt allein betreut hatte. In dieser Zeit war Lübtheen, vor allem wegen des neu aufkommenden Kali- und Steinsalzabbaus, von knapp 2500 auf über 4000 Einwohnende gewachsen, es gab also genug zu tun. Die Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Männer war für Lübtheen ein Segen: Sie unterstützten die Kumpel der beiden Bergwerke in ihren Forderungen nach einer Verbesserung der medizinischen Versorgung und hatten Erfolg: 1903 begann der Bau eines gemeindeeigenen Krankenhauses. Auf Aronsohns Initiative hin wurde später erstmalig eine ambulante Gemeindeschwester eingestellt, was die medizinische Versorgung der Gemeinde weiter verbesserte.

Über die Tätigkeit als therapierender Arzt hinaus widmete sich Aronsohn auch der Gesundheitsvorsorge, was in Lübtheen damals völlig neu war. Er hielt Vorträge über gefährliche Krank­heiten und informierte über geeignete Schutzmaßnahmen. Er sprang ein, wo Not am Mann war, auch als Geburtshelfer, wenn die Hände der Hebamme nicht ausreichten. Er behandelte kostenlos, wenn er Armut sah. Den Schülern der Ortsschule spendete er, selbst unverheiratet und kinderlos, 1912 ihre eigene, extra für sie ent­worfene Fahne. Sie wurde bei feierlichen Gelegenheiten, bei Schulausflügen etc. von den Schülern stolz vorneweg getragen. (Sie existiert heute nicht mehr, da sie von den Natio­nal­sozialisten als "schändlicher Judenlappen" verbrannt wurde.) Am 1. August 1914, Deutschland hatte wenige Stunden zuvor Russland den Krieg erklärt und die allgemeine Mobilmachung ausgerufen, wurde Bernhard Aronsohn zum Militär eingezogen.

Es wurden vier Jahre, die er in dem Schlachten und Verstümmeln als Arzt miterleben musste. Mehrere Jahre war er in Lazaretten bei der kämpfenden Truppe eingesetzt, zwischenzeitlich war er Lagerarzt im Kriegsgefangenenlager Parchim (Mecklenburg). Auch hier war er mit schwierigen Aufgaben konfrontiert. Das Lager Parchim war mit zeitweise mehr als 15000 Gefangenen – meist Russen und Serben, aber auch Franzosen, Engländer und Belgier – das größte Lager in Norddeutschland. Dort grassierten tödliche Krankheiten, sie nahmen mit der Dauer des Krieges zu und infizierten auch ärztliches Personal. Mehr als 1400 Gefangene starben.

Als Aronsohn 1918 zurückkam, zog er aus dem Erlebten Konsequenzen: Er trat sogleich der gerade gegründeten Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei, die sich für sozialliberale, auch nationale, vor allem aber antirevanchistische Ziele einsetzte. Aronsohn hatte während seiner Abwesenheit nicht an Beliebtheit und Anerkennung verloren: Als Kandidat der DDP wurde er 1919 Abgeordneter im neu gewählten Gemeindeparlament.

Bei der folgenden Wahl 1921 kandidierte er vorsichtshalber nicht erneut. Denn in der Enttäuschung vieler nach dem verlorenen Krieg und angesichts sozialer Not fanden die Hass- und Hetzpredigten der Rechtsradikalen auch in Lübtheen einen guten Nährboden. Zu allem Unheil waren 1912 und 1916 die beiden wichtigsten Kalisalzschächte durch Wassereinbrüche vernichtet worden, wodurch viele den Arbeitsplatz verloren. Antisemitische Sprüche nahmen bereits um 1920 zu, und auch der Arzt, der so viel Gutes für den Ort tat, blieb von Beleidigungen nicht verschont, auch wenn diese – im Vergleich zum Kommenden – nur Vorgeplänkel darstellten.

Gleich nach dem 30. Januar 1933 wurde Aronsohn von den örtlichen NS-Größen systematisch diffamiert und schikaniert. Zuerst waren es nur Worte, aber als aus dem Städtchen kein Widerspruch kam, schritten die braunen "Herrenmenschen" zur Tat: SA-Männer postierten sich vor seinem Haus in der Klingbergstraße 20, beschimpften die Patienten als "Judenknechte" und verwehrten ihnen den Zugang zur Praxis. Die Polizei griff nicht ein. Wie Zeitzeugen berichten, waren unter den Posten einige junge Männer, die mit Aronsohn gut bekannt waren. Wegen der Armut ihrer Familien hatte er sie früher kostenlos behandelt.

Am 25. Juli 1938 wurde das Berufsverbot für jüdische Ärzte zum 30. September 1938 erlassen. Bernhard Aronsohn war fast 65 Jahre alt. Noch glaubte er, nicht kapitulieren zu müssen. Mit Hausbesuchen versorgte er alle Patienten, die ihm treu geblieben waren. Das ging acht Wochen, dann wurden der Druck und die Übergriffe zu groß. Ende September stellte er die Arzttätigkeit ein. Verwandte in den USA drängten ihn, Deutschland zu verlassen und boten an, ihm behilflich zu sein. Er glaubte jedoch nicht an eine weitere Verschlechterung der Lage. Noch am 19. Oktober 1938 schrieb er ihnen: "Ich beabsichtige nicht, von hier wegzugehen."

Aber innerhalb weniger Wochen wurde es immer schlimmer: Die "Sicherungsanordnung", d. h. Entzug der Vollmacht über das eigene Vermögen, am 31. Oktober 1938; der Judenpogrom vom 9. und 10. November; zugleich mehrere Tage "Schutzhaft"; Verpflichtung zu einer "Judenabgabe" von 11600 RM am 12. Dezember. Nun gab Bernhard Aronsohn auf. Er verkaufte sein Haus samt Mobiliar und Gerätschaften zu einem Schleuderpreis und verließ noch im Dezember den Ort, in dem er 37 Jahre lang mit Hingabe gearbeitet hatte.

Über Rostock gelangte er am 24. August 1939 nach Hamburg und mietete sich in der Lenhartzstraße 7 ein, im dritten Stock. Dort lebte er so zurückgezogen, dass die meisten Mitbewohnerinnen und Mitbewohner des Hauses gar nichts von seiner Existenz wussten.

Ida Ostberg hatte ihre Pension guten Mutes gestartet. Doch nach den Nürnberger Gesetzen war ihr Vermietung nur noch an jüdische Gäste gestattet, und diese gerieten zunehmend in berufliche und finanzielle Bedrängnis. Das wirkte sich negativ auf die Entwicklung des für gehobene Ansprüche konzipierten Hauses aus.

Am 3. Dezember 1938 verschärfte der NS-Staat die Unterdrückung und Ausplünderung: Jüdischen Frauen und Männern wurde verboten, eine gewerbliche Tätigkeit auszuüben. Verzweifelte Versuche Idas, die Pension zu verkaufen, scheiterten. Sie verschenkte ihre Sachen oder ließ sie stehen, als sie am 1. Juli 1939 das Haus verließ.

Damit war Ida Ostberg nach vier Jahren Selbstständigkeit finanziell ruiniert. Während der nächsten eineinhalb Jahre wohnte sie unter wechselnden Adressen zur Untermiete, bis sie im Januar 1941 bei Bernhard Aronsohn in der Lenhartzstraße 7 eine Anstellung als Haushälterin fand, bei freier Unterkunft und Verpflegung und einem kleinen Gehalt von 35 RM im Monat. Solche Engagements waren oft mehr Ausdruck gegenseitiger Unterstützung in der Not als wirkliche Arbeitsverhältnisse.

Und wie die Kultussteuerkarten von Aronsohn und Ostberg bei der Jüdischen Gemeinde Hamburg zeigen, kam es am 28. November 1941 zur Vermählung der beiden. Er war jetzt 67 Jahre alt, sie 53. In der Lenhartzstraße lebten sie noch drei Monate miteinander.

Zum 11. März 1942 mussten sie auf Anweisung der Gestapo in die Kielortallee 22 umziehen, in das zum "Judenhaus" umfunktionierte Wohnheim der früheren Oppenheimer Stiftung, einer überbelegten Sammelstelle für Menschen, die für die Deportation vorgesehen waren. Unterdessen war die Gestapo-Staatspolizeileitstelle Hamburg dabei, für den 11. Juli die fünfte Deportation vorzubereiten, die erste, die von Hamburg nach Auschwitz gehen sollte.

Vorgesehen waren aus Hamburg 300 Personen, weitere 36 Namen standen vorsichtshalber auf einer Reserveliste. Dafür reichte ein kleinerer Sammelplatz als das sonst benutzte Logenhaus an der Moorweide. Dazu bestimmt wurde das Jüdische Gemeindehaus in der Hartungstraße 9/11, heute das Gebäude der Kammerspiele. 22 Personen erschienen dort am Tag vor dem Abtransport nicht. Sie hatten sich in den Tagen und Nächten zuvor das Leben genommen. So mussten sich die "Ersatzleute" bereit machen.

Aronsohns standen auf der alphabetischen Deportationsliste weit oben. Dort steht:
Lfd. Nr. 5: Aronsohn, Bernhard Israel. Lfd. Nr. 6: Aronsohn, Ida Sara, geb. Ostberg.
Sie folgten dem "Evakuierungsbefehl" vom 7. Juli und erschienen am Vormittag des 10. Juli zur Registrierung im Gemeindehaus.

Die Gestapo hatte professionell organisiert: Mit 298 anderen Leidensgefährtinnen und Leidensgefährten, unter ihnen auffällig viele Kinder und Jugendliche, wurden sie am nächsten Morgen zum Hannoverschen Bahnhof gebracht und nach Auschwitz verschleppt. Sie gelten als verschollen. Als ihr offizielles Todesdatum gilt der 8. Mai 1945.

Am Haus Bernhard Aronsohns in Lübtheen hat die Ortsgruppe des Demokratischen Kulturbundes 1959 eine Gedenktafel angebracht. Im Gehweg vor dem Haus ist seit 2006 ein Stol­per­stein für ihn eingelassen, gespendet von der Stadt Lübtheen, wo auch eine Straße nach ihm benannt ist.

© Johannes Grossmann

Quellen: 1; 2; 4; 5; 8; AfW 080588 Aronsohn, Bernhard; Programme des Gymnasiums zum Heiligen Kreuz Dresden, 1884 und 1895;www. Scientific commons/in cache (Stand 1.12.2009); Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 2007; Willgroth, Ärzte, 1929, S. 125; Norddeutscher Leuchtturm: Beliebter Arzt/Erinnerungen an Dr. Bernhard Aronsohn, Verlag Norddeutsche Zeitung 1984, 1629, S. 3, Schwerin, Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Signatur Z B 227; Schüler erkunden die Geschichte – wer war Dr. Bernhard Aronsohn, in: Wir sind Lübtheen, hrsg. vom Sportverein Concordia Lübtheen, o.J.; Wilhelm Mosel, Buildings Integral to the Former Jewish Life and/or Persecution of Jews in Hamburg-Rotherbaum II/Harvestehude, www.1.uni-hamburg.de (eingesehen am 15.12.2009); Wilhelm Mosel, Buildings Integral/Synagogues, ebd. (eingesehen am 15.12.2009); persönliche Auskünfte Frau Marlies Bünsch, Heimatmuseum Lübtheen, 5.12.2009) ; telefonische Auskünfte Karola Kimmen, Bau- und Stadtentwicklung Parchim (10.1.2010).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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