Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Kurt Ledien
© KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Kurt (Curt) Ledien * 1893

Sievekingplatz 1 Ziviljustizgebäude (Hamburg-Mitte, Neustadt)


DR. KURT LEDIEN
AMTSGERICHTSRAT ALTONA
WEISSE ROSE
JG. 1893
INHAFTIERT
KZ NEUENGAMME
ERMORDET 23.4.1945

Downloads:
Siehe auch:

Weitere Stolpersteine in Sievekingplatz 1 Ziviljustizgebäude:
Heinrich Basch, Paul Blumenthal, Franz Daus, Hermann Feiner, Richard Hoffmann, Lambert Leopold, Wilhelm Prochownick, Alfred Rinteln, Anna Rosenberg, Walter Rudolphi, Leonhard Stein

Dr. Kurt Ledien, geb. am 5.6.1893, ab 27.9.1943 Zwangsarbeit in Berlin, ab 2.3.1944 Haft in Fuhlsbüttel, ab Mitte Dezember 1944 Haft in Neuengamme, dort ermordet am 22. oder 23.4.1945

Hohenzollernring 34

Kurt Heinrich Ledien stammte aus einer Berliner Familie. Seine Eltern Louis und Gertrud Ledien, beide jüdischer Herkunft, traten 1884 zum christlichen Glauben über und beantragten 1914 die Namensänderung von Levin zu Ledien. Sie erzogen Kurt, seine Schwester und seinen Bruder im christlichen Glauben. Kurt Ledien wurde in der Christianskirche in Ottensen konfirmiert. 1912 legte er am Gymnasium Christianeum in Altona das Abitur ab.

Im Ersten Weltkrieg diente Kurt Ledien in der Armee. Nach einem Jurastudium in Lausanne, München und Kiel wurde er in Göttingen promoviert. 1925 heiratete er Martha Liermann aus Winsen an der Luhe, die als Buchhändlerin in Hamburg arbeitete. Sie war nichtjüdischer Herkunft. Das Ehepaar bezog eine Parterrewohnung in der Giesestraße 9 in Altona-Othmarschen. 1926 wurde die Tochter Ilse Luisa Ida geboren, 1929 folgte die Tochter Ulla Gertrud Martha.

Seit 1927 war Kurt Ledien Amtsgerichtsrat am Amtsgericht Altona. 1933 wurde er nach Dortmund versetzt, wo er als Landgerichtsrat am Landgericht tätig war. Doch 1934 wurde er aus "rassischen Gründen" auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zwangsweise in den Ruhestand versetzt und kehrte nach Hamburg zurück. Er bezog ein geringes Ruhegehalt, weil er nur kurze Zeit als Richter hatte tätig sein dürfen. Er verfügte aber noch über Nebeneinkünfte, denn er arbeitete erst in der Rechtsabteilung der Bavaria-Brauerei, dann, als ihm auch dies untersagt wurde, bei den jüdischen Rechtsanwälten Wilhelm Gutmann und Samson als Sachbearbeiter in Auswanderungssachen. Als die Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden zunahmen, konnten seine Schwester nach Wien und sein Bruder mit Familie 1938 nach Amerika entkommen.

1938 musste Kurt Ledien, wie alle dazu veranlagten Juden, zwanzig Prozent seines Vermögens als "Judenvermögensabgabe" zahlen.

Nach seiner Entlassung musste die Familie die Wohnung in der Giesestraße aufgeben. Sie zog zusammen mit der Mutter Gertrud Ledien in eine Wohnung im Hohenzollernring 25. Etwa ein Jahr später mietete Gertrud Ledien eine eigene Wohnung in Altona und Kurt Lediens Familie zog aus finanziellen Gründen in eine kleinere Wohnung im Hohenzollernring 34. Später musste Gertrud Ledien ihre Wohnung aufgeben und wohnte wieder bei der Familie ihres Sohnes.

Die jüngere Tochter Ulla Greuner, geborene Ledien, erinnerte sich, dass ihre Eltern durchaus über Emigration sprachen: "Meine Mutter drängte auf Auswanderung, aber mein Vater sagte: ‚Wir sind privilegiert.’ [Jüdische Partner aus "privilegierten Mischehen", bei denen entweder die Frau jüdisch oder mindestens ein Kind getauft war, wurden zunächst von den Deportationen zurückgestellt.] Er wollte erst anderen helfen rauszukommen, verschaffte ihnen Geld und Dokumente. Er konnte sich schwer dazu entschließen, Deutschland zu verlassen, es war die Heimat. Es war schwierig, das Geld, das bei Auswanderung an den Staat zu zahlen war, zusammen zu bekommen. Sie bekamen das Affidavit, die Bürgschaft für die Auswanderung in die USA, über England, erst am 3.9.39 – zu spät, zwei Tage nach Kriegsbeginn."

Als einschneidend hat Ulla Greuner die Maßnahmen zur "Kennzeichnung" der Juden im September 1941 in Erinnerung: "Gleichzeitig befestigte Vater den […] Judenstern an unsere Haustür und Mutter nähte Judensterne an die Kleidungsstücke."

Ulla hatte zunächst die Volksschule am Klopstockplatz besucht. Ab 1940 ging sie zur Oberschule Klosterschule. Als die Schule nach den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 evakuiert wurde, durfte Ulla als "Halbjüdin" nicht mit den übrigen Schülerinnen und Lehrpersonen nach Süddeutschland fahren. Sie beendete 1944 das achte Schuljahr am Bertha-Lyzeum in Othmarschen, dann musste sie als "Mischling ersten Grades" die Schule verlassen. Auch den Besuch einer Berufsschule musste sie nach wenigen Wochen aufgeben. Sie fand eine Anstellung als Putzhilfe und Kindermädchen in einer Pastorenfamilie mit vier Kindern. Ihre Mutter war inzwischen zur Arbeit in einer Fabrik zwangsverpflichtet worden.

Ilse Ledien musste 1942 nach Beendigung der zehnten Klasse von der staatlichen Oberschule Klosterschule abgehen und besuchte die Handelsschule. Dort freundete sie sich mit Maria Leipelt an, die ebenfalls durch die Herkunft ihrer Mutter als "Halbjüdin" galt. Ostern 1943 mussten beide die Schule wegen verschärfter Bestimmungen verlassen. Eine private Sprachenschule nahm sie bis Juli 1943 als Schülerinnen auf. Ilse Ledien arbeitete anschließend als Stenotypistin bei einer Versicherungsfirma.

Marias Bruder Hans Leipelt und seine Mutter Katharina Leipelt versammelten Gegner und Gegnerinnen des nationalsozialistischen Regimes um sich. Man traf sich in ihrer Wilhelmsburger Wohnung und während des Krieges im Keller der Buchhandlung am Jungfernstieg 50 bei dem Juniorchef und Studenten Reinhold Meyer. In der Gruppe wurde verbotene Literatur gelesen, diskutiert, abgeschrieben und verbreitet. Es ging den Studenten und Intellektuellen vor allem um die im Nationalsozialismus abgeschaffte freie Meinungsäußerung, sie wollten unzensierte, offene Diskussionen führen. Hans Leipelt, Student in München, war von den Aktivitäten um die Geschwister Scholl begeistert. Als er Ostern 1943 nach Hause kam, lud die Familie Leipelt auch Ilse Ledien und ihren Vater ein, um Hans kennen zu lernen. Der hatte es gewagt, das fünfte und sechste Flugblatt der Geschwister Scholl auf seiner Zugfahrt aus München mitzunehmen. Das sechste und letzte Flugblatt las er im Hamburger Freundeskreis vor; es folgte eine Diskussion darüber, was nach dem Krieg kommen solle, wie man den Widerstand ausbauen könne. "Der Vater war dabei eher die warnende Figur; er lehnte jeden Widerstand ab, der mit Gewalt verbunden war", schilderte Ilse später ihrer Schwester Ulla.

Nach der Zerschlagung des Widerstandskreises "Weiße Rose" in München und der Ermordung der Geschwister Scholl schrieb und vervielfältigte die Hamburger Gruppe deren Flugblätter und verbreitete sie in Hamburg. Deshalb wurde der Freundeskreis nach dem Zweiten Weltkrieg "Hamburger Zweig der Weißen Rose" genannt.

Offenbar erfuhr die Gestapo von dem Ostertreffen. Im Laufe des Jahres 1943 setzte eine Verhaftungswelle der Mitglieder des Hamburger Kreises ein. Im September 1943 wurde Kurt Ledien, der durch die "Mischehe" mit seiner nichtjüdischen Frau zunächst vor der Deportation geschützt blieb, zu einem Zwangsarbeitereinsatz unter Leitung der SS in Berlin eingeteilt. Am 15. September schrieb er eine Postkarte aus dem Berliner Zwangsarbeiterlager: "Meine liebsten Frauen, […] Meine ein-zigste Sorge ist, daß ihr euch nicht um mich sorgt, es wird schon werden. Ich hoffe daß die Arbeit nicht zu schwer wird, wegen der Verpflegung werde ich genau u. ehrlich berichten, daß ihr euch nicht sorgen müßt […] Nun müßt ihr gefaßt bleiben und vergnügt, dafür wird Ulla schon wieder sorgen. Mit Gruß, Vati."

Nach dem Krieg beschrieb ein ebenfalls dort eingesetzter Zwangsarbeiter die Arbeitsbedingungen dieses Kommandos: "Wir mussten allerschwerste Betonarbeiten machen, Steine und Zementsäcke transportieren. Der Arbeit war Dr. Ledien nicht gewachsen […] Es war schwerste Vernichtungsarbeit." Ein anderer ergänzte: "Wir mussten beim Hauptsicherheitsamt der Gestapo in der Kurfürstenstraße beim Bunkerbau arbeiten. Die Aufsicht hatten SS-Leute, Sturmführer und Obersturmführer. Besonders ein Obersturmführer Tuschka [richtig vermutlich: Lischka] hat viel misshandelt und mit Füßen getreten. Für Dr. Ledien, der vorher Landgerichtrat war und wohl in seinem Leben noch keinen Hammer in der Hand gehabt hatte, war die Arbeit besonders schwer. Ich habe die Zeit mit ihm zusammengearbeitet, er konnte gar nicht arbeiten, aber er musste."

Ulla Greuner, die Tochter, erinnerte sich, im November 1943 sei die Wohnung der Familie am Hohenzollernring von der SS beschlagnahmt worden. "Wir wurden am anderen Ende von Hamburg in ein Zimmer einer Drei-Zimmer-Wohnung eingewiesen, zu zwei anderen, auch halbjüdischen, Familien."

Am 17. Dezember 1943 nahm die Gestapo Kurt Lediens Tochter Ilse wegen "Hochverrat" in Schutzhaft; sie saß im KZ Fuhls-büttel ein. Zuvor waren ihre Freundin Maria und deren Bruder Hans Leipelt verhaftet worden. Offenbar hatte die Gestapo den gesamten Freundeskreis der Geschwister Leipelt im Visier. Möglicherweise war bekannt geworden, dass Ilses Freundschaft zu Maria Leipelt sie und ihren Vater in Kontakt zur "Weißen Rose" gebracht hatte.

Martha Ledien wurde wegen der Verhaftung ihrer Tochter in der Zentrale der Gestapo in der Rothenbaumchaussee vorstellig – ohne Erfolg. Ulla Greuner berichtete, dass ihr Vater die Nachricht von der Verhaftung seiner Tochter kaum verkraften konnte: "Weihnachten 43 war ich mit meiner Mutter in Berlin. Mutti hatte ihm telegrafisch von Illes Verhaftung berichtet. Er hatte daraufhin einen Nervenzusammenbruch und war in die Krankenstation des Polizeigefängnisses gekommen."

Seine Frau konnte ihn mit Wäsche versorgen und erhielt zunächst noch Briefe von ihm. Doch dann wurde auch Kurt Ledien in Berlin von der Gestapo in Haft genommen und am 2. März 1944 ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel transportiert.

Aus der Haft schrieb er am 2. Juni 1944 an seine Frau und seine Tochter Ulla: "Welches Glück, daß Ille so zuversichtlich ist und in so vorbildlicher Weise mit ihrer Haft fertig zu werden sucht. Wie schwer ist das, was sie schreibt. […] Es ist schwer, den ganzen Tag untätig zu sitzen und nur seinen Gedanken überlassen zu sein. […] Sie ist aber doch noch hier? Wie lange kann es da noch dauern bis es zur Verhandlung kommt? […] Ich bin gesund aber mit den Nerven fertig, ist wohl kein Wunder. Schicke mir wieder Auszug aus Illes Brief. Euch beiden danke ich für Eure getreulichen Briefe und Ulla für all die Worte der Liebe, die sie immer neu findet für ihren Vati, u. Dir für die Leidenschaft, mit der du mich zu trösten suchst. In inniger Liebe Euer Vati."

Wegen angeblicher "Vorbereitung zum Hochverrat" blieb Kurt Ledien ohne Gerichtsverfahren inhaftiert. Ulla Greuner erinnerte sich: "Vater kam nicht wie andere vor den Volksgerichtshof. Weil er selbst Richter war, hat er immer noch geglaubt, er bekäme irgendwann einen Rechtsanwalt und Prozess, um sich verteidigen zu können. Aber für Juden hielt man das gar nicht für erforderlich."

Mitte Dezember 1944 verlegte man ihn ins KZ Neuengamme. Kurz vor der Ankunft der Alliierten wurde er dort auf Anweisung der Hamburger Gestapo am 22. oder 23. April 1945 erschossen oder erhängt.

Ilse Ledien blieb zehn Monate lang im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert, davon sechs Monate in strenger Einzelhaft. Doch die Gestapo konnte ihr nichts nachweisen. Nach einem weiteren halben Jahr Haft im Untersuchungsgefängnis Hamburg-Mitte wurde sie am 20. April 1945 nach einem kurzen Prozess – "der Geschützdonner der Alliierten war schon zu hören" laut Ulla Greuner – wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. "Die Gestapo war schon aus Hamburg geflohen und auch der größte Teil der Richter des Volksgerichtshofes. Wäre die Gestapo noch anwesend gewesen, wäre Ilse nach einem Freispruch, wie es üblich war, sofort wieder in Haft genommen worden."

Wie Martha Ledien und ihre Töchter Ilse und Ulla überlebte auch Kurt Lediens Mutter Gertrud Ledien. Zwar war sie 1943 nach Theresienstadt deportiert worden, gehörte aber zu denjenigen, die kurz vor Kriegsende nach einer Intervention des Schweizer Bundesratsvorsitzenden aus dem Getto mit einem Transport in die Schweiz gerettet wurden.

Erst Jahrzehnte nach dem Krieg erzählte Ilse ihrer Schwester Ulla, dass Maria und sie das letzte Flugblatt der "Weißen Rose" auf ihren Schreibmaschinen in der Sprachenschule mehrmals abgetippt und zum Verteilen weitergereicht hatten. So haben auch sie aktiv am Widerstand teilgenommen. Im Flugblatt hieß es:
"Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk erduldet hat. Im Namen des ganzen deutschen Volkes fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen. In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht."

Im Umkreis des Hamburger Zweigs der Weißen Rose fanden den Tod durch Haftbedingungen oder Hinrichtung: Hans und Katharina Leipelt, Reinhold Meyer, Margarethe Mrosek (siehe S. 408), Margaretha Rothe, Frederik Geussenhainer, Elisabeth Lange und Kurt Ledien.

1981 wurde eine Straße in Hamburg-Niendorf nach Kurt Ledien benannt.

Stand September 2015

© Birgit Gewehr

Quellen: 4; 5; AB Altona und Hamburg; StaH 522-1 Jüdische Gemeinden, 992 m Band 3 (Ankunftslisten der von Hamburg in das KZ Theresienstadt deportierten Juden, Ankunft 25.6.1943); StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 14496 (Ledien, Gertrud), 14888 (Ledien, Martha Emilie Magdalene) und 17072 (Ledien, Martha); Gespräche mit Ulla Greuner, geb. Ledien, November 2008, und Korrespondenz, Juli 2014; Diercks, Gedenkbuch Kola-Fu, S. 54 f.; Biographien für Katharina und Hans Leipelt in: Günter u. a., Stolpersteine, S. 183–190; Morisse, Ausgrenzung, Bd. 2, S. 139–1421; Gedenken heißt: Nicht schweigen, S. 33–36.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

druckansicht  / Seitenanfang