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Bereits verlegte Stolpersteine



Benno Kesstecher * 1917

Grindelhof 30 (TTS) (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1944 KZ Neuengamme
1938 Flucht nach Belgien

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Weitere Stolpersteine in Grindelhof 30 (TTS):
Dr. Walter Bacher, Emil Emanuel Badrian, Asriel Brager, Ilse Brager, Sally Brager, Dr. Joseph Carlebach, Dr. Hermann Freudenberger, Josua Falk Friedlaender, Julius Hamburger, Bertha Hirsch, Leopold Hirsch, Dr. Alberto Jonas, Heinz Leidersdorf, Richard Levi, Emil Nachum, Mathias Stein, Artur Toczek

Benno Kesstecher, geb. am 20.3.1917 in Köln, 1938 Flucht nach Belgien, im Frühjahr 1945 in der Nähe von Hannover-Linden zu Tode gekommen

Grindelhof 30 (TTS)

Vor der Pforte der ehemaligen jüdischen Talmud Tora Schule im Grindelhof 30 wurden am 10. Juni 2007 18 Stolpersteine verlegt. Sie dienen dem Gedenken an die ermordeten Lehrer und Mitarbeiter sowie an die mehr als 300 jüdischen Hamburger Schülerinnen und Schüler, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind. Unter ihnen befindet sich ein Stolperstein zum Gedenken an den jüdischen Lehrer Benno Kesstecher.

Benno Kesstecher wurde zwar in Köln geboren, besaß aber die polnische Staatsangehörigkeit. Er blieb Zeit seines Lebens ledig.

Familie Kesstecher lebte in der Pantaleonstraße 11 in der südlichen Kölner Altstadt. Die Eltern Samuel Kesstecher (geboren am 16. Januar 1888 in Staroniewa) und Berta, auch "Blume", geborene Glatt (geboren am 31. Oktober 1890 in Rudnik), betrieben unter der Adresse ihrer Wohnung ein Segeltuchgeschäft. Ein Verwandter, der in der Gedenkstätte Yad Vashem ein Erinnerungsblatt für ihn ausfüllte, bezeichnete Samuel als "Händler und Dichter".

Benno besuchte in Köln das Reformgymnasium Jawne bis zur Unterprima. 1934 wechselte er nach Hamburg an die Talmud Tora Schule, wo er im März 1936 das Abitur ablegte. Er war sprachlich sehr begabt und hätte deshalb gern Literaturwissenschaften studiert. Aufgrund der Nürnberger Rassengesetze, die seit 1935 galten, war ihm dies jedoch verwehrt. So ging er nach Würzburg und absolvierte von 1936 bis zum Frühjahr 1938 an der dortigen Israelitischen Lehrerbildungsanstalt eine Ausbildung zum Lehrer. Neben seinem Studium besuchte er Rabbinerseminare und veröffentlichte in verschiedenen jüdischen Zeitungen Aufsätze und literarische Beiträge. Im März 1938 erschien im Joachim-Goldstein-Verlag seine Gedichtsammlung "Die Wunderleiter". Das poetische Talent hatte er möglicherweise von seinem Vater geerbt.

Am 1. Mai 1938 trat Benno Kesstecher in der Kultusgemeinde Edenkoben an der Weinstraße ein Amt als Lehrer und Kantor der israelitischen Kultusgemeinden der Nordpfalz an. Doch nur wenige Monate später zog er nach Hamburg, um an der Talmud Tora Schule als Lehrer zu arbeiten. Am 6. September 1938 nahm er den Unterricht als Ersatz für den "abgegangenen" Ernst Mayer auf. Zudem war er als Dolmetscher tätig. Zu der Zeit wohnte er in der Bornstraße 6b. Sein monatlicher Verdienst betrug 200 Reichsmark.

Bereits nach wenigen Wochen musste er seine Tätigkeit aufgeben. Im Oktober 1938 verließ er die Talmud Tora Schule. In seiner Personalakte wurde als Grund "Auswanderung" vermerkt. Die Familienfreundin Nomi Kameras berichtete 1961 im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens, Benno sei im Oktober 1938, als die Ausweisungen polnischer Juden aus Deutschland begannen, zunächst nach Köln geflüchtet. Doch auch dort konnte er nicht lange bleiben, denn die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden steigerten sich noch während des Novemberpogroms 1938.

Während Benno Kesstecher schon in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 nach Belgien flüchtete, folgten seine Eltern Samuel und Blume erst im August 1939. Über Bennos Verbleib in Belgien ist nur wenig bekannt. Am 4. Januar 1941 wurde er festgenommen und zunächst nach Genk (Provinz Limbourg) in ein Lager in der Steenbeukstraße 20 gebracht. Dies geschah im Zuge einer "Verordnung über Polizeiliche Maßnahmen in bestimmten Gebieten Nordfrankreichs" vom 12. November 1940. Etwa drei Jahre später, am 29. März 1944, wurde Benno Kesstecher ins belgische SS-Sammellager (Mechelen) in der Kazerne Dossin gebracht. Von dort wurde er sechs Tage später, am 4. April 1944, nach Auschwitz deportiert.

Er blieb bis zum 6. Mai 1944 in Auschwitz und wurde dann ins Außenlager Laurahütte in Oberschlesien verlegt. Dieses Lager diente der Herstellung von Flugabwehrgeschützen und wurde von der Firma Berghütte Königs-Bismarckhütte AG betrieben. Kurz vor der Befreiung durch die Alliierten am 24. Januar 1945 wurde das Lager geräumt und Benno Kesstecher dem KZ Mauthausen überstellt. Seine Häftlingsnummer lautete 122918. Später wurde er zum 4,5 Kilometer entfernten Nebenlager Gusen gebracht, wo er vom 31. Januar 1945 bis zum 2. Februar 1945 blieb. Es folgte die Verlegung in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, Hannover-Mühlenberg (Linden). Dort arbeitete er bis zum März 1945 als Dreher.

Laut Erbschein vom 11. August 1961 starb Benno Kesstecher am 8. Mai 1945 in Linden.

Anderen Angaben zufolge starb er bereits Anfang März, wurde aber erst auf den 8. Mai für tot erklärt. Er soll bei der Auflösung des Lagers durch die Nationalsozialisten erschossen worden oder bereits zuvor infolge von Schwäche und Erschöpfung gestorben sein. Wahrscheinlich wurde er in der Umgebung des Lagers, das sich an der Hameler Chaussee befand, beerdigt.

Bennos Eltern Samuel und Blume Kesstecher wurden ebenfalls in Belgien verhaftet und in das SS-Sammellager Malines gebracht – Samuel am 7., Blume am 16. Oktober 1942. Samuel Kesstecher wurde am 10. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert. Dieser Transport erreichte Auschwitz-Birkenau am 12. Oktober. Alle arbeitsfähigen Männer mussten den Zug allerdings bereits 80 Kilometer vor Auschwitz im Bahnhof Kosel verlassen und wurden von dort auf verschiedene Zwangsarbeitskommandos verteilt. Dazu gehörte sehr wahrscheinlich auch Samuel Kesstecher. Blume Kesstecher wurde dem Transport von Mechelen nach Auschwitz-Birkenau vom 24. Oktober 1942 zugewiesen, der das KZ zwei Tage später erreichte. Samuel und Blume Kesstechers weitere Lebenswege sind unbekannt. Blume wurde wahrscheinlich in Auschwitz ermordet.

Benno Kesstecher hatte noch zwei Geschwister, die beide die Shoah überlebten. Sein Bruder Moses, geboren am 29. September 1914, erlernte den Kaufmannsberuf und wanderte später nach Chicago in die USA aus. Dort nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an und nannte sich fortan Moe Kester. Seine Schwester Helmine, genannt Hella, geboren am 29. April 1920, wanderte ins britische Mandatsgebiet Palästina aus und nahm später die israelische Staatsangehörigkeit an. Durch Heirat änderte sie ihren Nachnamen in Leschziner, sie war Kinderpflegerin von Beruf und wurde Mutter eines Kindes.

Aus Benno Kesstechers Gedichtband "Die Wunderleiter" entstammt folgendes Gedicht:
Wenn Kinder gehn …
I.
Wenn Kinder gehn und alles dies verlassen,
Das einst ihr Leben war, ihr Gut, ihr Sein –
Und noch einmal mit einem Blick umfassen
Den Tisch, den Stuhl, die Truhe und den Schrein –
Und einmal noch erblicken in den Gassen
Die alten Häuser und den Brunnenstein –:
Dann scheint es, als sei all dies nie gewesen,
Ein Märchen, nachts im Traume aufgelesen.

II.
Wenn Kinder gehen – an einem leisen Abend –
Ein Zug schrillt auf – und Rauch – und ferner Laut,
Und Mütter, ihren Kopf im Gram vergrabend,
Schaun, wie man in ein Fernes, Leeres schaut –
Und dann – in seliger Erinnerung noch einmal habend
Das Kindeslächeln – wenn der Morgen graut,
Stehn sie dem Tag gegenüber, den sie nicht verstehn,
Die nur den Traum und nicht das Leben sehn …

III.
Wenn Kinder gehn, und eine Welt erlischt.
Dann schweigt das Leben einen Atemzug,
Und wird zum Bilde und zum Vogelflug
Hin über Gärten, die, wie ein Gedicht.
Einst blühten, als man sie im Herzen trug.
Nun ist es Herbst … Und dumpf ist das Gewicht,
Das schicksalsschwer auf dieses Leben schlug …
Die Mutter fragt – doch Antwort weiß sie nicht …



Stand: Juli 2017
© Christina Janssen, Sarah Puhlmann, Esther Harning, Ulrike Sparr, Frauke Steinhäuser

Quellen: 1; 2; 4; 8; StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung 41936; StaH 361-3 Schulwesen – Personalakte A 1392; E-Mail Auskunft von Dorien Styven, Kazerne Dossin – Mahnmal, Museum und Dokumentationszentrum, vom 20.9.2016; Randt: Talmud-Tora-Schule; Wamser/Weinke (Hrsg.): Eine verschwundene Welt, S. 319f. Darin findet sich auch ein Nachdruck der Gedichte "Der Auswanderer" und "Wenn Kinder gehen …" aus Benno Kesstecher, Die Wunderleiter. Gedichte, Berlin 1938; "Einsetzung eines neuen Lehrers für die Gemeinde Edenkoben und für die Nordpfalz", in: Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz, 1.5.1938, online: www.alemannia-judaica.de/images/Images%20376/Edenkoben%20JG%20Rheinpfalz%2001051938.jpg (letzter Aufruf: 12.9.2016); www.joodsmonument.nl/nl/page/229096/kosel (letzter Aufruf: 6.10.2016).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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