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Gertrud Seidl (geborene Gräfenberg) * 1883

Isestraße 23 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
GERTRUD SEIDL
GEB. GRÄFENBERG
JG. 1883
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1943
SOBIBOR
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Isestraße 23:
Hedwig Augenstern, Georg Fränkel, Henriette Fränkel, Alice Maschke, Erich Wilhelm Maschke, Dr. Herbert Michaelis

Gertrud Seidl, geb. Gräfenberg, geb. 18.6.1883 in Adelebsen, 1938/1939 emigriert, deportiert 25.5.1943 aus den Niederlanden, 28.5.1943 in Sobibor ermordet

Gertrud Gräfenberg wurde 1883 in dem kleinen Ort Adelebsen (1200 Einwohner) bei Göttingen geboren. Ihr Vater Salomon Gräfenberg (1834–1918) betrieb dort ein Eisenwarengeschäft. Er gehörte zu den wohlhabenderen Juden des Ortes. 1868 bis 1882 war er Vorsteher der Synagogengemeinde und von 1889 bis 1893 Bürgervorsteher von Adelebsen. 1893 zog die Familie nach Göttingen. Zwei Söhne, Selly Gräfenberg (1863–1921) und Ernst Gräfen­berg (1881–1957), besuchten in Göttingen das Gymnasium. Selly Gräfenberg studierte Spanisch und lehrte später als Dr. phil. an der Universität Frankfurt am Main. Ernst Grä­fenberg studierte Medizin in Göttingen und München, promovierte 1905 und hatte als Frauenarzt eine eigene Praxis in Berlin-Schöneberg sowie eine Chefarztstelle im Krankenhaus Berlin-Britz. 1933 wurde er seines Chefarztpostens enthoben und 1937 wegen Devisenschmuggels zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung gelang es ihm mit Unterstützung von Freunden und durch den Verkauf seines Eigentums, in die USA zu emigrieren. Sein Bruder Hans Gräfenberg (1877–1956) betrieb in Berlin die Damenmantelfabrik Michaelis & Gräfenberg.

Im Oktober 1909 war die 33-jährige Schwester Martha Gräfenberg nach Göttingen gezogen. Einige Jahre später heiratete sie den Hamburger Frauenarzt Dr. Max Münden (1865–1936) und zog zu ihm in die Hansestadt.

Gertrud Gräfenberg heiratete um 1913 Paul Seidl (1846–1929), Geschäftsführer der 1913 gegründeten Firma für Schlachtereiprodukte Segelcke & Co. GmbH (Spaldingstraße). Paul Seidl stammte aus Zerbst in Sachsen-Anhalt und war seit 1910 Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Er soll an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung gestorben sein. Spätestens seit 1913 wohnte die Familie in der Isestraße 23.

Die 1915 geborene Tochter Annemarie Seidl besuchte die Schule Tesdorpstraße (1921–1926), die Realschule für Mädchen von Dr. Jacob Löwenberg (1927–1930) und anschließend die Handelsschule.

Nach dem Tod ihres Ehemannes am 14. September 1929 zog Gertrud Seidl, geb. Gräfenberg, um 1932 mit ihrer Tochter in die Rothenbaumchaussee 47. Hier wohnten bereits Verwandte, die verwitwete Gertrud Seidl, geb. Siegfeld, (1875–1943) und ihr Sohn Hans Seidl (1899–1968), der nach dem Abitur am renommierten Wilhelm-Gymnasium Jura studiert hatte. Hans Seidl arbeitete als Rechtsanwalt in einer gemeinsamen Kanzlei mit Dr. Kurt Rosenberg und Dr. Ernst Rappolt (Mönckebergstraße 29–31).

Von Anfang 1933 bis Sommer 1934 lebte Gertrud Seidl mit ihrer Tochter in Italien, anschließend hielten sie sich ein Dreivierteljahr in der Tschechoslowakei auf, von wo sie erst Anfang 1935 nach Hamburg zurückkehrten. Die Tochter Annemarie Seidl fand Arbeit bei der Zellulose- und Holzstoff-Firma Hugo Hartig (Burchardstraße 1) und war 1936 im renommierten Bankhaus M. M. Warburg & Co. (Ferdinandstraße 75) tätig.

1935 zog Gertrud Seidl mit ihrer damals noch unverheirateten Tochter in die Eppendorfer Landstraße 36 (1.Stock) in eine 3 ½ Zimmer-Wohnung, wo ab dem 15. Juni 1937 auch ihre verwitwete Schwester Martha Münden, geb. Gräfenberg, (1876–1941?) ein Zimmer bewohnte. In der nahegelegenen Straße Beim Andreasbrunnen 3 wohnte auch der Schwager ihrer Schwester, Anton Münden, mit seiner Familie.

Im Mai 1937 heiratete Annemarie Seidl in Hamburg den niederländischen Kaufmann Carel Marcus (geb. 1901 in Groningen). Als dem Juden Carel Marcus in Deutschland die Verhaftung drohte, floh seine hochschwangere Frau mit ihm am 21. Juni 1938 in die Niederlande nach Groningen. Vier Tage später wurde dort ihr Sohn Robert geboren. Es gelang ihnen, sich in Groningen eine neue Existenz aufzubauen, obwohl sie bei der überstürzten Flucht aus Deutschland fast alle Besitztümer hatten zurücklassen müssen.

Nach dem Novemberpogrom 1938 in Deutschland vereinbarte man telefonisch, dass auch die Mutter nach Groningen ausreisen solle. Zwischen Ende 1938 und März 1939 reiste Gertrud Seidl nach Groningen; auch sie ließ ihre komplette Wohnungseinrichtung in Hamburg zurück.

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 war Gertrud Seidl auch dort Repressalien ausgesetzt. Der systematischen Erfassung aller Juden und ihres Eigentums folgte die Stigmatisierung mittels "Judenstern" ab Mai 1942.

Vollständig entrechtet, wurden die Juden verhaftet und in das niederländische Durchgangslager Westerbork eingeliefert. Carel Marcus wurde am 10. Juli 1942 interniert, Annemarie Marcus, geb. Seidl, wurde am 2. Ok­tober 1942 zusammen mit ihren beiden Kindern dort eingeliefert. Anfang 1943 schließlich wurde auch Gertrud Seidl in das Durchgangslager eingewiesen. Am 25. Mai 1943 wurde sie zusammen mit weiteren 2861 Juden ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie vermutlich gleich nach der Ankunft am 28. Mai 1943 ermordet wurde.

Die Eheleute Marcus wurden gemeinsam mit ihren Kindern im April 1944 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Ein Jahr später sollten sie kurz vor der Räumung des Lagers Bergen-Belsen in einem von drei großen Transporten per Bahn nach Theresienstadt gebracht werden. Am 11. April 1945 setzte sich der Zug, in dem auch die Familie Marcus saß, in Bewegung, wurde aber nach 12-tägiger Irrfahrt durch Deutschland in Tröbitz/Brandenburg von der Roten Armee befreit (vgl. Biographie Claire Oettinger, Isestraße 113).

Im Juli 1945 kehrten Carel und Annemarie Marcus mit ihren drei Söhnen nach Groningen zurück.

Gertrud Seidls Neffe, der Rechtsanwalt Hans Seidl, kam im November 1948 zurück nach Hamburg; nach zwei Jahren als Oberregierungsrat war er ab 1950 als Rechtsanwalt gemeinsam mit Dr. Morris Samson (1878–1959) in einer eigenen Kanzlei tätig.

© Björn Eggert

Quellen: 1; StaHH 351-11 (AfW), 210515 (Annemarie Marcus, geb. Seidl); Amtliche Fernsprechbücher Hamburg 1931–1933, 1935–1937 (Seidl); wikipedia (Ernst Gräfenberg), eingesehen am 5.1.2009; Stadtarchiv Göttingen, Einwohnermeldekarte (Gräfenberg) und Stammbaumblätter der Familie Gräfenberg, gesammelt von Dr. Selly Gräfenberg, revisted 1975 by Carl H. Grafenberg; (Göttinger ?) Tageblatt spezial, 27.10.2007 (Ernst Gräfenberg); Adressbuch Berlin 1904, 1910 (Michaelis & Gräfenberg); Briefwechsel von Franz Rappolt (Hamburg) und seinem Sohn Ernst Rappolt (USA), 1940–1941, Brief vom 30.1.1940, Privatbesitz (Hinweis auf Familie Seidl); Wilhelm Gymnasium Hamburg 1881–1956, Hamburg ohne Datum, S.122 (Hans Seidl); Heiko Morisse, Jüdische Rechtsanwälte in Hamburg. Ausgrenzung und Verfolgung im NS-Staat, Hamburg 2003, S.160 (Hans Seidl); Martin Gilbert, Endlösung – Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas, Reinbek bei Hamburg 1982, S.160 (Holland); www.joodsmonument.nl (Gertrud Seidl, eingesehen 2.8.2009); Hamburger Börsenfirmen, 36. Auflage, Hamburg 1935, S. 789 (Segelcke & Co. GmbH).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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