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Selma Marie Baresch * 1886

Kleiner Schäferkamp 31 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)


HIER WOHNTE
SELMA MARIE BARESCH
JG. 1886
SEIT 1907 AUFENTHALT
IN VERSCHIEDENEN
HEILANSTALTEN
"VERLEGT" 16.8.1943
HEIL- UND PFLEGEANSTALT
AM STEINHOF WIEN
ERMORDET 19.4.1945

Selma Baresch, geb. am 8.7.1886, am 26.4.1935 aufgenommen in die Alsterdorfer Anstalten, verlegt am 16.8.1943 in die Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien, Tod am 19.4.1945

Kleiner Schäferkamp 31

Marie Selma Baresch wurde als zweites von sechs Kindern des Schuhmachers Thomas Baresch und seiner Ehefrau Pauline, geb. Scheuermann, am 8. Juli 1886 in Petersdorf im schlesischen Kreis Hirschberg geboren. Nur drei der Kinder, Selma, Rudolf und Franziska, erreichten das Erwachsenenalter. Der Vater, geboren am 21. Dezember 1857, stammte aus Böhmen und besaß die österreichische Staatsangehörigkeit; die Mutter, geboren am 27. Oktober 1865, erhielt sie durch die Heirat, wie später auch die Kinder. Thomas Baresch war katholisch, seine Ehefrau evangelisch. Sie wurden am 5. August 1884 in der evangelischen Kirche getraut; die Kinder erzogen sie evangelisch.

Obwohl Thomas Bareschs Beruf auf Selmas Geburtsurkunde mit Schuhmachermeister angegeben wurde, unterzeichnete er mit dem Handzeichen, also mit drei Kreuzen. Das tat seiner Lebenstüchtigkeit keinen Abbruch. 1894 wanderte er zunächst allein über Hamburg nach New York aus, kehrte jedoch nach einem Jahr von dort zurück und blieb in Hamburg, wo ihn das Altonaer Adressbuch seit 1895 mit Wohnsitz in der Hamburger und Eimsbütteler Straße verzeichnete.

Thomas Baresch ließ seine Familie nach Hamburg nachkommen. Selma war damals etwa zehn, ihr jüngerer Bruder, geboren am 19. April 1892, vier Jahre alt. Selma, noch in Petersdorf eingeschult, beendete die Volksschule in Hamburg. Sie war eine gute Schülerin, obwohl sie wegen einer Lungenerkrankung während ihrer Schulzeit ein Jahr aussetzen musste.

1905 bezog Familie Baresch eine Parterrewohnung am Kleinen Schäferkamp 31, wo sie bis 1938 blieb. Selma arbeitete damals bereits fünf Jahre als fleißige und tüchtige Buchhalterin.

1907 erkrankte Selma Baresch und wurde nicht wieder erwerbsfähig. Am Anfang ihrer Erkrankung gab es einen Vorfall: Ihr Chef war krank und sie befürchtete, er könne sterben. Sie kleidete sich schwarz und wollte ihn im Helenenstift des Deutschen Roten Kreuzes in der Allee (heute Max-Brauer-Allee) aufsuchen, um ihm Geld zu bringen. Da sie nicht vorgelassen wurde, glaubte sie, er sei tot. In ihrer Verwirrung wurde sie von der Polizei aufgegriffen und ins Altonaer Krankenhaus gebracht. Mit der Maßgabe, die Behandlung zu Hause fortzusetzen, wurde sie entlassen, jedoch blieb die erhoffte Heilung aus. Sie litt weiter an Halluzinationen, begleitet von starken Stimmungsschwankungen und Zerstreutheit.

Gegen den Willen ihrer Eltern und des Arztes ging sie am 21. November 1907 ins Kontor, um zu arbeiten, wurde jedoch gegen die Vorgesetzten so ausfallend, dass sie wegen Verfolgungswahns in die "Irrenanstalt Friedrichsberg" gebracht wurde. Bei der Aufnahme beantwortete sie bereitwillig und völlig verständlich alle Fragen über sich selbst. Acht Monate später wurde sie mit der Diagnose "Schizophrenie" zu ihrer Familie entlassen, wo sie die folgenden fünf Jahre verbrachte. Jedoch verschlechterte sich Selma Bareschs Zustand so sehr, dass sie am 1. Juni 1913, einen Monat vor ihrem 27. Geburtstag, mit der Diagnose "Dementia praecox", einer früh einsetzenden Form von Schizophrenie, wieder nach Friedrichsberg gebracht wurde. Anders als fünfeinhalb Jahre zuvor ging sie nun auf ihr gestellte Fragen gar nicht ein.

Die Zeit des Ersten Weltkriegs verbrachte Selma Baresch in Friedrichsberg. Sie arbeitete u. a. im Kartoffelkeller, war fleißig, meist ruhig und zufrieden, blieb aber unzugänglich. Bei den ersten Besuchen ihrer Mutter verhielt sie sich ihr gegenüber abweisend, ging aber in den folgenden Jahren gern für einige Urlaube nach Hause.

Da sich Selmas Zustand nicht besserte, wurde sie am 25. Oktober 1918 in die damalige Pflegeanstalt Langenhorn verlegt, wo sie sich völlig unauffällig verhielt. Sie pflegte sich selbst, ließ sich leicht lenken, zeigte aber keinerlei Interessen. Nach zweijährigem Aufenthalt entließ man sie zunächst auf unbestimmte Zeit und im Februar 1921 vermeintlich endgültig als gebessert nach Hause. Im Oktober des folgenden Jahres starb der Vater, aus dessen Erbe Selma eine Rente erhielt.

Doch glaubte Selma Baresch weiterhin Stimmen zu hören und antwortete ihnen, weshalb sie ein drittes Mal in Friedrichsberg aufgenommen wurde. Die Jahre 1923 bis 1935 verliefen offenbar ohne besondere Vorkommnisse. Sie arbeitete zeitweise im Gemüsekeller, nähte Pantoffeln oder webte Bettvorlagen. Es gab auch Zeiten, in denen sie sich nicht beschäftigen ließ. Ihr Interesse galt allein dem Essen. Sie sprach kaum, war aber örtlich und zeitlich orientiert.

Am 26. April 1935 wurde Selma Baresch auf Kosten der Fürsorgebehörde in die damaligen Alsterdorfer Anstalten verlegt. Bei ihrer Ankunft wirkte sie antriebslos und pflegebedürftig, sodass sie der höchsten Pflegestufe zugewiesen wurde. Nach einem halben Jahr hieß es im Bericht an die Fürsorgebehörde, sie sei unselbstständig und im Wesen freundlich und zufrieden, gelegentlich auch widerspenstig. Sie schien also etwas aktiver geworden zu sein. Eine ständige Arbeit wie Weben scheiterte an ihrer Antriebslosigkeit, aber sie erledigte auf der Abteilung kleine Handreichungen. Nach wie vor galt Essen als ihr Hauptinteresse. Jeden Sonntag erhielt Selma Besuch von ihrer Mutter. Ihr Zustand schien der Fürsorgebehörde so unveränderlich, dass 1937 die Kostenübernahme bis Ende 1941 zugesichert wurde.

Nach der Besetzung der Tschechoslowakei sollte Selma an einer dortigen Wahl teilnehmen, was sich wegen ihres Zustands als unmöglich erwies, aber die Frage nach ihrer Staatsangehörigkeit aufwarf. Der Teil Böhmens, aus dem ihr Vater stammte, war nach der Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie tschechisch geworden, sodass die Familie die tschechische Staatsangehörigkeit erhielt, ohne jedoch die Aufenthaltsgenehmigung für das Deutsche Reich zu verlieren. Aufgrund einer Verordnung vom 20. April 1939 wurde Selma am 30. Januar 1940 die deutsche Staatsangehörigkeit zugesprochen.

1939 schied ihre Mutter als Pflegerin im Sinne des Vormundschaftsgerichts aus, da sie zu hinfällig geworden war. Für die Wahrnehmung ihrer Vermögensinteressen, die sich auf die monatliche Rente von 200 Reichsmark bezogen, erhielt Selma Baresch vom Gericht eingesetzte Pfleger. Die Mutter starb am 8. Oktober 1942. Selmas jüngerer Bruder Rudolf, Justizinspektor beim Amtsgericht in Olmütz, hielt losen Kontakt zur Anstaltsleitung.

Am 13. April 1942 bewilligte die Sozialverwaltung die weitere Kostenübernahme für Selma Baresch bis zum 31. März 1945. All diese Vorgänge liefen offenbar ohne Selmas Anteilnahme ab. Sie hatte sich im Verhalten seit Anfang 1941 verändert, verhielt sich gegen Mitpatientinnen und Schwestern aggressiv, warf mit Gegenständen um sich, zerriss Kleidung und spuckte ins Essen. Vielleicht waren es diese neu auftretenden "Schwierigkeiten" im Umgang mit ihr, die die Anstaltsleitung veranlassten, sie nach Wien zu verlegen.

Die damaligen Alsterdorfer Anstalten waren Anfang August 1943 während der schweren Luftangriffe der Alliierten auf Hamburg beschädigt worden. Der damalige Direktor, Pastor Friedrich Lensch, veranlasste die Verlegung von mehreren hundert Patienten und Patientinnen in "luftsichere" Gebiete, um Platz für Bombengeschädigte und Verwundete zu schaffen. Die größte Gruppe, 228 Mädchen und Frauen, wurde am 16. August 1943 nach Wien verlegt, unter ihnen auch Selma Baresch.

Bei der Aufnahme kam kein Gespräch zwischen dem Arzt und Selma Baresch zustande. Die ersten Tage in der fremden Umgebung verbrachte sie ruhig, verträglich und teilnahmslos im Tagesraum.

Anfang 1944 veränderte sich Selma auffallend. Ihre Interesselosigkeit schloss nun auch das Essen ein. Selma Baresch hatte während ihres achtjährigen Aufenthalts in Alsterdorf ca. 20 kg abgenommen und wog bei ihrer Ankunft in Wien noch 68 kg bei einer Körpergröße von 157 cm. Selma Baresch erkrankte an Unterleibsleiden, die pflegerisch leichter zu behandeln waren, wenn die Patientinnen im Bett blieben. Deshalb ließ man Selma Baresch mehr Zeit im Bett verbringen als zuvor. Sobald sie aufstand, schwollen ihre Füße an. Am 15. Mai 1944 wurde sie in die Pflegeabteilung verlegt, bis zum Jahresende sank ihr Gewicht auf 42 kg, offenbar eine Folge ihrer Krankheit und deren mangelhafter Behandlung und der unzureichenden Ernährung. Bis zum 17. Februar 1945 wurden keine weiteren Beobachtungen vermerkt.

Selma Bareschs amtlicher Pfleger erkundigte sich Anfang Februar 1945 nach ihrem Ergehen. Daraufhin wurde Selma untersucht und das Ergebnis folgendermaßen zusammengefasst: "Ihr Mündel S. B. lebt noch, doch ist sie in letzter Zeit infolge eines Herzfehlers stark verfallen. Auch im Geisteszustand der Pat. ist eine weitere Verschlimmerung eingetreten. Es handelt sich um einen schizophrenen Endzustand. Dr. Wunderer e. h."

Selma verbrachte ihre Zeit still im Bett, war orientiert, antwortete, wenn sie angesprochen wurde, mit einzelnen Worten. Offenbar hatte sie keine Wahnideen mehr. Ihr Körper war steif und vornüber gebeugt; sie vermied, den Kopf zu bewegen. Sie nahm weiter ab und wog im März 1945 noch 40 kg.

Am 13. April 1945 wurde Wien von der Roten Armee eingenommen.

Zwei Monate später wurde festgehalten, Selma Baresch sei sehr schwach und hinfällig und leide an starken Durchfällen. Am folgenden Morgen, dem 19. April 1945, um 6.30 Uhr, starb sie. Als Todesursache wurde "Schizophrener Endzustand. Marasmus [Auszehrung]. Enterokolitis [Darmkatarrh]" angegeben, was den Tatsachen entsprach, jedoch gewollt und absichtlich herbeigeführt worden war.

In der Wiener Anstalt wurden Patienten und Patientinnen mit tödlich wirkenden Medikamenten und durch systematisches Aushungern getötet. Mindestens 257 der 300 Patienten, die am 16. August 1943 aus den Alsterdorfer Anstalten und aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn hierhin verbracht wurden, starben bis 1945.

Selma Baresch wurde am 22. April 1945 auf dem städtischen Friedhof Wien-Baumgarten bestattet, direkt neben der Pflegeanstalt. Sie wurde 59 Jahre alt.

Ihr Pfleger in Hamburg erhielt erst auf Nachfrage am 17. Juni 1946 Nachricht von ihrem Tod.

Stand September 2015

© Hildegard Thevs

Quellen: AB Hamburg; StaH Passagierlisten der HAPAG und Ellis Island; Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, V 389; Wunder u. a., Auf dieser schiefen Ebene; Diercks, "Euthanasie", S. 25 und 50; Mitteilungen der Großnichte Meike Baresch, März 2014.

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