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Gustav Kron in der Synagoge Fritzlar
© Archiv Rolf Hocke, Waldkappel

Gustav Kron * 1878

Eppendorfer Baum 34 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

1941 Lodz
1942 Chelmno
ermordet

Weitere Stolpersteine in Eppendorfer Baum 34:
Alfred Blumenthal, Selma Kron

Gustav Kron, geb. 23.04.1878, deportiert 25.10.1941 nach Lodz, 1942 Chelmno ermordet

Gustav Kron wurde am 23.04.1878 in Wolfhagen als jüngster Sohn des Viehhändlers Isaak Kron (1832–1891) und seiner 2. Ehefrau Hannchen Löwenstein aus Obervorschütz am 23.04.1878 in Wolfhagen als jüngster Sohn des geboren. Nach dem Tod des Vaters war es dem begabten Schüler nicht möglich, wie beabsichtigt, die höhere Schule zu besuchen. Dem besonderen Engagement seines bisherigen Lehrers, der ihm fortan Einzelunterricht erteilte, ist es zu verdanken, dass es ihm dennoch gelang, in das Israelitische Lehrerseminar in Kassel aufgenommen zu werden, indem er die Aufnahmeprüfung des Seminars bestand. Dort in Kassel wurde er zum Lehrer und Kantor ausgebildet: Während seiner Militärzeit vom 1.4.1900 bis zum 1.4.1904 bei den "83ern" in Arolsen fand er seine erste Anstellung in Mengeringhausen als Lehrer, Chasan (Vorsänger), Kultusbeamter und Schochet (Schächter) der dortigen jüdischen Gemeinde. Er erteilte Unterricht an der jüdischen Schule und hatte 2x im Monat in Arolsen und 2x in Mengeringhausen am Samstagmorgen zu predigen. Danach war er bis zum Beginn des 1. Weltkrieges und dann erneut von 1916–1919 Lehrer in Westhoffen/Elsass.

Als Soldat im 1. Weltkrieg von 1914 bis 1916 hatte er zunächst an der Westfront an der 1. Marneschlacht teilgenommen und war dann unmittelbar nach der Schlacht bei Tannenberg nach dort an die Ostfront verlegt worden. Nach einer schweren Ruhrerkrankung war er zunächst in Koblenz stationiert, bevor er, da er nunmehr frontuntauglich war, wieder nach Westhoffen entlassen wurde.

"Wenn Sie nicht augenblicklich dieses Haus verlassen, rufe ich die Polizei!" Mit diesen Worten soll seine Mutter, die ihm in Westhoffen offenbar auch während seiner Soldatenzeit den Haushalt führte, den auf 90 Pfund abgemagerten Kriegsheimkehrer begrüßt haben. Erst als er den Mund aufmachte, habe sie ihn erkannt.

Der Lehrermangel im Elsass muss kriegsbedingt so gravierend gewesen sein, dass Gustav Kron drei Schulen in drei Dörfern gleichzeitig mit dem Fahrrad zu versehen hatte. Seit 1917 war er außerdem Vorsänger in Westhoffens Nachbargemeinde Balbronn. Nach der Annexion Elsass-Lothringens durch Frankreich und Gustav Krons Entlassung aus dem Schuldienst im Februar 1919 optierte er für Deutschland und kehrte, zunächst ohne Aussicht auf eine Anstellung, nach Hessen zurück.

Während der Vertretung des erkrankten Lehrers Viktor Blumenkrohn in Spangenberg lernte er dessen Tochter Selma kennen, die er 1921 heiratete. Nach vorübergehendem Vertretungsdienst in Momberg bei Marburg war Gustav Kron von 1919 bis 1924 Lehrer und Vorsänger in Harmuthsachsen, bis die israelitische Schule wegen zu geringer Schülerzahl geschlossen wurde.

Ab 1924 war Gustav Kron Lehrer und Kantor in Fritzlar. Dort gab er auch künftigen evangelischen wie katholischen Pfarrern zur Vorbereitung auf das Theologiestudium Hebräischunterricht. An der Fritzlarer Berufsschule, in der so genannte "Zwölfender" – ehemalige Soldaten, die 12 Jahre gedient hatten – sich auf eine Anstellung im Staatsdienst vorbereiteten, unterrichtete er parallel zum Unterricht in der israelitischen Schule, die um 1 Uhr aus war, nachmittags Deutsch (mit Schwerpunkt "Geschäftsbriefe schreiben"); außerdem Geographie und Französisch, letzteres jedoch an einer anderen Fritzlarer Schule.

Nachdem sein Sohn Walter durch einen Kindertransport in die USA gelangt war, trug er selbst sich mit dem Gedanken, ebenfalls dorthin auszuwandern. Vergeblich bewarb er sich als Kantor bei verschiedenen jüdischen Gemeinden in Amerika, doch kam es weder zu der erhofften Anstellung noch zur beabsichtigten Auswanderung. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner alten Mutter zog er [1937] nach Hamburg. Im November 1938 wurde er vorübergehend im KZ Oranienburg interniert. Seine Mutter muss in Hamburg gestorben sein. Ende 1941 wurde er gemeinsam mit Ehefrau Selma nach Lodz deportiert und anschließend von dort ins 60 km von Lodz entfernte KZ Chelmno verlegt, wo er vermutlich im Mai 1942 verstarb.

© Rolf Hocke, Waldkappel

Quellen: Staatsarchiv Marburg, Akte "Anstellung der Religionslehrer und Kultusbeamten der jüdischen Gemeinde zu Mengeringhausen 1872–1912"; Signatur: STAM 180 L.A. Arolsen 167; Walter Kron, Sommer 2004; Staatsarchiv Marburg, Akte "Israelitische Schule zu Harmuthsachsen"; Signatur: STAM 180 Witzenhausen 514; Das Todeslager in Chelmno war für die Juden aus dem Lager Lodz bestimmt. Ab dem 08.12.1941 hatten dort die ersten Tötungen begonnen, die mit Auspuffgasen von Lastwagen stattfanden. Die Menschen wurden in präparierten Gaswagen zusammen gepfercht und erstickten schon kurze Zeit nach Fahrtbeginn.


Gustav Kron, geb. 23.4.1878 in Wolfhagen, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 1.5.1942 nach Chelmno weiterdeportiert
Selma Kron, geb. Blumenkrohn, geb. 6.4.1890 in Spangenberg, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 1.5.1942 nach Chelmno weiterdeportiert

Eppendorfer Baum 34

Gustav Kron

"Gustav Kron wurde am 23. April 1878 in Wolfhagen als jüngster Sohn des Viehhändlers Isaak Kron (1832–1891) und seiner zweiten Ehefrau Hannchen Löwenstein aus Obervorschütz geboren. Nach dem Tod des Vaters war es dem begabten Schüler nicht möglich, wie beabsichtigt, die höhere Schule zu besuchen. Dem besonderen Engagement seines bisherigen Lehrers, der ihm fortan Einzelunterricht erteilte, ist es zu verdanken, dass es ihm dennoch gelang, in das Israelitische Lehrerseminar in Kassel aufgenommen zu werden. Dort wurde er zum Lehrer und Kantor ausgebildet: Während seiner Militärzeit vom 1. April 1900 bis zum 1. April 1904 in Arolsen fand er seine erste Anstellung in Mengeringhausen als Lehrer, Chasan (Vorsänger), Kultusbeamter und Schochet (Schächter) der dortigen jüdischen Gemeinde. Er erteilte Unterricht an der jüdischen Schule und hatte mehrfach im Monat zu predigen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, sowie von 1916 bis 1919 war er Lehrer in Westhofen/Elsass. Als Soldat im Ersten Weltkrieg hatte er an der ersten Marneschlacht teilgenommen und war dann an die Ostfront verlegt worden. Aufgrund einer schweren Ruhrerkrankung war er "frontuntauglich" und wurde nach Westhofen entlassen.

,Wenn Sie nicht augenblicklich dieses Haus verlassen, rufe ich die Polizei!‘ Mit diesen Worten soll seine Mutter, die ihm in Westhofen den Haushalt führte, den auf 90 Pfund abgemagerten Kriegsheimkehrer begrüßt haben. Erst als er den Mund aufmachte, habe sie ihn erkannt.

Der Lehrermangel im Elsass muss kriegsbedingt so gravierend gewesen sein, dass Gustav Kron drei Schulen in drei Dörfern gleichzeitig zu unterrichten hatte, was er mit dem Fahrrad bewerkstelligte. Seit 1917 war er außerdem Vorsänger in Westhofens Nachbargemeinde Balbronn. Nach der Annexion Elsass-Lothringens durch Frankreich und Gustav Krons Entlassung aus dem Schuldienst im Februar 1919 optierte er für Deutschland und kehrte, zunächst ohne Aussicht auf eine Anstellung, nach Hessen zurück.

Während der Vertretung des erkrankten Lehrers Viktor Blumenkrohn in Spangenberg lernte er dessen Tochter Selma kennen, die er 1921 heiratete", schreibt Rolf Hocke.

In einem Artikel der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. März 1922 zur Beerdigung von Viktor Blumenkrohn wird auch der sehr bewegte Gustav Kron erwähnt.

Nach vorübergehendem Vertretungsdienst in Momberg bei Marburg war Kron von 1919 bis 1924 Lehrer und Vorsänger in Harmuthsachsen, bis die israelitische Schule wegen zu geringer Schülerzahl geschlossen wurde. Ab 1924 war er Kantor und Lehrer an verschiedenen Schulen in Fritzlar.

Nachdem sein Sohn Walter (geboren 1922) mit einem Kindertransport in die USA gelangt war, trug sich auch Gustav Kron mit dem Gedanken, ebenfalls dorthin auszuwandern. Vergeblich bewarb er sich als Kantor bei verschiedenen jüdischen Gemeinden in Amerika, doch kam es weder zu der erhofften Anstellung noch zur beabsichtigten Auswanderung.

Im Oktober 1937 zog Gustav Kron gemeinsam mit seiner Frau und seiner alten Mutter nach Hamburg, an den Eppendorfer Baum 34. Die Familie lebte im dritten Stock in fünf Zimmern. Seine Mutter verstarb vermutlich in Hamburg. Wie in der Kultussteuerkartei vermerkt, wurde Gustav Kron am 13. Mai 1938 bei der Jüdischen Gemeinde registriert. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde er vorübergehend im KZ Sachsenhausen interniert.

In Hamburg war Gustav Kron vom 14. Juni bis 25. November 1940 Lehrer an der sogenannten Volks- und Höheren Schule für Juden in der Carolinenstraße 35. Er unterrichtete zehn Wochenstunden in den Klassen IV der höheren Schule, sowie sieben Stunden in der Volksschule und in der Hilfsschulklasse.

Gustav Kron verzichtete auf eine weitere unterrichtliche Tätigkeit, um einer bedürftigen Kollegin eine Anstellung zu ermöglichen. Er stellte sich jedoch Kindern zur Verfügung, die über den Unterricht hinaus gefördert werden sollten.

Ab Mai 1940 unterlag er der "Sicherungsanordnung" und konnte über sein Geld nicht mehr selbst verfügen. Auch kleinste Beträge, die von dem knapp bemessenen Freibetrag nicht finanziert werden konnten, mussten in doppelter Ausführung extra beantragt werden. Aus den entsprechenden Unterlagen geht hervor, dass Gustav Kron Geld zur Auszahlung beantragte, um die Auswanderung eines kranken Onkels zu finanzieren. Das Leid anderer zu lindern, lag ihm sehr am Herzen.

Am 25. Oktober 1941 wurde Gustav Kron gemeinsam mit seiner Ehefrau Selma mit dem ersten Transport unter der Nummer 506 nach "Litzmannstadt" deportiert. Nach der Anmeldung bezogen Selma und Gustav Kron am 5. Januar 1942 zusammen mit 13 weiteren Personen ein Zimmer in der Wohnung Nr. 6 an der Tizianstraße Nr. 12. Als frühere Adresse wird Mühlgasse 25 angegeben. Laut Abmeldung wurde das Ehepaar am 1. Mai 1942 "ausgesiedelt", d. h., es wurde ins Vernichtungslager Chelmno deportiert und ermordet.

Selma Kron

"Selma Kron, geborene Blumenkrohn, wurde am 6. April 1890 in Spangenberg geboren. Nach achtjährigem Besuch der jüdischen Volksschule bei ihrem Vater Viktor Blumenkrohn hatte sie sich zunächst privat in Kunstgeschichte weitergebildet und dann als Chemielaborantin gearbeitet.
Im Januar 1921 heiratete sie in Spangenberg den 12 Jahre älteren Lehrer Gustav Kron. Von 1921 bis 1924 lebte sie in Harmuthsachsen. Im gleichen Haus, in dem auch die jüdische Schule untergebracht war, (Hausnummer 32, heute: Bilsteinstraße 12) wurde 1922 der Sohn Walter geboren. Im Sommer zog die Familie nach Fritzlar." (Rolf Hocke)

Mit Mann und Schwiegermutter zog sie am 28. Oktober 1937 nach Hamburg. Selma Kron wurde am 25. Oktober 1941 gemeinsam mit ihrem Mann nach "Litzmannstadt" und von dort am 1. Mai 1942 weiter nach Chelmno deportiert, wo sie ermordet wurde.

Der Sohn Walter überlebte als einziger der Familie den Holocaust, nachdem er mit einem Kindertransport 1938 in die USA gelangen konnte. Am 26. Juni 1957 legte er in Yad Vashem ein Gedenkblatt für seine Eltern an.

© Ulrike Graubner

Quellen: 1; 2; 5; 8; 9; StaH 314-15 OFP,R 1940/321; StaH 361-3 A 760 Schulwesen-Personalakte; StaH 332-8 Meldewesen, A 51/1 (Kron, Gustav und Selma); www.alemannia-judaica.de/hartmuthsachsen_synagoge; Hocke, Rolf, Biografie über Gustav Kron im Internet, eingesehen am 2.9.2009; "Den Himmel zu pflanzen und die Erde zu gründen". Die Joseph-Carlebach-Konferenzen Hamburg 1995, S. 225–237.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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