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Martha Hatje * 1892
Gaußstraße 23 (Altona, Ottensen)
HIER WOHNTE
MARTHA HATJE
JG. 1892
EINGEWIESEN 1896
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT`16.8.1943
´HEILANSTALT`
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 3.5.1945
Martha Hatje, geb. 6.10.1892 in Eidelstedt (heute Hamburg), am 17.11.1896 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten, am 16.8.1943 abtransportiert nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 3.5.1945
Gaußstraße 23 (früher Lagerstraße 23 in Altona)
Emma Martha Hatje (Rufname Martha) wurde am 6. Oktober 1892 in dem damals holsteinischen Eidelstedt geboren. Sie war das vierte von acht uns bekannten Kindern des Arbeiters Johann Hinrich Hatje, geboren am 11. Februar 1864 in Winzeldorf (heute ein Ortsteil von Bönningstedt im Kreis Pinneberg), und seiner Ehefrau Emma Margaretha Catharina, geborene Biesterfeld, geboren am 16. Juni 1866 in Uetersen. Die Eltern hatten am 8. Mai 1887 geheiratet. Zum Zeitpunkt ihrer Heirat wohnten sie bereits in Eidelstedt.
(Die bis dahin selbstständigen Landgemeinden Eidelstedt und Stellingen wurden 1927 nach Altona eingemeindet. Schnelsen gehörte zum damaligem Kreis Pinneberg. Alle Orte wurden durch das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 Teile von Hamburg.)
Dort bekamen sie Martha Hatjes ältere Geschwister Anna Margaretha, geboren am 12. September 1887, Anna Magdalena, geboren am 9. August 1888, und Johann Bernhard, geboren am 15. August 1890. Auch die jüngeren Geschwister Emma, geboren am 26. Januar 1894, Anna Minna, geboren am 8. August 1897, und Emma Käthe, geboren am 26. April 1899, kamen in Eidelstedt zur Welt. Fritz Hermann, das jüngste uns bekannte Kind, wurde am 30. November 1900 in Schnelsen geboren. Er starb im Alter von sechs Monaten am 11. Juni 1901. Bei keinem von Emma Marthas Geschwistern sind geistige Einschränkungen oder psychische Erkrankungen bekannt.
Ob nach 1900 weitere Kinder zur Familie Hatje hinzukamen, wissen wir nicht.
In einem ärztlichen Gutachten wurde Martha Hatje im Juni 1896 wie folgt beschrieben: Das kleine Mädchen habe im Jahr 1894 lange Zeit an verschiedenen Kinderkrankheiten wie Masern, Scharlach, Lungenentzündung und schweren Durchfällen gelitten. Diese Erkrankungen hätten sie sehr geschwächt und in ihrer Entwicklung körperlich sowie geistig stark geschädigt. Sie dürfe keinen Augenblick unbewacht bleiben, weil sie sonst die größten und unheilvollen Dummheiten beginge. Unter Berücksichtigung dessen und in der Erwartung, dass das Kind bei geeigneter Aufsicht und Pflege in einer Anstalt wesentlich zu seiner Besserung und Heilung unterstützt werden kann, wurde seine Aufnahme in eine geeignete Einrichtung für notwendig erachtet. In dieser Phase lebte Martha für wenige Wochen im früheren Werk- und Armenhaus Niendorf (heute Hamburg), wurde aber wieder entlassen, weil sie "dort nicht hingehöre".
Der Gesamt-Armenverband Niendorf, der auch für die Gemeinden Eidelstedt und Stellingen zuständig war, sorgte für Marthas Aufnahme in die damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 17. November 1896. In der Akte wurde vermerkt, dass das Kind im Alter von 1 1/4 Jahren das Laufen gelernt hatte, aber noch nicht sprechen könne. Sie sei sehr lebendig, immer freundlich, kenne ihren Namen und erkenne Personen sowie Gegenstände wieder.
Zu dieser Zeit traten bei Martha epileptische Zuckungen auf. Doch später wurde nicht mehr über epileptische Anfälle berichtet.
Mitte 1897 wurde Martha als ein sehr reges und lebhaftes Kind beschrieben, dass alles verstehe und wisse. In den Schulzeugnissen von 1899 bis 1901 wurden Betragen, Fleiß, Ordnung, Aufmerksamkeit und Sprechübungen als genügend bewertet, Gedächtnisübungen, Schreiben, Zeichnen und Singen hingegen als kaum genügend. Im Jahr 1901 wurden ihr aber gute Fortschritte insbesondere im Sprechen bescheinigt. 1906 wurde die Dreizehnjährige aus der Schule entlassen, da ihre geistige Entwicklung "als abgeschlossen" galt.
Die Familie kümmerte sich um Martha Hatje. In den Jahren 1901 bis 1906 und von 1926 bis 1935 sind wiederholt Beurlaubungen aus der Anstalt dokumentiert. Bei Marthas letztem Hausbesuch bei den Eltern war ihr Vater bereits 71 Jahre alt. Er starb am 25. November 1937.
Martha Hatje wurde auf ihrer Wohnstation in Alsterdorf mit kleinen Hilfsarbeiten beschäftigt, galt als stille und friedliche Patientin, die keine Schwierigkeiten verursachte, war stets hilfsbereit und fleißig, konnte jedoch nicht selbstständig arbeiten. Auch in der Körperpflege benötigte sie Unterstützung.
Am 16. August 1943 endeten die Einträge in Martha Hatjes Patientenakte. Der Anstaltsarzt, SA-Mitglied Gerhard Kreyenberg, schrieb: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch Fliegerangriff verlegt nach Wien."
Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte nach Rücksprache mit der Gesundheitsbehörde die Gelegenheit, sich eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig galten, durch Verlegung in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Am 16. August 1943 ging ein Transport mit 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" ab. Unter ihnen befand sich auch Martha Hatje.
Bei der Aufnahmebesprechung in Wien erschien Martha Hatje angeblich als "gänzlich desorientiert". Sie soll nicht gewusst haben, wo sie sich befand und wie lange sie in Alsterdorf gewesen war. Die in Wien vor dem Hintergrund der Familiengeschichte gestellte fragwürdige Diagnose lautete "erbliche Imbezilliät". (Der heute nicht mehr gebräuchliche Ausdruck Imbezillität bezeichnet eine mittelgradige geistige Behinderung.)
Als Martha Hatjes Mutter Ende 1943 und im April 1944 nach ihrer Tochter fragte, antwortete die Anstalt, dass diese sich ruhig im Tagraum aufhalte, auch ein wenig mithelfe, sich aber wenig für die Mitpatientinnen interessiere.
Am 17. Januar 1945 wurde Martha Hatje in den Pflegebereich der Anstalt verlegt. Auch dort war sie angeblich desorientiert, starre vor sich hin, gebe keine Antworten und sei pflegebedürftig. Für pflegebedürftige Personen war der Pavillon 19 bestimmt. Er diente zugleich als "Infektionspavillon". Dorthin kamen Patientinnen, die entweder an (Lungen-)Tbc erkrankt waren oder in Verdacht standen, an Tbc erkrankt zu sein. Noch gesunde Patientinnen wurden spätestens auf der Pflegestation mit Tbc infiziert.
Martha Hatjes Gewicht, das im Januar 1943 noch 51 kg und im Oktober 1943 noch 44,5 kg betragen hatte, war im März 1945 auf lebensbedrohliche 33,5 kg gesunken.
Durch den rapiden Gewichtsverlust waren ihre Widerstandskräfte stark geschwächt. Am 2. Mai wurde vermerkt, sie sei verfallen, habe geschwollene Beine und klage über Schmerzen im ganzen Körper.
Martha Hatje starb am 3. Mai 1945. Als Sterbeursache wurden "Imbezillität" und eine degenerative Erkrankung des Herzmuskels angegeben.
Die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" war während der ersten Phase der NS-"Euthanasie" vom Oktober 1939 bis August 1941 Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten wurde in den bisherigen Zwischenanstalten, also auch in der Wiener Anstalt selbst, massenhaft weitergemordet: durch Überdosierung von Medikamenten, durch Nichtbehandlung von Krankheiten und vor allem aber durch Nahrungsentzug. Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben, davon 196 aus Alsterdorf.
Im April 1946 erkundigte sich Marthas Mutter bei der Direktion der Anstalt in Wien, wie es ihrer Tochter gehe. Die Direktion teilte ihr mit, dass Martha am 3. Mai 1945 an einer Herzmuskelentartung gestorben war. Eine Verständigung der Angehörigen sei nicht möglich gewesen. Die Leiche sei am 4. Mai auf dem städtischen Friedhof in einem gemeinsamen Grab bestattet worden.
Die Familie Hatje wohnte viele Jahre in Eidelstedt, auch nachdem Martha in die Alsterdorfer Anstalten aufgenommen worden war. In den Personenstandsurkunden und Adressbüchern der Dörfer wurden damals die Ortsnamen verzeichnet, nicht aber die Straßennamen und Hausnummern. Im Aufnahmebuch der Alsterdorfer Anstalten wurde als Adresse der Eltern die Lagerstraße 23 in Altona/Ottensen vermerkt, die 1938 in Gaußstraße umbenannt wurde. Deshalb wurde der Stolperstein zur Erinnerung an Martha Hatje in der Gaußstraße 23 platziert.
Stand: Juni 2026
© Ingo Wille
Quellen: StaH 332-5 9166 Geburtsregister Nr. 120/1887 (Anna Margaretha Hatje) und Nr. 116/1888 (Anna Magdalena Hatje), 9168 Geburtsregister Nr. 139/1890 (Johann Bernhard Hatje), Nr. 206/1892 (Emma Martha Hatje) und Nr. 26/1894 (Emma Hatje), 9172 Geburtsregister Nr. 197/1897 (Anna Minna Hatje), 13085 Geburtsregister Nr. 95/1899 (Emma Käthe Hatje), 13270 Geburtsregister Nr. 186/1900 (Fritz Hermann Hatje), 8306 Sterberegister Nr. 57/1901 (Fritz Hermann Hatje), Standesamt Altona-Blankenese Sterberegister Nr. 162/1937 (Johann-Hinrich Hatje); Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv Sonderakte V 322 (Martha Hatje). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-371. Peter von Rönn, Der Transport nach Wien, in: Peter von Rönn u.a., Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 425-467. Peter Schwarz, Die Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Markus Rachbauer, Florian Schwanninger (Hg.), Krieg und Psychiatrie, Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Innsbruck/Wien 2022.


