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Christine Bensch (l.) und Ida Burg (r.) mit Asta Burg und Enkelkind Ulrich, Dänemark, September 1937
© Privatbesitz

Ida Burg (geborene Seligmann) * 1864

Hermann-Distel-Straße 34 (Bergedorf, Bergedorf)

Freitod 26.02.1942

Ida Burg, geb. Seeligmann, geb. 28.10.1864 in Hainholz bei Hannover, Suizid am 26.2.1942 in Hamburg

Hermann-Distel-Straße 34 (Bismarckstraße 34)

Dem Fabrikanten Siegmund Seeligmann (1842–1910) und seiner Ehefrau Elise, geb. Oppenheim (1843–1890), wurde 1864 im nördlich von Hannover gelegenen Hainholz eine Tochter, Ida, geboren. 1866 kam die zweite Tochter Ella, 1868 der Sohn Georg zur Welt. Die Eltern stammten aus Derenberg im Kreis Halberstadt. 1887 verzog die Familie innerhalb von Hainholz, das 1891 nach Hannover eingemeindet wurde, in die Akazienstraße 10. Siegmund Seeligmann war Direktor der Vereinigten Schmirgel- u. Maschinenfabriken AG, vormals S. Oppenheim & Co. und Schlesinger & Co., in der Siegmundstraße 16. Ida Seeligmann genoss die Erziehung einer Tochter aus besserem Haus und bereitete sich auf den Beruf einer Konzertpianistin vor. In Berlin, wohin sie vermutlich zur musikalischen Ausbildung verzogen war, lernte sie Fritz Jakob Burg (geb. 27.3.1860 in Berlin) kennen. Die Hochzeit der beiden wurde am 10. April 1886 am Wohnort der Brauteltern gefeiert. Wie für Frauen im kaiserlichen Deutschland üblich, gab Ida Burg ihren Beruf mit der Eheschließung auf.

Vermutlich noch im selben Jahr zogen die Eheleute nach Berlin, wo im Januar 1887 der Sohn Wilhelm Dietrich Burg zur Welt kam. Fritz Burg, der 1885 seine Dissertation über "Die älteren nordischen Runeninschriften" geschrieben hatte, wurde im Berliner Adressbuch von 1887 als Kanzlei-Diener erwähnt, 1888 stand bereits der Titel Dr. phil. vor seinem Namen. Als Arbeitgeber kann die Königliche Bibliothek in Berlin vermutet werden. Ida Burg kümmerte sich um Haushalt und Kind und organisierte das Leben der Familie.

Bis 1892 wohnten die Burgs in Berlin. Danach zogen sie nach Hamburg, wo Fritz Burg eine Anstellung als "Secretair der Stadtbibliothek" bekam. In Hamburg zog Familie Burg in den bürgerlich-vornehmen, meist mit Villen und Stadthäusern bebauten Stadtteil Uhlenhorst. Hier lebte sie zuerst im Erlenkamp 21 (1893– 1894) und in der Papenhuderstraße 9 (1896–1897). 1898 verbesserte sich die Wohnsituation noch einmal, die Burgs zogen in die nahegelegene Hartwicusstraße 5, I. Stock rechts, einen fünfgeschossigen Putzbau mit repräsentativem Eingangsportal und Blick auf die Alster. Das Hamburger Bürgerrecht hatte Fritz Burg am 8. März 1895 erworben. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der "Sekretär" Burg bereits über die notwendigen gesicherten Einkünfte, die Voraussetzung für das Bürgerrecht waren. 1905 wurde in Hamburg der zweite Sohn Eckbert Heinrich geboren.

Der ältere Sohn Wilhelm Dietrich Burg brachte es im Ersten Weltkrieg bei der Kaiserlichen Marine zum Kapitän und Kommandeur eines Schiffes. Anschließend war er als Kaufmann tätig. Ein Beruf, den auch der jüngere Sohn Eckbert Heinrich Burg ergriff.

Im Februar 1919 erwarb Fritz Burg als Familienwohnsitz eine Stadtvilla in Bergedorf, Bismarckstraße 34 (heute: Hermann-Distel-Straße 34). Mittlerweile war er Professor und, als Oberbibliotheksrat der Hamburger Universität, stellvertretender Leiter der Staats- und Universitätsbibliothek. Zum 1. Oktober 1926 ging er in Pension und verstarb am 16. November 1928 im Alter von 68 Jahren. Ob er auf dem Jüdischen Friedhof in Bergedorf (Gojenbergsweg) beigesetzt wurde, ist nicht bekannt, die Eheleute Burg waren 1926 nach mindestens dreizehnjähriger Mitgliedschaft aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten. (1938 wurde das Gelände des Jüdischen Friedhofs enteignet und die Grabsteine entfernt.)

1928 wurde im Rahmen einer Publikationsreihe der Staats- und Universitätsbibliothek Burgs Arbeit "Qualiscunque Descriptio Islandiae: Nach der Handschrift der Hamburger Staats- u. Universitäts-Bibliothek" veröffentlicht. Schon vorher waren die Veröffentlichungen "Robert Münzel zum Gedächtnis" (1918), über den Leiter der Staats- und Universitätsbibliothek, "Die Capsa Am­brosii der früheren Kopenhagener Universitätsbibliothek" (1911) und die Bestandsübersicht "Orientalische Handschriften der Stadtbibliothek" zum Internationalen Orientalisten-Congress in Hamburg (1902) erschienen.

Als Witwe lebte Ida Burg weiterhin in der Bismarckstraße 34. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatten auch sie und ihre Söhne zunehmend unter Repressalien zu leiden. Im September 1935 flüchtete Eckbert Burg mit seiner Ehefrau Asta, geb. Bensch, Tochter des Bergedorfer Berufsschuldirektors Bruno Bensch, nach Kopenhagen. Ein Onkel der Ehefrau, ein Bankdirektor mit guten Kontakten zu Unternehmen, half bei der Vermittlung einer kaufmännischen Arbeitsstelle in einer Firma für Schiffsfarben; später machte er sich als Export-Kaufmann in Dänemark selbstständig.

Im Juli 1937 wurde im dänischen Exil ihr Sohn geboren; eine Überweisung von Reichsmark zu diesem Anlass nach Dänemark wurde Ida Burg von den NS-Behörden verweigert. 1935, 1936 und noch im September 1937 hatte Ida Burg ihren jüngeren Sohn und die Schwiegertochter in Dänemark besuchen können. Diese Kontakte unterband der NS-Staat mit einem Verwaltungsakt; Ende Dezember 1937 wurde Ida Burg der Reisepass abgenommen. 1939 starb Asta Burg in Dänemark. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Dänemark am 9. April 1940 und sich verschärfenden Verfolgungen flüchtete Eckbert Burg 1943 auf dem Boot eines Schiffers bei Nacht ins neutrale Schweden. Da eine solche Flucht für den sechsjährigen Sohn zu gefährlich erschien, wurde ein scheinbar offizieller Weg gewählt: zusammen mit einer dänischen Staatsbürgerin, die ihn als ihr Kind ausgab, reiste der Sohn per Fähre über das dänische Bornholm nach Südschweden, wo sich Vater und Sohn wiedertrafen; ihren gesamten Hausrat, darunter aus Deutschland mitgenommene Möbel, mussten sie in Dänemark zurücklassen. Die deutsche Staatsangehörigkeit war ihnen bereits kurz nach der Emigration aberkannt worden, sodass beide als staatenlos galten.

Idas Sohn Wilhelm Dietrich lebte seit 1923 in Hannover: 1923–1930 in der Hegelstraße 4 und 1931–1938 in der Ostwenderstraße 8 A. Er musste seine (1918 gegründete) Verbandstoff-Fabrik Mann & Co. in Hannover-Linden (Blumenauer Straße 8) aufgeben und emigrierte am 8. Dezember 1938 finanziell ausgeplündert mit seinem Sohn (geb. 1921 in Berlin) von Hamburg aus mit der "S. S. HANSA" in die USA. Seiner Ehefrau, einer Volksschullehrerin, gelang erst am 6. November 1941 die Auswanderung nach Kuba. In den USA fuhr Wilhelm Dietrich Burg wieder zur See. Bei der amerikanischen Handelsmarine wurde er wegen seiner Herkunft als Deutscher aber nicht als Kapitän sondern nur als 1. Steuermann eingesetzt.

1939 musste Ida Burg Gold- und Silbergegenstände an eine staatliche Ankaufstelle abliefern und Strafsteuern als "Sühneleistung" zahlen. Bereits im Mai 1938 war eine "Verfügungssperre" über das Haus und Grundstück erlassen worden. Obwohl formal noch Eigentümerin, konnte Ida Burg nun nicht mehr über ihren Grundbesitz verfügen. Seit dem 15. Februar 1939 erfolgte die zwangsweise staatliche Verwaltung der Immobilie durch die vom Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann initiierte "Hamburgische Grundstücksverwaltungsgesellschaft von 1938 m.b.H." als so genannter Treuhänderin. Obwohl das "Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung für das Deutsche Reich" vom 6. Juli 1938 keine Zwangsverwaltung von Haus- oder Grundbesitz vorsah, war an eine halbwegs faire juristische Klärung dieser Angelegenheit nicht mehr zu denken.

Ab 1939 musste Ida Burg im Erdgeschoss ihres Eigenheims den 53-jährigen technischen Oberinspektor Karl Lehmann als Untermieter aufnehmen. Sie selbst wohnte im 1. Stock. Als Mitarbeiter der Bauverwaltung der Freien und Hansestadt Hamburg war Karl Lehmann erst 1937 in die NSDAP und den Reichsbund der deutschen Beamten eingetreten. Eine Beför­de­rung, und damit finanzielle Vorteile, hatte ihm dies nicht eingebracht. Zumindest hatte er mit dem Parteibeitritt seine Übereinstimmung mit der NS-Ideologie dokumentiert und so als Staatsbeamter formal einer möglichen "politischen Säuberung" durch die Nationalsozialisten vorgebeugt. Mit der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 fiel das gesamte Vermögen von Ida Burg an den NS-Staat, da ihre emigrierten und ausgebürgerten Kinder nach NS-Recht nicht mehr erbberechtigt waren. Obwohl das Deutsche Reich nun formal Eigentümer des Grundstücks in der Bismarckstraße 34 war, erfolgte keine Umschreibung.

Die fortgesetzten Drangsalierungen der Juden ließen Karl Lehmann anscheinend zu der Erkenntnis gelangen, dass für ihn bei diesem antisemitischen Kesseltreiben möglicherweise handfeste finanzielle Vorteile herausspringen konnten. Eine "Sicherungsanordnung" über Ida Burgs Vermögen erfolgte im November 1941. Ende 1941 hatte der Untermieter Lehmann sie so weit gebracht, dass sie sich vorstellen konnte, das Haus später einmal an ihn zu verkaufen. Beim Bergedorfer Notar Dr. jur. Helmuth Nathow wurde am 1. Dezember 1941 eine notarielle Urkunde über das Vorkaufsrecht aufgesetzt. Die Devisenstelle hatte keine Bedenken, handelte es sich bei dem potentiellen Käufer nach nationalsozialistischer Sichtweise doch um einen "Arier".

Bereits am 17. November 1941 hatte die Devisenstelle Hamburg einen Fragebogen "Zur Prüfung Ihrer Vermögensverhältnisse" an Ida Burg versandt. Das Schreiben enthielt auch gleich eine Drohung: "Ich weise darauf hin, dass Sie zur richtigen und vollständigen Abgabe der geforderten Erklärungen verpflichtet sind, und dass eine Nichterfüllung dieser Auflage mit hohen Strafen bedroht ist." Gerade für Juden enthielt die Androhung einer möglichen Verhaftung ein hohes Risiko. Aus einem Verhör wegen einer geringen Verfehlung konnte durchaus eine Einlieferung in ein Gefängnis oder Konzentrationslager in Hamburg resultieren. Die Demütigungen raubten Ida Burg den Lebenswillen.

Der Untermieter und Kaufinteressent Lehmann merkte gegenüber der Polizei hierzu 1942 an: "Als sie den Judenstern tragen musste (Anmerkung: ab 19.9.1941), war es mit ihr ganz zu Ende. Da nun vor ihrem Tode noch die Staatspolizei im Hause war wegen ihres Rundfunkempfängers und sie in einem (jüdischen) Heim untergebracht werden sollte, sprach sie nur noch von ihrem beabsichtigten Selbstmord. Finanzielle Sorgen hat sie nicht gehabt." Ida Burg nahm sich mit Veronal-Tabletten das Leben. Zwar wurde sie am 22. Februar 1942 von der Polizei noch lebend aufgefunden, doch war sie ohne Bewusstsein und verstarb am 26. Februar 1942 im Israelitischen Krankenhaus in der Johnsallee 68 im Stadtteil Rotherbaum. Auch der jüdische Testamentsvollstrecker Fritz Scharlach (1898–1943) bestätigte, dass die Gestapo wegen eines nicht abgelieferten Radios eine Unterbringung in einem Jüdischen Heim angeordnet habe und bis dieses "Heim" fertiggestellt sei, hätte sie in das Kellinghusenstift umziehen sollen. Für diesen Fall habe Ida Burg ihren Suizid angekündigt.

Nach ihrem Tod zogen in den 1. Stock ein Rentner und ein Kaufmann ein. Der Untermieter Karl Lehmann wohnte auch Ende 1945 noch im Haus der verstorbenen Ida Burg. Im Fragebogen der britischen Militärregierung gab er zu seinen Wohnverhältnissen seit 1939 an: "in Wohngemeinschaft mit der Jüdin Frau Ida Burg Witwe und deren Betreuung bis zu ihrem Tode am 20.2.1942 im Alter von 78 Jahren". Ob diese Formulierung den Tatsachen entsprach oder ein geschöntes Bild der Realität malte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr ermitteln. Karl Lehmann musste keine weiteren Fragen zu seiner "Wohngemeinschaft" beantworten und durfte weiterhin als Staatsbeamter tätig sein. Er starb 1955.

Zwar hatte Ida Burg den Schwiegervater ihres Sohnes, Bruno Bensch, zum Alleinerben eingesetzt, die NS-Rechtsprechung fand aber auch hier einen Versagungsgrund. Richter Heinemann vom Landgericht Hamburg führte hierzu im August 1944 aus: die Einsetzung des Alleinerben Bensch ist "nach der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens vom 3.12.1938 unwirksam, da sie ohne Genehmigung der zuständigen Behörde erfolgt war". Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass Bruno Bensch, bekennender Anhänger der SPD und als Schuldirektor seines Postens enthoben, nicht in die Kategorie "Volksgenosse" gehörte, für die die NS-Justiz Recht sprach. Auch nach 1945 bemühte sich Bruno Bensch (gestorben 1951) darum, dass zumindest Teile des Vermögens von Ida Burg an die Familie erstattet wurden. Die Söhne starben 1945 und 1955 im Exil.

© Björn Eggert

Quellen: 1; 2; 4; 5; 8; StaH 213-13 (Wiedergutmachungsamt Landgericht Hamburg), Z 2101 (= 1 WiK 442/52, Grundstück); StaH 314-15 (OFP), R 1938/834 (Sicherungsverfahren); StaH 314-15 (OFP), R 1941/226 (Sicherungsanordnung); StaH 331-5 (Polizeibehörde – unnatürliche Sterbefälle), 1942/516; StaH 351-11 (AfW), Eg 281064 (Ida Burg); StaH 332-8 (Hauskartei), Film-Nr. 2466 (Hermann-Distel-Str. 34); StaH 221-11 (Staatskommissar für die Entnazifizierung), T 13128 (Karl Lehmann); StaH, Bürger-Register 1876-1896, A-K (Nr.22207, Dr. Fritz Burg); Stadtarchiv Hannover (Judenkartei, Sterbefallanzeige 1910); Staats- u. Universitätsbibliothek Hamburg, Sonderbestand HANS (Computereintrag zu Fritz Burg); AB 1893, 1897, 1898, 1899, 1905, 1913; Adressbücher Berlin 1887 (Abt. II), 1888 (Abt. I), 1892 (Abt. I); Adressbücher Hannover 1925-1935 (Wilhelm Burg); Amtliches Fernsprechbuch Hannover, 1935 (Wilhelm Burg); Frank Bajohr, "Arisierung" in Hamburg, Hamburg 1998, S. 290–293 (Hamb. Grundstücksverwaltungsges.); www.ancestry.de (eingesehen am 13.4.2009); Auskünfte des Enkels U. B., Nov. U. Dez. 2010.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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