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Gustav Behrens * 1870

Bornstraße 2 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
GUSTAV BEHRENS
JG. 1870
DEPORTIERT 1941
RIGA-JUNGFERNHOF
ERMORDET

Gustav Behrens, geb. 17.3.1870 in Hamburg, am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof deportiert

Bornstraße 2

Gustav Behrens arbeitete als Redakteur bei der bis zum Zweiten Weltkrieg auflagenstärksten Hamburger Tageszeitung, dem Hamburger Anzeiger, berichtete für diese als Reporter von Pferderennen und beantwortete 25 Jahre lang als "Briefkastenonkel" Fragen von Leserinnen und Lesern zu menschlichen und zwischenmenschlichen Problemen aller Art. Das alles endete am 1. Oktober 1933. Sein Arbeitgeber, die Verlegerfamilie Girardet, kündigte ihm, weil er Jude war.

Zur Welt gekommen war er in Hamburg-St. Pauli. Sein Vater war der Redakteur Marcus Behrens, die Mutter Leonora, geb. Holländer, arbeitete als Hausfrau. Nach dem Schulabschluss absolvierte Gustav Behrens eine kaufmännische Ausbildung. Doch als solcher war er nie tätig. Er begann 1888 als Quereinsteiger beim Hamburger Anzeiger zu arbeiten.

1893, mit 23 Jahren, heiratete er die zwei Jahre ältere jüdische Hamburgerin Elise Halberstadt. Das Ehepaar bekam sieben Kinder: 1893 Margarethe, 1895 Edwin, 1896 Irma, 1897 die Zwillinge Hertha und Maximilian, genannt Max, 1903 Käthe und 1904 Ilse. Ab 1904 wohnte die Familie im Grindelviertel, im dritten Stock des Hauses Bornstraße 2. Die Wohnung bot mit fünf Zimmern genug Platz für neun Personen. Auf derselben Etage lebte der frühere Hausbesitzer Salomon Ullmann.

Sohn Edwin Behrens starb 1918 als Soldat im Ersten Weltkrieg. Hertha und Max traten in die Fußstapfen ihres Vaters. Gustav Behrens konnte beide beim Hamburger Anzeiger unterbringen. Hertha schrieb über Motorrad- und Autosportveranstaltungen sowie über Jiu-Jitsu-Wettkämpfe. Außerdem verfasste sie Artikel für die Frauenbeilage des Blattes. Auch Max wurde Sportreporter. 1920 zog er nach Frankfurt am Main.

1921 lernte Gustav Behrens, inzwischen 51 Jahre alt, bei der "Juristischen Sprechstunde", die er für den Hamburger Anzeiger abhielt, die nichtjüdische 27-jährige Kontoristin Hedwig Loah kennen. Sie wollte sich wegen möglicher Ansprüche an den Vater ihres unehelichen, damals sechsjährigen Sohnes beraten lassen. Hedwig Loah und Gustav Behrens verliebten sich ineinander. Zu einer Scheidung zwischen ihm und seiner Frau Elise kam es jedoch nicht.

Ab 1928 hatte Gustav Behrens zusätzlich zu seiner journalistischen Tätigkeit die Position des Geschäftsführers der Hamburger Briefmarkenbörse inne. Er dürfte demnach auch selbst ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler gewesen sein. 1928 wurde er zum Vormund von Hedwig Loahs Sohn ernannt.

Nicht einmal zwei Monate nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde der Hamburger Anzeiger am 29. März 1933 verboten. Am 20. April 1933 erschien die Zeitung wieder, Chefredakteur war nun Hans Jacobi, zugleich Hauptschriftleiter der NSDAP- Zeitung Hamburger Tageblatt. Am 1. Juni 1933 erhielt Gustav Behrens‘ Tochter Hertha ein Schreiben, das mit dem Satz begann: "Sehr geehrte Frau Herrmann, Herr Jacobi hat entschieden, dass der Hamburger Anzeiger auf Ihre Mitarbeit verzichten muss.” Ganz ähnlich dürfte das Schreiben des Verlags an ihren Vater gelautet haben.

Am 3. Dezember 1937 starb Elise Behrens mit 69 Jahren im Eppendorfer Krankenhaus. Gustav Behrens zog daraufhin aus der großen Wohnung in der Bornstraße in einer kleinere in der Rentzelstraße 19. Seine Beziehung zu Hedwig Loah bestand nach wie vor. Dann denunzierten Nachbarn das Paar wegen, so der NS-Begriff, "Rassenschande". Nach den Nürnberger Gesetzen galt eine Beziehung zwischen einem jüdischen Mann und einer nichtjüdischen Frau als Straftatbestand. Die Frau wurde nach dem Wortlaut des Gesetzes allerdings nicht belangt, es traf allein den jüdischen Mann.

Am 8. September 1939 verurteilte das Hamburger Landgericht Gustav Behrens zu drei Jahren Zuchthaus. Da ein Erlass im Herbst/Winter 1942 bestimmte, dass auch Gefängnisse und Zuchthäuser "judenrein" zu machen seien, wurde er noch vor Ende seiner Haftzeit am 6. Dezember 1941 der Großdeportation nach Riga im von der Wehrmacht besetzten Lettland angeschlossen. Die Hamburger Deportierten wurden in das Ausweichlager im nahegelegenen Gut Jungfernhof eingewiesen. Dort wurde Gustav Behrens ermordet.

Margarethe Behrens’ Spuren haben sich verloren; ihre fünf Geschwister konnten Deutschland noch rechtzeitig verlassen. Sie beantragten später Entschädigung für die Verfolgung und Ermordung ihres Vaters.

Hertha Loah ließ das "Rassenschande"-Urteil 1956 durch die Hamburger Staatsanwaltschaft offiziell aufheben.

© Frauke Steinhäuser

Quellen: 1; 5; StaH 351-11_1277; StaH 241-1 II_10927; Hamburger Adressbücher 1904–1938; Frauke Steinhäuser, Biografien Hertha und Max Behrens, in: "… bis zu seinem freiwilligen Ausscheiden im April 1933". Jüdische und als jüdisch verfolgte Sportler:innen im Nationalsozialismus in Hamburg, Hamburg 2022, S. 94–99.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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