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Alice Bendheim (née Israel) * 1875

Hochallee 104 (Eimsbüttel, Harvestehude)

1942 Theresienstadt
1942 weiterdeportiert nach Minsk

Alice Bendheim, geb. Israel, geb. 5.7.1875 in Hamburg, deportiert 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 29.9.1942 nach Treblinka

Hochallee 104

Alice Israel wurde am 5. Juli 1875 in Hamburg in der Wohnung Bergstraße 25 (Nähe Petrikirche) als Tochter des Kaufmanns Alfred Israel (geb. 3.4.1849 in Altona) und Julie Israel, geb. Israel (geb. 7.8.1850 in Hamburg) geboren. Im November 1872 hatte Alfred Israel (1849–1902) seine Cousine Julie Gunilde Israel (1850–1924) in Hamburg standesamtlich geheiratet; am 8. Januar 1873 wurden sie von Prediger Max Saenger im Israelitischen Tempel getraut. Zu den beim Standesamt vorgelegten Dokumenten zählten neben dem Militärschein des Bräutigams auch die aktuellen Impfscheine der beiden Eheleute.

Der Bräutigam war erst Ende Oktober 1872 aus der preußischen Nachbarstadt Altona nach Hamburg gezogen; seine Eltern Eliot Israel und Rahel, geb. Saalfeld waren bereits verstorben, der Vater war noch 1870 im Altonaer Adressbuch mit der "Manufacturwaarenhandlung B. Saalfeld & Israel" (Reichenstraße 23) verzeichnet gewesen. Die Eltern der Mutter, der in Schwerin geborene und seit 1840 in Hamburg ansässige Kaufmann Adolph (Abraham) Israel (1813–1883) und die in Kopenhagen geborene Emma Israel, geb. Levy (1821–1894), wohnten u.a. von 1869 bis 1894 in der Grindelallee 128 (Rotherbaum). Adolph (Abraham) Israel hatte 1843 zusammen mit Benjamin Ahron Simon (1814–1882) die Großkaufmannsfirma Simon, Israel & Co. in Hamburg gegründet. Als Fürsprecher für ihre wirtschaftliche Solidität hatten sie beim Handelsgericht Hamburg 1843 die folgenden drei Firmen bzw. Gewerbetreibenden benannt: Bankier Martin M. Fränckel (Hamburg, Admiralitätsstraße 25), Firma A. J. Saalfeld & Co. (Hamburg, Ellernthorsbrücke 9, deren Inhaber die Kaufleute A. J. Saalfeld und Ad. Alexander waren) sowie Firma Michaelson & Co. (Stockholm); 1879 schied Adolph Israel aus der Firma aus.

Alices Vater, Alfred Israel, wurde nach dem Tod seines Vaters Inhaber der Firma B. Saalfeld & Israel, dessen Firmensitz er nach Hamburg verlegte. Im Oktober 1876 erwarb er das Hamburger Bürgerrecht. Alfred Israel (1849–1902) wohnte zusammen mit seiner Ehefrau Julie Israel (1850–1924) in der Bergstraße 25 (1874–1876), Bornstraße 1 (1877–1892) und Eichenallee 37/1899 umbenannt in Brahmsallee 9 (1892–1902).

Am 22. Mai 1898 heirateten Alice Rahel Israel und Kaufmann Karl Bendheim (geb. 3.12.1865 in Bensheim/Hessen) in Hamburg. Trauzeugen waren der Brautvater Alfred Israel und der Onkel Max Adolph Israel. Die 22-jährige Braut hatte zuletzt bei ihren Eltern in der Eichenallee 37 gewohnt. Der 32 Jahre alte Ehemann, Sohn des wohlhabenden Handelsmanns Heinrich (Herz) Bendheim (1829–1902) und Eva Bendheim, geb. Bodenheimer (1832–1867), wohnte in der Schlüterstraße 84 (Rotherbaum) und hatte 1893 die Firma Karl Bendheim, Großhandel mit Säcken, Juteleinen und Calcutta-Säcken in Freihafennähe gegründet. Im Dezember 1902 hatte er das Hamburger Bürgerrecht erworben. 1905 lautete die Geschäftsadresse Catharinenstraße 38–39. Nachdem der Firmeninhaber am 28. Januar 1910 verstorben war, traten als neue Gesellschafter der seit 1897 als Prokurist in der Firma tätige Schwager aus Hamburg (Heirat 1885 in Bensheim) Gumpel Gustav Altmann (1848–1914) und Adolf Heinrich Möller in die nun "Karl Bendheim Nachf." lautende Firma ein. Im Dezember 1914 übernahm Altmanns Witwe Sara genannt Sophie Altmann, geb. Bendheim (geb. 19.7.1863 in Bensheim/Hessen) mit einem neuen Gesellschafter das Geschäft und führte es bis Februar 1933 in der Deichstraße 48–50 fort; sie wohnte in der Hansastraße 45 (1915–1933).

Das kinderlose Ehepaar Alice und Karl Bendheim wohnte in der Klosterallee 29 (1900–1907) und in der Alten Rabenstraße 26 (1908–1910). Nach dem Tod ihres Mannes 1910 tauchte der Name der 35-jährigen Witwe Alice Bendheim für einige Jahre nicht mehr im Hamburger Adressbuch auf, was darauf hindeuten könnte, dass sie bei Familienangehörigen lebte.

Mehr als zwanzig Jahre wohnte Alice Bendheim laut Hamburger Adressbuch im Jungfrauenthal 24 (u.a. 1920–1941) im Stadtteil Harvestehude. Eine abweichende Wohnadresse hatte die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg notiert, bei der Alice Bendheim erst einige Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes als eigenständiges Mitglied geführt wurde. Laut Kultussteuerkartei wohnte sie von ca. 1934 bis 1942 als Untermieterin in der Hochallee 104 im Stadtteil Harvestehude bei ihrem Onkel Max Adolph Israel (1858–1947), Hauseigentümer und Inhaber der Exportfirma Stapel & Israel (1888 gegründet, 1926 als Prokuristin seine Ehefrau Louise Israel geb. Magnus, 1941 zwangsweise im Register gelöscht). Zeitweilig war auch der Pianist E. Schumann in der Hochallee 104 als Mieter vermerkt.

Der NS-Staat bemächtigte sich systematisch der Vermögens- und Wertgegenstände von Alice Bendheim. Das Deutsche Reich hatte Gesetze erlassen, die der Plünderung einen legalen Anstrich geben sollten, dazu zählten (in abgerundeten Beträgen) bei Alice Bendheim: "Judenvermögensabgabe" (100.000 RM), Abgabe von Gold, Silber und Schmuck gegen einen sehr geringen Gegenwert (30.000 RM), Zahlungen an den Jüdischen Religionsverband (40.000 RM) und Konfiszierung des Hausstandes bereits vor der Deportation (70.000 RM).
Unter dem Druck staatlicher Geldforderungen und Verkaufsnötigungen veräußerte Alice Bendheim im September 1938 das Mietshaus in der Kantstraße 39/41 (Eilbek) rund 60.000 RM unter Wert an Albert Quast (Traunsallee 12, Wandsbek), der Mitinhaber der Kahnbefrachtungsfirma Wolter & Quast (Klosterstr. 24/26) war. Auch bei der 1940 vom NS-Staat aufgekauften Immobilie Pinnasberg 60/63 (St. Pauli), an dem Alice Bendheim als Erbin einen 50%igen Anteil besaß, schätzte der Abwesenheitspfleger 1947 den vorenthaltenen Verkaufswert auf rund 83.000 RM (= 16.600 DM).
Da durch eine staatliche Vermögenssperre Alice Bendheim die Verfügungsgewalt über ihr Girokonto (außer einem festgelegten "Freibetrag"), ihr Wertpapierdepot und ihren Grundbesitz entzogen war, überwies ihr seit 1913 in New York lebender Bruder Albert Max Israel (geb. 30.5.1881 in Hamburg, 1913 Heirat mit Ethel Bendheim geb. 2.5.1884 in Savannah/Georgia/USA, Eltern: Adolph David Bendheim und Katie geb. Selig) im Juli 1939 die 413 RM für den Kauf eines Radios (der Besuch von Musikveranstaltungen, Kino und Theater usw. war Juden mit Verordnung vom 12. November 1938 im Deutschen Reich untersagt worden). Weitere Restriktionen folgten mit Kriegsbeginn, so eine nächtliche Ausgangssperre, die Verpflichtung in gesonderten Geschäften einzukaufen und Rundfunkgeräte abzuliefern. Im Oktober 1939 wurde daher das Radio vom NS-Staat entschädigungslos eingezogen.
Der Versteigerer Louis Krohn, mit Geschäftsräumen am Alten Wall 40, bot im März 1941, April 1941, Oktober 1941, November 1941 und August 1942 den beschlagnahmten Hausstand von Alice Benheim zum Kauf an, dabei wurden Gegenstände im Wert von rund 70.000 RM für 18.000 RM verschleudert und der Erlös an die Staatskasse weitergeleitet.

Noch kurz vor ihrer Deportation soll Alice Bendheim ein Einreisepermit für die USA erhalten haben, meinte sich der Abwesenheitspfleger 1947 zu erinnern. Vermutlich wollte sie zu ihrem Bruder. Die Ausreise erfolgte vermutlich wegen der Kriegssituation nicht mehr.

Am 19. Juli 1942 wurde die 67-jährige Alice Bendheim mit Transport VI/2 ins Getto Theresienstadt deportiert. Von Theresienstadt wurde sie nach zwei Monaten ins Vernichtungslager Treblinka weiterdeportiert und vermutlich gleich ermordet; ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Ihre hochbetagte Tante mütterlicherseits Auguste Bentheim, geb. Israel (geb. 26.5.1853 in Hamburg), Witwe des Exportagenten Siegfried Bentheim (1842–1928), hatte bis 1939 in einer 6-Zimmer-Wohnung in der Hansastraße 56 I. Stock gelebt, zu derenwertvoller Ausstattung u.a. Teppiche, Gemälde, ein Extraschrank für Silbersachen sowie Porzellan gehörten. Sie zog im September 1939 in die Haynstraße 10 II. Stock bei Hirsch zur Untermiete und wurde am 9. Juni 1943 aus dem "Judenhaus" Beneckestraße 6, in das sie eingewiesen worden war, ins Getto Theresienstadt deportiert, wo sie sieben Wochen später am 30. Juli 1943 starb. Ihr Bruder Max Adolph Israel erlitt nach ihrer Deportation einen Gehirnschlag an dessen Lähmungsfolgen er 1947 starb. Auguste Bentheims Söhne Ernst Ferdinand Bentheim (1874–1917) und Hugo Bentheim (1878–1915) waren bereits verstorben, ihre beiden Enkelsöhne emigrierten nach England.

Stand September 2016

© Björn Eggert

Quellen: Staatsarchiv Hamburg (StaH) 214-1 (Gerichtsvollzieherwesen), 141 (Versteigerung von Silberbesteck 1.9.1942); StaH 231-7 (Amtsgericht Hamburg, Handels- u. Genossenschaftsregister), B 1965-178 (Karl Bendheim u. Karl Bendheim Nachf., 1893–1933, HR A 8939); StaH 231-7 (Amtsgericht Hamburg, Handels- u. Genossenschaftsregister), B 1995-166 (Simon, Israel & Co., 1843–1939, HR A 3498); StaH 232-5 (Amtsgericht Hamburg, Vormundschaftssachen), 41 (Alice Rahel Bendheim geb. Israel, 1945–1947); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht 1866–1875), B Nr. 104 (674/1872, Heiratsregister 1872, Alfred Israel und Julia Israel); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht), A Nr. 206 (4933/1875, Geburtsregister 1875, Alice Israel); StaH 332-5 (Standesämter), 7785 u. 2391/1882 (Sterberegister 1882 Benjamin Ahron Simon); StaH 332-5 (Standesämter), 7787 u. 186/1883 (Sterberegister 1883, Adolph/ Abraham Israel); StaH 332-5 (Standesämter), 8551 u. 332/1891 (Heiratsregister 1891, Max Adolph Israel u. Louise Magnus); StaH 332-5 (Standesämter), 7886 u. 1067/1894 (Sterberegister 1894, Emma Israel geb. Levy); StaH 332-5 (Standesämter), 8589 u. 241/1898 (Heiratsregister 1898, Alice Israel u. Karl Bendheim); StaH 332-5 (Standesämter), 7956 u. 2405/ 1902 (Sterberegister 1902 Alfred Israel); StaH 332-5 (Standesämter), 7953 u. 999/1902 (Sterberegister 1902, Helene Martienssen geb. Israel); StaH 332-5 (Standesämter), 8021 u. 575/1914 (Sterberegister 1914, Gumpel Gustav Altmann); StaH 332-5 (Standesämter), 8077 u. 12/1924 (Sterberegister 1924, Julie Israel geb. Israel); StaH 332-7 (Staatsangehörigkeitsaufsicht), A I e 40 Band 9 (Bürgerregister 1876–1896, A-K, Alfred Israel 1876, Albert Israel 1896); StaH 332-7 (Staatsangehörigkeitsaufsicht), A I e 40 Band 13 (Bürger-Register von 1899-1905, A-H, Nr. 880 Protokoll B 1, Karl Bendheim); StaH 332-8 (Alte Einwohnermeldekartei 1892–1925), Alfred Israel, Albert Max Israel; StaH 351-11 (Amt für Wiedergutmachung), 2266 (Louise Israel geb. Magnus); StaH 351-11 (AfW), 32384 (Auguste Bentheim geb. Israel); StaH 522-1 (Jüdische Gemeinden), 992b (Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg), Karl Bendheim, Alice Bendheim, Auguste u. Siegfried Bentheim; Jüdischer Friedhof Hamburg-Ohlsdorf, Internetdatenbank (Grab A 10-53 Julie Gunilde Israel, Grab A 10-54 Alfred Israel, Grab A 10-55 Ernst Israel); Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1910, S. 47 (Karl Bendheim); Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1926, S. 991 (Stapel & Israel); Horst Beckershaus, Die Hamburger Straßennamen, Hamburg 1997, S. 186 (Jungfrauenthal); L. von Lehsten, Zur Geschichte der Juden an der Bergstraße, 1993/2001, S. 38, 44; L. von Lehsten, Prosopographie der Juden in Bensheim im 19. u. 20. Jahrhundert, 2001, S. 15; Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ein Gedenkbuch, Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914–1918, Hamburg 1932, S. 132 (Bentheim, Hugo, 30.5.1915); Altonaer Adressbuch (Israel) 1870; Hamburger Adressbuch (Israel) 1863, 1867, 1872, 1874–1877, 1879, 1880, 1890, 1892, 1893, 1895, 1902; Hamburger Adressbuch (Bendheim) 1900, 1905–1908, 1910, 1920, 1931–1934, 1938, 1941; Hamburger Adressbuch (Frau Gust. Altmann) 1915, 1916, 1920, 1931, 1933); Hamburger Adressbuch (Straßenverzeichnis Hochallee 104) 1936, 1938; Hamburger Fernsprechbuch 1914, 1920 (Alice Bendheim, Jungfrauenthal 24); Bundesarchiv Koblenz, Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Internetdatenbank; www.ancestry de (Hamburger Passagierliste 1913 Albert Israel, US-Einbürgerung Albert Israel, US-Einzugsregistrierungskarten 1942 Albert Israel).

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