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Rosa Szykman (née Waldhorn) * 1898
Holstenstraße (ggü. Paul-Rosen-Straße) (Altona, Altona-Altstadt)
HIER WOHNTE
ROSA SZYKMAN
GEB. WALDHORN
JG. 1898
‚POLENAKTION‘ 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
ŁODZ / LITZMANNSTADT
1944 CHELMNO / KULMHOF
ERMORDET
further stumbling stones in Holstenstraße (ggü. Paul-Rosen-Straße):
Efroim Szykman, Hermann Szykman
Efraim Szykman/Schickmann, geb. 26.12.1892 in Bedzin (heute Będzin/Polen), aus Hamburg zwangsausgewiesen am 28.10.1938 über die deutsch-polnische Grenze bei Zbąszyń ("Polen-Aktion"), eingewiesen in das Getto Litzmannstadt (Łódź), ermordet am 29.12.1940
Rosa Szykman/Schickmann, geb. Waldhorn, geb. 14.6.1898 in Radautz/Bukowina (heute Rumänien), aus Hamburg zwangsausgewiesen am 28.10.1938 über die deutsch-polnische Grenze bei Zbąszyń ("Polen-Aktion"), eingewiesen in das Getto Litzmannstadt (Łódź), ermordet in Chelmno
Hermann Szykmann, geb. 11.11.1920 in Altona, Flucht im Juli 1938 in die USA
Holstenstraße (gegenüber Paul-Roosen-Straße) (ehemals Kleine Johannisstraße 12/12a)
Efraim Szykman und Rosa Waldhorn, beide jüdischer Abstammung, stammten aus dem früheren Österreich-Ungarn. Sie waren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in die damals noch selbstständige preußische Stadt Altona gekommen. Hier trug Efraim Szykman, der sich im Oktober 1915 in Altona niedergelassen hatte, den eingedeutschten Nachnamen Schickmann. Er und Rosa Waldhorn heirateten am 17. Dezember 1919. Laut dem Heiratsregister war Efraim Schickmann am 26. Dezember 1892 in Bendin (auch Bedzin, heute Będzin, Polen) geboren worden. Bendin liegt etwa 80 km nordwestlich von Krakau (Krakow) und 10 km nordöstlich von Kattowitz (Katowice) im nordöstlichen Teil des Oberschlesischen Industriegebiets. Bis Ende der 1930er Jahre beherbergte die Stadt eine zahlenmäßig sehr große jüdische Gemeinde.
Efraim Schickmann besaß die polnische Staatsangehörigkeit und war von Beruf Kaufmann. Er gehörte der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde in Altona an.
Rosa Waldhorn war am 14. Juni 1898 in Radautz in der Bukowina zur Welt gekommen. Sie lebte zur Zeit der Eheschließung bei Ihrer Mutter Scheindel Brunstein, geborene Waldhorn, und ihrem Stiefvater, Alter Brunstein, in Altona, Waterloostraße 2a.
Am 11. November 1920 wurde ihr Kind Hermann geboren. Efraim und Rosa Schickmann wohnten zunächst am Gustav Adolfplatz 112 (heute Steinheimplatz) und ab etwa 1922 in der Kleinen Johannisstraße 12 in Altona, die nicht mehr existiert. Von hier betrieb Efraim Schickmann einen Handel mit Käse und anderen Fettwaren. Das Geschäft entwickelte sich offenbar so günstig, dass Efraim Schickmann das Wohnhaus Kleine Johannisstraße 12/12 a und seine Ehefrau etwa 1927 das Grundstück Kleine Roosenstraße 57/59 (heute Paul-Roosen-Straße) kaufen konnten.
Im Hamburger Adressbuch ist Efraim Schickmann mit dem Hinweis "Fettwaren" 1937 auch in der Straße Grindelberg 3a in Harvestehude verzeichnet. Wir wissen nicht, ob dies nur eine Geschäftsadresse war oder ob die Familie auch am Grindelberg wohnte.
Die Heiratsurkunde von Efraim und Rosa Schickmann enthält eine Randnotiz vom 19. Mai 1938, nach der das Amtsgericht Altona anordnete, "den Namen des Ehemanns in Efraim Szykman" zu ändern. Einen Tag später wurde die Namensänderung auch im Geburtsregistereintrag des Sohnes vorgenommen. Damit wurde der Familie Schickmann wie auch anderen aus Polen eingewanderten Juden ihr inzwischen angenommener eingedeutschter Name wieder entzogen.
Hermann Schickmann besuchte bis 1938 die Talmud Tora Oberrealschule in Hamburg. In seinem Abgangszeugnis war vermerkt, dass er das Abitur bestanden hätte, wenn er weiter auf der Schule hätte bleiben können. Er schiffte sich jedoch am 22. Juli 1938 in Liverpool auf der SS "Laconia" ein und floh, unterstützt von einer Hilfsorganisation, in die USA.
Am 28. Oktober 1938 wurden im Rahmen der sogenannten Polen-Aktion 17.000 Juden polnischer Herkunft aus dem Deutschen Reich nach Polen abgeschoben. Am 6. Oktober hatte die polnische Regierung beschlossen, dass jene, die ihren Pass nicht bis 29. Oktober erneuert hätten, ihre Staatsbürgerschaft verlieren würden. Dadurch wären sie zu Staatenlosen geworden. Die NS-Regierung befürchtete, dass Tausende von "Ostjuden" dauerhaft auf deutschem Gebiet bleiben würden. Ohne Vorwarnung und ohne Ansehen der Person wurden Männer, Frauen und Kinder von ihren Arbeitsplätzen oder aus ihren Wohnungen im gesamten Deutschen Reich abgeholt, an verschiedenen Orten zusammengetrieben und noch am selben Tag mit der Eisenbahn über die polnische Grenze bei Zbąszyń (Bentschen), Chojnice (Konitz) in Pommern und Bytom in Oberschlesien deportiert. Die Kosten der Aktion sollten die abgeschobenen Jüdinnen und Juden tragen. Nur wenn dies nicht möglich sein sollte, wäre der Reichshaushalt in Anspruch zu nehmen.
Von der Ausweisung waren auch Efraim und Rosa Schickmann betroffen, die nun offiziell Efraim und Rosa Szykman hießen. Während Efraim Szykman von Zbąszyń zu seinem Bruder Noech nach Łódź reiste, durfte Rosa Szykman Ende 1938 oder Anfang 1939 vorübergehend nach Altona zurückkehren, um die Vermögensverhältnisse der Familie zu regeln. Sie wohnte wieder in ihrem Wohngebäude in der Kleinen Johannisstraße.
Neben den beiden Grundstücken in der Kleinen Johannisstraße und der Kleinen Roosenstraße besaßen Efraim und Rosa Szykman verschiedene Wertpapiere im Nominalwert von 19 800 RM. Weil Rosa Szykman der "Kapitalflucht" verdächtigt wurde, erließ die Devisenstelle der Oberfinanzdirektion Hamburg im April 1939 eine "Sicherungsanordnung", durch die ihr die Verfügung über das Eigentum der Familie verwehrt wurde. Geldabhebungen bedurften nun jeweils der Erlaubnis der Devisenstelle, die nur äußerst restriktiv erteilt wurde. Von Mai bis Juni 1939 erhielt Rosa Szykman sieben Einzelgenehmigungen, die ihr gestatteten über insgesamt rund 1800 RM zu Lasten des Sperrkontos zu verfügen. Davon sollten Kleidungsstücke, Passage und Fracht für die Ausreise mit den United States Lines erworben sowie Arztrechnungen und Medikamente erworben werden. Zu dieser Ausreise kam es jedoch nicht.
Am 21. Juli 1939 reiste Rosa Szykman nach Łódź zu ihrem Mann und der Familie ihres Schwagers Noech Szykman, die dort zusammenwohnten.
Ab September 1939 begann die schrittweise Konzentration der jüdischen Bevölkerung in einzelnen Stadtvierteln, bis die Altstadt von Łódź sowie die Stadtviertel Baluty und die Marysin im April 1940 zum Gettogebiet erklärt wurden. Łódź wurde am 11. April 1940 von der deutschen Besatzungsmacht in "Litzmannstadt" umbenannt.
Efraim und Rosa Szykman sowie Noech Szykman, dessen Ehefrau und weitere Verwandte wurden in das Getto eingewiesen. Dort hieß Rosa Szykman laut Legitimationskarte des Getto-Arbeitsamtes wieder Rosa Schickmann.
Efraim Szykman starb am 29. Dezember 1940 im Getto. Als Todesursache wurde "Erfrierung" angegeben.
Über das weitere Schicksal von Rosa Szykman gibt es unterschiedliche Berichte. Ihr Schwager Noech Szykman vermutete, dass sie in Auschwitz ermordet wurde.
Noech Szykman selbst wurde bis Februar 1944 im Getto Litzmannstadt (Łódź) festgehalten und kam dann in eines der Arbeitslager bei Tschenstochau. Das Getto Litzmannstadt (Łódź) wurde kurz vor der Befreiung aufgelöst. Sämtliche Insassen, so Noech Szykman, kamen nach Auschwitz oder Treblinka. Seine eigene Ehefrau (den Namen kennen wir nicht), so Noech Szykman, wurde aus dem Getto Litzmannstadt (Łódź) nach Auschwitz verschleppt, wahrscheinlich zusammen mit Rosa Szykman. Da weder Noech Szykmans Ehefrau noch Rosa Szykman zurückkehrten, nahm Noech Szykman an, dass seine Frau und seine Schwägerin zur selben Zeit in Auschwitz umgekommen sind.
Dafür konnte jedoch kein Beleg gefunden werden.
Im Gegensatz zu Noech Szykmans Annahme wird im Gedenkbuch des Bundesarchivs mit dem Titel "Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945" über Rosa Szykman erklärt, dass sie am 23. Juni 1944 aus dem Getto Litzmannstadt (Łódź) in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) deportiert wurde.
Rosa Szykman wurde auf den 8. Mai 1945 mit der Begründung für tot erklärt, dass ihr Aufenthalt seit ihrer Zeit im Getto unbekannt sei und keine Nachrichten darüber vorliegen, ob sie noch lebt oder gestorben ist.
Noech Szykman wurde am 16. Januar 1945 in Tschenstochau befreit. Er lebte nach dem Krieg in Brüssel.
Das 88 qm große Grundstück in der Kleine Johannisstraße 12/12 a unterstand zwangsweise der Hamburgischen Grundstücksverwaltungsgesellschaft von 1938 m.b.H. und wurde im August/September 1941 an die Hansestadt Hamburg für 10.000 RM verkauft. Der Verkaufserlös wurde zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Über das Grundstück Kleine Roosenstraße 57/59 (heute Paul-Roosen-Straße) wurde in gleicher Weise verfügt.
Hermann Szykman, der sich in den USA Howard Hugh Crawford nannte, diente als Soldat in der U.S. Army. Er heiratete am 15. Januar 1943 Alcenith Boydan Veith und bekam mit ihr drei Söhne: Clifford, Gary und Dale.
Etwa 1944 erlangte er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er schaffte es, die Hochschulreife zu erwerben, studierte Medizin und ließ sich als Arzt in Santa Monica/Kalifornien nieder. Zudem übernahm er das Amt des Honorarkonsuls von El Salvador. Howard Hugh Crawford starb 2014.
Die langjährige Adresse der Familie Schickmann/Szykman in der Kleinen Johannisstraße 12/12a existiert nicht mehr. Deshalb wurden die Stolpersteine zur Erinnerung an Efraim, Rosa und Hermann Szykman am 22. November 2025 in der Nähe ihres früheren Wohnsitzes in der Holstenstraße gegenüber der Einmündung Paul-Roosen-Straße in den Fußweg eingelassen. Anwesend war Howard Hugh Crawfords Enkel Morgan, der Sohn von Dale Crawford, mit seinem Ehemann und deren Tochter Rosa. Ihr Vorname erinnert an die in Chelmno ermordete Rosa Schickmann. Die junge Familie erhielt im Jahr 2024 als Nachkommen von NS-Verfolgten die deutsche Staatsbürgerschaft (Artikel 116 Absatz 2 Grundgesetz). Howard Crawford, sein Ehemann und die Tochter Rosa waren zur Stolpersteinverlegung aus Berlin angereist, wo sie seit Frühjahr 2025 leben.
© Ingo Wille
Quellen: Adressbuch Altona (Diverse Einträge). Steuerkarten der Jüdischen Gemeinde von Efraim Szykman. StaH 213-13 Landgericht Hamburg – Wiedergutmachung 6176 (Efraim Szykman), 6177 (Rosa Schickmann), 314-15 Oberfinanzpräsident R1939_2538 (Efraim Szykman), F0227_Band_1 (Alter Brunstein), 332-5 Standesämter 6048 Heiratsregister Nr. 1722/1919 (Efraim Schickmann/Rosa Waldhorn), 351-11 Amt für Wiedergutmachung 43584 (Efraim Szykmann), 6178 (Rosa Schickmann), 43584 (Howard Crawford), 424-111 Amtsgericht Altona 6663 (Efraim Szykman), Sonderstandesamt Arolsen Sterberegister Nr. 1479/1956 (Efraim Schickmann), Bundesarchiv R_58/276 Reichssicherheitshauptamt Polen-Aktion Ravensbrück. Mitteilung des Bundesarchivs vom 21.8.2025 zu Rosa Szykmans Transport nach Chelmno: "Als Verweis für die Angabe zu Kulmhof ist dem hiesigen Datensatz als Belegstelle-Łódź Transports to the Chelmno (Kulmhof) Extermination Camp (Przełożony Starszeństwa Żydów w Gettcie Łódźkim (Łódź Ghetto Jewish Council), hinterlegt bei JewishGen (Record # 519; Transport # 92) nachgehalten."
Howard Crawford stellte diverse Familiendokumente zur Verfügung, darunter auch die Legitimationskarte aus dem Getto Litzmannstadt.

