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Wilhelmine Cammann
Wilhelmine Cammann
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Wilhelmine Cammann * 1885

Danziger Straße 6 (Hamburg-Mitte, St. Georg)


HIER WOHNTE
WILHELMINE
CAMMANN
JG. 1885
EINGEWIESEN 1926
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 16.8.1943
AM STEINHOF WIEN
ERMORDET 10.6.1944

Marie Wilhelmine Cammann, geb. 25.2.1885 in Beedenbostel (Krs. Celle), aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 3.7.1926, "verlegt" nach Wien am 16.8.1943 in die Wagner von Jauregg – Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien, dort gestorben am 10.6.1944

Danziger Straße 6, St. Georg

Marie Wilhelmine Cammann kam am 25. Februar 1885 in Beedenbostel (Krs. Celle) als drittes von sechs Kindern des Zimmermanns Wilhelm Heinrich Cammann, geboren am 26. Februar 1859 in Beedenbostel, und seiner Ehefrau Marie (Maria) Dorothee, geborene Heers, geboren am 6. Dezember 1862 in Höfer (Krs. Celle) zur Welt.

Die Familie ließ sich Anfang der 1890er Jahre in Hamburg nieder. Sie wurde erstmalig 1892 im Hamburger Adressbuch mit der Adresse Borgfelderstraße 32/34 Haus 1 (heute Borgfelder Straße) im Stadtteil Borgfelde erwähnt. Von Wilhelmine Cammanns fünf Geschwistern wurden wahrscheinlich vier noch in Beedenbostel geboren, nur Dora Amanda kam in Hamburg zur Welt, und zwar am 22. Januar 1896 in der Conventstraße 5 Haus 1 in Eilbek.
Die Familie wohnte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mehrere Jahre in der Straße Eichholz 11 in der Hamburger Neustadt und dann ab etwa 1909 im Borstelmannsweg 163 in Hamm.

Ihre Schwester Dora Amanda berichtete später (bei Wilhelmines Aufnahme in den damaligen Alsterdorfer Anstalten), dass im Alter von drei Jahren bei ihr Krankheitssymptome in Form von Krämpfen aufgetreten seien. Sie habe gehen und sprechen gekonnt und sei im Grundschulalter eingeschult worden, doch der Schulbesuch habe nach einem Jahr abgebrochen werden müssen.

Nach dem Tod von Wilhelmine Cammans Vater am 21. Juli 1916 wohnte sie mit ihrer Mutter weiterhin im Borstelmannsweg 163. Ihre Schwester Dora Amanda heiratete am 3. August 1918 den Feinmechanikergehilfen und späteren Handelsvertreter Johann Joseph Martin Krummeck. Am 7. August 1925 starb auch Wilhelmine Cammanns Mutter. Nun nahm die Familie ihrer Schwester die inzwischen 40 Jahre alte Wilhelmine in ihrer Wohnung in der Danziger Straße 6 im Stadtteil St. Georg auf.

Nachdem Wilhelmine ein Jahr in der Familie von Dora Amanda Krummeck gelebt hatte, verfasste der Hausarzt Gustav Marr folgenden Bericht: "Kann sich im Haushalt nicht betätigen, weil sie nie etwas zu Ende führt; sie kann nur unter Aufsicht arbeiten. Sie kann nicht lesen und nicht schreiben, kennt keine Münzen. Sie kann nicht allein auf die Straße gelassen werden, weil sie sich nicht zurecht und nicht zurückfindet. Zu Hause ist sie still, sie sitzt vergnügt am Fenster und guckt die Straße an, ohne von ihren Eindrücken zu erzählen. Sie sieht auch Bilderbücher an, aber ohne Interesse. Pat.[ientin] ist bei ihrer verheirateten Schwester; dort sind zwei Kinder; die Schwester hat nur zwei Zimmer zur Verfügung. Die Pat.[ientin] muss jetzt im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen. Ich empfehle die Patienten den Alsterdorfer Anstalten zu überweisen."

So geschah es. Die damaligen Alsterdorfer Anstalten nahmen Wilhelmine Cammann am 3. Juli 1926 auf. In den Jahren bis 1942 hielten die Eintragungen in ihrer Patientenakte fest, sie könne sich selbst waschen und anziehen, müsse jedoch gekämmt werden. Ihre Kleidung sei stets unsauber und unordentlich. Doch in der Gemüsestube, in der sie mit Kartoffelschälen beschäftigt werde, sei sie fleißig. Über die inzwischen etwa 50jährige Erwachsene wurde weiter bemerkt, sie sei im Allgemeinen verträglich, zeitweise "ungehorsam" und "vorlaut".

Wilhelmine Cammanns Gewicht betrug bei der Aufnahme in Alsterdorf 51 kg und stieg von 66 kg im Jahre 1934 auf 84 kg im Jahre 1938 an. Es verminderte sich dann wieder bis auf das Aufnahmegewicht von 51 kg im Januar 1943. Für die auffälligen Gewichtsveränderungen finden sich keinerlei Erklärungen in den Aufzeichnungen der Anstalt.

Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte die Gelegenheit, sich mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, durch Verlegung in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen.
Mit einem dieser Transporte wurden 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn am 16. August 1943 in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") in Wien "verlegt". Unter ihnen befand sich Wilhelmine Cammann.

Bei ihrer Aufnahme in der Wiener Anstalt konnte Wilhelmine Cammann – so notiert in der Patientinnenakte - ihren Namen zwar richtig angeben, kannte aber ihr Alter nicht und wusste nicht, wo sie sich befand und wie das aktuelle Datum lautete. Sie konnte keinerlei Rechenaufgaben lösen oder Unterschiede bezeichnen. Auf Fragen habe sie mit Lächeln reagiert.

Im Dezember 1943 wurde das Gewicht Wilhelmine Cammanns mit 43 kg, im Mai 1944 mit 42 kg angegeben. Ab Anfang Juni 1944 stieg die Körpertemperatur, was auf die stark aufgetriebenen Beine und eine Bauchschwellung zurückgeführt wurde. Am 8. Juni wurde "zunehmender Verfall" und "Herztöne keine, zunehmende Zirkulationsschwäche" in der Patientinnenakte festgehalten.

Wilhelmine Cammann starb am Abend des 10. Juni 1944 an "Tuberkulose des Bauchfells und Lungenentzündung".

Die Anstalt in Wien war während des "T4" Programms ("Euthanasie"-Programm der Nationalsozialisten, so genannt nach dem Sitz der Berliner Euthanasiezentrale in der Tiergartenstraße 4) eine Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten im August 1941 wurden jedoch in bisherigen Zwischenanstalten, also auch in der Wiener Anstalt selbst, massenhaft weiter Patientinnen und Patienten ermordet: durch Überdosierung von Medikamenten und Nichtbehandlung von Krankheiten, vor allem aber durch Nahrungsentzug. Es ist anzunehmen, dass auch Wilhelmine Cammann so zu Tode kam.

Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben, davon 196 aus Alsterdorf.

© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg 1890 bis 1935; StaH 332-5 Standesämter 742 Sterberegister Nr. 1234/1916 Wilhelm Heinrich Cammann, 894 Sterberegister Nr. 1151/1925 Maria Dorothea Cammann; Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, V 368 Bewohnerakte Wilhelmine Cammann; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 35, 283 ff., 331 ff.

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