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Hans Weinberg * 1918

Mansteinstraße 49 (Eimsbüttel, Hoheluft-West)

1941 Minsk

Weitere Stolpersteine in Mansteinstraße 49:
Jette Weinberg, Anneliese (Johanna Luise) Weinberg

Hans Weinberg, geb. am 16.9.1918 in Dortmund, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Jette Weinberg, geb. Kleinberger, geb. am 21.12.1880 in Hannover, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz
Johanna Luise (Anneliese) Weinberg, geb. am 29.3.1915 in Dortmund, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz
Ernst (David) Kleinberger, geb. am 24.12.1893 in Stolzenau, inhaftiert in Hamburg im November 1942 und im Februar 1943, überstellt nach Berlin, deportiert am 2.3.1943 von Berlin nach Auschwitz, Weitertransport nach Groß-Rosen, am 26.2.1945 nach Buchenwald, dort vermutlich ermordet

Mansteinstraße 49

Fanny Kleinberger, geb. am 6.2.1882 in Hannover, deportiert am 6.12.1941 nach Riga

Bogenstraße 5

Jette Weinberg wurde 1880, also noch im Kaiserreich, in Hannover geboren. Sie war die Tochter des jüdischen "Produktenhändlers" Josef Kleinberger und seiner Ehefrau Anna, geb. Mendler. Zwei Jahre nach ihrer Geburt kam ihre Halbschwester Fanny zur Welt, geboren in derselben Wohnung in Hannover, Schloßstraße 4. Fannys Mutter war Lina Kleinberger, geb. Mendler. Vielleicht war Jettes Mutter Anna bei der Geburt gestorben, und der Vater hatte seine Schwägerin geheiratet. Es ist schwer, die Familienverhältnisse nach so langer Zeit exakt zu ermitteln, aber außer den Schwestern Fanny (geb. 1882) und Berta (geb. 1890 in Hagenburg) gab es noch die Brüder David (geb. 1893 in Stolzenau) und Adolf (geb. 1896 in Stolzenau).

Der Vater Josef Kleinberger war vermutlich aus dem galizischen Niepolomice nach Deutschland gekommen. Im Jahr 2009 sind die Lebenserinnerungen von Margot Kleinberger erschienen, die 1931 in Hannover geboren wurde und Theresienstadt überlebt hat. Wahrscheinlich war der Urgroßvater von Margot Kleinberger, David Kleinberger, der als Uhrmacher aus Niepolomice in der Nähe von Krakau nach Hannover gezogen war, ein Bruder oder Vetter von Jette Weinbergs Vater. Auffällig ist, dass in beiden Familienzweigen dieselben Vornamen vergeben wurden. Im 19. Jahrhundert wanderten viele Kleinbergers aus Niepolomice in Galizien nach Deutschland aus, einige nach Hannover und weiter in die Nähe des Steinhuder Meers in das Fürstentum Schaumburg-Lippe, das sich von dort bis nach Hameln erstreckte. Jettes Vater Josef Kleinberger zog mit seiner Familie Ende des 19. Jahrhunderts nach Stolzenau an der Weser.

Der Flecken Stolzenau gehörte 1880 zur Preußischen Provinz Hannover und zum Landrabbinat Hannover. Im Jahr 1885 hatte Stolzenau 1483 Einwohner, davon waren 104 Juden. Juden hatte es in Stolzenau vermutlich seit dem 17. Jahrhundert gegeben, und auch der Friedhof wurde möglicherweise schon im ausgehenden 17. Jahrhundert erworben. Die Blütezeit des jüdischen Lebens war das 19. Jahrhundert. Die Stolzenauer Gemeinde war orthodox. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts gab es eine Jüdische Schule, die wohl bis in die 1920er Jahre existierte. 1892 gingen 28 Kinder in die Jüdische Volksschule. Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten viele Juden ab. Kurz vor Beginn der Deportationen lebten nur noch 13 jüdische Menschen in Stolzenau, die alle in den Vernichtungslagern im Osten umgekommen sind.

In den alten Stolzenauer Akten finden Jette und Fanny keine Erwähnung, sondern nur Berta, David und Adolf. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass sie den Ort schon verlassen hatten, als 1904/1905 ein Personenverzeichnis von Mitgliedern der Synagogengemeinde Stolzenau angelegt wurde. In diesem Personenverzeichnis war Familie Kleinberger übrigens die einzige, die außerhalb der Nummerierung aufgeführt wurde, d. h., dass diese Personen aufgrund ärmlicher Verhältnisse nicht zur Synagogensteuer herangezogen wurden. Der Vater Josef Kleinberger verstarb 1904 in Stolzenau, die Mutter Lina 1920.

Jette Kleinberger heiratete am 11. April 1914 in Dortmund Albert Weinberg (geb. 1867 in Witten/Ruhr). Den Familiennamen Weinberg gab es auch in Stolzenau. Möglicherweise bestanden verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Albert Weinberg und den Stolzenauer Weinbergs. Auch Jettes Geschwister Adolf und Berta zogen von Stolzenau nach Dortmund, Adolf Anfang 1913 und Berta Ende 1920. Albert Weinberg, Jettes Ehemann, war Monteur. Für die damalige Zeit waren beide schon im fortgeschrittenen Alter, als sie heirateten. In Dortmund wurden der Sohn Hans und die Tochter Johanna Luise geboren. Die erste gemeinsame Wohnung des Ehepaars Weinberg befand sich in der I. Kampstraße 80, wo Jette wahrscheinlich schon vor der Eheschließung lebte. Im März 1916, kurz vor der Geburt des ersten Kindes, zogen sie in die Schwanenstraße 56, wo sie bis zum Wegzug von Mutter und Kindern nach Hamburg blieben. Albert Weinberg starb im Alter von 70 Jahren im November 1937 im Dortmunder Johannes-Hospital.

Die Tochter Johanna Luise – der Name wurde zu Anneliese verkürzt, und in den Akten tauchen daher beide Vornamenvarianten auf und führen zu Verwirrung – hatte schon im April 1937 die elterliche Wohnung verlassen und war nach Hamburg gezogen. Mutter und Bruder Hans folgten nach dem Tod des Vaters und meldeten sich am 28. März 1938 nach Hamburg ab. Jette Weinberg wohnte zur Zeit der Volkszählung 1939 mit ihren Kindern Hans und Anneliese in der Mansteinstraße 49 (damals Max-von-Boehn-Straße) im zweiten Stock. In der NS-Terminologie galten alle drei als "Volljuden". Die Mutter hatte vier jüdische Großeltern, die Kinder nur drei, d. h. der Vater der Kinder war "Mischling ersten Grades".

Am 18. April 1942 wurden Jette und ihre Tochter (hier wieder unter dem Namen Johanna) im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in "Schutzhaft" genommen, eingeliefert von der Gestapo II B2, d. h. dem "Judenreferat". Beide wurden am 4. Mai 1942 entlassen.

Hans Weinberg war im November 1941 nach Minsk deportiert worden, von der Adresse Mansteinstraße 49 aus. Jette und Anneliese Weinberg kamen lediglich für zwei Monate frei. Am 11. Juli 1942 wurden sie vom "Judenhaus" Großneumarkt 56 aus nach Auschwitz deportiert.

Ein Grund für den Umzug Jette Weinbergs von Dortmund nach Hamburg war möglicherweise, dass ihre beiden Schwestern in Hamburg lebten. Berta Kleinberger (geb. 1880 im Schaumburg-Lippeschen Hagenburg in der Nähe des Steinhuder Meers) war im November 1920 von Stolzenau nach Dortmund gezogen, kehrte aber zwischenzeitlich nach Stolzenau zurück und zog im August 1924 nach Hamburg. In Hamburg heiratete sie im Dezember 1927 Josef Leider. Dieser (geb. 1855 in Lopatyn, Galizien) war Pole, und auch Berta erhielt durch ihre Heirat die polnische Staatsangehörigkeit. Für Josef Leider, der 1938 verstarb, war es die zweite Ehe. Er arbeitete als Begräbnisbeamter bei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Als die beiden heirateten, wohnte Josef Leider in Altona in der Turnstraße 6 (nach 1939 Schmarjestraße) und Bertha in der Isestraße 119. Berta zog zu ihm nach Altona. 1930 wurde die gemeinsame Tochter Lina geboren.

Jettes unverheiratete Schwester Fanny meldete sich im Dezember 1930 bei der Deutsch-Israelitische Gemeinde in Hamburg an. Sie war Köchin, bezog jedoch außerdem eine Invalidenrente. Ob sie zur Untermiete wohnte oder im Haushalt der Familien, für die sie als Hausangestellte arbeitete, wissen wir nicht. Sie wohnte z. B. in der Isestraße 119 I (bei Levy). Die Isestraße 119 war auch Bertas Adresse bei ihrer Heirat gewesen. Vielleicht war Berta dort in Stellung und Fanny übernahm die Arbeit bei Familie Levy. Fanny zog dann in die Schlankreye 55 III (bei Kohlmann) und in die Bogenstraße 5 (bei Flatau) (s. Elisabeth Flatau). Am 6. De­zember 1941 wurde sie von der Bogenstraße 5 aus nach Riga deportiert. In der Deportationsliste ist der Name fälschlicherweise mit Fanny Klein angegeben, ein Fehler, der auch Eingang in die Gedenkbücher fand. In der Kopie der Liste der Jüdischen Gemeinde wurde der Name mit Bleistift korrigiert. Mit derselben Deportation musste auch die Schwester Berta Leider mit ihrer 11-jährigen Tochter Lina Hamburg verlassen.

In Yad Vashem findet sich ein Gedenkblatt mit dem Hinweis auf den Bruder David Kleinberger (geb. 1893 in Stolzenau), der sich seit den 1920er Jahren Ernst nannte. Ernst Kleinberger war vermutlich in Stolzenau aufgewachsen. Er wurde 1913 Soldat, nahm am Ersten Weltkrieg teil und gehörte bis 1920 in Weissenburg/Elsass einem Freikorps an. Im November 1921 heiratete er Elsa Henrietta Freund, eine Nichtjüdin evangelischen Glaubens, die 1898 in Hamborn geboren war. Das Ehepaar wohnte in Duisburg-Hamborn in der Gartenstraße 51. Im August 1923 wurde der einzige Sohn Friedrich Kleinberger geboren und getauft. Schon im Januar 1921, also vor der Heirat, hatte sich auch Ernst Kleinberger taufen lassen und war zum evangelischen Glauben übergetreten. Vermutlich hat er in diesem Zusammenhang seinen jüdischen Vornamen David abgelegt und sich Ernst genannt. 1940 ging Ernst Kleinberger ohne seine Familie nach Hamburg zu seiner Schwester Jette. Vielleicht hatte er in Hamburg Arbeit gefunden, was ihm in Duisburg nicht gelungen war. Er war als Lagerarbeiter bei der Firma August Hohmann & Söhne in der Eppendorfer Landstraße 61 beschäftigt, einer Samenhandlung. Nach seiner Ver­urteilung setzte sich die Firma für ihn ein, da sie auf ihn als Arbeitnehmer nicht verzichten wollte und die angebliche Straftat als nicht schwerwiegend ansah, zumal Ernst Kleinberger sich noch nie etwas hatte zuschulden kommen lassen.

1940 hatte Ernst Kleinberger zunächst bei seiner Schwester in der Mansteinstraße gewohnt. In der ersten Jahreshälfte 1942 zog er, vermutlich zur Untermiete, in das Haus Beim Schlump 9 I zu Klickermann. Im Oktober 1942 hatte er die Adresse Rendsburger Straße 14 I (bei Wiehl), wohin er auch nach seiner Haftentlassung im November 1942 zurückkehrte. 1943 wurde er von Hamburg aus deportiert. In den Gedenkbüchern ist er nicht verzeichnet, aber tatsächlich findet sich eine Spur von ihm in Hamburg: wegen Verstoßes gegen die Kennkarten- und Namensverordnung wurde er im Oktober 1942 zu einer sechswöchigen Haftstrafe verurteilt. Einen knappen Monat verbrachte er in der Haftanstalt Hamburg-Harburg und kam Anfang November 1942 ins Strafgefängnis Hamburg Fuhlsbüttel. Am 23. November 1942 wurde er aus Fuhlsbüttel entlassen. Für den Zeitraum vom 2. bis 25. Februar 1943 war Ernst Kleinberger im KZ bzw. Polizeigefängnis Fuhlsbüttel anhand der überlieferten Schutzkostenabrechnungen zu ermitteln. Als Verbleib wurde "KZ Auschwitz" angegeben, da nach einem Erlass von Oktober/November 1942 Gefängnisse, Zuchthäuser und KZs "judenfrei" gemacht werden sollten.

Über das Schicksal des Bruders Adolf Kleinberger ist nichts bekannt.

Pate für die beiden Stolpersteine für Jette und Hans Weinberg ist die Hausgemeinschaft des Hauses Mansteinstraße 15, die sich anlässlich des 100. Geburtstags ihres Hauses mit der Geschichte von Sally Hockenheimer, der einen Stein vor ihrem Haus hat, beschäftigt und dann beschlossen hat, gemeinsam einen Stein in der Nachbarschaft zu finanzieren.

© Susanne Lohmeyer

Quellen: 1; 4; 5; 8; StaH 213-11 Landgericht Strafsachen, 7292/42; StaH 331-1 II Polizeibehörde, Abl. 15 Bd. 3 vom 18.9.1984; StaH 332-5 Standesämter, 8815 + 441/1927; StaH 332-5, 7017 + 173/1922; StaH 242-1II, Gefängnisverwaltung II, Abl. 13, jüngere Gefangenenkartei Männer; StaH 522-1, Jüdische Ge­meinden, 992e2 Bd. 2; StaH 522-1, Ablieferung 1993, Mappe 13; BArch Berlin, R 1509, Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung; BArch Liste der jüdischen Einwohner im Deutschen Reich 1933–1945; Auskunft Stadtarchiv Dortmund 14.7.2010; Auskunft Stadtarchiv Nienburg 19.7.2010; Ein­woh­ner- ­meldeamt Stolzenau; Stadtarchiv Hannover Geburtsregister Hannover I 47-4215/1880 und Hannover 55-498/1882; Herbert Obenaus, Historisches Handbuch, S. 1433ff.; Bernd-Wilhelm Linnemeier, Historische Entwicklung, in: Landjuden in Nordwestdeutschland, S. 133–180; Margot Kleinberger, Transportnummer VIII/1 387; Telefonat mit Margot Kleinberger am 15.10.2010; Museum Nienburg/Weser (Hrsg.), Sie lebten nebenan. Erinnerungsbuch, bearbeitet von Gerd-Jürgen Groß, Nienburg 2013, S. 66.

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