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Werner Mohr
Werner Mohr
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Werner Mohr * 1933

Kottwitzstraße 35 (Eimsbüttel, Hoheluft-West)


HIER WOHNTE
WERNER MOHR
JG. 1933
EINGEWIESEN 1940
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT` 7.8.1943
´HEILANSTALT‘
KALMENHOF / IDSTEIN
ERMORDET 2.9.1943

Werner Mohr, geb. 8.3.1933 in Hamburg, aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 3.10.1940, "verlegt" am 7.8.1943 in die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein im Rheingau, dort gestorben am 2.9.1943

Kottwitzstraße 35 (früher Blücherstraße 35)

Werner Mohr wurde am 8. März 1933 im Vereinshospital vom Roten Kreuz in Hamburg-Schlump geboren. Seine Eltern, der Polizeibeamte Johannes Carl Mohr, geboren am 16. Juli 1890 in Hamburg, und dessen Ehefrau Frida Louise Marie Olga, geborene Lohse, geboren am 7. August 1898 in Hamburg, hatten am 17. Dezember 1921 geheiratet. Bei Werners Geburt hatten sie bereits zwei Töchter, Elfriede, geboren am 18. Januar 1925, und Gerda, geboren am 6. Dezember 1928. Während Elfriede die Hilfsschule besuchte, erwarb Gerda die Obersekundareife (Mittlere Reife mit Versetzungsmöglichkeit in die drittletzte Klasse).

Der Vater von Werner Mohr gab als Bekenntnis "gottgläubig" an. So bezeichneten sich während des Nationalsozialismus ab 1936 Personen, die zwar keiner christlichen Kirche angehörten, sich aber nicht als "glaubenslos" oder atheistisch betrachteten.

Die Familie Mohr wohnte in der Blücherstraße 35 in Eppendorf, die heute Kottwitzstraße heißt.

Der Kinderarzt Gustav Thewaldt, bei dem Werner Mohr in Behandlung war, diagnostizierte bei dem Jungen im Oktober 1940 eine "schwere Imbezillität" als Folge einer "intrauterin [in der Gebärmutter] durchgemachten Enzephalitis" (Gehirnentzündung). Er hielt eine Einweisung in die damaligen Alsterdorfer Anstalten für dringend erforderlich.
(Imbezillitas = Beschränktheit, Dummheit, Schwäche; Enzephalitis = Entzündung des Gehirns, die mit Fieber, Kopfschmerzen, einem veränderten mentalen Status, Krampfanfällen oder neurologischen Defiziten einhergehen kann.)

Der damals in Alsterdorf amtierende Direktor Gerhard Schäfer beurteilte Thewaldts Diagnose zwar als durchaus möglich, aber nicht als sicher. Gleichwohl prognostizierte er eine ungünstige künftige Entwicklung des Jungen und schloss eine Besserung des Zustandes aus.

So wurde Werner Mohr am 3. Oktober 1940 in den Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Schäfer, der die Aufnahmeuntersuchung durchführte, notierte, dass der Junge im vierten Lebensjahr gehen gelernt habe und nur mangelhaft laufen könne. Er könne sich nicht allein an- oder auskleiden und seinen Namen nicht aussprechen.
Schäfer schrieb über Werner Mohr: "Idiotie, Erethie, tiefstehend, ohne Sprache".
("Idiotie” ist ein heute nicht mehr gebräuchlicher Begriff für eine schwere Form der Intelligenzminderung, "Erethie” bezeichnet eine pathologisch gesteigerte Erregbarkeit, Reizbarkeit oder einen ruhelosen Bewegungsdrang.)

Im März 1942 wurde in Werner Mohrs Krankenakte vermerkt, dass er "völlig besorgt" (= versorgt) werden müsse. Er könne sich mit nichts beschäftigen, kenne seine Umgebung nicht und nehme auch keinen Anteil an seinen Mitpatienten.

Nachdem die Alsterdorfer Anstalten während der schweren Luftangriffe der Alliierten auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") Schäden erlitten hatten, nutzte der Leiter der Alsterdorfer Anstalten, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, diese Situation und bat die Hamburger Gesundheitsbehörde um Genehmigung für den Abtransport von etwa 750 Bewohnerinnen und -bewohnern, weil sie durch die Bombenangriffe obdachlos geworden seien. Daraufhin verließen zwischen dem 7. und dem 16. August 1943 drei Transporte mit insgesamt 469 Mädchen, Jungen, Frauen und Männern Alsterdorf in verschiedene Richtungen.

Am 7. August 1943 wurden insgesamt 128 Jungen und Männer in die "Heil- und Pflegeanstalt Eichberg" im Rheingau (76 Personen) und die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" bei Idstein (52 Personen) abtransportiert. Unter ihnen war Werner Mohr, dessen Transport am 8. August in der "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" eintraf.

Die Anstalt Kalmenhof war 1888 als eine fortschrittliche, pädagogisch orientierte Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen entstanden. 1939 wurde sie in das "Euthanasie"-Programm der "Aktion T4" (benannt nach der Adresse der Berliner Euthanasiezentrale, Tiergartenstraße 4) einbezogen. Die Patientinnen und Patienten wurden von dort in die benachbarte Tötungsanstalt Hadamar verlegt und mit Gas ermordet. Nach dem offiziellen Stopp der Euthanasiemorde im August 1941 richtete die zur Berliner "Euthanasie"-Zentrale gehörende Tarnorganisation "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" im Kalmenhof eine sogenannte Kinderfachabteilung ein. Dort wurden Kinder durch die Überdosierung von Medikamenten wie Luminal, Skopolamin oder Morphium getötet.

Werner Mohr starb am 2. September 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof in Idstein. Er wurde nur zehn Jahre alt. Es ist als sicher anzunehmen, dass er nicht eines natürlichen Todes starb.

© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg 1933/1936, StaH 332-5 Standesämter 6313 Geburtsregister Nr. 1326/1890 (Johannes Carl Mohr), 2452 Nr. 1906/1898 (Frida Louise Marie Olga Lohse), 3357 Heiratsregister Nr. 874/1921 (Johannes Carl Mohr/ Frida Louise Marie Olga Lohse). Standesamt Idstein Sterberegister Nr. 140/1943 (Werner Mohr). Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, Sonderakte V 69 (Werner Mohr).
Harald Jenner, Michael Wunder, Hamburger Gedenkbuch Euthanasie – Die Toten 1939-1945, Hamburg 2017, S. 386. Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 283 ff., S. 289 ff.
https://www.aerzteblatt.de/archiv/24708/NS-Kindereuthanasie-Ohne-jede-moralische-Skrupel (Zugriff am 7.8.2025).

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