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Frederick Geussenhainer * 1912
Johnsallee 63 (Eimsbüttel, Rotherbaum)
HIER WOHNTE
FREDERICK
GEUSSENHAINER
JG. 1912
WEISSE ROSE
ERMORDET
IM APRIL 1945
KZ MAUTHAUSEN
further stumbling stones in Johnsallee 63:
Iwan Franck
Friedrich Rudolf, "Frederick" Geussenhainer, geb. 24.4.1912 in Neumünster, mehrfach verhaftet, über das KZ Fuhlsbüttel ins KZ Neuengamme und dann ins KZ Mauthausen überstellt, dort starb er im April oder Mai 1945
Johnsallee 63
Edmund-Siemers-Allee 1 (Hauptgebäude der Universität Hamburg)
Zwei Stolpersteine in Hamburg und einer in seiner Geburtsstadt Neumünster erinnern an Friedrich Rudolf Geussenhainer. Geboren am 24.4.1912 als Sohn des Fabrikanten Edwin Geussenhainer und seiner Ehefrau Mary, geb. Jansen, wurde Friedrich, in der Familie "Fritz" genannt, katholisch getauft. Er besuchte das örtliche Humanistische Gymnasium, wo er 1931 das Abitur ablegte. Nach einer kaufmännischen Lehre leistete er den Arbeitsdienst und versuchte sich als Autoverkäufer in Kiel bei DKW.
1939 nach Hamburg gezogen, immatrikulierte er sich im August 1940 an der dortigen Universität als Medizinstudent. Dort kam er in Kontakt mit Studierenden, die sich in literarischen Zirkeln trafen, diskutierten und auch Swingmusik hörten. Vermutlich im Zusammenhang mit dieser Musik und teils verbotener Literatur erhielt er 1939 einen Strafbefehl, der aber aufgrund einer allgemeinen Amnestie hinfällig wurde.
Friedrich Geussenhainer selbst war, wie auch seine Familienangehörigen, ursprünglich kein NS-Gegner gewesen. Doch die Zensur von Meinungs- und Kunstfreiheit brachte ihn zunehmend in Konflikt mit der NS-Politik. Zudem hing er als überzeugter Katholik dem Münsteraner Bischof von Galen an, der sich mehrfach öffentlich gegen die Drangsalierung der Katholischen Kirche gewendet hatte und vor allem 1941 mutig gegen den "Euthanasie" genannten Krankenmord auftrat (der daraufhin unterbrochen und später dezentral fortgesetzt wurde). Geussenhainer soll von Galens Predigten verteilt haben, was ihm 1941 – laut seinem Neffen - eine erste Verhaftung eintrug.
Geussenhainer stieß zu den oppositionellen Studierenden und Jungmedizinern des Universitätskrankenhauses Eppendorf wohl über seinen Freund Albert Suhr, den er 1942 kennengelernt hatte, und kam so auch in Kontakt zu den "Candidates of Humanity", wie dieser Kreis Oppositioneller später genannt wurde. Die jungen Mediziner unterhielten sich gern auf Englisch, so entstand vermutlich der Name "Frederick" für Geussenhainer.
Zudem nahm er an Treffen in der damaligen Agentur des Rauhen Hauses am Jungfernstieg teil und traf dort Margarethe Rothe (siehe www.stolpersteine-hamburg.de), Reinhold Meyer (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) und Heinz Kurcharski. Einige von ihnen wie Hans Leipelt (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) hatten in Münchner Kontakt zur Weißen Rose gehabt und brachten deren Flugblätter nach Hamburg mit. Ob Geussenhainer und Freunde diese abschrieben und tatsächlich weiter verbreiteten, scheint nicht ganz geklärt.
Die Gestapo verfolgte die losen Zirkel als einen Hamburger Ableger der Weißen Rose. Im Juli 1943 verhaftete sie die beiden ausländischen Jungärzte Dr. Heinz Lord und Dr. John Gluck sowie Friedrich Geussenhainer. Friedrich Geussenhainer versuchte bei der Festnahme noch vergeblich zu fliehen und wurde mit Seitengewehrstichen schwer verletzt.
In der älteren Forschungsliteratur wird die Festnahme auf eine Denunziation durch eine Mitarbeiterin des Militärischen Abschirmdienstes zurückgeführt, die als vorgebliche Pazifistin in die oppositionellen Kreise eingeführt worden war. Friedrich Geussenhainers Neffe Stephan Geussenhainer, der dem zusammen mit (Lokal)Historikern nachgegangen ist, berichtet dagegen, dass die Frau, deren Name lange irrtümlich als Yvonne Dufour-Glass angegeben wurde, tatsächlich Margot Glass, geb. Tofor (?) hieß und nach eigenen Angaben, die sie nach dem Krieg machte, zwar für den Militärischen Abschirmdienst, nicht aber für die Gestapo gearbeitet habe.
Nach den Ermittlungen gegen die Verhafteten wurde kein gerichtliches Verfahren angestrengt, sondern die drei als "Schutzhäftlinge" am 6. Juni 1944 vom KZ Fuhlsbüttel gemeinsam ins KZ Neuengamme verlegt. Der überlebende Heinz Lord sagte nach dem Krieg vor der War Crimes Investigation der britischen Militärregierung aus, sie hätten gehofft, als Ärzte eingesetzt zu werden, doch die Gestapo habe verfügt, sie den schwersten Arbeitseinsätzen zuzuteilen und dies auch regelmäßig überprüft.
John Gluck und Friedrich Geussenhainer wurden am 7. Oktober 1944 von Neuengamme ins KZ Mauthausen überstellt. Dieses Konzentrationslager galt im nationalsozialistischen Lagersystem als KZ "Stufe III", d.h. dass es die schwersten Haftbedingungen aufwies. Hier wurden aus Sicht der Gestapo unbelehrbare politische Gefangene eingewiesen und bei härtester und gefährlicher Arbeit eingesetzt.
Friedrich Geussenhainer schuftete ab 13. Dezember im "Kommando Gusen". In diesem Außenlager des KZ Mauthausen sollten Häftlinge eine unterirdische Fabrik für die Firma Messerschmitt bauen, da hier perspektivisch eine 50.000m² große Rüstungsproduktionsanlage in Stollen entstehen sollte. Noch während des Baus wurde mit der Produktion des ersten Düsenjets Me 209 begonnen.
Friedrich Geußenhainer blieb hier, bis er am 3. April 1945 dem "Außenkommando Amstetten" zugeteilt wurde. Dieses Lager war erst im März eingerichtet worden, um zerstörte Gleisanlagen des strategisch wichtigen "Verschubbahnhofs" Amstetten zu reparieren. Die Unterkünfte waren mehr als unzureichend, die Häftlingen erhielten kaum Nahrung, mussten aber Schwerstarbeit leisten, und dies auch bei laufenden Luftangriffen auf die Bahnstecke. Das Lager bestand nur einen Monat. Als Friedrich Geussenhainers Gruppe dort angelangte, wurden die ersten Häftlinge bereits nach Mauthausen zurückverlegt. Am 18. April wurde das Lager aufgelöst und die restlichen Häftlinge ins Hauptlager zurückgebracht.
Das Lager wurde am 5. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Friedrich Geussenhainer – so ist der Literatur zu entnehmen – starb dort im April oder Mai in Mauthausen. Sein Neffe gab an, John Gluck, der Mauthausen überlebte, habe später seine Tante, Friedrich Geussenhainers Schwester, aufgesucht und ihr mitgeteilt, dass er Friedrich Geussenhainer nach der Befreiung dort noch lebend gesehen habe.
Die amerikanischen Soldaten hatten hunderte von Toten auf dem Lagergelände vorgefunden, weitere Ex-Häftlinge starben – wie vermutlich auch Friedrich Geussenhainer, in der Zeit danach. Sie bestatteten die Toten in etlichen Gräbern. Diese wurden in den Jahrzehnten danach aufgelassen. Das Schweizer Rote Kreuz exhumierte die Leichname, versuchte sie zu identifizieren und legte sie auf einem Friedhof auf dem Gelände des ehemaligen KZs Mauthausens zusammen. In einer der Grabstätten wurde anhand von Kleidung und Nummer auch Friedrich Geussenhainers Leichnam identifiziert. Auch er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Platz des heutigen Museums Mauthausen.
An Friedrich Geussenhainer wird seit den 1970er Jahren vielfältig erinnert:
Die Katholische Kirche zählt ihn zu ihren "Blutzeugen" aus der Zeit des Nationalsozialismus und hat ihn ins deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Seinen Namen tragen nicht nur die drei oben genannten Stolpersteine, sondern seit 1971 eine Gedenkplatte im Audimax der Hamburger Universität für die Ermordeten der Weißen Rose. Auch am Jungfernstieg am ehemaligen Sitz des Rauhen Hauses kündet eine Gedenkplatte von seinem Widerstand. In Hamburg-Volksdorf ist ein Mahnmal ihm wie anderen des Hamburger Zweigs der Weißen Rose gewidmet, und ein Gebäude des Universitätskrankenhauses Eppendorf trägt den Namen Rothe-Geussenhainer-Haus.
John Gluck, in Fuhlsbüttel und Neuengamme misshandelt und gefoltert, überlebte zwar die Haft, litt jedoch stark unter deren gesundheitlichen Folgen. Er starb am 6. Juli 1952 in Südafrika.
Heinz Lord überlebte die Katastrophe der Cap Arcona in der Lübecker Bucht. Er emigrierte 1954 in die USA, wo er sich als Arzt und in Gesundheitsorganisationen betätigte. Er starb am 3. Februar 1961 in Chicago.
Auch Albert Suhr überlebte. Er war nach Stendal verlegt worden und sollte noch am 19. April 1945 vor dem Volksgerichtshof mit anderen zusammen wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt werden. Zur Verhandlung musste er nicht mehr antreten, denn amerikanische Truppen hatten ihn am 12. April befreit. Nach dem Krieg praktizierte er zunächst in Hamburg und wurde in den 1960er Jahren wegen psychischer Probleme in eine Heilanstalt eingewiesen. In den 1980er Jahren arbeitete er in Bad Sachsa, er starb am 13. Juli 1996.
© Beate Meyer
Quellen: Angela Bottin: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität (Katalog) Hamburg 1992; Hendrik van den Bussche: Die Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus, in: Bottin/van den Bussche (Hg), Regimegegnerschaft und Verfolgung in ärztlichen und studentischen Kreisen Eppendorfs, Berlin Hamburg, 2014; Ursel Hochmuth/Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, 1933-1945, Frankfurt 1980; dies., candidates of humanity. Dokumentation zur Hamburger Weißen Rose anläßlich des 50. Geburtstages von Hans Leipelt; Helmut Moll, Friedrich Rudolf Geussenhainer, in: Ders. (Hrsg. im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Paderborn u. a. 1999/2024, S. 1750–1754; Mauthausen Memorial Archives; Exhumierungsliste der US Militärfriedhöfe in Mauthausen und Gusen (V/2/3); https://www.lernwerkstatt-neuengamme.de/medien/pdf/ha2_1_8_thm_2355.pdf; https://www.spurensuche-neumuenster.de/spuren/frederick-geussenhainer/; dort auch Interview von Stephan Geussenhainer: https://www.youtube.com/watch?v=lT1_iZHRVs0; https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Das-Konzentrationslager-Mauthausen-1938-1945/Das-Zweiglager-Gusen; https://www.mauthausen-guides.at/aussenlager/kz-aussenlager-amstetten (alle Zugriffe 15.7.2026).

