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Dr. Wilhelm Blitz * 1876

Werderstraße 65 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
DR. WILHELM BLITZ
JG. 1876
1938 "SCHUTZHAFT"
KZ FUHLSBÜTTEL
FLUCHT 1938 ENGLAND
1940 TOD

Wilhelm Blitz, geb. am 2.3.1876 in Leer/ Ostfriesland, 1938 inhaftiert im KZ Fuhlsbüttel, 1938 Flucht nach England, dort am 4.1.1940 an den Haftfolgen gestorben

Werderstraße 65

Wilhelm Blitz schnekte im März 1939 seinem Schwiegersohn Herbert Paul Hochfeld die Chronik der Familie Blitz mit den Worten "... daß er im November 1938 meine Befreiung aus dem Konzentrationslager herbeigeführt und mich in seinem Hause aufgenommen hat. Möge England ihm und seinen Nachkommen eine neue Heimat werden, mögen die Ideen der Freiheit und Menschenwürde ihnen in Zukunft die Leiden fernhalten, die in unserer früheren Heimat durch Hass, Habsucht und grausame Leidenschaften uns und unseren Glaubensgenossen zugefügt wurden."

Doch blicken wir auf die Lebenswege der Familie zurück. Wilhelm Blitz wuchs mit drei älteren Schwestern Ida (1864–gest. 1941 in Minsk), Annette (1868–1936) und Emma (1871–gest. 1942 in Theresienstadt) in Leer/Ostfriesland auf. Vier weitere Geschwister starben bereits als Säuglinge. Der zwei Jahre ältere Bruder Adolf Eduard, überlebte den 1. Weltkrieg nicht.

Der Vater, Eduard Blitz, 1840 in Wittmund geboren, ließ sich zu einem unbekannten Zeitpunkt in Leer nieder. Dort war er in der jüdischen Gemeinde sehr aktiv. Er betätigte sich viele Jahre als Lehrer an der dortigen Schule. Dann wandte er sich dem Geschäftsleben zu und gründete die lokale Konsumgenossenschaft. Er konzentrierte sich darauf, hochwertige Kleidung massenhaft zu niedrigen Preisen anzubieten, und war damit erfolgreich. Zur Mutter, Therese Thekla Blitz, geb. Eller, fanden sich keine Hinweise.

Aus unbekannten Gründen beschloss die Familie um 1886, Leer zu verlassen. Hamburg wurde ihr neues Zuhause. Die Familie ließ sich zunächst in der Neustadt nieder, wo der Vater ein Bankgeschäft betrieb. Einige Jahre später bezogen sie eine neue Wohnung im Grindelviertel, in der Heinrich-Barth-Straße. Die Eltern Blitz starben 1893 bzw. 1914 und wurden auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel bestattet.

Wilhelm Blitz setzte seine Schulausbildung, die an dem Königlichen Gymnasium Leer, dem heutigen Ubbo-Emmius-Gymnasium, begonnen hatte, in der Gelehrtenschule Johanneum fort, die er mit dem Reifezeugnis abschloss. Das anschließende Jurastudium führte ihn u.a. an die Universitäten von Berlin und Greifswald. Die juristischen Prüfungen legte er um die Jahrhundertwende in Stettin (heute Szczecin/Polen) ab. Seine Referendariatszeit führte ihn 1898 an das Amtsgericht Hamburg, wo er in unterschiedlichen Rechtsgebieten praktische und theoretische Erfahrungen sammelte. Den Schlusspunkt seines Studiums an der Uni Greifswald, setzte er im Dezember 1898 mit der Promotion zum Thema "Ueber die Ansprüche des Betrogenen aus dem Betruge beim Vertragsabschlusse".

Die Studienzeit endete mit seiner Zulassung als Rechtsanwalt in Hamburg am 31. Juli 1901. Seine berufliche Tätigkeit begann Wilhelm Blitz in der Kanzlei von Raphael Cohen, welche sich zuletzt in der Büschstraße/Neustadt befand.

Auch privat fand Wilhelm Blitz sein Glück: Er heiratete am 16. März 1903 die in Wandsbek geborene Helene Heimann (1880–gest. 1950 in Schweden). Sie war mit drei Geschwistern in der Bankiersfamilie des Hamburger Isaac und seiner aus Magdeburg stammenden Frau Margaretha, geb. Levy, aufgewachsen: Helenes ältere Schwester Harriet (1878–gest.1941 in Riga-Jungfernhof s. www.stolpersteine-hamburg.de), war mit dem Apotheker Joseph Peyser (1866–1931) verheiratet; ihr vier Jahre jüngerer Bruder Hans-Siegbert, der einen frühen Tod 1915 im 1. Weltkrieg fand und die 1888 geborene Betty Heimann, über die sich keine weiteren Spuren fanden.

Das Ehepaar Blitz bekam vier Kinder: Thea Elisabeth (1905–gest. 1975 England), Hans Egon (1906–gest. 1959 USA), Edith Margarethe (1907) und Eduard Edgar (1910–gest. 1988 Schweden). Zunächst lebte die Familie in der Rothenbaumchaussee, bis sie Mitte der 1910er-Jahre ein eigenes Mehrfamilienhaus in der Werderstraße 65/Harvestehude bezog.

Nach dem Tod von Raphael Cohen führte Wilhelm Blitz die Kanzlei fort. Tochter Thea studierte ebenfalls Jura, zunächst an der Uni Hamburg, wo sie die juristischen Prüfungen ablegte. An der Universität Freiburg absolvierte sie das Wintersemester 1924/1925. Möglicherweise lernte sie dort ihren zukünftigen Ehemann Herbert Paul Hochfeld (1903 Lemgo–gest. 1990 England) kennen. Dieser hatte sein 1922 begonnenes Studium 1924 kurzfristig aufgegeben, um Geld zu verdienen, und setzte es 1925 fort. Das junge Paar heiratete am 4. November 1930. Beide beendeten erfolgreich ihre Studien und traten Anfang der 1930er-Jahre, nach Erteilung der Zulassungen, in die Kanzlei ein. Bis zu diesem Zeitpunkt deutete alles auf ein relativ sorgenfreies Leben hin, bis im April 1933 das von der nationalsozialistischen Reichsregierung erlassene "Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft" sie traf. Die Zulassungen der "jüdischen" Rechtsanwälte wurden zurückgenommen. Nur Wilhelm Blitz durfte weiterarbeiten, da er bereits vor 1914 als Anwalt tätig gewesen war.

Doch trotz dieses Einschnittes gab es auch einen kleinen Lichtblick: Helene und Wilhelm Blitz wurden zum ersten Mal Großeltern. Die älteste Tochter Thea war schwanger und am 28.9.1933 kam Günther Leopold zur Welt. Das zweite Enkelkind wurde im Oktober 1937 tot geboren.

Der jüngste Sohn der Familie, Eduard Edgar Blitz, studierte ebenfalls Jura. Die Studien führten ihn u.a. an die Universitäten von Berlin, Grenoble/Frankreich und Hamburg. Während des Referendariats, Anfang der 1930er-Jahre, wurde er an verschiedenen Gerichten sowie bei der Staatsanwaltschaft eingesetzt. Seine Vorgesetzten bescheinigten ihm jeweils gute Leistungen. Die Fertigstellung der Dissertation erfolgte im Juni 1933: "Die Beleihung des Versicherungsscheines in der Lebensversicherung" an der Uni Erlangen. Knapp einen Monat später jedoch erhielt er die Kündigung der Landesjustizverwaltung wegen seiner "jüdischen" Herkunft. Zuvor hatte er eine Erklärung hinsichtlich seiner "arischen" Abstammung abgeben sollen. Dies konnte er nicht, wie er wahrheitsgemäß angab, denn er sei Deutscher jüdischer Abstammung und Glaubens, aber: "Einen Antrag auf Dienstentlassung stelle ich nicht", fügte er hinzu. Daraufhin teilte ihm der Präses lapidar seine Entlassung mit. Grundlage hierfür war das wenige Wochen zuvor erlassene "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums".

Wilhelm Blitz, der weiterarbeiten durften, musste die Kanzlei in der Büschstraße aus finanziellen Gründen aufgeben. Auch das Wohnhaus in der Werderstraße wurde weit unter Wert verkauft. Fortan lebte er zur Untermiete in der Lenhartzstraße 1. Er hielt jedoch noch sein Büro aufrecht und mietete sich dafür bei der Witwe des Rechtsanwaltes Ernst Goldmann in den Colonaden 36 ein. Seine letzte Büroadresse lautete Fuhlentwiete 28.

Dann bezichtigte eine Mandantin ihn der "Rassenschande". Anfang 1938 stand Wilhelm Blitz als Angeklagter vor Gericht. Nach den 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze galt u.a. außerehelicher Sexualverkehr zwischen "Juden" und "Nichtjuden" als Straftatbestand. Die Gerichtsverhandlung endete mit einem Freispruch. Jedoch inhaftierte ihn die Gestapo für neun Monate im berüchtigten Kolafu. Dies blieb nicht ohne gesundheitliche Folgen. Ende des Jahres wurde Wilhelm Blitz aus der Haft mit der Aufforderung, baldmöglichst auszuwandern, entlassen. Dank der Vermittlung und finanzieller Mittel seiner Tochter Thea bzw. deren Mann Herbert Paul Hochfeld, die mittlerweile nach England geflüchtet waren, gelang Wilhelm Blitz dies im Dezember 1938. Für Helene Blitz reichten diese Mittel nicht, sie emigrierte zum Sohn Eduard nach Schweden.

Nach Ankunft in England befand sich Wilhelm Blitz in laufender ärztlicher Behandlung. Zur den physischen Leiden kamen die psychischen, denn, wie seine Kinder nach 1945 schilderten, lag "sein Lebenswerk, seine Praxis, das Familienleben ..., alles in Trümmern, ja sogar die Möglichkeit mit seiner Frau zusammen zu leben". Die "Erlebnisse der Verfolgung waren außerordentlich schwerwiegend", so der behandelnde Arzt. An den gravierenden Haftfolgen starb Wilhelm Blitz am 4.1.1940 in einem Londoner Krankenhaus.

Blicken wir auf die Spuren der Blitz-Kinder: Hans Egon emigrierte mit seiner am 19.7.1916 geborenen Frau Evelyn, geb. Brüll (Brull), Mitte der 1930er-Jahre in die USA. Dort wurde deren Sohn Harald (Harry) Peter am 24.10.1948 geboren. Harrys Eltern starben jedoch bereits 1959 bzw. 1961. Fortan lebte Harry bei seinem Onkel John Peter Brull.

Die unverheiratete Edith Margarethe arbeitete seit Ende der 1920er-Jahre als examinierte Kindergärtnerin. Im Souterrain des Wohnhauses richtete sie einen Hort ein und betreute zunächst sechs Kinder. Ihre gute Arbeit sprach sich herum. Sie überlegte das Angebot zu erweitern und Personal einzustellen, da der Zuspruch der Eltern sehr hoch war. Das verhinderten die Nationalsozialisten. Ab 1934 durfte sie nur noch "jüdische" Kinder betreuen. Den Kindergarten gab Edith Blitz 1936 auf, nun kamen kaum noch Kinder zu ihr. Sie selbst emigrierte im März 1937 nach London/England und schlug sich als Haushaltshilfe oder als Hilfsarbeiterin in Schneidereien durch.

Eduard Edgar fand ein neues Zuhause in Stockholm/Schweden, wohin er im Juni 1936 flüchtete. In Schweden war es ihm nicht möglich, als Jurist zu arbeiten. Viele Jahrzehnte wirkte er als Geschäftsleiter in unterschiedlichen Branchen. Er heiratete 1938 und wurde Vater dreier Söhne. Nach 1945 erreichte er im Wiedergutmachungsverfahren, dass ihm ein Berufsschaden als Beamter auf Lebenszeit ab 1940 anerkannt wurde. Eduard Edgar Blitz starb 1988.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten in England, arbeiteten Thea und Herbert Paul Hochfeld in der Firma eines Verwandten. Im Laufe der Jahre orientierte Thea Hochfeld sich beruflich um und begann eine Ausbildung als Lehrerin nach der Methode Rudolf Steiners. Sie wirkte dann als Heilpädagogin mit einem sehr geringen Einkommen.

Die Ergebnisse der biographischen Spurensuche zu den drei Blitz-Schwestern Ida, Annette und Emma Blitz werden in einer separaten Biographie veröffentlicht.

© Sonja Zoder

Quellen: 1; StaH 241-2 Justizverwaltung-Personalakten A 1278, A 1394, 1395 + P 1720; StaH 241-3/51 Handakte Hülfskasse für deutsche Rechtsanwälte; StaH 332-5 Standesämter 8623-88/ 1903, StaH 351-11-460 + 3117 + 4610 + 27409 + 30218 + 32396 + 35725 + 55776 AfW; StaH 741-4/ A 251 Fotoarchiv; div. Hamburger Adressbücher; Meyer, Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933-1945, S. 192, 222, Hamburg 2007; Ladwig-Winters, Anwalt ohne Recht: Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933, S. 203, 206, Berlin 2007; Johe, Schicksal jüdischer Juristen in Hamburg im Dritten Reich, S. 11, 12, Hamburg 1985; Morisse, Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger jüdischen Juristen im Nationalsozialismus, Bd. 1, S. 128, 145, 146 und Bd. 2, S. 89; Göttingen 2013; Beykirch, Jüdisches Lernen und die Israelitische Schule Leer zu Zeiten des Nationalsozialismus, Oldenburg 2006; Bakker, Sporen van het joodse leven in Ostfriesland, 2013; UAG, Jur.Diss. I-210 Universitäts-Archiv Greifswald, Mail von B. P. vom 15.12.2016; Obenaus, Hist. Handbuch der jüd. Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band 2, S. 942, 946, Göttingen 2005; Ubbo-Emmius-Gymnasium Leer, Mail von M.P. vom 16.03.2017; URL: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Gemeinde_Leer am 30.07.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_%C3%BCber_die_Zulassung_zur_Rechtsanwaltschaft am 21.11.2016; http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I99657&nachname=BLITZ&lang=de am 04.01.2017;
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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