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Eugen Philipp Bauer * 1862

Wrangelstraße 8 (Eimsbüttel, Hoheluft-West)


HIER WOHNTE
EUGEN PHILIPP
BAUER
JG. 1862
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 4.7.1943

Eugen Philipp Bauer, geb. 16.7.1862, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, dort am 4.7.1943 umgekommen

Wrangelstraße 8, Eimsbüttel

Eugen Philipp Bauer wurde als ältestes von sieben Kindern der jüdischen Eheleute Philipp Louis Bauer und seiner Frau Clara/ Chaje Bauer, geb. Ollendorff, am 16.7.1862 in Hamburg geboren. Ihm folgten: Olga (geb. 26.12.1864), Conrad Philipp (geb. 12.2.1871), Sara Gertrud (geb. 30.5.1872), Helene Elsa (geb. 9.5.1875), Paul Ludwig (geb. 29.11.1877) und Rudolf (geb. 11.3.1880), die alle in Hamburg zur Welt kamen.

Die Familie wohnte einige Jahre An der Alster 46 im Stadtteil St. Georg. 1883 bezogen sie dann ein eigenes Haus in der Hochallee 23 im vornehmen Havestehude. 1891 allerdings wurden sie wieder Mieter, zunächst in der Hallerstraße 8 und schließlich im Jahr darauf im Frauenthal 7.

Über die Kindheit von Eugen Philipp Bauer ist uns nichts bekannt. Er erhielt später eine kaufmännische Ausbildung und wurde in der Firma seines Vaters tätig, für die er auch die Prokura erhielt.

Sein Vater Philipp Bauer war Kaufmann und führte unter dem Firmennamen Gebrüder Bauer & Co. ein Farbwaren und Chemikalien Geschäft, dass sich auf den Import von "Indigo aller Sorten" spezialisierte (Indigo = ein Blauton aus der Indigopflanze zum Einfärben von Textilien).

Die Firma, mit Sitz an der Hamburger Börse, am Pfeiler 13, war bereits von Eugen Philipps Großvater Louis Moses Bauer (gest. 3.11.1873) und dessen Bruder Moritz M. Bauer (gest. 21.9.1861), als "Farbwaaren und Baumwollgarn-Spinnerei" Am Mönkedamm 17 gegründet worden. Seit 1844 befand sich der Firmensitz in der Catharinenstraße 22 (heute Katharinenstraße) im eigenen Haus, in Hafennähe gegenüber der Speicherstadt.

Am 1. Oktober 1890 meldete Eugen Philipp Bauer als Inhaber unter dem Firmennamen Eugen Bauer ein "Indigo- und Farbwaren-Geschäft" ebenfalls unter der Adresse Catharinenstraße 22 an. Am 2. Januar 1892 gab er die Firma jedoch auf und wurde wieder in der Firma seines Vaters tätig.

Philipp Bauer verstarb zwei Jahre später, am 11. Juni 1894 nach schwerer Krankheit. Nachdem Tod seines Vaters führte Eugen Philipp Bauer die Firma zusammen mit seiner Mutter noch bis 1899 weiter. (Das Grundstück in der Catharinenstraße 22 hatte 1893 der Kaufmann Henry Loebel übernommen.) Bereits seit 1897 wohnte die Familie in der Hochallee 92. Nach der Geschäftsaufgabe zog Clara Bauer in die Hagedornstraße 29. Dort blieb sie bis zu ihrem Tode am 10. Oktober 1907 (Ihre Urne wurde auf dem Grab ihres Mannes auf dem Jüdischen Friedhof in Ohlsdorf beigesetzt).

Egon Philipp Bauer war zunächst noch mit in die Hagedornstraße 29 gezogen, lebte aber ab 1901 als Kaufmann in England in der Grafschaft Essex. Als seine Schwester Sara Gertrud Bauer am 9. Mai 1904 den Kaufmann Berthold Theiner (geb. 4.1.1862, gest. 17. Juli 1919) heiratete, reiste Eugen Philipp Bauer als Trauzeuge aus London an. Spätestens 1910 kehrte er nach Hamburg zurück. Seit dem 12. Dezember des Jahres entrichtete er als eigenständiges Mitglied Kultussteuern an die Jüdische Gemeinde.

Von 1912 bis 1916 wohnte Eugen Philipp Bauer bei seiner unverheirateten Schwester, der Lehrerin Helene Elsa Bauer, in der Curschmannstraße 8 in Eppendorf.
Eine tiefe Familienverbundenheit spricht aus allen Biografien der in Hamburg verbliebenen Geschwister Eugen Philipp Bauer, Helene Elsa Bauer und Sara Gertrud Theiner (siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

Eugen Philipp Bauer arbeitete jetzt als Versicherungsagent u. a. bei der Basler Lebensversicherung, der Norddeutschen Versicherungs AG, Wilhelm Lazarus Assekuradeur, Gust. F. Hübener und der Nordstern Lebensversicherung.

Am 18. August 1917 heiratete er die nichtjüdische Else Lucie Marie Liebke, geb. Staerker (geb. 23.2.1884). Das Paar wohnte bereits seit dem 21. Mai 1917 zusammen am Grindelberg 77.

Else Liebke war in erster Ehe mit dem verstorbenen August Wilhelm Theodor Gustav Liebke verheiratet gewesen. Sie brachte ihre Tochter Anna Elisabeth Marie Bertha Liebke mit in die zweite Ehe, die am 10.7.1902 in Hamburg geboren worden war.

Else Liebke hatte am 15.6.1905 ein zweites Kind ebenfalls mit Namen Else geboren. Zwei Tage nach der Hochzeit am 20. August 1917 erkannte Eugen Philipp Bauer Else als Vater an. Damit erhielt sie den Familiennamen Bauer. Laut einem weiteren Randvermerk auf der Geburtsurkunde adoptierte er sie zehn Jahre später am 4. Oktober 1927, vermutlich um ihr auch die Rechtstellung eines ehelichen Kindes zu verschaffen.

1918 zog Eugen Philipp Bauer mit seiner Familie in die Brahmsallee 4/ Harvestehude. Von 1920 bis 1926 lebte die Familie in der Pelzerstraße 7/ Altstadt und dann in der Emilienstraße 36/ Eimsbüttel bis 1934.

Inzwischen war Eugen Philipp Bauer erkrankt: Er litt am Grauen Star und wurde deshalb im April 1933 im Krankenhaus Eppendorf stationär behandelt. Die Krankenhauskosten waren so hoch, dass das Ehepaar am 8. Dezember 1934 einen Offenbarungseid leistete. Am 8. März 1935 diagnostizierte ein Arzt, dass – sollte er sich keiner Operation unterziehen - ihm die Erblindung drohe. Der Graue Star wurde am 5. April 1935 mit Elektroregulation im Universitätskrankenhaus Eppendorf behandelt. Eugen Philipp Bauer konnte das Krankenhaus am 22. Februar 1936 verlassen. Die Kosten konnte er nicht begleichen.

Die Wohlfahrtsbehörde schrieb deshalb seine Schwester Helene Elsa Bauer an und bat sie um Übernahme der Krankenhauskosten, was diese jedoch ablehnen musste. Sie unterstützte bereits ihren in Leipzig lebenden Bruder Rudolf Bauer und seine Familie finanziell. Schließlich übernahm das Wohlfahrtsamt die Krankenhauskosten.

Im November 1935 schwankte Eugen Philipp Bauers Monatseinkommen zwischen 20 RM und 40 RM. Vermutlich konnte er wegen seiner Augenerkrankung keiner regelmäßigen Arbeit mehr nachgehen. Die Steuerabgaben erließ das Finanzamt ihm für das Jahr 1935 ganz und für das Jahr 1936 teilweise.

Die Ehe von Eugen Philipp Bauer und Else Bauer wurde am 9. August 1935 geschieden.

Nach der Trennung von seiner Frau lebte Eugen Philipp Bauer in der Haynstraße 18/ Eppendorf zur Untermiete bei Ferdinand Steindler (geb. 5.2.1906) bis dieser ihm 1936 kündigte. In den Monaten Februar und März des Jahres 1936 musste er erneut im Universitätskrankenhaus Eppendorf wegen des Grauen Stars stationär behandelt werden.

Am 20. Februar 1936 erhielt Eugen Philipp Bauer einen Vorschuss der Nordstern Versicherung in Höhe von 50 RM, mit dem er Schulden begleichen wollte. Doch der Vorschuss ging direkt an das Krankenhaus und wurde dann von der Wohlfahrtsbehörde eingezogen. Eugen Philipp Bauers Widerspruch wurde abgewiesen. Die Versicherung bestätigte der Wohlfahrtsbehörde am 6. März 1936, dass Eugen Philipp Bauer nie ein festes Gehalt bezogen, er aber sehr wohl als Versicherungsmakler Provisionen und auch Vorschüsse für zukünftige und noch nicht abgeschlossene Verträge erhalten habe. Er erziele aber wegen seines Alters, der Herzbeschwerden und des Grauen Stars keine regelmäßigen Einkünfte mehr.

Am 16. Dezember 1936 schrieb die Wohlfahrtsbehörde Eugen Philipps Adoptivtochter Else Bauer an und forderte sie auf, sich an den Krankenhauskosten für ihren Vater zu beteiligen. Doch diese unterstützte bereits ihre Mutter, für den Vater konnte sie nicht noch aufkommen, deshalb lehnte sie ab.

Während Eugen Philipp Bauer im Krankenhaus lag, bemühten sich seine Schwestern Helene Elsa Bauer und Sara Gertrud Theiner um eine neue Unterkunft für ihn und fanden ein Zimmer in der Isestraße 69 im Erdgeschoss zur Untermiete bei Charlotte Heidemann (geb. 7.9.1890). (Sie flüchtete am 1. Juli 1938 nach Buenos Aires, wo sie am 9. Oktober 1960 verstarb.)

Seine Schwestern luden Eugen Philipp Bauer regelmäßig zum Essen ein und unterstützen ihn bei dringend benötigten Anschaffungen, da sein Geld zum Leben nicht mehr reichte.

Nach der Auskunft der Nordstern Versicherung drohte die Wohlfahrtsbehörde Eugen Philipp Bauer an, die Unterstützungsbeträge zu kürzen, denn sie verdächtigte ihn des Betrugs. Dabei hatte er der Behörde über jede Zahlung Mitteilung gemacht, was in der Akte auch dokumentiert worden war. Eugen Philipp Bauer bat die Wohlfahrtsbehörde um Verständnis für seine Notlage, doch der Sachbearbeiter wurde vom Prüfer des Außendienstes zum harten Vorgehen gegen Eugen Philipp Bauer angehalten.

Am 30. November 1936 wurde Eugen Philipp Bauer erneut in das Krankenhaus Eppendorf eingewiesen, wieder drohte die Erblindung. Das Krankenhaus konnte er am 21. Dezember 1936 verlassen, doch die Augenprobleme, die Schwierigkeiten mit der Wohlfahrtsbehörde wie auch die Scheidung bewirkten, dass sich die Herzbeschwerden verstärkten und er nun auch damit häufig ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen musste.

Am 31. Mai 1937 wurde er erneut ins Krankenhaus eingewiesen, aus dem er am 28. Juli 1937, nach erfolgter Augenoperation entlassen wurde. Seine Augenerkrankung machte im April 1938 eine weitere Behandlung im Universitätskrankenhaus Eppendorf notwendig.

Ab 1938 lebte Eugen Philipp Bauer in der Wrangelstraße 8/ Hoheluft West. Seine beiden Schwestern unterstützten ihn weiterhin regelmäßig finanziell. Doch trotzdem konnte er nun auch den Beitrag für die Krankenkasse nicht mehr entrichten und verlor den Versicherungsschutz. Er hatte Glück: Ein Arzt behandelte ihn daher unentgeltlich.

Am 28. Juni 1938 unterzog er sich einer weiteren komplizierten Operation an seinen Augen im Krankenhaus Eppendorf, wo er dann am 30. Juli 1938 entlassen wurde. Mit der Entlassung aus dem Krankenhaus endet die Fürsorgeakte der Wohlfahrtsbehörde.

Seine finanzielle Notlage versuchte er nun, mit der Untervermietung eines Zimmers auszugleichen und vermietete am 21. November 1939 ein Zimmer an einen Seemann. Doch die Mieteinnahmen reichten nicht aus. Eugen Philipp Bauer gab seine Unterkunft auf und zog am 24. Mai 1940 zu Ruth Körbchen in die Lange Reihe 111/ St. Georg. Diese wurde am 25. Oktober 1941 nach Lodz/ Litzmannstadt deportiert (ihre Biographie siehe www.stolpersteine-hamburg.de). Nun musste er am 30. Oktober 1941 in das "Judenhaus" Sedanstraße 23/ Rotherbaum umziehen.

Seine beiden Schwestern Helene Elsa Bauer und Sara Gertrud Theiner nahmen sich am 6. März 1942 das Leben. An ihrer Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel konnte er vermutlich noch teilnehmen. Mit deren Tod jedoch endeten auch die finanzielle und emotionale Unterstützung ebenso wie die warmen Mahlzeiten.

Eugen Philipp Bauer bekam einige Wochen später seinen Deportationsbefehl für Theresienstadt und musste sich am Sammelplatz an der Schule Altonaer Straße/ Sternschanze einfinden. Er wurde am Mittwoch, den 15. Juli 1942 vom Hannoverschen Bahnhof zusammen mit 925 Menschen um 8.45 Uhr nach Theresienstadt deportiert. Der Zug erreichte Theresienstadt einen Tag später am 16. Juli 1942.

Dort trotzte Eugen Philipp Bauer den menschenunwürdigen Lebensbedingungen noch fast ein Jahr. Er starb am 4. Juli 1943 an "Herzschwäche" in Theresienstadt.

Seine geschiedene Frau Else Bauer verstarb am 21. Dezember 1952 in der Isestraße 69/ Harvestehude.

Die Tochter Anna Liebke heiratete am 30. März 1930 und hieß dann Köhn. Sie ließ sich später von ihrem Mann scheiden und verstarb am 18. Juni 1975 in Hamburg.

Zum Schicksal der Adoptivtochter Else Bauer haben wir keine Kenntnis. Sie verstarb am 9. Juni 1991 in Hamburg.

Zum Schicksal der weiteren Geschwister von Eugen Philipp Bauer:
Olga Bauer (geb. 26.12.1864) verstarb am 4. April 1869 und wurde auf dem Jüdischen Grindelfriedhof beigesetzt.

Conrad Philipp Bauer (geb. 12.2.1871), verheiratet seit dem 12. Februar 1929 mit der nichtjüdischen Helene, geb. Greve (geb. 24.5.1888), verstarb am 28. März 1927 in Hamburg.

Paul Ludwig Bauer (geb. 29.11.1877), hatte am 14. Oktober 1916 die nichtjüdische Frida Emma Caroline, geb. Heylmann (geb. 16.5.1890) geheiratet. Er verstarb am 8. Juni 1918 und wurde auf den Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt.

Rudolf Bauer (geb. 11.3.1880) lebte über viele Jahre als Reisender in der Straßburger Straße 6 (heute Daumierstraße) in Leipzig. Auch seine Ehefrau Amalie Friederike Hildegard, geb. Hulsch (geb. 2.3.1891) war keine Jüdin. Vom 1. November bis zum 15. Dezember 1938 war Rudolf Bauer im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Denn Nationalsozialismus überlebte er, vermutlich dank seiner Mischehe. 1948 war er im Adressbuch von Leipzig mit der Adresse Pestalozzistraße 2 vermerkt.

© Bärbel Klein

Quellen: 1; 2; 4; 5; 7; 8; 9; StaH 111-2_B II b 172 UA 3; 331-5_3 Akte_398 / 1942; 331-5_3 Akte_762/1942; 131-15_D 16 Gustav Liebke; 232-3_H 15880 Testament von Philipp Louis Bauer; 332-3_3401/1875; 332-5_4705/1877; 332-5_1113/1880; 332-5_109/1884; 332-5_909/1892; 332-5_933/1894; 332-5_372/1901; 332-5_477/1902; 332-5_1557/1902; 332-5_1409/1905; 332-5_415/1975; 332-5_308/1904; 332-5_455/1907; 332-5_362/1916; 332-5_163/1917; 332-5_971/1918; 332-5_525/1920; 332-5_126/1927; 332-5_120/1942; 332-5_215/1942; 332-5_602/1952; 351-11_939; 351-11_14363; 351-14_939; 614-1/71_177; 741-4_K2439; 231-3_B 15460;BBA, NSDAP-Gaukartei | BArch R 9361-IX KARTEI / 17641480; Geburtsurkunde 450/1891 aus Dresden; Karteikarte aus Leipzig des jüdischen Religionsverbandes; Census zur Volkszählung; www.geni.com; www.wikipedea.de; www.ancestry.de (Einsicht am 28.9.2020); www.ancestry.de Volkszählung England 1901 (Einsicht am 28.2.2022); diverse Hamburger Adressbücher.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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