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Olga Kurtz
Olga Kurtz
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Olga Kurtz * 1905

Bramfelder Straße 106 (Hamburg-Nord, Barmbek-Nord)


HIER WOHNTE
OLGA KURTZ
JG. 1905
EINGEWIESEN 1931
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 16.8.1943
HEILANSTALT
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 24.11.1944

Olga Kurtz, geb. 9.3.1905 in Hamburg, zum ersten Mal aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 15.1.1921, am 22.5.1929 verlegt in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, am 22.1.1931 zurückverlegt in die Alsterdorfer Anstalten, am 16.8.1943 abtransportiert in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), ermordet am 24.11.1944

Bramfelder Straße 106


Marie Agnes Olga Kurtz (Rufname Olga) wurde am 9. März 1905 in Hamburg geboren. Ihre Eltern, der Arbeiter Arthur Leopold Paul Kurtz, geboren am 19. Februar 1876, und ihre Mutter, Eleonore Albertine Marie Kurtz, geborene Meyer, geboren am 12. Oktober 1879, beide geboren in Hamburg, hatten am 9. Januar 1902 in Hamburg geheiratet.

Die Familie lebte in der Bramfelder Straße 106. Olga Kurtz hatte fünf Geschwister, zwei ältere und drei jüngere. Wir wissen nichts Näheres über sie, außer dass eine Schwester schon im Alter von drei Monaten an einem Brechdurchfall starb und ein Bruder, Albert Georg Friedrich, geboren am 22. April 1908, als Soldat am 5. September 1941 zu Tode kam.

Olga Kurtz, ein sogenanntes Siebenmonatskind, lernte erst mit drei Jahren sprechen und konnte mit fünf Jahren nur schlecht gehen. Sie besuchte die Volksschule bis zur dritten Klasse (die erste Klasse war damals die höchste) und musste zwei Jahrgangsstufen wiederholen. Die Familie muss in prekären Verhältnissen gelebt haben.
Seit 1917 traten bei ihr epileptische Anfälle auf, die zunächst im Krankenhaus Barmbek behandelt wurden. Die Ärzte vermuteten, dass die Anfälle durch Schwäche infolge von Unterernährung verursacht worden waren. Der Physikus der Hamburger Allgemeinen Armenanstalt wies das Mädchen in die damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) ein, wo es am 15. Januar 1921 aufgenommen wurde.

Zunächst war Olga Kurtz als fleißige Helferin auf der Krankenstation tätig. Ab Herbst 1921 erhielt sie im Krankenhaus mehrere Wochen eine Opium-Brom Kur zur Behandlung ihrer Epilepsie. Über die Wirkung dieser Behandlung ist in der Patientenakte nichts vermerkt. Danach musste sie wiederholt wegen Magen- und Darmkatarrhs in der Krankenstation aufgenommen werden. 1924 soll sie unregelmäßig gearbeitet haben, oft trotzig und leicht beeinflussbar gewesen sein. Sie wollte "vom Arzt eine Spritze haben, von der sie ‚wegbliebe‘". In den folgenden Jahren leistete sie wieder Hausarbeit, ging aber lt. Patientenakte "langsam zurück", was wohl hieß, dass sie geistig, vielleicht auch körperlich, abbaute.

Anfang 1926, als Olga Kurtz 20 Jahre alt war, schrieben die Alsterdorfer Anstalten ihrem Vater, dass seine Tochter oft Krämpfe habe und sehr niedergedrückt sei. Sie leide besonders darunter, dass ihre Eltern sich nicht um sie kümmerten und äußere Suizidgedanken. Sie baten um den Besuch zumindest eines Elternteils in der Hoffnung, dass dies einen positiven Einfluss auf die junge Frau haben würde. Ob diese Bitte befolgt wurde, wissen wir nicht. Jedenfalls verschlechterte sich Olga Kurzts Zustand weiter.

Im Jahr 1929 wurde Olga Kurtz als unverträglich, häufig verwirrt und kaum noch arbeitsfähig beschrieben. Zudem habe sie wiederholt geäußert, des Lebens überdrüssig zu sein. Daraufhin erklärten die Alsterdorfer Anstalten, die Patientin sei für die Anstalt nicht mehr geeignet.

Olga Kurtz wurde am 22. Mai 1929 in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg überstellt. Bei der Aufnahme war sie "ruhig und willig" und konnte zusammenhängend von ihrem bisherigen Leben und ihrer Krankheit berichten. Sie gab an, in letzter Zeit immer Luminal, ein Barbiturat, bekommen zu haben. Doch die Anfälle seien nicht seltener aufgetreten. Auch hier erklärte sie, dass sie am liebsten "unter der Erde" sein möchte. In Friedrichsberg traten oft Anfälle auf, etwa alle acht bis zehn Tage mit ein bis zwei Anfällen am Tag. Sie wurde nun als "erheblich dement, dabei recht euphorisch" beschrieben.

Nach diversen Behandlungsversuchen u.a. mit einem neuen Antiepileptikum und unterschiedlich dosierten Luminalgaben beobachtete das Personal Anfang 1931 einmal wöchentlich Anfälle und die Leitung der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg erklärte, dass Olga Kurtz seit vielen Monaten harmlos und gut lenkbar sei. Sie verhalte sich freundlich, bescheiden, ruhig und dankbar und könne in die Alsterdorfer Anstalten zurückverlegt werden, was auch ihrem Wunsch entspräche.

Am 9. April 1931 wurde Olga Kurtz wieder in den Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Anfänglich schien sie freundlich, gefällig und zufrieden. Nach Krampfanfällen war sie jedoch schwerfällig und verstimmt. Laut Eintragung in der Patientenakte hatte sie keine Lust, sich in irgendeiner Weise zu beschäftigen und ließ sich gern bedienen. Obwohl sie in der Körperpflege selbstständig war, musste Olga Kurtz vollständig angekleidet werden. Sie verlangte, dass ihr Bett und vieles andere für sie gemacht würde, denn die Kranken seien in Alsterdorf nicht zum Arbeiten da. So verliefen auch Versuche, sie mit Stopfarbeiten und Weben zu beschäftigen, weitgehend erfolglos. Immer wieder wurde über ihr starkes Schlafbedürfnis berichtet, das zu einer reduzierten Wahrnehmung ihrer Umgebung führte.

Im September 1933 soll sich ihr Wesen verändert haben: Sie war lebhaft und aufmerksam, jedoch weiterhin sehr müde, wenn sie mit ihren Handarbeiten fertig war. 1934 wurde von fortlaufenden Versuchen ihrerseits berichtet, insbesondere jüngeren Mitpatientinnen Anweisungen zu erteilen und diese zu erziehen, aber auch zu ärgern.

Nach den weiterhin auftretenden Krampfanfällen nahm Olga Kurtz jeweils für längere Zeit ihre Umwelt nicht wahr. Im Herbst 1936 erhielt sie zwei- bis dreimal täglich das Medikament Prominal zur Reduzierung bzw. Abschwächung der epileptischen Anfälle. Dieses Medikament sollte laut Deutscher Medizinischer Wochenschrift von 1932 der Behandlung mit Luminal überlegen sein und die epileptischen Anfälle reduzieren bzw. abschwächen. Bei Olga Kurtz traten danach jedoch zwei bis drei schwere Anfälle täglich auf. Im Gegensatz zur Zeit vor der Gabe von Prominal nässte und schmutzte sie nun auch oft ein. Nach Versuchen mit einem anderen Medikament erhielt Olga Kurtz ab Ende 1940 wieder Luminal. Über die weitere medikamentöse Behandlung fehlen Einträge in der Akte.

Eleonore Albertine Marie Kurtz, die Mutter von Olga Kurtz, starb am 19. Juni 1937 im Allgemeinen Krankenhaus Barmbek. Wir wissen jedoch nicht, ob die Tochter davon erfuhr.

Im Jahr 1941 wurde in der Patientenakte vermerkt, dass sich der Zustand von Olga Kurtz gebessert habe. Die Anfallshäufigkeit habe nachgelassen. Nach einer Phase unermüdlichen Fleißes sei ihr Interesse jedoch erloschen und der Umgang mit ihr wieder schwierig geworden. Zusammenfassend wurde Anfang Januar 1943 Folgendes geschrieben: "Pat. [ientin] ist Epileptiker, selbstständig, sauber und eigen in der Körperpflege und in ihren Sachen. Sie wird auf der Garderobe mit leichter Hausarbeit beschäftigt, ihre Leistungen sind gering, hängen von ihrem Gesundheitszustand ab. Sie ist sehr pedantisch, äußerst langsam in ihren Bewegungen und Handlungen, leicht gereizt, hat aber keine Erregungszustände mehr. Sie ist gutmütig und verträglich."

Der letzte Eintrag in Olga Kurtz‘ Patientenakte datiert vom 16. August 1943 und stammt von dem Anstaltsarzt und SA-Mitglied Gerhard Kreyenberg: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch Fliegerangriff verlegt nach Wien."

Durch die schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde die Gelegenheit, sich eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, durch Abtransporte in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Mit einem dieser Transporte wurden am 16. August 1943 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" in Wien (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") "verlegt". Unter ihnen befand sich die mittlerweile 35-jährige Olga Kurtz.

Am Tag ihrer Ankunft in der Wiener Anstalt erlitt Olga Kurtz mehrere Anfälle von zwei bis drei Minuten Dauer mit Krämpfen und Zuckungen. Bei ihrer Aufnahme hatte sie erklärt, das Leben freue sie nicht mehr und ihre Eltern kämen auch nicht mehr. Sie war örtlich und zeitlich orientiert, hielt sich dann meist ohne Beschäftigung im Tagesraum auf, blieb abgesondert und gab auf Fragen keine Antwort.

Im März 1944 füllten die Wiener Anstalten den "Meldebogen I” aus. Mit diesem mussten sie während der ersten Euthanasiephase von 1939 bis 1941 wichtige Daten der Anstaltsinsassinnen und -insassen an die Euthanasiezentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin melden. Die Angaben auf diesen Meldebögen waren die Entscheidungsgrundlage dafür, ob Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Krankheiten in einer der sechs Gasmordanstalten umgebracht werden sollten. Über Olga Kurtz wurde die Diagnose "Epilepsie bei Imbezillität” eingetragen und vermerkt, dass sie für Arbeit "unverwendbar" sei. Die Krankenakte gibt keinen Aufschluss darüber, welches Ziel mit diesem Meldebogen, lange nach der zentralen Steuerung der Krankenmorde erstellt, verfolgt wurde. Es ist unklar, ob er nach Berlin geschickt wurde bzw. ob er Einfluss auf das weitere Schicksal von Olga Kurtz hatte.

Am 17. Juni 1944 teilten die Wiener Anstalten dem Vater von Olga Kurtz mit, dass es seiner Tochter gut gehe. Sie sei körperlich unverändert, habe aber durchschnittlich zehn Anfälle pro Monat. Ihr Körpergewicht schwanke um 47 kg. Obwohl der Brief anscheinend zur Beruhigung gedacht war, enthält er doch ein Warnsignal. Olga Kurtz wog bei ihrer Verlegung nach Wien noch 60 kg. Sie hatte also innerhalb von zehn Monaten 22 % ihres Körpergewichts verloren.
Am 8. November 1944 wurde Olga Kurtz in den Pflegebereich der Wiener Anstalt verlegt, oft die letzte Station der Patientinnen vor ihrem Tod. Am 22. November lautete der Eintrag in ihrer Akte: "In Bettruhe, desorientiert, pflegebedürftig, schwach, verloren, […]. Hat epileptische Anfälle."

Olga Kurtz starb am 24. November 1944.

Die Chefärztin und Pathologin Barbara Uiberrak, die seit 1938 an der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in Wien tätig war, nahm noch am selben Tag die Sektion des Leichnams vor. Dabei untersuchte sie insbesondere das Gehirn, die Lunge und das Herz, wie dem Sektionsprotokoll zu entnehmen ist. Leber, Milz und Nieren wurden nicht erwähnt. Der Wiener Historiker Peter Schwarz fand in den Obduktionsbefunden der Prosektorin Barbara Uiberrak "niemals eine Beschreibung des (schlechten) äußeren Zustandes einer Leiche”, was der allgemeinen Gepflogenheit widerspricht. Ob, wie in vielen anderen Fällen Organe für pseudowissenschaftliche Zwecke entnommen wurden, ist nicht vermerkt.

Seit 1943 wurden in der Wiener Anstalt von rund der Hälfte aller sezierten Leichen die Gehirne für histologische Untersuchungen entnommen und ein Teil in der hirnanatomischen Sammlung verwahrt. Noch bis 2002 enthielt diese Sammlung 700 Gehirne, die bei Sektionen entnommen worden waren.

Stand: Februar 2026
© Ingo Wille

Quellen: StaH 332-5 Standesämter 1444 Geburtsregister Nr. 504/1905 (Marie Agnes Olga Kurtz), 2988 Heiratsregister Nr. 6/1902 (Arthur Leopold Paul Kurtz/ Eleonore Albertine Marie Meyer), 7198 Sterberegister Nr. 1094/1937 (Eleonore Albertine Marie Kurtz). Ev. Stiftung Alsterdorf Archiv Sonderakte V 169 (Olga Kurtz). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-371. Peter von Rönn, Der Transport nach Wien, in: Peter von Rönn u.a., Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 425-467. Peter Schwarz, Die Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Markus Rachbauer, Florian Schwanninger (Hg.), Krieg und Psychiatrie, Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Innsbruck/Wien 2022.
Zu Prominal: Deutsche Medizinische Wochenschrift Nr. 58/1932 S. 696-698 Zusammenfassung (https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0028-1122960, Internetzugriff 25.1.1926)

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