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© Privat

Lina Bernstein (geborene Gattel) * 1869

Parkallee 2 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
LINA BERNSTEIN
GEB. GATTEL
JG. 1869
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 11.4.1943

Weitere Stolpersteine in Parkallee 2:
Herta Fabian

Lina Bertha Bernstein, geb. Gattel, geb. 27.5.1869 in Sommerfeld, Oberlausitz, am 19.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, dort gestorben am 11.4.1943

Parkallee 2

Lina Bertha Bernstein, schloss am 14. Juli 1942, 73 Jahre alt, mit dem ihr verbliebenen Vermögen von 24.000 RM einen "Heimeinkaufsvertrag" ab. Mit solchen Verträgen gaukelte die Gestapo den über 65-jährigen deutschen Jüdinnen und Juden vor, dass sie künftig als Gegenleistung in einem Altersheim in Theresienstadt lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung erhalten würden.

Am 19. Juli 1942 bestieg Lina Bernstein mit ca. 800 anderen Personen aus dem norddeutschen Raum den Zug nach Theresienstadt, nicht wissend welche Zustände an diesem Ort, weit weg von ihrer Wohnadresse in Hamburg, dort herrschten. Tatsächlich fanden die Deportierten total überfüllte und kaum beheizbare Wohnstätten, Mangelernährung und völlig unzureichende ärztliche Versorgung vor. Lina Bertha Bernstein starb dort am 11. April 1943.

Bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen, hatte sie in relativem Wohlstand gelebt. Sie war am 27.5.1869 in Sommerfeld/Niederlausitz (heute Lubsko, Polen) geboren worden. Ihre Eltern Lazarus Gattel und Henriette, geb. Wolfski, stammten aus Fraustadt/Südpreußen (heute Wschowa, Polen). In diesem Zentrum der deutschen Tuchindustrie fanden Lazarus und Wilhelm Gattel, der 1865 geborene Bruder von Lina, ihr berufliches Betätigungsfeld. Im Jahre 1862 firmierte Lazarus Gattel als Gesellschafter der Firma Wolfski in Sommerfeld und baute dort eine eigene Hutfabrik auf. Die drei Brüder Moritz, Bruno Leopold und Borchard Gattel, Vettern von Lina, gründeten in Berlin die bald bekannte und erfolgreiche Hutfabrik Gattel.

Lina Bertha Gattel hatte den ebenfalls jüdischen Adolf Bernstein kennengelernt, der am 5.6.1864, in Kirchohsen, Kreis Hameln, geboren worden war. Hinter ihm lag bereits eine erste Ehe mit Susanne Blumenthal, aus der neun Kinder hervorgegangen waren. Adolf Bernstein heiratete am 5. Juni 1904 in zweiter Ehe Lina Bertha, das Ehepaar Bernstein ließ sich in Hamburg nieder, und am 8.2.1906 kam ihr gemeinsames Kind Ruth Ingeborg zur Welt.

Adolf Bernstein baute in der Süderstraße 43/47 die Hamburger Bleiwerk AG auf, eine gut gehende Metall-Fabrik. Das Ehepaar kaufte ein Haus in der Parkallee 2 und bezog dort eine Wohnung. Ein Familienmitglied beschrieb den ersten Stock später so: "Es gab ein großes Wohnzimmer mit anschließendem Wintergarten, ein Speisezimmer mit Balkon, ein großes Schlafzimmer und ein Fremdenzimmer; in zwei weiteren Zimmern wohnte die Tochter Ruth Ingeborg Meyer mit ihrem Sohn Ralph. Alle Zimmer waren mit schweren Möbeln und wertvollen Orientteppichen ausgestattet."

Die Tochter Ruth Ingeborg übersiedelte mit ihrem ersten Mann Leonhard Meyer nach London. 1925 wurde dort ihr Sohn Ralph geboren. 1926 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, die Ehe wurde bald darauf geschieden. Ruth und Sohn Ralph zogen wieder in die Parkallee 2.
In den 1930er-Jahren erkrankte Adolf Bernstein, als sein Gesundheitszustand sich verschlechterte wurde ein Pfleger eingestellt. 1932 starb Adolf Bernstein.

Lina Bernstein musste ab 1933 die zunehmend negative Veränderung ihrer Lebenssituation, verursacht durch immer neue einschneidende Gesetze und Bestimmungen der regierenden Nationalsozialisten allein bewältigen, denn Tochter Ruth heiratete in zweiter Ehe Ernst Karger mit emigrierte mit ihm 1934 nach Großbritannien.

Ihr Sohn Ralph Meyer blieb zunächst in Hamburg bei der Großmutter Lina. Von 1931 bis 1936 besuchter er die staatliche Schule Binderstraße. 1936 wechselte er auf die Talmud Tora Schule. Er wollte eigentlich studieren, Ingenieur werden und in der Metallfabrik des Großvaters arbeiten. Als aber als die politischen Verhältnisse immer bedrohlicher wurden, brachte ihn die Haushälterin 1936 nach England zu seiner Mutter und dem Stiefvater. Die nichtjüdische Hausangestellte Helene Zietschmann arbeitete seit 1914 bei der Familie Bernstein und hielt während der NS-Zeit treu zu Lina Bernstein. Es gelang Helene Zietschmann auch, Ruth Ingeborg heimlich einen Teil von Linas Schmuck mitzubringen.

Nachdem sich die Familie Karger in Großbritannien vergeblich um ein Visum für die USA bemüht hatte, wanderte sie nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 nach Manila aus. Nur Ralph konnte 1940 mit einem Studentenvisum in die USA einreisen. Seine Mutter Ruth Ingeborg blieb in den Philippinen. Sie war zwar den Nationalsozialisten entkommen, wurde aber dort von der verbündeten japanischen Besatzungsmacht 1945 erschossen. Über das Schicksal des Stiefvaters ist nichts bekannt.

In Hamburg zurück geblieben, bezog Lina Bernstein 1936 ein Zimmer in der Schlüterstraße. Dafür musste sie ihren Haushalt drastisch verkleinern. Einen Teil der Möbel verschenkte sie an die Haushälterin. Den Rest verkaufte sie – teilweise weit unter Wert – an die Wohnungsnachfolger, teils lagerte sie sie bei einem Unternehmen ein. Die Lagerscheine erhielt die Haushälterin, die darüber schweigen musste, da derartige Vermögenszuwendungen durch Juden nicht erlaubt waren. Ein späterer Bombenangriff vernichtete das Lagergut.

Lina Bernstein geriet aufgrund der NS-Finanzpolitik nun auch finanziell immer mehr unter Druck: Der Betrieb Hamburger Bleiwerk AG wurde 1938 "arisiert", sie musste die Immobilie Parkallee 2 und zwei weitere Grundstücke verkaufen, um Judenvermögensabgaben, Einkommenssteuerzuschläge, Judengrundsteuern und Zwangsverwaltungskosten entrichten zu können, zudem hatte sie – wie alle Jüdinnen und Juden – Wertpapierdepots zu übertragen und wertvollen Schmuck abzugeben.

Laut Kultussteuerkartei der Jüdischen Gemeinde zog Lina Bernstein ab 1937 mehrmals in Hamburg um. Als am 30. April 1939 der Mieterschutz und die freie Wohnungswahl für Juden entfiel, wechselte sie in die Haynstraße 10, dann in die Haynstraße 7, ein "Judenhaus". Die nächsten Adressen lauteten Oderfelderstraße 2, Curschmannstraße, Parkallee 2, 4. Stock, und ab 1940 Mittelstraße 85. Danach wohnte sie in der Innocentiastraße 37.

Ab 19. September 1941 musste sie wie alle Jüdinnen und Juden einen "Judenstern" tragen. Ein halbes Jahr später erhielt sie dann den Befehl zur "Verlegung ihres Wohnsitzes" in das Altersgetto Theresienstadt. Der zweite Großtransport von Hamburg nach Theresienstadt verließ den Hannoverschen Bahnhof am 19. Juli 1942. Unter den Deportierten befanden sich auch Juden aus den umliegenden Städten und Gemeinden. Die Hamburger Betroffenen wurden zunächst in das Gebäude der Volksschule in der Schanzenstraße gebracht, das als Sammellager diente. Ihr Gepäck durfte maximal 50 Kilogramm wiegen, alle darüber hinausgehenden Besitztümer mussten zurückgelassen werden. Im Sammellager mussten die Deportierten eine entwürdigende Durchsuchung über sich ergehen lassen. Dann zwang man diejenigen, die noch Vermögen besaßen, zum Unterzeichnen des oben erwähnten Heimreinkaufsvertrages, mit dem sie ihren gesamten Besitz dem Deutschen Reich überschrieben.

Der Deportationszug erreichte sein Ziel am 20. Juli 1942. Neun Monate später, am 11. April 1943, starb Lina Bertha Bernstein. Ihr Stiefsohn Emil Bernstein gab später an, sie sei an Hungertyphus verstorben.

An Lina Bertha Bernstein erinnert ein Stolperstein in der Parkallee 2.


Welches Schicksal erlitten Lina Bernsteins Stiefkinder?

Der jüngste Stiefsohn Max Bernstein, geb. am 29.1.1896, arbeitete als einziger aus der Familie in der väterlichen Metallfirma. Im April 1938 wurde er auf Grund einer Denunziation der "Rassenschande" mit seiner langjährigen nichtjüdischen Verlobten Erbina Mahnke bezichtigt und in "Schutzhaft" genommen. Das Amtsgericht vermerkte am 27. April 1938, dass der Häftling "als Jude getrennt zu halten" sei, er also wohl in Einzelhaft saß. Etwa ein halbes Jahr musste er sich den unwürdigen Bedingungen des Gefängnisses unterwerfen, wo ihm z.B. die Bitten um einen Füllfederhalter (am 9.7.1938) und um einen großen Schreibpapierbogen für seinen Sonntagsbrief abgelehnt wurden (am 26.7.1938).

Am 14. Oktober 1938, am Tag der Hauptverhandlung, wurde er am Sievekingplatz 4 (Untersuchungsgefängnis) in seiner Zelle tot aufgefunden. Der Anstaltsarzt bescheinigte "Selbsttötung durch Erhängen" und notierte in seinem Bericht "Die Tat ist geschehen aus Verzweiflung und aus Angst vor Strafe." Auf Grund der Nürnberger Rassengesetze vom September 1935 drohte Max eine Verurteilung von bis zu 15 Jahren Zuchthaus, im schlimmsten Fall die Todesstrafe.

Im Jahre 1957 wurde die seit 1935 bestehende Beziehung von Max Bernstein zu Erbina Mahnke nachträglich offiziell von den Behörden gemäß des Gesetzes über die Anerkennung freier Ehen rassisch und politisch Verfolgter vom 23.6.1950 als Ehe anerkannt.

Die jüngste Stieftochter Martha Bernstein, geb. am 18.9.1897, hatte in erster Ehe Manfred Nathan geheiratet und 1925 den Sohn Gerd Martin Nathan geboren. Dieser besuchte zunächst in die Schule Papendamm 5, wechselte aber 1935 auf die Talmud Tora Schule. Manfred Nathan starb im Oktober 1936.

Martha arbeitete als Krankenschwester. Da die politische Situation immer bedrohlicher wurde, gab sie ihren Sohn am 1. Dezember 1938 auf einen Kindertransport nach Großbritannien. Sie selbst hoffte, bald nachzukommen. Im April 1939 wurde sie jedoch verhaftet und nach Fuhlsbüttel in "Schutzhaft" gebracht, angeblich weil sie einen "Arier" als Untermieter aufgenommen hatte. Sie wurde im August 1939 freigelassen mit der Auflage sofort auszureisen. Es gelang ihr die Flucht nach England. 1941 heiratete sie dort in zweiter Ehe den Norweger Pederson.

Linas Stiefsohn Emil Bernstein, geb. am 4.4.1893, besuchte bis zur Mittleren Reife die Jacobsonschule in Seesen. Diese 1801 gegründete Einrichtung war die erste dortige Schule, in der jüdische und christliche Kinder gemeinsam unterrichtet wurden. Ziel Israel Jacobsons war es, den Kindern jüdischer Bürger Berufe in Landwirtschaft und Handwerk zugänglich zu machen. Emil Bernstein schloss eine 2½jährige Lehre zum Getreidekaufmann ab.

Anfang 1914 reiste er nach London, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern. Als der Erste Weltkrieg begann, wurde er in Newbury, Großbritannien, interniert.
Er kehrte über die Niederlande nach Hamburg zurück und lebte zunächst auch in der Parkstraße 2. Beruflich orientierte er sich neu und gründete einen Betrieb zur Verwertung alter Emballagen (Verpackungen).

1926 geriet Emil mit seiner Firma in wirtschaftliche Schwierigkeiten. In diesem Jahr heiratete er die nichtjüdische Berta Crome und überschrieb die Firma auf ihren Namen, um die Möglichkeit der Weiterarbeit zu haben. Nach dem Tod des Vaters Adolf Bernstein im Jahre 1932 zerstritt er sich mit seinem Bruder Max. Emil, der sich und die anderen Erben Adolf Bernsteins durch Max erheblich benachteiligt fühlte, verklagte ihn 1934 wegen Betruges. 1937 jedoch wurde Emil selbst von einem ehemaligen Mitarbeiter seiner Fassverwertungsfirma, der inzwischen ein Konkurrenz-Unternehmen gegründet hatte, wegen Verleumdung angezeigt und verurteilt. Er war nach eigenen Angaben zuerst in Glasmoor bei Hamburg inhaftiert, wurde dann ein Opfer der "Juni-Aktion 1938". Diese Verhaftungsaktion, die sogenannte Arbeitsscheue betraf, sollte auch männliche Juden einbeziehen, die in der Vergangenheit wegen Bagatelldelikten angeklagt worden waren und mindestens eine Haftzeit von einem Monat hatten verbüßen müssen. Sie wurden nun in ein Konzentrationslager verbracht, Emil. wie die anderen norddeutschen Verhafteten – kam nach Sachsenhausen. Nach fünf Monaten wurde er entlassen.

Seine Frau hatte sich inzwischen zusammen mit ihrer Schwester beim Reichssippenamt um seine Anerkennung als "Mischling ersten Grades" bemüht. Das gelang zunächst. Doch am 25. Juni 1942 erklärte ihn ein offizieller Abstammungsbescheid zum Juden, und er musste den "Judenstern" tragen. Aufgrund seiner Mischehe wurde er von der Deportation zurückgestellt, bis im Februar 1945 auch die in Mischehen lebenden Jüdinnen und Juden den "Arbeitseinsatzbefehl" nach Theresienstadt erhielten. Dort befreite ihn dann die Rote Armee.


Stand: August 2019
© Susan Johannsen

Quellen: StaH: 213-13_13605 (Lina Bernstein); 242-1II_Abl.12,25 (Max Bernstein); 351-11_47290 (Ralph Meyer); 351-11_934 (Adolf Bernstein); 351-11_14864 (Emil Bernstein); 351-11_47316 (Gerd Martin Nathan); Kultussteuerkartei; www.statistik-des-holocaust.de; www.luckauer-juden.de; www.wike-de.genealogy.net: Amtsblatt der königl.Preuß.Reg.zu F.a.O.; jbc.jelenia-gora.pl: Verzeichnis der in Hirschberg wohnenden Judenfamilien; db.yadvashem.org/deportation/transportDetails; www.spinnenwerk.de/gattels.pdf; www.thefedoralounge.com; www.carl.kulturen.com; Frank Bajohr: "Arisierung" in Hamburg, Hamburg 1997; Beate Meyer: Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933–1945; ancestry; geni; myheritage.

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