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Porträt Adolf Blankenstein
Adolf Blankenstein
© Privat

Adolf Blankenstein * 1872

Sierichstraße 98 (Hamburg-Nord, Winterhude)


HIER WOHNTE
ADOLF BLANKENSTEIN
JG. 1872
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
TOT 28.3.1943

Adolf Blankenstein, geb. am 11.10.1872 in Aachen, am 24.2.1943 nach Theresienstadt deportiert, dort gestorben am 28.3.1943

Sierichstraße 98

"Durch die glückliche Geburt eines kräftigen Knaben wurden hoch erfreut Philipp Blankenheim [!] und Frau." Mit dieser Anzeige im "Echo der Gegenwart" gab der Aachener Kaufmann Philipp Blankenstein (1834-1894) die Geburt seines dritten Sohnes Adolf bekannt. Mit seiner Frau Julia, geb. Waldheim (1843-1918), einer gebürtigen Hamburgerin, hatte er fünf Kinder: Maximilian (geb. 1867), Anna Henriette (geb. 1868), Felix (geb. 1870), Adolf (geb. 1872) und Robert. Bei dessen Geburt 1874 hieß es dann "Statt besonderer Anzeige: Schon wieder ein Junge!" .

Im Aachener Adressbuch von 1899 ist die Firma Ph. Blankenstein, Agentur und Commission, eingetragen. "Hauptartikel: Käse, Margarine, Naturbutter, Häringe, Fischconserven etc.". Als Inhaber waren Adolfs Brüder Felix und Robert verzeichnet.

Über Adolf Blankensteins Kindheit und Jugend ist nichts bekannt, aber vermutlich hat er auch eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Mit 24 Jahren – 1896 – zog er nach Hamburg, um in das Geschäft seines Onkels Leo Henry Waldheim einzusteigen. Dieser besaß eine Im- und Exportfirma für Eisenwaren, Chemikalien und Öle und war ein Bruder von Adolfs Mutter Julia. In den ersten Jahren wohnte Adolf zusammen mit dem Onkel bei der Großmutter Sophie Waldheim, bis er im Jahr 1900 zu seiner Tante Ida Wagner, geb. Waldheim, zog, einer Schwester seiner Mutter. Diese hatte eine Tochter namens Alice, Adolfs Kusine. Sie lebte mit in dem Haushalt, bis sie 1919 Emil Hammerschlag heiratete (s. www.stolpersteine-hamburg.de Alice und Emil Hammerschlag).

Leo Henry Waldheim unterstützte seine Schwester Ida Wagner (1861-1936) finanziell und bestritt auch die Kosten für den Haushalt seiner Mutter Sophie Waldheim. Adolf wurde Mitinhaber des Geschäftes und führte es nach dem Tod Henrys 1910 allein fort, wobei er auch die finanzielle Sorge für die Verwandten übernahm.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Firma bankrott. Alice Hammerschlags Tochter Hilde, 1921 geboren, erinnert sich, dass Adolf in den 1920er und frühen 1930er Jahren als Vertreter für die am Bodensee ansässige Firma Allweiler Pumpen in Nord- und Westdeutschland tätig war. Er wartete und verkaufte die ersten elektrischen Pumpen auf Schleswig Holsteins Bauernhöfen. Hilde nahm er auf diesen Fahrten häufig mit. Sie denkt gern an diese Ausflüge zurück und liebte ihren "Onkel Adolf", der nicht verheiratet war, sehr. Er kümmerte sich um sie wie ein Vater, und noch heute, im Frühjahr 2021, steht ein Foto von ihm auf ihrer Schlafzimmerkommode.

Adolf Blankenstein wohnte in demselben Häuserblock in der Sierichstraße wie Alice und Emil Hammerschlag und wurde als das Familienoberhaupt angesehen. Der Zusammenhalt war eng, und Adolf ein fürsorglicher und großzügiger Mann. Als Alice und Emil Hammerschlag die Miete für ihre Wohnung nicht mehr aufbringen konnten, nahm er die kleine Familie nach dem Tod von Ida Wagner bei sich auf und unterstützte sie auch finanziell.

Adolf Blankensteins Kusine Violet Roditi Waldheim lebte in England. Adolf und Alice Hammerschlag bemühten sich gemeinsam um eine Ausreisemöglichkeit für Alices Tochter Hilde und baten auch Violet um Mithilfe. Hilde gelangte schließlich im Januar 1939 mit einem Kindertransport nach England.

Als Adolfs Neffe Alfred Blankenstein, Sohn seines Bruders Max, im Sommer 1940 in den deutsch besetzten Niederlanden verhaftet und in das Gefängnis nach Aachen überstellt wurde, erkundigte er sich sofort nach einer Möglichkeit, ihn dort zu besuchen.

Im Dezember 1940, das ihm zugebilligte Monatsbudget betrug nur 300 RM (Reichsmark), beantragte er zusätzliche 100 RM "für Weihnachtsgeschenke". Die Summe wurde genehmigt. Auf dem Formular befindet sich der Zusatz "Diese Genehmigung berechtigt nicht zur Bezahlung von Reisekosten und nicht zu Ueberweisungen nach Holland". Das legt den Schluss nahe, dass er auch seinen in die Niederlande geflüchteten Verwandten mit Geldzuwendungen zu helfen versuchte.

Als Mitglied und zeitweiliger Vorsitzender des Hamburger Stadtclub von 1910 e.V., der sein Vereinslokal im Hamburger Hof am Jungfernstieg hatte, ging Adolf Blankenstein seiner Leidenschaft, dem Skat- und Bridgespielen nach. Nach Hildes Erinnerung waren auch der Musiker und Komponist Richard Strauss sowie der Chirurg Ernst Ferdinand Sauerbruch unter seinen Spielpartnern. Dank dieser Verbindung soll Sauerbruch 1938 Violet Roditis Sohn durch eine Operation das Leben gerettet haben.

Adolf Blankenstein und Emil Hammerschlag besaßen gemeinsam ein Mietwohngrundstück in der Fuhlentwiete, Ecke ABC-Straße. Im August 1939 mussten sie dieses verkaufen. Der Käufer übernahm die laut Kaufvertrag auf dem Grundstück lastenden Schulden. Nach Abzug diverser Gebühren betrug der Verkaufserlös ca. 7000 RM (Reichsmark). Die Summe wurde auf ein gemeinsames Sperrkonto der beiden Männer überwiesen. Seit Februar 1940 unterstanden Adolf Blankenstein und Emil Hammerschlag einer "Sicherungsanordnung". Von nun an durften sie nicht mehr frei über ihr Eigentum verfügen, sondern ihnen wurde eine festgesetzte Summe für den monatlichen Lebensunterhalt bewilligt. Sonderausgaben mussten extra beantragt werden.

Adolf Blankenstein besaß zu diesem Zeitpunkt noch ein "Vermögen" von ca. 6000 RM. Seine monatlichen Ausgaben gab er mit 305 RM an, bewilligt wurden ihm 300 RM. Die Dresdner Bank richtete ein "beschränkt verfügbares Sicherungs-Konto" für ihn ein. Adolf musste per Einschreiben Vordrucke verschicken, dass Zahlungen an ihn nur noch auf dieses Konto erfolgen dürften und "daß Barzahlungen an mich oder zu meinen Gunsten an Dritte nicht mehr zulässig sind. Die Devisenstelle hat mich darauf hingewiesen, daß Zuwiderhandlungen mit hoher Freiheits- und Geldstrafe bedroht sind" heißt es auf dem Formular. Diese Schreiben gingen u.a. an Emil Hammerschlag, der die Hälfte der Wohnungsmiete trug, die Hamburger Sparcasse von 1827, die Grundstücksverwaltung von 1938, die am Verkauf des Grundstücks Fuhlentwiete beteiligt war, an die Firma Gotthard Allweiler in Radolfzell, sowie an Julius Neuhaus.

Dieser war mit seiner Frau Marie als Untermieter mit in die Wohnung gezogen. Im August 1940 wandte Adolf Blankenstein sich schriftlich an das Wohnungspflegeamt, da er dem Ehepaar gekündigt hatte, dieses aber keine Anstalten machte, auszuziehen. Offensichtlich war es zwischen Alice Hammerschlag und Marie Neuhaus zu einem Zerwürfnis gekommen, da letztere "ihrer Pflicht, die von ihr benutzten Teile der Wohnung mit sauber zu halten, niemals ausreichend nachgekommen ist und dadurch Frau Hammerschlag gezwungen hat, die Reinhaltung der gemeinschaftlichen Wohnungsteile, wie Flur, Küche und Badezimmer sowie der von den Eheleuten Neuhaus allein benutzten Toilette allein auf sich zu nehmen." Das Ehepaar Neuhaus verblieb bis zu seiner Deportation in der Wohnung.

Aus dem Schreiben an das Wohnungspflegeamt geht hervor, was Hilde ebenfalls berichtete: Adolf Blankenstein war schwer krank und "[bedurfte] der Pflege und Aufwartung durch meine Verwandten". Er litt an Gicht und war an Händen und Füßen fast gelähmt, in einem anderen Dokument ist von offenen Wunden die Rede. (Gicht ist eine Störung des Stoffwechsels, bei der erhöhte Harnsäurewerte im Blut Entzündungen und starke Schmerzen in einer Vielzahl von Gelenken des Körpers auslösen. Hauptsächlich betroffen von der Krankheit sind Männer.)

Zwischen Juni 1940 und August 1942 liegen monatliche Anträge von Adolf Blankenstein bei der Devisenstelle vor, um die Verwendung von zusätzlich 30 RM für Massagen gegen seine Schmerzen bewilligt zu bekommen. Im August 1940 wurden ihm 300 RM für eine Badekur in Wiesbaden genehmigt, sowie im Oktober 1940 weitere 150 RM, da er diese verlängern musste. Unterkunft in Wiesbaden fand er bei seiner Nichte Lilly Baruch-Blankenstein in der Sonnenberger Str. 22.

Alice und Emil Hammerschlag wurden am 8. November 1941 nach Minsk deportiert. Marie und Julius Neuhaus befanden sich ebenfalls in diesem Transport. Wer anschließend für den 69 Jahre alten Mann gesorgt hat, bleibt unklar. Adolf Blankenstein musste Anfang 1942 sein langjähriges Zuhause in der Sierichstrasse verlassen. Er wohnte kurzzeitig zur Untermiete in der Haynstraße, Anfang April gab er dann auf dem Antrag für die Massagekosten die Adresse Sonninstraße 14 in Altona an, Sitz der Salomon Joseph und Marianne Hertz-Stiftung. Prompt wurde ihm mit der Genehmigung beschieden: "Jede Wohnungsänderung ist mir sofort mitzuteilen unter Angabe der neuen Miete!" Da diese 15 RM monatlich betrug "ausschl. Heizung & warm Wasser electr. Licht" folgte eine Herabsetzung seines "Freibetrags" auf monatlich 250 RM.

Im September 1942 war Adolf Blankenstein noch einmal gezwungen umzuziehen. In der Beneckestrasse 6 , einem Gebäude des Jüdischen Religionsverbandes, das zum "Judenhaus" umfunktioniert worden war, erhielt er fünf Monate später den Deportationsbefehl für das Getto Theresienstadt. Der schwerkranke Mann überlebte die dortigen Zustände nur vier Wochen. Er starb am 28. März 1943.

Das Schicksal von Adolf Blankensteins Geschwistern soll hier auch gewürdigt werden:

Sein ältester Bruder Max, verheiratet mit Gertrud (Trudi), geb. 1872, geb. Jacoby, war ebenfalls von Beruf Kaufmann. Die Eheleute hatten drei Kinder: Erna, geb. 1897, Alfred, geb. 1901 und Heinz, geb. 1911. Alfred promovierte in Frankfurt als Chemiker. Bevor er im November 1934 nach Arnheim in den Niederlanden übersiedelte, lebte er in Paris. Erna war Schneidermeisterin von Beruf und emigrierte im September 1935 nach Zevenaar in den Niederlanden, wo sie als Haushälterin arbeitete. Im Februar 1937 zog sie zu ihrem Bruder nach Arnhem, im März 1939 folgten Max und Trudi ihren Kindern. Alle vier lebten in einer gemeinsamen Wohnung.

Der jüngere Sohn, Heinz, war Handlungsgehilfe von Beruf und nahm sich 1929 mit 18 Jahren in Aachen das Leben. Sein Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof in der Lütticher Straße. Nach Hildes Erinnerungen waren beide Söhne hoch intelligent.

Seit dem 11. Dezember 1942 waren Max, Trudi, Alfred und Erna Blankenstein im niederländischen Sammellager Westerbork inhaftiert. Max und Trudi wurden am 11. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, Erna und Alfred am 16. Februar 1943. Keiner von ihnen überlebte.

Anna Henriette Blankenstein, Alfreds einzige Schwester, hatte 1895 in Aachen den Kaufmann Hermann Marx aus Wetzlar geheiratet. Im März 1920 lebte sie verwitwet in (Berlin) Charlottenburg. Weiteres ist uns nicht bekannt.

Der Bruder Felix Blankenstein war ebenfalls von Beruf Kaufmann und verheiratet mit Regina, geb. Herz (geb. 1870). Sie arbeitete als Prokuristin in der Firma Ph. Blankenstein. Die Eheleute hatten eine Tochter, Lilly, geboren am 29.08.1897 in Aachen. Felix Blankenstein verstarb 1925 in Aachen, seine Ehefrau 1935.

Lilly Baruch-Blankenstein wurde am 1. September 1942 zusammen mit ihrem Mann Ludwig, geb. 12. Dezember 1892, in das Getto Theresienstadt deportiert. Ludwig Baruch starb dort am 2. November 1943. Lilly überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen. Nach der Befreiung brachte das Schwedische Rote Kreuz sie im Rahmen der sogenannten "Graf Bernadotte Aktion" nach Schweden. Sie kehrte 1951 nach Wiesbaden zurück und starb 1982 in Aachen.

Robert, Adolf Blankensteins jüngerer Bruder, starb am 11. Januar 1910 in Aachen. Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in der Lütticher Straße.

Das letzte Wort gehört Hildes Tochter, die der Verfasserin schrieb: "It's so nice to see Adolf being brought back to life. He was a good person. If he hadn't helped get Mom out of Germany, I wouldn't be writing this e-mail to you today".

© Sabine Brunotte

Quellen: 1; 5; https://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/periodical/pageview/5855054 Adressbuch Aachen von 1899, letzter Zugriff 2.5.2021; schriftliche Auskunft Susan Hurtubise, E-Mails vom 23.7. und 25.7. 2017, 3.5.2021 und 17.5.2021 mit Informationen und Erinnerungen ihrer Mutter Hilde, geb. Hammerschlag; schriftliche Auskunft Gedenkstätte Kamp Westerbork, E-Mail vom 23.8.2017; schriftliche Auskunft Stadtarchiv Aachen, E-Mails vom 15.12.2017 und 28.3.2018; schriftliche Auskunft Jürgen Sielemann, E-Mail vom 25.2.2018; schriftliche Auskunft Waltraud Felsch, Aachen, E-Mails vom 19.2.2018, 31.3.2021, 1.5.2021 und 2.5.2021; https://agora.sub.uni-hamburg.de/subhh-adress/digbib/asearch, Hamburger Adressbücher online, Ausgaben 1895, 1915; letzter Zugriff 24.5.2021; StaH 314-15 R 1939_2937; StaH 314-15 R 1940_0124, StaH 621-1/82_10; StaH 332-5_9880; StaH 332-5_8730; https://gelenk-klinik.de/gelenke/gicht.htm, letzter Zugriff 24.5.2021; https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/hallgarter-str-6/ludwig-und-lilly-baruch-geborene-blankenstein/ letzter Zugriff 2.5.2021; http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411108-30.jpg und http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411108-15.jpg, Deportationslisten Minsk 8.11.1941, http://www.statistik-des-holocaust.de/VI3-1.jpg, Deportationsliste Theresienstadt letzter Zugriff 2.5.2021.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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