Search for Names, Places and Biographies


Already layed Stumbling Stones


back to select list

Ingeborg Zabel
Ingeborg Zabel
© Privatbesitz

Ingeborg Zabel * 1915

Riemenschneiderstieg 46 (Altona, Bahrenfeld)


HIER WOHNTE
INGEBORG ZABEL
JG. 1915
DENUNZIERT
VERHAFTET 29.7.1944
´WEHRKRAFTZERSETZUNG`
FRAUENGEFÄNGNIS BERLIN
STRAFGEFÄNGNIS GRIEBO
KZ WALDHEIM
BEFREIT

Ingeborg Zabel, geb. Warnecke, geboren am 18.5.1915, denunziert, verhaftet am 29.7.1944 wegen Wehrkraftzersetzung, Frauengefängnis Berlin und Griebo, KZ Waldheim, befreit

Riemenschneiderstieg 46, Bahrenfeld

Ingeborg Warnecke kam am 18. Mai 1915 im Riemenschneiderstieg 46/Bahrenfeld (früher Emmichstraße) zur Welt. Ihre Eltern waren der Journalist Robert August Heinrich Warnecke und Marie Christine, genannt Mia, geborene Nissen. Ihre Eltern bekamen am 30. November 1918 ein zweites Kind, Wolfgang Warnecke. (Er fiel als Obergefreiter im Zweiten Weltkrieg am 9. März 1942 im Krieg gegen Russland).

Über die Kindheit, Jugendzeit und Schulausbildung der Geschwister ist uns nichts bekannt.

Auf der Suche nach einer Ausbildungsmöglichkeit für seine Tochter Ingeborg wandte sich Robert Warnecke an seinen Freund Martin Hees, einen Landmaschinenvertreter im Landkreis Wittenberg. Martin Hees empfahl ihm das "Rittergut Schilde", wo Margarete von Graevenitz mit ihren fünf minderjährigen Kindern lebte. Ihr Mann befand sich in einer Nervenklinik. Mit Unterstützung eines Verwalters führte sie das Gut und suchte eine Gutssekretärin.

Ingeborg Warnecke übernahm die Stelle im April 1937. Zu ihren Aufgaben gehörten die Buchführung, die Betreuung der Kinder und deren Fahrten zur Schule. Obwohl sie dafür zunächst keine Ausbildung oder Erfahrung besaß, entschied sie sich aufgrund der unkomplizierten Vermittlung, diese Tätigkeit in Schilde zu beginnen.

Für ihre Kinder suchte Margarete von Graevenitz außerdem einen Lehrer. Heinz Zabel bewarb sich und erhielt die Stelle. So begegneten sich Ingeborg Warnecke und Heinz Zabel in Schilde. Aus der Begegnung entwickelte sich eine Beziehung.

Am 27. Dezember 1938 heirateten Ingeborg Warnecke und Heinz Theodor Walter Zabel in Schilde. Heinz Zabel, der am 21. Februar 1912 in Treuenbrietzen/Potsdam geboren worden war, arbeitete als Lehrer und Musiker.

Das Ehepaar Zabel wohnte weiter in Schilde im Schulgebäude. Ingeborg Zabel reiste im Sommer 1939 nach Hamburg und besuchte ihre Eltern im Riemenschneiderstieg 46. Die Tochter Dorle wurde dort am 13. Juli 1939 geboren. Sohn Rainer wurde am 30. März 1941 in Schilde geboren.

Aufgrund eines Herzklappenfehlers galt Heinz Zabel zunächst als nicht "garnisonsverwendungsfähig". Im Februar 1943 wurde er dennoch zur Wehrmacht eingezogen und erhielt in Potsdam eine Grundausbildung. Ein Arzt bescheinigte ihm, dass er nicht an der Front eingesetzt werden könne. Stattdessen wurde er in einer Schreibstube eingesetzt, wo er Büroarbeiten an der Schreibmaschine erledigte.

Im Juli und August 1943 wurde Hamburg von schweren Luftangriffen getroffen, die unter dem Namen Operation Gomorrha bekannt wurden.

Die aus Hamburg geflüchtete Hertha Schilling fand mit ihrer dreijährigen Tochter Marion bei Ingeborg Zabel in Schilde Zuflucht. Ob sich die beiden Frauen bereits zuvor kannten, ist nicht bekannt. Hertha Schilling wurde als Untermieterin von Ingeborg Zabel aufgenommen. Zwischen den beiden Frauen entstand ein enges Vertrauensverhältnis. Regelmäßig trafen sie sich abends im Zimmer von Hertha Schilling und hörten über deren Radio den englischen Sender. Ingeborg Zabel vertraute ihrer Untermieterin auch politische Gedanken an, die sie im nationalsozialistisch geprägten Dorf Schilde nicht offen äußern konnte.

Als in den Nachrichten am 20. Juli 1944 vom misslungenen Attentat auf Hitler berichtet wurde, ließ Ingeborg Zabel ihren Gefühlen freien Lauf und sagte: "Es geschieht dem Führer ganz recht, dass er am Leben ist – dann kann man ihn nach dem Krieg zur Rechenschaft ziehen." Und: "Ein Verbrecher ist doch dieser Hitler – das ist doch der größte Mörder in der Weltgeschichte." Die Frauen gerieten in eine heftige Auseinandersetzung, die Ingeborg Zabel zum Verhängnis wurde. Am nächsten Tag verbreitete die Untermieterin die von Ingeborg Zabel geäußerten Äußerungen in der Nachbarschaft. Gemeinsam mit der Nachbarin Erna Ruge verfasste sie eine schriftliche Anzeige und leitete diese an die Gestapo weiter.

Später schrieb Ingeborgs Tochter Dorle in ihren Erinnerungen:
"Was am 29.7.1944 geschah, hat sich als traumatische Erinnerung in mein Leben eingebrannt. Ich war gerade erst 5 Jahre alt geworden. An diesem Tag hatte ich meine einzige Begegnung mit einem Mann von der Gestapo: Es klingelte an der Haustür. Barfuß, im Sommerkleidchen, öffnete ich und sah zwischen zwei breitbeinig dastehenden schwarzen Schaftstiefeln hindurch auf ein schwarzes Auto, das weiter unten vor den Treppenstufen stand. Der Mann fragte: "Ist deine Mutter da?" "Ja, im Garten, sie pflückt Erbsen." Der Mann trat ein. Worte zwischen den beiden hörte ich nicht – ich empfand nur eine große Stille. Meine Mutter durfte noch den dreijährigen Sohn Rainer füttern – der Mann stand daneben – und sie durfte Kamm und Löffel einstecken. Dann musste sie mit dem Mann mitgehen. Sie stieg hinten in sein Auto und winkte mir still lächelnd durch das Fenster zu. Der Wagen fuhr mit meiner Mutter fort."

Ingeborg Zabel wurde ins Gefängnis nach Wittenberg gebracht. Die Anklage lautete auf "Wehrkraftzersetzung". Von Wittenberg wurde Ingeborg Zabel ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überstellt. Erst vier Tage vor der Hauptverhandlung gelang es dem Rechtsanwalt Peschke, mit seiner Mandantin zu sprechen. Bei der Vernehmung hatte sie bestätigt: "Ja, das habe ich gesagt und es stimmt auch."

Und zu Hause musste jetzt einiges geregelt werden. Margarete von Graevenitz übernahm die Kinder und sorgte dafür, dass sie bei Verwandten innerhalb der Familie Zabel untergebracht wurden. Heinz Zabels Eltern beauftragten den Rechtsanwalt Peschke. Mehrere Dorfbewohner in Schilde setzten sich beim Kreisleiter für Ingeborg Zabel ein. Auch ihr Ehemann Heinz Zabel, der als Soldat in Dänemark stationiert war, versuchte, über seinen Vorgesetzten Einfluss auf ihre Verhaftung zu nehmen. Die Unterstützung und die verschiedenen Bemühungen konnten ihre weitere Inhaftierung jedoch nicht verhindern.

Am 28. Oktober 1944 fand die Hauptverhandlung gegen Ingeborg Zabel statt. Als Zeugen wurden ausschließlich Personen geladen, die sie belasteten. Das Gericht verurteilte sie wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Nach dem Urteil wurde Ingeborg Zabel in das Berliner Frauengefängnis überführt und zunächst in Einzelhaft untergebracht.

Am 8. Dezember 1944 schrieb Ingeborg Zabel ihrem Mann: "Seit dem 4. November bin ich in einer Zelle mit vier Frauen zusammen. Das Leben ist schwer. Auch Hunger haben wir sehr. Aber das ist noch zu ertragen, wenn man nicht immer das viele Elend und die große Ungerechtigkeit vor Augen hätte. Heute Morgen habe ich wieder sehr um mein Leben gebangt. Es werden jeden Freitag Frauen abgeholt und hingerichtet. Man schläft schon vor ungewisser Erwartung nicht. Es sind so viele Todeskandidaten hier … Oft bin ich auch guter Dinge. Der Humor hat mich noch nicht ganz verlassen. Das lass dir zum Trost noch gesagt sein. Deine Inge"

Am 7. Februar 1945 wurde Ingeborg Zabel in das Strafgefangenenlager Elbregulierung in Griebo bei Coswig verlegt. Am 5. März wurde die Todesstrafe in zwölf Jahre Zuchthaus umgewandelt. Ob sie davon Nachricht hatte, wissen wir nicht. Von Griebo aus wurde sie ins Konzentrationslager Waldheim/Sachsen verlegt. Das rettete ihr Leben, denn kurz bevor die Rote Armee die Gegend einnahm, ermordeten die deutschen Bewacher fast alle in Griebo noch vorhandenen Gefangenen.

Am 6. Mai 1945 wurde Ingeborg Zabel von der Roten Armee befreit und gelangte mit einem anderen Gefangenen auf abenteuerlichen Wegen zu Fuß nach Hamburg. Sie kam am 2. Juli 1945 bei ihren Eltern im Riemenschneiderstieg 46 an. Heinz Zabel fuhr mit dem Rad von Dänemark aus nach Hamburg. Der Sohn Rainer wurde kurze Zeit später nachgeholt. Dorle konnten die Eltern erst im Mai 1946 wieder in die Arme schließen.

Als Ingeborg Zabels Vater Robert Warnecke nach dem Krieg Anzeige wegen Mordversuchs gegen Hertha Schilling erstattete, musste er erfahren, dass sie nach den nationalsozialistischen Gesetzen rechtens gehandelt hatte; das Verfahren verlief im Sande.

© Bärbel Klein

uellen: StaH, 351-11 AfW 40728 (Zabel); 424-111 Vormundschaftswesen 15044; 741-4_K 2494 (Riemenschneiderstieg), K 4577 (Warnecke), K 4952 (Warnecke), K 5069 (Hertha Schilling): Bundesarchiv Berlin R3017-16276 und R 3018-3590; Aufzeichnungen von Ingeborg Zabel, Aufzeichnungen von Robert Warnecke.

print preview  / top of page