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Anna Bornemann
Anna Bornemann
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Anna Bornemann * 1901

Maria-Louisen-Straße 42 (Hamburg-Nord, Winterhude)


HIER WOHNTE
ANNA BORNEMANN
JG. 1901
EINGEWIESEN 1938
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 16.8.1943
AM STEINHOF WIEN
ERMORDET 3.8.1945

Anna Bornemann, geb. 14.5.1901 in Düsseldorf, nach Aufenthalt in verschiedenen Heilanstalten verlegt nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" am 16.8.1943, dort gestorben am 3.8.1945

Maria-Louisen-Straße 42 (Winterhude)

Anna Bornemann wurde am 14.5.1901 als das jüngste von zehn uns bekannten Geschwistern in Düsseldorf geboren. Ihr Vater, der Fabrikarbeiter Carl Friedrich Bornemann, geboren am 22.9.1859 und lutherisch getauft, starb 1934 im Alter von 75 Jahren. Ihre Mutter Maria-Magdalena, geb. Braun, geboren am 11.1.1859 und Katholikin, starb 1930 mit 71 Jahren. Die vier jüngsten Geschwister waren als Kleinkinder gestorben, die Brüder Arthur und Edgar fielen als Soldaten im Ersten Weltkrieg, der Bruder Ernst verstarb im Alter von 25 Jahren an Lungenentzündung.

Über Kindheit, Jugend und Werdegang von Anna Bornemann ist uns nichts bekannt. Sie selbst berichtete später, sie sei eine gute Schülerin gewesen, die nie eine Klasse habe wiederholen müssen. Nachdem sie im Anschluss an den Schulbesuch das Maschineschreiben erlernt hatte, habe sie elf Jahre bei derselben kaufmännischen Firma, dann sechs Jahre bei den Mineralölwerken Rhenania Ossag gearbeitet, die sie nach dem Ableben ihrer Mutter ohne Kündigung verlassen habe.

Die Geschwister Elsa und Karl Bornemann hielten engen Kontakt zu ihrer Schwester Anna. Elsa Bornemann lebte in Hamburg, der Bruder Karl in Düsseldorf.

Anna Bornemann befand sich, wie sie selbst berichtete, von Januar bis Pfingsten 1935 in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Grafenberg in Düsseldorf. Sie glaubte Stimmen zu hören. Die Anstalt Grafenberg soll Anna Bornemanns Sterilisation beantragt haben, die in demselben Jahr durchgeführt worden sei.

Die formale Grundlage für Zwangssterilisationen bildete das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Nach diesem im Juli 1933 erlassenen Gesetz konnte ein Mensch unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, "wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden." Als "erbkrank" galt, "wer an einer der folgenden Krankheiten" litt: "angeborener Schwachsinn, zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, erblicher Fallsucht, erblichem Veitstanz (Huntingtonschen Chorea), erblicher Blindheit, erblicher Taubheit, schwerer erblicher Missbildung. Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet."

Anna Bornemann übersiedelte am 13. Juli 1935 nach Hamburg zu ihrer Schwester Elsa, die in der Maria-Louisen-Straße 42 lebte und nun für sie sorgte. Der Tod ihrer Mutter hatte Anna Bornemann nach eigenen Angaben "ganz aus der Bahn geworfen". Die streng katholische Anna Bornemann zweifelte, wie sie selbst erklärte, nach enttäuschenden Liebesbeziehungen und wegen der im Krieg umgekommenen Brüder an ihrem Glauben, sie war mehrere Jahre nicht zur Beichte gegangen. Sie glaubte, ihrer Schwester "zur Last zu fallen".

Auch in Hamburg hörte sie Stimmen und meinte, sich mit einem Freund aus Düsseldorf und mit ihrer verstorbenen Mutter zu unterhalten. Da sie keine Erwerbstätigkeit hier gefunden hatte, fühlte sie vorwurfsvolle Blicke anderer auf sich gerichtet. Sie verlor zunehmend an Lebensmut und wurde schließlich in das Allgemeine Krankenhaus Barmbek eingeliefert.

Dort versuchte sie sich das Leben zu nehmen, wurde aber gerettet. Sie verlor mehr und mehr den Kontakt zu ihrer Umwelt. Gelegentlich soll sie mit jeder in der Nähe befindlichen Person in Streit geraten sein. Sie wurde als launisch, unzufrieden, gereizt, ablehnend, misstrauisch und oft Selbstgespräche führend beschrieben.

Am 18. Dezember 1935 wurde Anna Bornemann in die Staatskrankenanstalt Langenhorn verlegt. Über die Zeit in Langenhorn sind Einzelheiten nicht überliefert.

Im März 1938 bemühten sich die Rechtsanwälte Dres. Walter und A. Harm, denen die Vormundschaft über Anna Bornemann übertragen worden war, mit Erfolg um ihre Verlegung aus Langenhorn in die Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf). Dort wurde sie am 6. Mai 1938 mit der Diagnose "Schizophrenie" als "Selbstzahlerin" aufgenommen. Nach wenigen Tagen lehnte sie es ab zu arbeiten mit der Begründung, sie sei mit Goethe, Marlene Dietrich und mit Greta Garbo verwandt, sei reich, könne sich Angestellte halten und warte auf ihre Entlassung aus der Anstalt.

1939 verstärkte sich ihr für die Anstalt anstrengendes Verhalten. Zitat aus der Patientenakte: "Wird sie angeredet, sagt sie, sie könne das nicht mehr aushalten in einem Gefängnis zu sein, sie könne doch nichts dafür, dass Adolf Hitler sie heiraten wolle, es käme nur vom Hochadel her." Im Laufe der nächsten fünf Jahre wurde Anna Bornemann als sehr reizbar, störrisch, tobend, schreiend und wütend beschrieben. Sie habe Mitpatienten geschlagen und deshalb isoliert werden müssen.

Anna Bornemanns Gewicht reduzierte sich von 64 kg bei ihrer Aufnahme auf etwa 42 kg Ende 1942, stieg bis Mitte 1943 aber wieder auf 60 kg an. Die Ursache für die gravierenden Gewichtsveränderungen konnte aus der Patientenakte nicht abgeleitet werden.

Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Die Anstaltsleitung nutzte die Gelegenheit, nach Rücksprache mit der Gesundheitsbehörde einen Teil der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, in andere Heil- und Pflegeanstalten zu verlegen. Am 16. August 1943 ging ein Transport mit 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" in Wien (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") ab. Unter ihnen befand sich Anna Bornemann.

In Wien wiederholte Anna Bornemann ihre schon in Hamburg geäußerten Wahnvorstellungen. Physische Erkrankungen wurden nicht notiert. Im März 1945 war Anna Bornemanns Gewicht aber auf 40 kg reduziert.

Auf Nachfrage von Senatsrätin Käthe Petersen von der Hamburger Sozialverwaltung, die inzwischen Anna Bornemanns Vormundschaft übernommen hatte, vom 16. Februar 1945 antwortete die Wiener Anstalt am 16. März: "Der Zustand ist unverändert, eine Entlassung ist nicht in Aussicht genommen."

Am 7. Mai 1945 wurde Anna Bornemann in den Pflegebereich der Anstalt verlegt. Die letzte Gewichtsangabe datiert vom Juli 1945, sie lautete 36 kg. Anna Bornemann starb in der Wiener Anstalt am 3. August 1945. Die in der Patientenakte angegebene Todesursache ist nicht lesbar.
Die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" war eine Anstalt der dezentral durchgeführten "Euthanasie". Der Massenmord in der Wiener Anstalt geschah systematisch: durch Überdosierung von Medikamenten und Nichtbehandlung von Krankheit, aber vor allem durch Hunger. Von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg kamen bis Ende 1945 257 ums Leben, davon 196 aus Alsterdorf.

© Ingo Wille

Quellen: Evangelische Stiftung Alsterdorf, Archiv, Sonderakte V 46, Anna Bornemann. Harald Jenner, Michael Wunder, Hamburger Gedenkbuch Euthanasie – Die Toten 1939-1945, Hamburg 2017, S. 114. Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331 ff.

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