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Kätchen Derenberg (née Heymann) * 1882

Werderstraße 30 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
KÄTCHEN DERENBERG
GEB. HEYMANN
JG. 1882
DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

further stumbling stones in Werderstraße 30:
Gustav Derenberg, Lilly Derenberg

Käthchen Alice Emilie Derenberg, geb. Heymann, geb. am 6.7.1882 in Hamburg, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz und ermordet
Gustav Derenberg, geb. am 7.6.1876 in Hamburg, deportiert ab Baden-Baden am 22.10.1940 nach Gurs/ Frankreich, Tod am 12.1.1941
Lilly Magdaleine Derenberg, geb. am 4.10.1906 in Hamburg, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt und von dort am 23.1.1943 nach Auschwitz und ermordet

Werderstraße 30

Käthchens Großvater Isaac Daniel Heymann (1820- 1894), der mit Ester, geb. Neukircher (gest. 1882 in Hamburg) verheiratet war, arbeitete als "Tapezier" und Polsterer in eigener Werkstatt am Rande des Karolinenviertels. Im Laufe der Jahrzehnte wurde daraus eine Möbelfabrikation und das dazugehörige Geschäft befand sich unter der Adresse Neuer Wall 42. Dies war bereits im 19. Jahrhundert eine feine Einkaufsstraße. Das Privatleben kam jedoch nicht zu kurz, 1846 war Käthchens Vater Julius Daniel Heymann geboren worden, ihm folgten der spätere Rechtsanwalt Sigmund Robert (1850 - 1914 in Hamburg) und Alfred Theodor Heymann (1852 - 1941 in Hamburg). Daraus entwickelte sich ein Familienunternehmen, in dem später auch Käthchen Heymanns Cousin Herbert Alfred (1888, siehe www.stolpersteine-hamburg.de) mitarbeitete.

So ganz anders wuchs Käthchen Heymanns künftiger Ehemann Gustav Derenberg mit seinem jüngeren Bruder Richard (1879-1943, siehe www.stolpersteine-hamburg.de) im Grindelviertel auf. Der Vater Carl (1845-1881 in Hamburg) war erfolgreich in Bankgeschäften tätig. Als Carl Derenberg starb, nahm die junge Witwe Nanny (1851 in Hannover- 1915 in Hamburg), geb. Samson, mit den beiden kleinen Kindern die Herausforderung an. Finanzielle Mittel waren vorhanden, so dass Nanny Derenberg zunächst in Harvestehude und später in Rotherbaum leben konnte. Beruflich orientierte sich Gustav Derenberg an seinen Vater und wählte dessen Beruf auch zu seinem.

Käthchens Heymanns Eltern, Julius Daniel Heymann und die gebürtige Berlinerin Anna, geb. Siegheim (1854- 1918 Hamburg), lebten in der Hochallee. Anfang Juli 1882 kam Käthchen Alice Emilie zur Welt, sie blieb Einzelkind. Wir fanden keine Spuren, wie sie ihre Kinder- und Jugendzeit verbrachte. Ebenso blieb unklar, wann und wo sich Gustav Derenberg und Käthchen Heymann kennen lernten. Am 11. Februar 1902 heirateten sie vor dem Standesamt in Hamburg. Das Ehepaar bezog die gemeinsame Wohnung in der Werderstr. 30, die für viele Jahre ihr Zuhause zusammen mit den Kindern werden sollte. Die im Dezember erstgeborene Tochter, Anna Maria, konnte ihren Großvater nicht mehr kennenlernen, der Ende August 1902 gestorben war. Ihre Schwestern, Ilse Hildegard, Lilly Magdaleine und Erika Marguerite kamen in den nachfolgenden Jahren zur Welt. Sie absolvierten nach der Schulzeit unterschiedliche Ausbildungen. Im November 1918 starb Käthchens Mutter Anna Heymann. Käthchens Eltern fanden ihre letzte Ruhe auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel.

Am 25. April 1927 gab es einen Grund zum Feiern, die älteste Tochter Anna Marie (1902- 1972 USA) heiratete den erfolgreichen und angesehenen Hamburger Hausmakler Siegfried Peine (1889- 1951 USA). Zwei Jahre später wurden die Derenbergs Großeltern, Enkelin Eva Ruth Claere (1929- 1978 USA) kam zur Welt. (Anfang 1939 emigrierte die Familie über die Niederlande und Großbritannien in die USA.)

Die Weltwirtschaftskrise überstand die Familie Derenberg anscheinend ohne große finanzielle Probleme.

Zu der unverheiratet gebliebenen Tochter Lilly Derenberg fanden sich nur wenige Spuren. Auf ihrer Kultussteuerkarte befindet sich der handschriftliche Vermerk "erwerbslos und leidend". Es fand sich zudem der Hinweis "Dürrheim", damit war sicherlich der seit 1921 als Kurort ausgewiesene Ort Bad Dürrheim gemeint.

Möglicherweise hielt sie sich bezüglich der "Leiden" dort auf. Mitte 1935 kehrte sie nach Hamburg zurück, wo sie an verschiedenen Adressen zur Untermiete wohnte. Eine davon war der Laufgraben 37, in dem dort ansässigen Mädchenwaisenhaus "Paulinenstift" arbeitete Lilly Derenberg als Pflegerin. Dies war jedoch nur eine Zwischenstation, denn die Zahl der zu betreuenden Kinder nahm ab, sodass sie zusammen mit ihren Betreuerinnen Ende 1941 in dem Knabenwaisenhaus am Papendamm untergebracht wurden.
Lillys ältere Schwester Ilse Hildegard Derenberg (1904- 1966 USA), eine ausgebildete Kindergärtnerin, lebte zu dem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren in den USA. Dort hatte sie im März 1932 in New York den gebürtigen Hamburger Otto Meyer Lehmann (1871- 1963 USA) geheiratet. Weitere Spuren fanden sich nicht.

Weswegen sich die Eheleute Derenberg Ende der 1920er Jahre scheiden ließen, wissen wir nicht. Gustav Derenberg lebte fortan als Untermieter im Grindelviertel. Im Februar 1929 meldete er sich bei der Jüdischen Gemeinde ab und verzog nach Freiburg. Aus der dort noch vorhandenen Meldekartei geht hervor, dass er in der Zeit vom 1. März 1929 bis zum 17. April 1930 in der Gartenstraße lebte, danach verzog er nach Berlin. Ein "neues Lebenszeichen" von Gustav Derenberg gab es 1935 aus Baden-Baden, dem bekannten Kurort, am Rande des Schwarzwalds gelegen, wo ein internationales Publikum zu Hause war und/ oder dort kurte.

Zwischenzeitlich hatten sich die "Wolken" im Deutschen Reich, seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten Ende Januar 1933, für Juden verdunkelt. Neue Gesetze und Anordnungen traten in Kraft, die Juden im Laufe der Jahre aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgrenzten. Auch in Baden-Baden setzten sie Zeichen. Zunächst noch verhalten, mit "Rücksicht auf das ausländische Publikum", doch bald zeigten sie ihr wahres Gesicht. So wie Anfang 1937, als für Juden die Kureinrichtungen gesperrt und ein Verbot von Grunderwerb erlassen wurde. Die Aufzählung an Verboten für Juden ließe sich beliebig fortsetzen. All dies reichte den Machthabern jedoch nicht. Am 10. November 1938 gab es kein Halten mehr, Häuser und Wohnungen wurden durchsucht. Unter den Augen von Schaulustigen hatten jüdische Männer durch die Stadt zu laufen und waren den Übergriffen der Menge schutzlos ausgeliefert. Damit nicht genug, ca. 50 von ihnen verschleppten die Machthaber in das KZ Dachau. Anschließend setzten sie die Synagoge in Brand, die Feuerwehr löschte nicht.

Mitte der 1930er Jahre ehelichte die jüngste Tochter Erika Marguerite (1911- 1995 in Hamburg) am 24. September 1935 den Hamburger Hans Wolf Horwitz (1908- 1990 in Hamburg). Zuvor hielt sich Hans Horwitz "versuchsweise" in Palästina auf, um in der Landwirtschaft zu arbeiten, doch er kehrte zurück und heiratete. Wenige Wochen später emigrierten die jungen Eheleute nach Palästina, da es im Deutschen Reich für Juden keine Zukunft gab. Die Mutter von Hans Horwitz, Selma Horwitz (1877- 1942 Lodz, siehe www.stolpersteine-hamburg.de), geb. Levy, blieb in Hamburg.

Käthchen Derenberg gab die Ehewohnung auf und wohnte zur Untermiete. Mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde begann sie eine Ausbildung zur Pflegerin und Masseurin, wofür sie ganz gering entlohnt wurde. Zudem erwartete sie noch Geld von ihrem geschiedenen Mann, welches sich jedoch verzögerte. Käthchen Derenberg arbeitete dann als Hausangestellte im Daniel-Wormser-Haus. Diese Unterkunft, welche 1909 in der Westerstraße südlich vom Hauptbahnhof errichtet worden war, galt als Anlaufstelle für "Durchreisende" auf dem Weg "in die neue Welt", den USA. Benannt nach dem Gründer, einem ehemaligen Lehrer der Talmud Tora-Schule. Die Übernachtungszahlen steigerten sich im Laufe der Jahre, auch bedingt durch das von den Nationalsozialisten zum 30. April 1939 erlassene Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden, das diesen den Mieterschutz nahm.

Am Morgen des 22. Oktober 1940 erschienen an den Wohnungstüren der Juden in Baden-Baden Polizisten und Gestapoleute (Geheime Staatspolizei), so auch bei Gustav Derenberg. Die Staatsmacht gab ihnen kurze Zeit, um das Nötigste in die Koffer zu packen. 116 Frauen, Männer und Kinder wurden zum nächsten Bahnhof verbracht und die Nachbarn schauten zu. Betroffen von dieser Deportation waren mehr als 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland: Die beiden dortigen Gauleiter Wagner und Bürckel ließen ihr Gebiet "judenfrei" machen. Das Ziel der Deportationszüge war das am Fuße der Pyrenäen gelegene Internierungslager Gurs/ Frankreich. (Von dort sollten die Juden später weiter auf die Insel Madagaskar gebracht werden, doch diese vagen Pläne der Machthaber zerschlugen sich).

Die Fahrt nach Gurs dauerte ca. drei bis vier Tage. Dort angekommen, begann eine Zeit des Schreckens: Das Lager stand auf sumpfigem, morastigem Boden, die Häftlinge wurden in zugigen Baracken untergebracht und erhielten kaum Verpflegung. Unter diesen Bedingungen überlebte Gustav Derenberg kaum drei Monate, er starb am 12. Januar 1941.

Käthchen Derenberg wurde am 11. Juli 1942 von Hamburg in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Lilly Magdaleine Derenberg wurde wenige Tage nach ihrer Mutter, am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort am 23. Januar 1943 nach Auschwitz weiterdeportiert und ermordet.

Am Freitag, den 17. August 1945 erschien in der jüdischen deutsch-amerikanischen Zeitung "Aufbau" eine Suchanzeige der Derenberg-Kinder, in der sie um Hinweise zu ihrer Mutter und der Schwester Lilly baten, "Wer weiss irgend etwas über unsere Mutter und unsere Schwester" dann folgen die Namen und "für jede Auskunft sind wir dankbar". Ob ihnen jemand Auskunft geben konnte, wissen wir nicht.

In dem Gedenkbuch Baden-Baden wird mit folgendem Text an Gustav Derenberg erinnert: "Lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, zur Untermiete in der Sophienstraße 5. Verfügte allerdings - nach Aussagen von Zeugen - über einen Bargeldbestand, der ihm bei der Deportation am 22. Oktober 1940 nach Gurs abgenommen wurde. Derenberg verstarb am 12. Januar 1941 in Gurs".

Die nach Palästina/Israel emigrierten Eheleute Erika und Hans Horwitz kehrten Anfang 1956 mit ihrem Sohn Uriel (1936 Haifa-1988 Hamburg) nach Hamburg zurück. Sie lebten viele Jahre in Eimsbüttel und betrieben unter schwierigsten Bedingungen einen Waschsalon in der Bellealliancestraße. Ihre letzte Ruhe fanden sie auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel.

© Sonja Zoder

Quellen: 1; 2; 4; 5; 7; 8; StaH 213-13/4145 Landgericht Wiedergutmachung; StaH 314-15 (OFP) F1929, 314-15 (OFP) R1941/0020; 351-11 (AfW) 11915, 26529, 33449, 36628; StaH 332-5/8814-148/1927, 332-5/14543-892/1935 Standesamt (Heiraten); StaH 332-5/9045-831/1889 (Geburten); Mosel: Wegweiser zu den ehemaligen jüdischen Stätten in Hamburg, Heft 2, Hamburg 1985, S. 14; Koser, Brunotte: Stolpersteine in Hamburg- Eppendorf und Hoheluft-Ost, Hamburg 2011, S. 138-144; Apel: In den Tod geschickt, Hamburg 2009, S. 231; Stein, Jüdische Baudenkmäler, Hamburg 1984, S. 111-113; Mailauskunft vom Stadtarchiv Freiburg vom 26.5.2021; URL: https://jfhh.org/suche.php, www.agora.sub.uni-hamburg.de; www.geni.com; https://gedenkbuch.baden-baden.de/person/derenberg-gustav/;
https://www.gurs1940.de/; https://jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/329-baden-baden jeweils am 4.5.2021; https://archive.org/details/aufbau am 27.5.2021; https://collections.arolsen-archives.org/archive/4968452/?p=1&s=derenberg&doc_id=4968452, https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/8845-lilli-derenberg/, https://www.mappingthelives.org/ jeweils am 5.7.2021;
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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