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Ilse Goldschmidt * 1902

Grindelallee 162 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
ILSE GOLDSCHMIDT
JG. 1902
EINGEWIESEN 1933
HEILANSTALT LANGENHORN
"VERLEGT" 23.9.1940
BRANDENBURG
ERMORDET 23.9.1940
"AKTION T4"

Ilse Jeanette Goldschmidt, geb. am 11.9.1902 in Hamburg, ermordet am 23.9.1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel

Stolperstein Hamburg-Rotherbaum, Grindelallee 162

Ilse Jeanette Goldschmidt kam am 11. September 1902 als Tochter des Fonds-und Assekuranzmaklers Jacob Goldschmidt und seiner Ehefrau Thekla, geborene Seligmann, in Hamburg-Rotherbaum, Grindelallee 162, zur Welt. Das Ehepaar hatte am 12. März 1895 geheiratet und bekannte sich zum jüdischen Glauben. Bei Ilses Geburt hatte das Paar bereits drei Kinder: David Jacob, geboren am 9. Juli 1896 in Hamburg, Grindelallee 185, Helene Hannchen, geboren am 17. März 1898 in Hamburg, Grindelallee 110, und Rahel Ester, geboren am 23. Februar 1899 ebenfalls in Hamburg, Grindelallee 110. Nach Ilse Jeanette kamen noch zwei weitere Geschwister zur Welt: Siegmund Seligmann, geboren am 12. März 1904 in Hamburg, Grindelallee 162, und Hanna, geboren am 12. März 1908 in Hamburg, wahrscheinlich ebenfalls Grindelallee 162.

Ilse Goldschmidts Vater war Inhaber der in das Handelsregister eingetragenen Firma Kobbelt & Co. Er unterhielt als Assekuranzmakler ein bedeutendes Versicherungsgeschäft im Schifffahrtsbereich. Ein Zeuge erklärte im späteren Wiedergutmachungsverfahren, "dass Herr Goldschmidt noch im Jahre 1930 ein Haus führte, dass einem gutgehenden Geschaeft alle Ehre machte."

Ilse Goldschmidt hatte offensichtlich erfolgreich die Schule und eine Ausbildung abgeschlossen. Sie arbeitete in den 1920er Jahren als Kontoristin. 1924, einen Tag vor ihrem 22. Geburtstag starb ihre Mutter in der Privatklinik von Frau L. E. Wünsch, Mittelweg 144. Zu dieser Zeit wohnte Ilse noch in ihrem Geburtshaus in der Grindelallee 162. Sie blieb ledig. Im Februar 1930 kam sie wegen einer psychischen Erkrankung in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg und wurde dann im März 1933 in die Staatskrankenanstalt Hamburg-Langenhorn überwiesen. Dort verbrachte sie die nächsten Jahre.

Im Frühjahr/Sommer 1940 plante die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 dorthin zu verlegen.

Am 23. September 1940 wurde Ilse Goldschmidt mit weiteren 135 Patientinnen und Patienten aus norddeutschen Anstalten im Güterbahnhof Ochsenzoll in einen Zug verladen und nach Brandenburg an der Havel transportiert. Noch an demselben Tag töteten man die Menschen in dem zur Gasmordanstalt umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses mit Kohlenmonoxyd. Nur Ilse Herta Zachmann entkam zunächst diesem Schicksal (siehe dort).

Wir wissen nicht, ob und wann Angehörige Kenntnis von Ilse Goldschmidts Tod erhielten. Auf ihrem Geburtsregistereintrag wurde notiert, dass das Standesamt Chelm II ihren Tod am 7. Dezember 1940 unter der Nummer 562/1940 registriert hat. Die in Brandenburg Ermordeten waren jedoch nie in Chelm (polnisch) oder Cholm (deutsch), einer Stadt östlich von Lublin. Die dort früher existierende polnische Heilanstalt bestand nicht mehr, nachdem SS-Einheiten am 12. Januar 1940 fast alle Patienten ermordet hatten. Auch gab es in Chelm kein deutsches Standesamt. Dessen Erfindung und die Verwendung späterer als der tatsächlichen Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einfordern zu können.

Der Familienvater Jacob Goldschmidt starb am 10. Februar 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn an altersbedingter Arterienverkalkung.

Ilse Goldschmidts Bruder David Jacob flüchtete 1936 aus Deutschland nach Palästina. Helene Hannchen Goldschmidt heiratete Henry Eichelberg und lebte in den USA.

Rahel Ester Goldschmidt ging die Ehe mit Nathan Arthur Joelson, geboren am 26. Januar 1890 in Hamburg, ein. Der Rabbiner Nathan Arthur Joelson hatte als Soldat am ersten Weltkrieg teilgenommen und eine ihn dauerhaft behindernde Verwundung davongetragen. Er wurde 1923 Teilhaber der Hamburger Lotterieannahmestelle I. Hildesheimer, bis er 1929 eine eigene Lotterieannahmestelle gründete.

Siegmund Seligmann Goldschmidt wurde 1930 zum Doktor der Rechte promoviert und eröffnete eine Rechtsanwaltskanzlei in der Grindelallee 162. Nach der Rücknahme der Rechtsanwaltszulassung infolge der "Fünften Verordnung zum Reichsbürgergesetz" vom 15. September 1938 gelang es ihm nicht, eine neue Beschäftigung in Hamburg zu finden. Er verließ Deutschland und lebte künftig in Palästina.

Hanna Goldschmidt, verheiratete Dodeles, verließ Deutschland mit ihrem Ehemann und lebte in den USA.

Stand: November 2017
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; 8; 9; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 241-2 Justizverwaltung – Personalakten A 1389 Siegmund Goldschmidt; 332-5 Standesämter 2846 Heiratsregister Nr. 202 David Simon Goldschmidt und Thekla geb. Seligmann, 8087 Sterberegister Nr. 488/1924 Thekla Goldschmidt, 9121 Geburtsregister Nr. 1217/1896 David Jacob Goldschmidt, 9143 Geburtsregister Nr. 649/1898 Helene Hannchen Goldschmidt, 9933 Sterberegister Nr. 113/1942 Jacob Goldschmidt, 13086 Geburtsregister Nr. 434/1899 Ester Goldschmidt, 13786 Geburtsregister Nr. 2185/1902 Ilse Jeanette Goldschmidt, 14184 Geburtsregister Nr. 720/1904 Siegmund Seligmann Goldschmidt; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 1034 Jacob Goldschmidt, 12728 Hanna Dodeles, Nathan Arthur Joelson, 22510 Rahel Joelson geb. Goldschmidt, Helene Hannchen Eichelberg, 28519 Dr. Siegmund Goldschmidt; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1/1995 Aufnahme-/Abgangsbuch Langenhorn 26.8.1939 bis 27.1.1941.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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