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Siegfried Frank
© Yad Vashem

Siegfried Frank * 1892

Rissener Landstraße 127 (Altona, Blankenese)


HIER WOHNTE
SIEGFRIED FRANK
JG. 1892
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Rissener Landstraße 127:
Betti(y) Frank, Harriet Nussbaum

Betty Frank, geb. Levi, geb. am 3.9.1894, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, von dort deportiert nach Auschwitz, dort am 28.10.1944 ermordet
Siegfried Heinrich Frank, geb. am 29.2. bzw. 1.3.1892, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, von dort deportiert nach Auschwitz, dort am 28.9.1944 ermordet

Rissener Landstraße 127

1936 waren Betty und Siegfried Frank aus der kleinen unterfränkischen Stadt Hammelburg nach Blankenese gezogen – damals noch kein Hamburger Stadtteil, sondern Teil der selbstständigen preußischen Stadt Altona. Die antisemitischen Diskriminierungen und Verfolgungen in Hammelburg waren für sie lebensbedrohlich geworden und sie hofften, in Norddeutschland wieder Luft zum Atmen zu bekommen. Beide stammten aus Unterfranken. Betty Frank war als Tochter des jüdischen Religionslehrers Emanuel Levi und seiner Frau Jettchen, geborene Birkenruth, im nördlich von Hammelburg gelegenen Unterriedenberg zur Welt gekommen. Von den rund 300 Einwohnern des Dorfes war damals fast ein Drittel jüdischen Glaubens, es gab eine bereits 1752 erbaute Synagoge, ein rituelles Bad und eine jüdische Schule; die meisten Juden des Dorfes lebten vom Viehhandel. Die Stelle des Religionslehrers der Jüdischen Gemeinde, die Bettys Vater inne hatte, war mit den Funktionen eines Vorbeters und Schächters verbunden. Betty hatte noch zwei Geschwister: den vier Jahre jüngeren Simon und die elf Jahre jüngere Frieda. Siegfried Frank wiederum kam aus dem nordöstlich von Hammelburg in der Rhön gelegenen Ort Willmars. Auch hier gab es seit dem 18. Jahrhundert eine Jüdische Gemeinde mit Synagoge, rituellem Bad und Konfessionsschule. Bereits seit jener Zeit war auch seine Familie dort ansässig. Siegfrieds Vater war der Kaufmann Abraham Frank, seine Mutter hieß Regina. Beide hatten 1889 in Willmars geheiratet. Im Jahr darauf bekamen sie eine Tochter, die sie Ida nannten. Sie wurde jedoch nur sechs Monate alt. Dann kamen die Zwillinge Siegfried und Babette zur Welt. Siegfrieds Schwester starb aber mit drei Jahren. Im November 1893 wurde wieder ein Mädchen geboren, der Abraham und Regina Frank den Namen Paula gaben. Regina Frank starb 1910 im Alter von 45 Jahren. Daraufhin heiratete Siegfrieds Vater erneut, seine zweite Frau hieß Amalia, genannt Mali oder auch Malchen. Sie wurde Siegfrieds und Paulas Stiefmutter.

In Willmars heirateten auch Siegfried und Betty Frank, im Jahr 1920. Im Jahr darauf, am 30. Juli 1921, kam ihr Sohn Paul zur Welt. Im Februar 1924 zog die Familie von Willmars nach Hammelburg, wo sie an der Weihertorstraße 5 (heute Nummer 38) Max Stühlers Geschäft für Kurz- und Weißwaren, Wäsche, Stoffe und Bekleidung übernahm. Sie behielt den in Hammelburg vertrauten Namen "Max Stühler Nachf." bei, ergänzt durch den Zusatz "Inh.: Siegfried Frank". Zu der Zeit war Betty Frank erneut schwanger: Die kleine Regina Ruth kam zweieinhalb Mona-te später, am 24. April 1924, zur Welt. Trotz der beiden Kinder war Betty Frank berufstätig. Während Siegfried Frank mit dem Wagen in die umliegenden Dörfer fuhr und seine Textilwaren der Landkundschaft anbot, stand seine Frau zu Hause im Geschäft und bediente die Hammelburger Kundschaft. Siegfrieds Eltern Abraham und Malchen Frank waren ihnen 1926 aus Willmars nach Hammelburg gefolgt. Alle wohnten nun gemeinsam zur Miete in dem Haus an der Weihertorstraße, sodass Siegfrieds Stiefmutter wahrscheinlich die beiden Kinder betreute, während die Eltern arbeiteten. Die Familie war sehr religiös. Sie lebte ihren jüdischen Glauben auch im Alltag, feierte die jüdischen Feste und ging am Sabbat in die Synagoge, in der Siegfried Frank zudem als Aushilfsvorbeter tätig war. Paul Frank erinnerte sich noch 1995 in einem Briefwechsel mit dem damaligen Bürgermeister Hammelburgs wehmütig daran, wie er in der 1938 zerstörten Synagoge der Stadt zum ersten Mal zum Toralesen aufgerufen worden war.

Betty und Siegfried Franks Geschäft lief gut – bis zum März 1933. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurden beide ebenso wie viele andere Hammelburger Jüdinnen und Juden verstärkt zum Ziel antisemitischer Verfolgungen und Boykottmaßnahmen, nachdem das Ehepaar bereits seit seiner Ankunft in Hammelburg Anfang 1924 immer wieder judenfeindlichem Verhalten ausgesetzt gewesen war. Schon 1923 hatte sich in dem Ort eine erste NSDAP-Gruppe gegründet, deren aktivstes Mitglied der Kinobesitzer und SA-Mann Heinrich Lang war. Er wohnte direkt gegenüber der Familie Frank in der Weihertorstraße. Nach der erneuten Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Hammelburg 1930 setzten sich die Beschimpfungen und Schikanen fort, angeheizt vor allem durch Lang, der zudem führendes Mitglied des Hammelburger NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) war. Ab März 1933 wurden die Scheiben von Betty und Siegfried Franks Geschäft mehrfach eingeworfen, Kundinnen und Kunden am Betreten des Ladens gehindert, sie selbst und ihre Familie angepöbelt und bedroht. Der Umsatz ging zurück, gleichzeitig mussten sie ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Drei Jahre hielten sie noch durch, dann gaben sie auf. 1936 mussten sie ihr Geschäft schließen. Für sich und ihre Kinder sahen sie nun keine Möglichkeit mehr, in Hammelburg zu bleiben. Auch Paul und Ruth Frank waren Schikanen ausgesetzt: Andere Kinder pöbelten sie an, wenn sie draußen spielten, schließlich zogen sich die jüdischen Kinder des Ortes in den geschlossenen Innenhof der Synagoge zurück, um in Ruhe gelassen zu werden.

Ende Oktober 1935 schickten die Eltern den vierzehnjährigen Paul nach Frankfurt, um in einer jüdischen Lehrlingsanstalt eine Ausbildung zu beginnen. Über die Jüdische Gemeinde in Hammelburg hatte Siegfried Frank zudem in Erfahrung gebracht, dass die Hamburger Jüdische Gemeinde einen neuen Verwalter für ihr Erholungs- und Landjugendheim Wilhelminenhöhe in Blankenese an der Rissener Landstraße 127 suchte. Gemeinsam mit seiner Frau bewarb er sich um die Stelle und bestand die dafür zu absolvierende Prüfung. Im Sommer 1936 zogen beide von Unterfranken an die Elbe. Ihre Tochter Ruth folgte ihnen Ende August, und auch Paul kam von Frankfurt nach Hamburg. Siegfried Franks Eltern Abraham und Malchen Frank dagegen blieben in Hammelburg.

Die Familie bekam eine Dienstwohnung im Heim, Ruth besuchte die jüdische Mädchenschule an der Karolinenstraße und Paul begann eine Lehre in der Hachschara-Tischlerwerkstatt an der Weidenallee als Vorbereitung auf ein Leben in Palästina. Für beide Kinder war es ein weiter Weg, da die Wilhelminenhöhe am westlichen Blankeneser Ortsrand und damit fast schon in Rissen lag.

Auch in der Wilhelminenhöhe gab es Hachschara-Kurse für junge Jüdinnen und Juden. Dort lag der Schwerpunkt auf der Gärtnerausbildung. Dabei war die Wilhelminenhöhe zwar ein religiös geführtes Heim, die Jugendlichen kamen aber aus verschiedenen zionistischen Organisationen – aus dem religiösen Bachad, dem linksorientierten Hechaluz und dem Pfadfinderbund Makkabi Hazair. Auch Paul Frank absolvierte in der Wilhelminenhöhe einen Vorbereitungskurs. Dazu unterbrach er seine Tischlerausbildung in Eimsbüttel. Außerdem betreute er im Sommer im Kibbuz Schachal, einem Hachschara-Zentrum des Bachad am Blankeneser Steubenweg 36 (heute Grotiusweg 36), Kindergruppen. Diese kamen täglich aus der Hochdeutschen Israelitengemeinde zu Altona dorthin, da das Zentrum auch als Tagesferienkolonie diente.

Paul Frank verließ Deutschland im Herbst 1938 mit der Jugend-Alija. Da war er 17 Jahre alt. Über Triest (Italien) fuhren die jungen Frauen und Männer am 25. Oktober mit dem Schiff nach Tel Aviv, das sie nach fünftägiger Fahrt erreichten. Betty und Siegfried Frank gelang es zudem, für ihre damals dreizehnjährige Tochter Ruth einen Platz in einem der Kindertransporte von Hamburg nach England zu bekommen. Sie verließ Deutschland Mitte Dezember 1938. Vorher hatte sie noch von Blankenese aus beim Standesamt Hammelburg die Änderung ihrer Geburtsurkunde durch das Hinzufügen des Zwangsnamens Sara beantragt. Beide Kinder sahen ihre Eltern nie wieder.

Siegfried Franks Eltern Abraham und Malchen Frank wurden in Hammelburg Opfer des Novemberpogroms, angeführt von ihrem Nachbarn, dem SA-Mann Heinrich Lang. Am Morgen des 10. November 1938 drangen SA- und NSKK-Männer in die Wohnung der beiden alten Leute ein und zerschlugen mit Äxten und Beilen die gesamte Einrichtung. Abraham Frank wurde verhaftet und ins Hammelburger Gefängnis gebracht. Dort musste er unterschreiben, so schnell wie möglich auszuwandern bzw. die Stadt zu verlassen. Andernfalls würde er ins KZ Dachau eingewiesen. Ende Dezember zogen Abraham und Malchen Frank ins jüdische Altersheim nach Würzburg, wo Abraham Frank nur wenige Tage später, am 12. Januar 1939, starb. Malchen, Siegfried Franks Mutter, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 1. April 1945 ermordet. Auch Betty Franks Eltern Jettchen und Emanuel Levi sowie ihre Schwester Frieda wurden im Holocaust ermordet. Sie waren 1938 aus Unterfranken nach Lübeck geflohen. In ihrem Heimatort Unterreppach war Emanuel Levi des Ritualmords beschuldigt worden – eine aus der Luft gegriffene Anschuldigung, die aber von den Nationalsozialisten vor Ort geschürt wurde und der Familie das Leben unerträglich machte. Emanuel, Jettchen und Frieda Levi wurden von Lübeck aus über Bad Oldesloe und Hamburg am 6. Dezember 1941 in das KZ Jungfernhof bei Riga deportiert und dort im März 1942 ermordet. Für sie liegen seit 2010 in Lübeck Stolpersteine, in der Fleischhauerstraße 1.

Die Jüdische Gemeinde verkaufte das Grundstück und das Wohnhaus der Wilhelminenhöhe im Dezember 1941 gezwungenermaßen an die Stadt Hamburg. Den Kaufpreis von 56.800 Reichsmark musste die Gemeinde auf ein Konto einzahlen, über das sie nur mit Zustimmung des Oberfinanzpräsidenten verfügen durfte. Betty und Siegfried Frank zogen daraufhin in den heutigen Grotiusweg 36. Das dortige Hachschara-Zentrum hatten die Nationalsozialisten Mitte 1941 aufgelöst und zu einem "Judenhaus" erklärt. Von dort wurden Betty und Siegfried Frank am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am Tag vor der Deportation schrieb Siegfried Frank noch eine letzte Nachricht an seinen Sohn Paul: "Verziehen heute nach Theresienstadt. Wir sind gesund. Benachrichtige Ruth. Gruss und Kuss, Deine Eltern."

Von Theresienstadt aus wurde das Ehepaar gut zwei Jahre später nach Auschwitz weiterdeportiert. Dort wurde Siegfried Frank am 28. September, Betty Frank am 28. Oktober 1944 ermordet.

Ihr Sohn Paul lebte in Palästina in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa, den deutsche, österreichische und tschechische Jüdinnen und Juden 1938 gegründet hatten. Dort hatte er auch seine Ehefrau kennengelernt. Beide heirateten 1945 und bekamen drei Kinder sowie elf Enkelkinder. Ruth Frank hatte in England geheiratet und war mit ihrem Ehemann nach Australien ausgewandert. Paul und Ruth Frank erfuhren erst nach dem Krieg durch eigene Nachforschungen vom Tod ihrer Eltern. Der damalige Bürgermeister der Stadt Hammelburg lud 1995 die Überlebenden des Holocaust aus Hammelburg ein, dazu gehörten auch Paul und Ruth Frank. Beide konnten die Einladung jedoch nicht wahrnehmen.

Die Wilhelminenhöhe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Jewish Trust Corporation übergeben. Sie verkaufte das Grundstück 1955 an einen Övelgönner Kaufmann, der es anderthalb Jahre später für etwa das Dreifache des Kaufpreises weiterverkaufte. Bis heute ist das Grundstück im Privatbesitz und mit einem Wohnhaus bebaut.

Stand September 2015

© Frauke Steinhäuser

Quellen: 1; 3; 4; 5; 6; 8; StaH 324-1 Baupolizei, K 6992 Band 2; StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 14705 und 16152; StaH 424-111 Amtsgericht Altona, 5796; StaH 552-1 Jüdische Gemeinden 992 e 2 Band 5 (Deportationsliste Theresienstadt 19.7.1942, Liste 1); StaH 522-1 Jüdische Gemeinden, 297 Band 22 (S. t159); WdE/FZH 115, Interview vom 23.06.1993, anonymisierte Fassung, Aliasname: Samuel Federbusch, Interviewerin: Erika Hirsch; www.alemannia-judaica.de/hammelburg_synagoge.htm (letzter Zugriff 28.12.2013); Flade, 50 Jahre danach; Hammelburger Zeitung, Nr. 20, vom 15.2.1924; Stöckner, Fundmaterialien; Informationen von Gerhard Schätzlein, Willmars; umfangreiche Auskünfte u. zahlreiche Dokumente von Petra Kaup-Clement, Hammelburg/ München-Haar; www.alemannia-judaica.de/unterriedenberg_synagoge.htm (letzter Zugriff 28.12.2013); www.victims-of-holocaust-hammelburg.de (letzter Zugriff 28.1.2014); www.hammelburger-album.de/index.php/29-lebensweise/juedisches-leben (letzter Zugriff 28.1.2014); http://holocaust.cz/de/victims/PERSON.ITI.1808 (letzter Zugriff 10.1.2014); http://holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.20277 (Toten-Begleitschein Malchen Frank, letzter Zugriff 28.12.2013); www.shz.de/schleswig-holstein/region-stormarn/der-101-stolperstein-mahnt-id2153826.html (letzter Zugriff 28.1.2014); www.stolpersteine-luebeck.de/n/de/main/adressen/fleischhauerstrasse-1-familie-levi.html (letzter Zugriff 28.1.2014).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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