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Bereits verlegte Stolpersteine



Kurt Hochfeld * 1900

Rothenbaumchaussee 181 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
KURT HOCHFELD
JG. 1900
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1944
AUSCHWITZ
ERMORDET 30.6.1944

Weitere Stolpersteine in Rothenbaumchaussee 181:
Martha Hochfeld, Julius Gerhard Hochfeld

Kurt Hochfeld, geb. 2.7.1900 in Lemgo, deportiert 8.2.1944 aus den Niederlanden nach Auschwitz, dort ermordet 30.6.1944

Rothenbaumchaussee 181 (Harvestehude)

Kurt Fritz Walter Hochfeld wurde 1900 in Lemgo in Ostwestfalen-Lippe geboren. Als er vier Jahre alt war, zogen seine Eltern Julius Hochfeld (1863–1929) und Martha Hochfeld, geb. Jüdell (1873-1943) mit ihm und seinem Bruder Hans Hochfeld (1897-1954) nach Hamburg.

Dort besuchte Kurt von Oktober 1906 bis 1910 die Vorschule und von Oktober 1910 bis September 1915 das Heinrich-Hertz-Realgymnasium bis zum "Einjährigen-Examen". Die Schulwahl gibt einen Hinweis auf die Vorstellungen seiner Eltern für sein künftiges Leben. Sie entschieden sich gegen das nahegelegene humanistische Wilhelm-Gymnasium (gegr. 1881) an der Ecke Moorweidenstraße und Grindelallee. Auch ein späterer Wechsel in den Neubau der Talmud Tora Realschule (Dezember 1911) am nahegelegenen Grindelhof 30 erfolgte nicht. Stattdessen fiel die Wahl auf das gerade erst eröffnete Heinrich-Hertz-Realgymnasium in der Bundesstraße 58/ Ecke Schlump. Die Schule, die in ihren Fächern auf Naturwissenschaften und moderne Sprachen Wert legte, "hatte von vornherein einen relativ hohen Anteil jüdischer Schüler". Er lag im Schuljahr 1909/1910 bei 18%, was 24 Schülern entsprach. Kurt sollte dort sein Realschulexamen ablegen und danach eine Lehre beginnen.

Die Großeltern väterlicherseits, Isaac Hochfeld (1831-1903) und die in Altona geborene Sophie, geb. Fromme (1834-1907), zogen nicht aus Lemgo fort. Isaac Hochfeld war dort als selbständiger Pferdehändler tätig, war Bürger der Stadt und Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums von Lemgo. Ihre Gräber befinden sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Lemgo.

Das Familienunternehmen Giulio (Julius) Hochfeld war 1896 in Palermo/ Sizilien gegründet worden, wo sich der Lemgoer Weinhändler Julius Hochfeld aus Gesundheitsgründen einige Jahre aufhielt. Es betrieb den Im- und Export von Südfrüchten. Der Hauptsitz der Firma wurde 1906 von Lemgo zur Zweigniederlassung nach Hamburg verlegt. Inhaber waren die in Lemgo geborenen Brüder Gustav Hochfeld (1876-1948), Julius Hochfeld (1863–1929) und Wilhelm "Willy" Hochfeld (1859 - 1940). Die drei erfolgreichen Firmeninhaber suchten sich in Hamburg mit ihren Familien Wohnungen in derselben Straße: zuerst im Grindelhof/ Rotherbaum und um 1912 in der Brahmsallee im gehobenen bürgerlichen Stadtteil Harvestehude.

Kurt Hochfeld wohnte mit seinen Eltern im Grindelhof 62 (1905-1910) und in der Brahmsallee 18 (1912-1928). Vermutlich gehörte bei Hochfelds, wie in anderen gutbürgerlichen Familien auch, das Erlernen eines Musikinstruments und die Hausmusik zum bildungsbürgerlichen Anspruch. In der rund zwanzig Jahre später erstellten Liste seines "Umzugsgutes" wurden auch zwei Blockflöten und ein Flügel aufgeführt. Welches der Instrumente er und welches seine Ehefrau spielte, ist uns nicht bekannt.

Während des Ersten Weltkrieges beendete er die Schule mit dem Realschulexamen. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Lehre im Familienunternehmen Giulio Hochfeld. Seinen "Heeresdienst" soll er danach beim "Bahrenfelder Korps" abgeleistet haben. Das Zeitfreiwilligen-Regiment oder "Freikorps Bahrenfeld" wurde Anfang 1919 auf Initiative Hamburger Kaufleute gegründet und sollte Umsturzversuche von Kommunisten unterbinden. Die allgemeine Wehrpflicht wurde mit dem Versailler Friedensvertrag wenige Monate später abgeschafft.

Nach der Lehre wurde er im Oktober 1922 für zwei Jahre nach Hesingfors (Helsinki) geschickt, wo er als Angestellter einer Fruchtimportfirma arbeitete; im November 1924 kehrte er nach Hamburg zurück. Kurt Hochfelds späterer Einstieg bei Giulio Hochfeld war vermutlich schon frühzeitig entschieden worden, ab Juni 1928 war er dort Prokurist. Sein Jahreseinkommen lag 1930 und 1931 bei rund 12.000 RM (nach heutigem Geldwert ca. 50.000 Euro). Vermutlich aufgrund der Boykottmaßnahmen des NS-Staates gegen Firmen jüdischer Eigentümer verringerte sich sein Prokuristengehalt ab 1933/34 auf rund die Hälfte. Ab November 1935 zeichnete er als persönlich haftender Mitinhaber der Firma, mit einer 20%igen Gewinnbeteiligung, allerdings verbuchte das Unternehmen ab Januar 1935 jedes Jahr Verluste.

Seit 1921 gehörte er – wie seine Eltern und sein Bruder - als eigenständiges Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg sowie dem liberalen Tempelverbandes innerhalb der Gemeinde an. Sein Onkel Gustav Hochfeld wurde 1929 in den 20köpfigen Verwaltungs-Ausschuss des Tempelverbandes gewählt, dessen Synagoge 1931 von der Poolstraße zu einem Neubau in der Oberstraße verlegt wurde. Zudem waren Familienmitglieder in jüdischen Logen aktiv: Vater Julius Hochfeld in der Henry Jones-Loge sowie Onkel Gustav Hochfeld, Onkel Willy Hochfeld und Tante Gertrud Hochfeld, geb. Simonsohn, in der Steinthal-Loge.

Im August 1928 heiratete Kurt Hochfeld Sophie, geb. Minden (1907-1977), Tochter von Zigarrengroßhändler Iwan Minden (1870-1925) und Martha Minden, geb. Peine (1873-1961). Sophie hatte nach dem Lyzeum in Hamburg drei Jahre die Gewerbeschule besucht und ein Jahr bei einer Hemden-Maßschneiderei gearbeitet, 1926 machte sie sich als Wäscheschneiderin selbständig. Ihr Bruder war der Rechtsanwalt Dr. Henry Minden (1890-1971). Der bereits verstorbene Vater Iwan Minden war Mitglied im orthodoxen Synagogenverband innerhalb der Gemeinde gewesen.

Ihre Hochzeitsreise verbrachte das Paar in Italien, wie das Reiseziel ihrer Pässe belegt. In den Folgejahren machten sie regelmäßig Erholungsreisen. Im "Badeblatt und Amtliche Fremdenliste der Stadt Baden-Baden" wurde u.a. für den 3. Oktober 1929 die Anreise von Kurt Hochfeld notiert. Die Ankunft seines Bruders Hans Hochfeld war für den 23. September 1929 und den 11. Oktober 1929 vermerkt. Beide stiegen im Alleekurhaus ab. Kurz darauf reiste auch der Vater Julius Hochfeld dorthin und stieg ebenfalls im Alleekurhaus ab. Er starb am 26. Oktober 1929 mit 65 Jahren während seines Kuraufenthalts in Baden-Baden im dortigen Alleekurhaus (Lichtenthaler Allee 68). Bestattet wurde er auf dem Jüdischen Friedhof Hamburg-Ohlsdorf; neben seiner Urne wurde ein Begräbnisplatz für seine Ehefrau reserviert.

1930 wurde das gemeinsame Kind Julius Gerhard Hochfeld geboren, das nach dem sechs Monate zuvor verstorbenen Großvater benannt wurde. Die Hamburger Wohnadressen von Kurt und Sophie Hochfeld lauteten Curschmannstraße 31/ Hoheluft-Ost (1930-1934), Brahmsallee 25 Hochparterre/ Harvestehude (1934) und Rothenbaumchaussee 181/ Harvestehude (1935-1938). Unter der letzten Adresse, im geräumigen Haus von Kurts Mutter, kümmerten sich Dienstboten um den Haushalt, für Julius wurde extra ein "Kinderfräulein" eingestellt.

Sein Bruder Hans Hochfeld hatte sich als Student 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Er hatte beim Reserve Infanterie Regiment 31 an der Front gekämpft und war mehrmals schwer verwundet worden. Als Gefreiter hatte er im Januar 1916 einen Steckschuss in die Brust bekommen, als Obergefreiter an der Ostfront im Dezember 1916 einen Durchschuss der Rückenmuskulatur erlitten und war im Oktober 1917 als Vize-Feldwebel des Reserve Jäger Bataillons 9 mit einer Kopfverletzung im Lazarett eingeliefert worden. Nach dem Krieg studierte er weiter Ingenieurwissenschaften, wurde zum Dr.-Ing. promoviert und gründete 1925 das Unternehmen Kraftwagenhallen am Meßberg GmbH mit Großgaragen, Autoreparaturwerkstatt, Gasöl-Bunkerstation und Tankstellen. Er wählte auch für sich die Stadtteile seiner Jugend und wohnte in der Brahmsallee 12 und Brahmsallee 25 sowie ab 1936 in der Heimhuderstraße 17 IV. Stock. Nach den nationalsozialistisch gelenkten Boykottaktionen vom April 1933 verkaufte Hans Hochfeld seine Firma an Carl Paulmann, der sie unter seinem Namen fortführte. Dem früheren Eigentümer sicherte Paulmann mit einem 30jährigen Rückkaufsrecht zu gleichen Konditionen eine Zukunftsperspektive, die eher an einen Generalbevollmächtigten als an einen "Arisierungs-Profiteur" denken lässt. Im Januar 1938 verließ Hans Hochfeld Deutschland. Im Oktober 1939 konnte er, zusammen mit seiner Ehefrau Irma, geb. Schreiner (geb. 1904), die er im Mai 1934 in Hamburg geheiratet hatte, mit einem US-Visum nach New York emigrieren. Er erhielt die Einbürgerung und im Februar 1942 die Registrierung zum US-Militär.

Nach der Geburt ihres Sohnes im April 1930 zeigten sich bei Sophie Hochfeld erstmalig Anzeichen einer Depression, die danach von einer manischen Phase abgelöst wurde. Die Schübe wiederholten sich, "diese nahmen jedoch noch nicht genügend ernste Formen an, um die Patientin an der Erfüllung ihrer regelmäßigen Verpflichtungen im Haushalt und an der Versorgung ihres Mannes und Sohnes zu hindern", hieß es in einem medizinischen Gutachten von 1966. Sophie Hochfeld wurde ab Mai 1931 behandelt. Im Juli 1931 besuchte sie für sechs Wochen das Sanatorium Dr. Kaltenbach (vorm. Dr. Facklam) in Gernrode/Harz und im Oktober 1932 für sechs Wochen das sehr bekannte "Sanatorium Dr. Kohnstamm für Nerven-, Innere- und Stoffwechselerkrankungen" in Königstein/ Taunus, wo sie von Dr. Max Friedmann behandelt wurde.

Der NS-Staat erließ im Juli 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und setzte in deren Folge sogenannte "Erbgesundheitsgerichte" ein, die mit einem Richter, einem Amtsarzt und einem approbierten Mediziner besetzt waren und über Zwangssterilisationen entschieden. Das Erbgesundheitsgericht Hamburg war dem Amtsgericht Hamburg angegliedert. Einer der Richter des Erbgesundheitsgerichts war Carl Meinhof (1896-1945), seit 1933 Mitglied von NSDAP und SS sowie Stellenleiter der Rassepolitischen Abteilung der NSDAP und stellvertretender Leiter der Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungspolitik des NS-Richterbundes.

Das Kohnstamm Sanatorium musste am 17. März 1934 seinen Krankenbericht an das Erbgesundheitsgericht beim Amtsgericht Hamburg schicken. Auch Dr. Hermann Josephy aus der Maria-Louisen-Straße 90, vermutlich ihr behandelnder Arzt, musste eine Zusammenfassung ihrer Krankengeschichte übersenden. Am 27. März 1934 erfolgte von Amtsgerichtsrat Carl Meinhof, Amtsarzt Dr. Kurt Holm und dem Arzt Dr. Röhrs die Diagnose "manisch-depressiven Irreseins" und der Beschluss zur Unfruchtbarmachung mit der "Erb. Nr. 250/1934". Die offizielle staatliche Sprachregelung dieser ideologischen Zwangsmaßnahme lautete in einer Jubiläumspublikation: "Nach den Vernehmungen findet in jeder Sache sofort die Schlußberatung statt, sofern nicht weitere Ermittlungen oder die Einziehung eines neuen Gutachtens erforderlich sind. Die Beschlüsse werden dann vom Vorsitzenden allein ausgefertigt, aber von den beisitzenden Ärzten durchgesehen und unterschrieben, auch evtl. verbessert (…) Oberste Richtlinie für die Behandlung der Sachen war immer das Bestreben, zu fachlich richtigen Entscheidungen zu kommen."

Kurt Hochfeld bat am 14. April 1934 schriftlich darum, den Eingriff im Israelitischen Krankenhaus machen zu lassen, "weil uns die in Betracht kommenden Ärzte dort persönlich bekannt sind." Dieser Wunsch wurde ignoriert und die Operation am 13. Juni 1934 im Krankenhaus St. Georg von Dr. V. Lukowicz als Operateur und Dr. Deppermann als Assistenzarzt durchgeführt.

Im Mai 1938 reichte Kurt Hochfeld seinen "Auswanderer-Fragebogen" bei der Devisenstelle Hamburg ein, die für die Regularien und die finanzielle Ausplünderung der Emigranten zuständig war. Als Reiseziel war Italien angegeben. Im Juni 1938 ergab die Prüfung des "Umzugsgutes" durch Zollsekretär Kürsten von der Zollfahndungsstelle, dass beabsichtigt sei, diverse neu angeschaffte Gegenstände ins Ausland zu verbringen (darunter Kleidung der Modehäuser Robinsohn und Ladage & Oelke) und leitete ein Strafverfahren ein. Für die Ausreise von Juden verlangte der NS-Staat zudem den Verkauf aller Immobilien, Wertpapiere und Lebensversicherungen. Kurt Hochfeld verkaufte daher im Juni 1938 das Haus in der Rothenbaumchaussee 181 über die Hausmakler-Firma Adolph Kallmes (Hamburg) an seine Mutter Martha Hochfeld, geb. Jüdell für 33.000 RM. Nach Zahlung von 5.300 RM Dego (Deutsche Golddiskontobank, Abteilung Zusatzausfuhr) für die von ihm neu angeschafften Gegenstände, erhielt Kurt Hochfeld am 14. Juli 1938 seinen ein Jahr gültigen Reisepass. Die Firma Giulio Hochfeld war im Februar 1938 von Wilhelm Schlüter übernommen worden.

Kurt Hochfeld emigrierte im November 1938 mit seiner Familie, zusammen mit seinem Onkel Gustav Hochfeld sowie dessen Ehefrau und Tochter nach Messina auf Sizilien. Obwohl Hochfelds ihr Unternehmen 1896 in Italien gegründet hatten und 1932 eine Niederlassung in Messina im Handelsregister hatten eintragen lassen, wurde ihnen dort die Übernahme der Niederlassung verwehrt. Daraufhin verließen beide Familien im April 1939 Italien und reisten in die Niederlande; Kurt und Sophie Hochfeld wählten den Weg über Paris. Ihr Hausstand musste nun ein zweites Mal in großen Liftvans (Holzcontainern) verpackt und transportiert werden – allein für 3 Liftvans berechnete damals eine deutsche Speditionsfirma für die Strecke Hamburg – Rotterdam rund 3.900 RM. In Den Haag fanden sie eine Wohnung, im nahegelegenen Rotterdam arbeitete Kurt Hochfeld.

Sein Onkel Gustav Hochfeld (1876-1948) gründete 1939/1940 zusammen mit ihm und seinem Schwiegersohn Herbert Samson (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) die Firma Giulio Hochfeld in Rotterdam neu ("grossier in groenten en fruit en andere levensmiddelen"). Dies gelang nur mit Hilfe von Freunden und unter Ausnutzung alter Verbindungen. Von den drei Firmeninhabern und ihren Familienangehörigen waren die Niederlande aber nur als Zwischenstation auf dem Weg in die USA gedacht.

Auch seine verwitwete Mutter Martha Hochfeld (geb. 4.2.1873 in Altona) emigrierte (s. www.stolpersteine-hamburg.de). Nachdem ihre für April 1939 geplante Emigration nach Los Angeles/USA nicht zustande kam, musste die 66jährige sich um Aufnahme in einem anderen Land bemühen. Mit dem deutschen Angriffskrieg auf Polen, die Niederlande, Belgien und Frankreich wurden die Fluchtmöglichkeiten geringer. In Martha Hochfelds Auswandererakte finden sich keine Gründe für das Scheitern ihrer Ausreise in die USA, obwohl bereits der Abfahrtstermin am 14. Oktober 1939 mit dem Dampfer MS "Dinteldijk" von Rotterdam nach New York feststand.

Auch zu den geänderten Emigrationsbemühungen gibt es keine Schriftstücke in der Akte. Novemberpogrom und Sperrung ihres gesamten Vermögens per "Sicherungsanordnung" verzögerten die Abreise weiter. Der NS-Staat belegte ihr Vermögen mit hohen Sondersteuern (u.a. 46.400 RM Judenvermögensabgabe und 3.800 RM Dego für neuwertiges Umzugsgut). Außerdem verlangte er den Verkauf ihrer Immobilien, darunter das Haus Rothenbaumchaussee 181 im November 1938 für 26.000 RM an Dr. med. Erich Harloff. (Der neue Eigentümer weigerte sich dem jüdischen Hausmeister die Wohnung zu kündigen und wurde dafür 1943 vom NSDAP-Kreisgericht aus der Partei und ihren angeschlossenen Verbänden ausgeschlossen).

Endlich konnte sie mit einem Flugzeug nach Brüssel ausreisen. Von Belgien aus erreichte sie am 2. Juli 1940 ihre Familie in den inzwischen bereits okkupierten Niederlanden. Auch hier begann das NS-Besatzungsregime bereits immer härtere Maßnahmen gegen Jüdinnen und Juden umzusetzen. Martha Hochfeld wurde in den Lagern Vught und Westerbork interniert und am 29. Juni 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.

Auf Anordnung der deutschen Besatzungsbehörden mussten die jüdischen Einwohner von Den Haag im September 1940 die Stadt verlassen und in den Osten der Niederlande umziehen. Auch Gustav Hochfeld (geb. 17.5.1876 in Lemgo) und seine Ehefrau Gertrud Hochfeld, geb. Simsonsohn (1885- 1974) mussten in den Osten nach Nunspeet in den Harderwijkerweg 5 umziehen. Für Kurt Hochfeld, seine Ehefrau und seinen Sohn ist eine Unterkunft in Nunspeet in der Stationslaan 52 auf einer Karteikarte in Arolsen Archives belegt. Die gerade erst eineinhalb Jahre zuvor neu gegründete Firma kam dadurch zum Erliegen und dessen Werte gingen verloren.

Nach der Emigration verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand von Sophie Hochfeld. Daraufhin wurde sie 1940 für rund sechs Wochen in ein Sanatorium in der Nähe von Apeldorn geschickt. Kurt Hochfeld arbeitete unterdessen für die Judenrat als Generalbevollmächtigter ("Hoofdvertegenwoordiger"). Er war als "guter Organisator" und "gute administrative Kraft" angesehen. Der Judenrat bescheinigte ihm, "ihre Interessen in der richtigen Weise zu vertreten und (in) schwierigen Situationen Sicherheit (zu geben) und Ruhe zu bewahren" (Übersetzung von niederländischer Karteikarte in Arolsen Archives). Aufgrund seiner Funktion waren er und seine Familie für einige Zeit vor Verhaftung und Deportation geschützt; sein Gesundheitszustand wurde als "ausgezeichnet" beschrieben.

Doch die Ehe hielt der Belastung nicht stand. Im Oktober 1942 erfolgte aufgrund außerehelicher Beziehungen von Kurt Hochfeld die Scheidung vor dem Landgericht in Zutphen. Er wurde zu Unterhaltszahlungen von monatlich 50 Gulden, bei einem Monatsverdienst von 120 Gulden, verurteilt. Außerdem musste er die Prozesskosten von 150 Gulden zahlen. Kurt und Sophie Hochfeld lebten zu diesem Zeitpunkt als Staatenlose in Nunspeet.

Im Juli 1942 begannen die deutschen Besatzer auch in den Niederlanden mit der Deportation von Juden, die Staatenlosen standen als erste auf den Listen und der Status als Mitarbeiter des Judenrats verlor seinen Schutz.

Kurt Hochfeld soll sich zusammen mit seinem Sohn versteckt haben, aber bei einer Razzia entdeckt worden sein. Beide wurden am 10. April 1943 in das Lager Vught und von dort am 19. Oktober 1943 weiter in das Lager Westerbork gebracht. Am 8. Februar 1944 wurden beide in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo Kurt Hochfeld am 30. Juni 1944 ermordet wurde. Sein Sohn Julius Hochfeld (geb. 9.4.1930 in Hamburg) war dort bereits am 11. Februar 1944 einen Tag nach der Ankunft ermordet worden.

Sophie Hochfeld (1907-1977) hatte sich ebenfalls entschieden, in die Illegalität zu gehen. Sie legte den seit Mai 1942 vorgeschriebenen gelben Judenstern und ihren Namen ab und suchte nach einer Unterkunft ohne offizielle Anmeldung. Ab dem 5. April 1943 konnte sie bei dem verheirateten Bäcker Harmannus A. Ensing (geb. 1906) in Coevorden unterkommen. Dort war sie auch als Haushälterin tätig. Sie sprach gut niederländisch, aber mit einem deutschen Akzent. Das Haus konnte sie nur wenige Male im Dunkeln verlassen. Am 15. Oktober 1943 wechselte sie zu Witwe Greta Ensing in Oud Schoonebeek, auch dieser Ort lag in der Provinz Drenthe im Osten der Niederlande. Lebensmittelkarten erhielt sie von der niederländischen Widerstandsbewegung, die diese bei Überfällen erbeutete, aber auch gefälschte Exemplare verteilte. Die Familienangehörigen der Quartiersgeber nannten sie "Tante Gé", ihr vollständiger Deckname ließ sich in den 1960er Jahren vom Amt für Wiedergutmachung in Hamburg nicht mehr ermitteln. Erst nach der Kapitulation des NS-Regimes erfuhr Sophie Hochfeld vom Tod ihres Sohnes und ihres geschiedenen Ehemannes. Sophie Hochfeld emigrierte 1947 zu ihren Brüdern in die USA.

Gustav Hochfeld und Gertrud Hochfeld, geb. Simonsohn wurden im Durchgangslager Westerbork interniert. Am 1. Februar 1944 wurden sie in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Im sogenannten "Sternlager", wo sie einen gelben Stern an ihrer Zivilkleidung trugen, erhielten sie die Nummern 3537 und 3538. Aufgrund ihrer Palästina-Zertifikate für eine Emigration dorthin, wurden sie am 29. April 1944 für einen Gefangenenaustausch in Block 10 untergebracht. Im Gegenzug für inhaftierte deutsche Templer in Palästina wurden Gustav und Gertrud Hochfeld am 30. Juni 1944 per Zug ("Transport 222") nach Haifa transportiert. Damit gehörten sie zu den wenigen "Austauschjuden", die tatsächlich überlebten und in die Freiheit gelangten.

Stand: Februar 2026
© Björn Eggert

Quellen: Staatsarchiv Hamburg (StaH) 213-13 (Landgericht Hamburg, Wiedergutmachung), 3321 (Martha Hochfeld); StaH 221-11 (Entnazifizierung), M 4622 (Dr. Erich Harloff); StaH 231-7 (Handelsregister), A1 Bd. 19 (A 4962, Guilio Hochfeld); StaH 231-7 (Handelsregister), B 1965-115 (Minden & Neumark, Zigarren en gros); StaH 241-2 (Justizverwaltung – Personalakten), A 3840 (Carl Meinhof); StaH 314-15 (Oberfinanzpräsident), F 1089 (Kurt Hochfeld u. Sophie Hochfeld geb. Minden); StaH 314-15 (Oberfinanzpräsident), F 1090 (Martha Hochfeld); StaH 314-15 (Oberfinanzpräsident), F 1087 (Hans Hochfeld, Verwaltung von Sonder- und Sperrkonten 1939-1941); StaH 332-5 (Standesämter), 8578 u. 440/1896 (Julius Hochfeld u. Martha Jüdell); StaH 332-5 (Standesämter), 2888 u. 640/1897 (Heiratsregister 1897, Iwan Minden u. Martha Peine); StaH 332-7 (Staatsangehörigkeitsaufsicht), A III 21 Bd. 16 (Aufnahme-Register 1911-1915 A-H, Gustav Hochfeld am 27.11.1912 Nr. 117103); StaH 332-8 (Meldewesen), A 24 Bd. 274 (Reisepassprotokoll 22081/1922, Kurt Hochfeld, ausgestellt 9.9.1922 für Finnland); StaH 332-8 (Meldewesen), A 24 Bd. 367 (Reisepassprotokoll 17234/1928 Kurt u. Sophia Hochfeld); StaH 351-11 (Amt für Wiedergutmachung), 32408 (Sophie Hochfeld); StaH 351-11 (Amt für Wiedergutmachung), 28960 (Irma Hochfeld, darin Anträge für Hans Hochfeld, Kurt Hochfeld u. Martha Hochfeld); StaH 351-11 (Amt für Wiedergutmachung), 2124 (Martha Minden für Luise Minden); StaH 352-11 (Erbgesundheitsakten), 1746 (Sophie Hochfeld geb. Minden); StaH 362-2/19 (Heinrich-Hertz-Schule 1893-1971), 21 (Matrikel mit Register 1907-1940), 86 (Karteikarten jüdischer Schüler des Heinrich-Hertz-Realgymnasium 1909-1935); StaH 522-1 (Jüdische Gemeinden), 992b (Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg), Emil Hochfeld, Gustav Hochfeld, Hans Hochfeld, Julius u. Martha Hochfeld, Kurt Hochfeld, Martha Minden; Jüdischer Friedhof Hamburg-Ohlsdorf (Julius Hochfeld, Grablage R 3, Nr. 201); Gedenkstätte Bergen-Belsen (Auskunft Oktober 2025 zu Gustav Hochfeld u. Gertrud Hochfeld geb. Simonsohn); Bundesarchiv Berlin, B 578/12255 (Reservelazarett Krefeld, 1916, Gefreiter Hans Hochfeld), B 578/11668 (Reservelazarett "Marienheim" Krefeld, 1916, Gefreiter Hans Hochfeld), B 578/33224 (Kriegslazarett 128A "Regina Elisabeta" Bukarest, 1917, Obergefreiter Hans Hochfeld), B 578/24082 (Reservelazarett Meiningen, 1917, Vize-Feldwebel Hans Hochfeld); Helsinki City Archives (address register of the Helsinki Police Department, Kurt Hochfeld); Museum und Archiv Baden-Baden (Sterberegistereintrag 329/1929); Badeblatt und Amtliche Fremdenliste der Stadt Baden-Baden (Nr. 222 vom 23.9.1929, Ankunft Hans Hochfeld, Ingenieur; Nr. 231 vom 3.10.1929, Ankunft Kurt Hochfeld, Kaufmann; Nr. 238 vom 11.10.1929, Ankunft Dr. Hans Hochfeld, Ingenieur); Handelskammer Hamburg, Handelsregisterinformationen (Giulio Hochfeld, A 4962; Kraftwagenhallen am Meßberg Dr-.Ing. Hans Hochfeld, A 32840 u. C 7785; Adolph Kallmes, A 10872); Hamburgischer Correspondent, Morgenausgabe 6.12.1901, S. 4 ("Hiesiege und auswärtige amtliche Bekanntmachungen", dort ist Max Neumark als Gesellschafter in die Firma von Iwan Minden eingetreten); Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1910, S. 332 (Adolph Kallmes, gegr. 1866, Haus- u. Assekuranz-Makler, Inhaber Siegfried Kallmes, Königstr. 15-19), S. 448 (Minden & Neumark, gegr. 1901, Cigarrengrosshandlung, Havanna-Import, Inhaber Iwan Minden, Neuer Wall 50); Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1926, S. 575 (Kraftwagenhallen am Messberg Dr.-Ing Hans Hochfeld, gegr. 1925, Garagen, Reparaturen, Tankstellen, Theerhof gegenüber Ballinhaus); Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1935, S. 378 (Giulio Hochfeld, gegr. 1904, Import u. Export von Südfrüchten, Inhaber: Willy Hochfeld u. Gustav Hochfeld, Prokuristen: Richard Hochfeld u. Kurt Hochfeld, Fruchthof, Oberhafenstraße 5); Das Buch der alten Firmen der Freien und Hansestadt Hamburg, Hamburg um 1930, Seite X 16 (Adolph Kallmes, Hausmakler, Königstrasse 14-16); Justizbehörde Hamburg (Hrsg.), "Für Führer, Volk und Vaterland…", Hamburger Justiz im Nationalsozialismus, Hamburg 1992, Bd. 1, S. 178 (Oberlandesgerichtsrat Meinhof); Ina Lorenz, Die Juden in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik, 2 Bände, Hamburg 1987, S. 236, 666 (Gustav Hochfeld), S. 235 (Richard Hochfeld); Wilhelm Mosel, Wegweiser zu ehemaligen jüdischen Stätten in Hamburg, Heft 2, Hamburg 1985, S. 64-71 (Bundesstraße 58/ Beim Schlump); Dr. Curt Rothenberg (Hrsg.), Das Hanseatische Oberlandesgericht. Gedenkschrift zu seinem 60jährigen Bestehen, Hamburg 1939, S. 233-242 (Erbgesundheitsgericht, auf S. 233 Meinhof erwähnt); Jürgen Sielemann, Aus der Geschichte der Familie Hochfeld in Hamburg, in: Liskor – Erinnern, 2018, Heft 10, S. 3-21; Anna von Villiez, Mit aller Kraft verdrängt. Entrechtung und Verfolgung "nicht arischer" Ärzte in Hamburg 1933 bis 1945, München/ Hamburg 2009, S.308/309 (Hermann Josephy); Verzeichnis der Mitglieder der drei Hamburger Logen U.O.B.B., Henry Jones Loge, Steinthal Loge und Nehemia Nobel Loge, 1932, S. 3 (Julius Hochfeld), S.30, 43, 54 (Gustav Hochfeld), S. 54, 58, 59 (Gertrud Hochfeld), S. 44 (Willy Hochfeld); Städtisches Museum Lemgo/ Gedenkstätte Frenkel-Haus + Johannesburg Holocaust & Genocide Centre, The German-Jewish Dilemma. The Story of the Hochfeld Family from the 18th Century until Today, Bielefeld 2019, 14-16 (Stammbaum), S. 30/31 (Julius Hochfeld); Adressbuch Hamburg (Hochfeld) 1905-1907, 1910, 1912-1914, 1920, 1928; Adressbuch Hamburg (Kurt Hochfeld) 1930, 1932, 1934-1936, 1938; Adressbuch Hamburg 1934 (Dr. H. Josephy, Priv.-Dozent, Nervenarzt, Maria-Louisen-Straße 90); Telefonbuch Hamburg 1931 (Kraftwagenhallen am Messberg GmbH, Hamburg 8, Theerhof-Ericus); Telefonbuch Hamburg 1931 und Adressbuch Hamburg 1934 (Dr. med. Kurt Holm, Physikus der Gesundheitsbehörde, Facharzt für innere Krankheiten, Immenhof 6); Yad Vashem, Gedenkblatt/Page of Testimony (Kurt Hochfeld, Martha Hochfeld, Julius Hochfeld); www.bundesarchiv.de/gedenkbuch (Kurt Hochfeld, Julius Gerhard Hochfeld, Martha Hochfeld); https://arolsen-archives.org (Kurt Hochfeld, Fritz Walter Kurt Hochfeld, Julius Gerhard Hochfeld); www.geni.com (Fritz Walter Kurt Hochfeld, Hans Hochfeld, Julius Hochfeld, Isaac Hochfeld, Iwan Minden); www.oorlogsbronnen.nl (Karteikarte Kurt Hochfeld); www.joodsmonument.nl (Kurt Hochfeld, ohne Angabe des Wohnortes); https://www.ancestry.de (Sophie Hochfeld, Hans Hochfeld); www.stolpersteine-hamburg.de (Herbert Samson).

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