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Lilly Meininger (geborene Rendsburg) * 1909
Papendamm 25 (Eimsbüttel, Rotherbaum)
HIER WOHNTE
LILLY MEININGER
GEB. RENDSBURG
JG. 1909
FLUCHT HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1943
SOBIBOR
ERMORDET 7.5.1943
Weitere Stolpersteine in Papendamm 25:
Rosa Oppenheimer, Hanna Rendsburg
Hanna Rendsburg, geb. Wehl, geb. 12.12.1880 in Hamburg, 1939 Flucht in die Niederlande, am 23.2.1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, ermordet
Lilly Meininger, geb. Rendsburg, geb. 28.12. 1909 in Hamburg, Flucht in die Niederlande 1936, interniert im polizeilichen Durchgangslager Westerbork, am 4.5.1943 in das Vernichtungslager Sobibor im deutsch besetzten Polen deportiert, ermordet
Rosa Oppenheimer, geb. Rendsburg, verwitwete Drysdale, geb. 31.7. 1913 in Hamburg, 1938 Flucht in die USA, überlebt
Papendamm 25
Zur Zeit von Hanna Rendsburgs Geburt wohnte die Familie in der Mühlenstraße in der Nähe des Großneumarkts. Dieses Viertel der Hamburger Neustadt war bis Ende des 19. Jahrhunderts das Hauptwohngebiet der Hamburger Jüdinnen und Juden, die Mühlenstraße gibt es heute nicht mehr.
Hannas Eltern waren der Auktionator Salomon Wehl (1833-13.9.1900) und seine Frau Sophie, geborene Freudenberg (10.2.1842-20.9.1934). Hanna war das jüngste von acht Kindern.
In der nahe gelegenen Straße Kohlhöfen befanden sich eine Synagoge und eine jüdische Schule, die vielleicht auch Hanchen, wie sie genannt wurde, besuchte. Über ihre Kindheit und Jugend wissen wir nichts.
Am 14. Januar 1907 heiratete sie Siegfried Rendsburg (geb. 15.2.1879 in Hamburg), der ebenfalls aus einer großen jüdischen Familie stammte. Er hatte 13 Geschwister. Siegfried Rendsburg war Geschäftsreisender von Beruf, d.h. er besuchte als Vertreter verschiedene Firmen. Seine Eltern waren der Agent (Händler) Marcus Rendsburg (6.7.1844-23.4.1917) und Sophie, geb. Reinbach (18.9.1845-17.2.1930).
Am 11. Dezember 1907 wurde die Tochter Babett Betty geboren, es folgten Lilly am 28. Dezember 1909 und Rosa am 31. Juli 1913. Damit war die Familie komplett. Seit 1909 war sie im Adressbuch im Lehmweg 6 verzeichnet, danach in der Klosterallee 110.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs änderte sich das Familienleben, Siegfried Rendsburg musste als Soldat kämpfen. Ein Foto von 1916 zeigt ihn in Uniform. Er gehörte der 3. Kompagnie des Landwehr Infanterie-Regiment 83 an. Hanna war mit den drei kleinen Kindern allein in Hamburg.
1918 trafen sie zwei schwere Schicksalsschläge: Am 12. Mai starb die älteste Tochter Babett im Alter von nur zehn Jahren, und Ende September fiel Hannas Mann Siegfried als Soldat in Bouconville in den französischen Ardennen. Diese Region war Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen deutschen und alliierten Truppen gewesen.
Hanna musste ihre erst fünf und neun Jahre alten Töchter als Witwe allein großziehen. Sie bekam eine Kriegshinterbliebenenrente, bestimmt wurde sie auch von der Familie unterstützt. Der Zusammenhalt war groß, gemeinsame Zusammenkünfte und Feste gehörten zum Alltag.
Um 1921 zog sie mit Lilly und Rosa in das Haus Papendamm 25 in die erste Etage. Nach Angaben einer heutigen Bewohnerin sei bis in die 1960er Jahre auf der anderen Straßenseite eine Kaserne gewesen, und viele der Militärangehörigen hätten in diesem Haus gelebt. Vielleicht erhielt Hanna die Wohnung, weil sie Kriegerwitwe war.
Von Rosa wissen wir, dass sie 1919 in die Israelitische Höhere Töchterschule in der Carolinenstraße eingeschult wurde. Sie war nicht das einzige Kind, das nach dem Krieg ohne Vater aufwachsen musste.
Die ehemalige Turnhalle der Töchterschule beherbergt heute die Synagoge der Liberalen Gemeinde Hamburgs, des Israelitischen Tempelverbands. Bei seinem Besuch dort erzählte Rosas Sohn, dass seine Mutter sich in dieser Halle im Sportunterricht einmal den Arm gebrochen habe.
1928, nach Beendigung der regulären Schulzeit, begann Rosa eine kaufmännische Lehre in der Grundstücksverwaltungsfirma Edgar Frank. Nach deren Abschluss arbeitete sie weiter in der Firma ihres Lehrherrn, später als Kontoristin. Wie damals üblich lebte sie auch als junge Frau mit ihrer Mutter zusammen.
In den 1930er Jahren wurde das Leben von Jüdinnen und Juden durch immer neue Gesetze zunehmend unerträglich gemacht. Später gab Rosa an: "Die letzten Jahre litt ich sehr [...] und war froh, als ich am 8.2.1938 mit Dampfer "Manhattan" […] nach Amerika auswandern konnte". In den USA musste sie zunächst als Haushaltshilfe arbeiten, um sich über Wasser zu halten.
1941 heiratete sie Eric Drysdale, vormals Erich Dreyfus, ebenfalls ein deutscher Flüchtling, der aus Ludwigsburg stammte. Eric starb 1966. Drei Jahre später ging sie mit Fred (Fritz) Oppenheimer aus München eine neue Ehe ein.
Rosa hielt während ihres ganzen Lebens die Traditionen des einst so lebendigen Familienverbands wach. Sie als eine der wenigen Überlebenden sorgte dafür, dass z.B. Festtagsbräuche, bestimmte Koch- und Backrezepte und Melodien, die zu jüdischen Feiertagen gesungen wurden, weiterlebten und so auch an die Zerstörung der großen Familie erinnerten. Heute trägt ihr Sohn Steven die Geschichte weiter.
Rosa starb 2006 im Alter von 93 Jahren in Florida.
Tochter Lilly besuchte wahrscheinlich ebenfalls die Israelitische Höhere Töchterschule. Als sie im Februar 1932 den kaufmännischen Angestellten Abraham Herbert Frankenthal heiratete, wohnte sie mit ihrer Mutter in der Grindelallee 68. Da im Adressbuch von 1932 noch Papendamm 25 als Wohnsitz eingetragen ist, muss der Umzug kurz zuvor erfolgt sein.
Trauzeugen waren Herberts Bruder Walter Frankenthal und Lillys Onkel Jonas Wehl, ein Bruder ihrer Mutter.
Herbert Frankenthal war am 14. Mai 1899 in Lübeck geboren worden. Später arbeitete er als Fotograf. (Mehr zu seiner Familie ist unter www.stolpersteine-hamburg.de bei Fritz Isidor Dawidowicz zu lesen.)
Nach Angaben von Rosas Sohn sollen Lilly und er in den 1930er Jahren in Barcelona gelebt haben. Bei Beginn des spanischen Bürgerkriegs flüchtete das Ehepaar 1936 in die Niederlande.
Nach Lillys Heirat und Auszug sind Hanna und Rosa Rendsburg im Adressbuch noch bis 1934 unter der Anschrift Grindelallee 68 verzeichnet. 1935 wohnten sie kurzfristig in der Rappstraße 16, ab Herbst 1935 dann in der Bundesstraße 35, einem Gebäude der Samuel Levy-Stiftung. Diese stellte Menschen mit geringem Einkommen günstigen Wohnraum zur Verfügung. Wie auch von allen vorherigen Adressen war die Bornplatzsynagoge, der sich die Frauen verbunden fühlten, fußläufig gut zu erreichen.
Um der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung zu entkommen, zog Hanna Rendsburg Anfang März 1939, wenige Wochen nach Rosas Ausreise, nach Amsterdam. Lilly war inzwischen geschieden und lebte zu der Zeit in der Waverstraat 103 II, zusammen mit Walter Meininger (geb. 21.11.1896), der aus Göttingen stammte und 1935 in die Niederlande eingereist war. Ob Hanna auch in der Waverstraat wohnte, wissen wir nicht. Am 5. Juli 1939 heirateten Lilly und Walter Meininger.
Seit Oktober 1940 waren die beiden unter der Adresse Deltastraat 11 hs verzeichnet, Hanna lebte seit spätestens Februar 1941 ebenfalls dort. Ihre vorherigen Adressen kennen wir nicht.
Auch Herbert Frankenthal, Lillys erster Ehemann, heiratete wieder. Er wurde mit seiner zweiten Ehefrau Pepi Frankenthal-Weisz (geb. 20.1.1910) am 24. August 1943 nach Auschwitz deportiert.
Seitdem die Nationalsozialisten an der Macht waren flohen mehr als 34 000 Jüdinnen und Juden in die Niederlande. Einigen gelang es, bald in andere Länder weiter zu reisen, die Mehrzahl von ihnen blieb jedoch längere Zeit dort. Die niederländische Regierung befürchtete weitere Flüchtlingswellen. Die Menschen sollten den Staat finanziell nicht belasten, wenn sie kein Einkommen hatten, musste die einheimische jüdische Bevölkerung für sie sorgen. Viele private, politische und kirchliche Organisationen übernahmen diese Aufgabe. Im Frühjahr 1939 ließ die niederländische Regierung das "Zentrale Flüchtlingslager Westerbork" als Unterkunft für illegal eingereiste Personen bauen, finanziert von einer jüdischen Hilfsorganisation. Flüchtlinge aus Deutschland sollten dort weit entfernt vom nächsten Ort untergebracht werden.
Es gab ein Versorgungsgebäude mit Speisesaal und koscherer sowie "normaler" Küche, eine Krankenhausbaracke, eine Schule, Werkstätten und Baracken mit Zweizimmerwohnungen mit Küche und WC für Familien, sowie Schlafsäle für Einzelpersonen. Das Lager war weder umzäunt noch bewacht.
Wahrscheinlich wohnten Lilly, Walter und Hanna in einer eigenen Wohnung, weil Walter Meininger wohl arbeitete und damit den Lebensunterhalt für Lilly, Hanna und sich selbst verdiente. In seiner Personenkarte ist "Vertreter für Schaufensterartikel" als sein Beruf eingetragen. Vielleicht gingen die Frauen auch einer Tätigkeit nach, die Zahlung von Hannas Kriegerwitwenrente hatten die deutschen Behörden zum Zeitpunkt ihrer Übersiedlung nach Amsterdam eingestellt.
Im Mai 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht die neutralen Niederlande und besetzte sie. Bereits im Oktober 1940 wurden die ersten Gesetze und Verordnungen erlassen, um Jüdinnen und Juden gesellschaftlich und wirtschaftlich zu isolieren. Im Januar 1941 mussten sich alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner der Niederlande registrieren lassen – der erste Schritt zu ihrem Ausschluss aus der Gesellschaft war vollzogen. Auch der Straßenterror der niederländischen Nationalsozialisten nahm zu, besonders in Amsterdam gab es Vandalismus und gewalttätige Ausschreitungen. Die Situation für die deutschen Flüchtlinge war beängstigend. In den kommenden Monaten kam es noch schlimmer: Für Jüdinnen und Juden wurden unter anderem der Zutritt zu Schwimmbädern, Parkanlagen, Bibliotheken, Theatern, Museen, Märkten, öffentlichen Plätzen und öffentlichen Anlagen verboten. Der Besuch von Gaststätten war schon seit April nicht mehr möglich, Radiogeräte mussten abgegeben werden – der Katalog der Verbote und Einschränkungen war lang. Im Frühjahr 1942 wurde schließlich die Kennzeichnung jüdischer Menschen mit einem gelben Stern eingeführt.
Im Juli 1942 übernahmen die Deutschen das "Zentrale Flüchtlingslager Westerbork", stellten es unter die Kontrolle der SS und wandelten es in das "Polizeiliche Durchgangslager Westerbork" um. Ein Stacheldrahtzaun mit Wachttürmen wurde errichtet und 24 neue große Baracken für jeweils bis zu 300 Personen gebaut. Jüdinnen und Juden aus dem ganzen Land wurden hier eingewiesen. Die Deportationen in Richtung Osten begannen umgehend. Manche Menschen blieben nur ein paar Stunden oder Tage, andere Monate oder Jahre in dem Lager.
Das Leben in den überfüllten Baracken ohne Privatsphäre war bedrückend. Zeitweilig waren in dem für 2500 Personen ausgelegten Lager bis zu 17000 Menschen untergebracht.
Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Immerhin gab es Einrichtungen wie Schulen, einzelne Geschäfte, Zahnärzte und eine Krankenstation, in denen Gefangene arbeiteten. Andere waren täglich in den Werkstätten und Betrieben, der Küche oder unter Bewachung auf dem Land in der näheren Umgebung tätig. Das sollte ein "normales" Lagerleben vortäuschen und lenkte von den drohenden Transporten ab. Diese fanden wöchentlich statt.
Der letzte Zug verließ Westerbork im September 1944. Bis dahin waren 93 Deportationen durchgeführt worden, die mehr als 101 000 Menschen nach Auschwitz, Sobibor, Theresienstadt, Bergen-Belsen, Ravensbrück und Buchenwald gebracht hatten. Weniger als 5000 von ihnen überlebten.
Im August 1942 wurden Lilly und ihr Mann in Westerbork interniert. Im Mai 1943 mussten sie die Fahrt in das Vernichtungslager Sobibor im deutsch besetzten Polen antreten.
Beide kehrten nicht zurück. Lilly wurde 33 Jahre alt.
Hanna Rendsburg lebte bis zum 14. Januar 1943 in der Wohnung in der Deltastraat, dann wurde auch sie in Westerbork eingewiesen. Sie verblieb dort nur wenige Wochen. Ihr Name ist auf der Transportliste nach Auschwitz vom 23. Februar 1943 verzeichnet. Auch sie überlebte nicht.
Nach dem Krieg gaben Rosa und ihr Mann in einer Anzeige in der deutsch-jüdischen Exilzeitung "Aufbau" den Tod von Mutter, Schwester und Schwager bekannt.
Zum Schicksal von Hannas Rendsburgs Geschwistern:
Helene, die Älteste, geboren am 25. September 1868, war mit Gustav Rothschild verheiratet. Sie starb am 19. April 1937 in Hamburg.
Emma, geboren am 2. Juli 1870, und ihr Ehemann Max Marcus, wurden am 19. Juli 1942 aus Hamburg in das Getto Theresienstadt deportiert und am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka im deutsch besetzten Polen weiterdeportiert und ermordet.
Von Arthur, dem wahrscheinlich ältesten Sohn, wissen wir nur, dass er in den USA lebte.
Hermann, geboren am 28. August 1873, wurde am 15. Juli 1942 zusammen mit seiner Frau Johanna, geb. Döllefeld (geb. 23.10.1869) in das Getto Theresienstadt deportiert, wo Johanna am 16. September 1942 starb. Fünf Tage später, am 21. September 1942, wurde Hermann in das Vernichtungslager Treblinka im deutsch besetzten Polen weiterdeportiert. Beide wurden ermordet. (Siehe www.stolpersteine-hamburg.de Helma Wehl).
Regina, geboren am 5. Juni 1875, lebte mit ihrem Mann Selig Flatauer (geb. 26.1.1869) in Leipzig. Das Ehepaar wurde am 19. September 1942 in das Getto Theresienstadt deportiert, wo Selig am 20. Februar 1943 umkam. Regina überlebte. Sie emigrierte 1951 in die USA zu ihren Söhnen Egon und Werner, die in Schanghai Zuflucht gefunden hatten. Sie starb 1956.
Isidor, geboren am 8. November 1876, starb am 26. Juni 1927 in Hamburg.
Jonas Abraham, geboren am 24. Januar 1878, war wie Hanna in die Niederlande geflüchtet und wurde am 23. März 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet (siehe www.stolpersteine-hamburg.de Jonas Abraham Wehl).
Stand: August 2026
© Sabine Brunotte
Quellen: 1; 3; 5; 8; Adressbücher Hamburg 1908-1935; Standesamt Hbg. 21a, Urkunde Nr. 769; Sta Hbg 02a, Urkunde 366; Sta Hbg. 03 Urkunde 291; Sta Hbg 03 Urkunde 102;
StaH 332-5_13797; Sta Hbg. 0 3a, Urkunde 1369; Sta Hbg 03a Urkunde 1429; Sta Hbg 03, Urkunde Nr. 215; StaH 332-5_3172; StaH 351-11_39261; www.mappingthelives.org, letzter Zugriff 24.6.2026; spurenimvest.de Lilly Meininger, letzter Zugriff 5.7.2026; "Visualizing the Past – Creating the Future" Familienfotos Familiengeschichten, Anna Menny, Björn Siegel, Lisa Bortels (Hg.), Hamburg 2025; diverse Auskünfte des Enkels S.D.; René Kok und Erik Somers, Fotografien der Verfolgung der Juden, Die Niederlande 1940-1945, Katalog zur Ausstellung in der Stiftung Topographie des Terrors Berlin 2019-2020, S. 35, 51, 239, 245, 301; http://bauwelt.de, Eine kurze Geschichte des Flüchtlingslagers Westerbork, Artikel von Robert Jan van Pelt 2006, Zugriff 14.7.2026; collecties.kampwesterbork.nl zu Walter Meininger, Lilly Meininger- Rendsburg, Hannchen Rendsburg-Wehl, Abraham Herbert Frankenthal, Pepi Frankenthal-Weisz, Zugriff, 19.7.2026; Joodsmonument.nl, Zugriff 19.7.2026.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".
Geprüft, nicht lektoriert, Beate Meyer


