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Elka Naphtalie
© Fred Naftali

Elka Naphtalie (geborene Haber) * 1892

Lenhartzstraße 3 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


HIER WOHNTE
ELKA NAPHTALIE
GEB. HABER
JG. 1892
DEPORTIERT
1941 RIGA
1944 Stutthof

Weitere Stolpersteine in Lenhartzstraße 3:
Ina Behrmann, Siegmund Hofmann, Hermine Hofmann, Wolf Jägermann, Carl Löwenberg, Gerda Pulka, Elise Wilda, Emma Wilda, Therese Wilda, Ernst Wilda

Elka Naphtalie, geb. Haber, geb.16.1.1892 in Dynow, am 6.12.1941 nach Riga deportiert, am 1.10.1944 ins KZ Stutthof weiterdeportiert

Lenhartzstraße 3

Im österreichischen Dynow, das heute zu Polen gehört, wurde Elka Haber am 16. Januar 1892 geboren. Ihr Ehemann Hugo Naphtalie war Inhaber eines Pelzwarengeschäftes in der Berliner Kreuzstraße 10. Elka und Hugo Naphtalie bekamen die Kinder Manfred Naphtalie, Margot Katz, geb. Naphtalie, und Gerda Pulka, geb. Naphtalie (s. dort).

Am 28. März 1933 verstarb Hugo Naphtalie in Berlin. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm Elka Naphtalie das Pelzwarengeschäft.

Ihr Sohn Manfred, der mit einem Kindertransport rechtzeitig nach London emigrieren konnte und überlebte, berichtete: "Sie führte dieses zunächst weiter, musste es aber im Jahre 1936 schließen, weil ihr die Fortführung durch Boykott und andere gegen die Juden gerichtete nationalsozialistische Maßnahmen, wie die Verweigerung der Aufnahme in die Arbeitsfront und Ausschluss aus den Berufsorganisationen, die Voraussetzung für die Führung eines Geschäftes waren, unmöglich gemacht wurden." Nach der Schließung ihres Geschäftes 1936 wurde Elka Naphtalie Geschäftsführerin eines Pelzwarengeschäftes in Berlin, Niederwallstraße 33, das ihrem Schwager Wolf Jägermann gehörte, der mit seiner Familie in Hamburg lebte.

Wolf Jägermann war rumänischer Staatsbürger aus Vignita/Bukowina. Auch sein Vater Josef und seine Mutter Reisel betrieben bereits ein Pelzwarengeschäft in Berlin.

1912 war Wolf Jägermann als junger Mann nach Leipzig gegangen, um erste Erfahrungen in der Pelzbranche zu sammeln. Dann brach der Erste Weltkrieg aus, zu dem er eingezogen wurde. Als er 1917 einige Urlaubstage von der Front in Berlin verbrachte, lernte er dort seine spätere Frau kennen. Am 10. Januar 1922 heiratete Wolf Jägermann in Berlin-Charlottenburg seine Frau Regina, geb. Haber, die dadurch die rumänische Staatsbürgerschaft erhielt. Regina Jägermann arbeitete sofort im neu eröffneten Pelzgeschäft in der Niederwallstraße mit, das bereits mehrere Angestellte hatte. Das Ehepaar kaufte sich eine Wohnung mit fünf Zimmern ganz in der Nähe ihres Ladens in der Wilmersdorferstraße 95, Ecke Kurfürstendamm.

Ihre Kinder Thea und Heinz wurden in Berlin geboren. Sie wurden von einem Kinderfräulein betreut, während ihre Mutter weiterhin täglich im Verkauf des Geschäftes arbeitete. Die Familie zog 1926 nach Hamburg um, wo sie zunächst in der Schäferkampsallee 18–22 Woh­nung nahm und dann eine Fünfzimmerwohnung in der Langen Reihe 83 bezog. Das dritte Kind, der Sohn Kurt, wurde geboren. Wolf Jägermann hatte am Gänsemarkt 13 ein weiteres Pelzgeschäft eröffnet, das sich in Hamburg schnell einen guten Ruf erwarb und eine solide Stammkundschaft hatte. Wolf Jägermann galt nach Aussagen von Zeugen als angenehmer Arbeitgeber und verfügte über großes Fachwissen. Er versah den Einkauf des Geschäftes, die Werkstube und den Engros-Handel und kaufte auf Auktionen Rohfelle, während seine Frau für den Kunden­kon­takt zuständig war. Das Ehepaar eröffnete eine zweite Filiale in den Großen Bleichen 31 sowie ein Kommissionslager in der Eppendorfer Landstraße 18 für die Firma Carl Collel.

Inzwischen hatte sich die Haltung der Bevölkerung gegenüber Juden und Jü­dinnen im Hamburger Geschäftsleben bereits verändert: Ehemalige Angestellte sagten im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens 1955 aus, sie hätten sich aus Angst oft im Geschäft in den Großen Bleichen eingeschlossen, um sich vor den Belästigungen und Bedrohungen zu schützen.

Im November 1938 wurden deutschlandweit jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, so auch die Pelzhandlung der Familie Jägermann in Berlin, dessen Geschäftsleitung Elka Naphtalie innehatte. Die Fensterscheiben wurden zertrümmert, das Mobiliar zerstört und das mit wertvollen Pelzen bestückte Warenlager geplündert. Das Geschäft musste kurz darauf geschlossen werden. Familie Jägermann ging mit Elka Naphtalie in die rumänische Botschaft, um den Schadensfall dort zu melden und gab den Verlust mit ca.10000 RM an, erinnerte sich 1962 die damalige Konsulatsmitarbeiterin Else Köster.

Während des Novemberpogroms wurde auch das Hamburger Detailgeschäft der Familie am Gänsemarkt 13 zerstört und die Pelze gestohlen. Zunehmende Einschränkungen für jüdische Geschäftsinhaber führten zu einem stetigen Rückgang der Umsätze. So konnte das Pelzgeschäft z. B. keine Zeitungsinserate mehr aufgeben, die ihm zuvor viele Aufträge eingebracht hatten. Auch Lieferanten weigerten sich nun, gegen die Bestimmungen des NS-Regimes zu handeln und lieferten den Jägermanns keine Ware mehr. Unangekündigte Geschäftsüberprüfungen durch die SS, so sagte der ehemalige Angestellte Hermann J. später aus, "waren an der Tagesordnung". Wolf Jägermann verkaufte seine Ware, überwiegend wertvolle Persianer- und Fohlenpelze, zu diesem Zeitpunkt aus Angst vor dem geschäftlichen Ruin bereits zu "Schleuderpreisen".

Die Verfolgung traf Wolf Jägermann so schwer, dass er Depressionen und Angstzustände entwickelte. 1937 erlitt er einen Nervenzusammenbruch, so dass seine Ärzte ihm rieten, sich einer Kur in Marienbad zu unterziehen. Seine Frau begleitete ihn. Da die Umsätze des Pelzgeschäftes kontinuierlich zurückgingen, musste das Ehepaar Jägermann anschließend mit den Kindern Heinz, Thea und Kurt in die Hamburger Schenkendorfstraße umziehen.

Dort unternahm Wolf Jägermann einen Selbsttötungsversuch. Kurz darauf musste Familie Jägermann diese Wohnung auf Befehl des Hauswirts, der das Haus "judenrein" halten wollte, wieder verlassen. Die letzte Adresse Wolf Jägermanns war die Lenhartzstraße 3 (s. "Das ,jüdische Haus‘ Lenhartzstraße 3", S. 438) in Eppendorf. Auch dort besserte sich sein Gesundheitszustand nicht. Einer seiner Ärzte riet ihm zu einem längeren Aufenthalt im Privatsanatorium "Rekawinkel" in Pressbaum bei Wien.

Regina Jägermann floh kurze Zeit später vor den zunehmenden Verfolgungen nach London zu ihrem Bruder, bei dem sich auch ihre kranke Tochter Thea aufhielt. Sie versuchte, von London aus zu organisieren, dass ihr Mann vom Sanatorium "Rekawinkel" zurück nach Hamburg kommen konnte. Hierin war sie erfolgreich, denn aus den Akten des Amtes für Wiedergutmachung geht hervor, dass der Privatdozent und Chefarzt der Psychiatrischen und Nervenklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf, Hans Bürger-Prinz, die Behandlung für Wolf Jägermann fortgesetzt hat. Seine schweren Depressionen, die in ärztlichen Attesten als reaktiv, d. h. als direkte Folge der antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen, bezeichnet wurden, sind dort u. a. mit mindestens zwei großen Insulinkuren und zahlreichen Elektroschocks behandelt worden, was aus den späteren Aufstellungen für die Kosten dieser Sonderleistungen hervorgeht. Wolf Jägermann wohnte eine Zeitlang offenbar im Mittelweg 150 "bei Dr. Bürger-Prinz", wie auf der Steuerkarte der Jüdischen Gemeinde vermerkt ist. Dort war er allerdings behördlich nicht gemeldet.

Bei einer "großen Insulinkur" lösten Ärzte mittels Insulininjektion einen hypoglykämischen Schock und ein nachfolgendes Kurzkoma aus. Eine "große Insulinkur" bestand aus bis zu 40 dieser Behandlungen, die irreversible Schädigung von Hirnarealen, im ungünstigsten Fall Demenz, zur Folge haben konnten. Die spätere Überstellung solcher Patienten in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn und später in Tötungsanstalten wie Hadamar oder Grafeneck wurde von der Psychiatrie des UKE, auch von Hans Bürger-Prinz, initiiert oder zumindest toleriert.

Elka Naphtalie zog im Juli 1939 in die Lenhartzstraße, um ihren mittlerweile dauerhaft arbeitsunfähig erkrankten Schwager zu versorgen, der sich vom 24. November 1939 bis 8. Dezember 1941 überwiegend in der "Irrenanstalt Friedrichsberg" und in der Psychiatrie des UKE befand. Zudem führte sie das verbliebene zweite Pelzwarengeschäft am Gänsemarkt 13. Als rumänischer Jude musste Wolf Jägermann seine Geschäfte nicht wie die deutschen Juden "arisieren" lassen. Regina Jägermann blieb in dieser Zeit bei ihrer kranken Tochter Thea in London. Mithilfe der rumänischen Botschaft erreichte Regina Jägermann, dass ihre Söhne Heinz und Kurt ebenfalls über London auswandern konnten.

Da der Krieg begann, blieb Regina Jägermann sicherheitshalber in England und Elka Naphtalie kümmerte sich weiterhin um ihren Schwager, besuchte ihn und beglich seine Krankenhausrechnungen. Gleichzeitig musste sie die Auflösung des Pelzwarengeschäftes am Gänsemarkt organisieren, das sich unter den wachsenden Repressalien nicht mehr halten ließ. Unterbringung und Behandlung ihres Schwagers in der Anstalt wurden langsam zu einer großen finanziellen Belastung. Durch eine Auktion sowie Pelz- und Stoffverkäufe "unter der Hand", die in ihrer Wohnung stattfanden, versuchte Elka Naphtalie, einen Erlös zu erwirtschaften, mit dem u. a. die dauerhafte Unterbringung ihres Schwagers in der Heilanstalt Langenhorn finanziert werden konnte. Auch die Ladenausstattung, wie z. B. die Kürschnermaschinen, hatte sie verkauft. Wolf Jägermann wurde schließlich vom UKE aus am 8. Dezember 1941 in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn verlegt.

Elka Naphtalie erhielt nun den Befehl, sich zur Deportation an der Moorweide einzufinden. Eine Nachbarin, Hedwig K. aus der Lenhartzstraße, erinnerte sich:
"Frau Naphtalie musste Gold, Silber, Radio und Pelze abgeben. Erst wurde die Tochter Gerda, dann sie selbst abtransportiert. Die Schlüssel musste sie bei der Gestapo abgeben, die Finanzbehörde löste das Siegel an der Wohnung Lenhartzstraße und holte alle Möbel ab."

Am 6. Dezember 1941 wurde Elka Naphtalie von Hamburg nach Riga deportiert.

Ihr Sohn Manfred schreibt dazu: "Wie ich aus einem Schreiben des Herrn Oskar Salomon vom 22.8.1946, der ebenfalls nach Riga deportiert, aber nach Hamburg zurückgekehrt war, erfuhr, ist meine Mutter nach ihrer Ankunft in Riga in dem in der Nähe von Riga gelegenen Jungfernhof untergebracht worden und kam Anfang 1942 in das Getto in Riga, wo sie bis zu dessen Auflösung im Jahre 1944 blieb. Sie wurde dann nach A. B. A., einem zum KZ Riga gehörigen Arbeitslager, gebracht, wo sie bis zum August 1944 blieb. Am 26. September 1944 wurde sie von Riga nach Stutthof bei Danzig mit einem Transport gebracht."

Im KZ Stutthof bei Danzig verliert sich die Spur von Elka Naphtalie. Manfred Naphtalie hat nie wieder eine Nachricht von seinen Schwestern Gerda und Margot oder über den Tod seiner Mutter erhalten. Sie alle gelten als "verschollen".

Elkas Schwester Regina Jägermann, die gemeinsam mit ihren Kindern alle Verfolgungsmaßnahmen überlebte, gab in den Akten des Amtes für Wiedergutmachung zum Fall ihres Mannes Wolf Jägermann an, er sei am 4. Oktober 1943 in der Tötungsanstalt Hadamar bei Wiesbaden umgebracht worden. Aus den Dokumenten der Wiedergutmachungsakte geht hervor, dass die Jüdische Gemeinde für Verpflegungs- und Begräbniskosten von Wolf Jägermann später eine Rechnung von 340 RM aus der Tötungsanstalt Hadamar erhielt.

In der Akte findet sich ein Vermerk der Rechtsanwälte Rosenhaft u. Fellner vom 11. Januar 1962 zum Wiedergutmachungsfall Wolf Jägermann: "Vom 24.11.39 bis 8.12.1941 befand er sich wegen einer schweren, chronischen Depression in stationärer Behandlung in der Psychiatrischen und Nervenklinik des UKE und wurde am 8.12.1941 nach der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn weiterverlegt. Da in Hadamar Tötungen im Wege der Euthanasie vorgenommen wurden, ist anzunehmen, dass auch Wolf Jägermann vorsätzlich getötet wurde."

Über den Weg Wolf Jägermanns von der Heilanstalt Langenhorn in die Tötungsanstalt Hadamar ist bisher lediglich bekannt, dass er über die Zwischenanstalt Scheuern eingeliefert wurde. Die Krankenakte Wolf Jägermanns ist nach Aussage der Anstalten jeweils mitgegangen und bisher noch nicht auffindbar gewesen.

Zum Beweis des Todes ihres Ehemanns legte Regina Jägermann die Sterbeurkunde Nr. 1204/ 1943 des Standesamtes Hadamar vor. "Der Wolf Jägermann, ohne Beruf, mosaisch, wohnhaft unbekannt, ist am 4.10.1943 um 5 Uhr in Hadamar, Mönchberg 1, verstorben. Der Verstorbene war am 30.12.1896 in Vignita, Rumänien, geboren. Der Verstorbene war verheiratet. Name der Ehefrau unbekannt. Vater und Mutter unbekannt."

Die älteste Tochter Elka Naphtalies, Margaret (Margot) Katz, arbeitete als Näherin. Sie war mit Julien Katz, geboren am 19. Mai 1919 in Köln, verheiratet. Margot Katz lebte zunächst allein in Antwerpen in der Van Schoonhovestraat 39 und zog danach mit ihrem Ehemann nach Brüssel in die Rue du Vautour 41. Sie wurde am 5. Mai 1943 verhaftet und nach Mechelen in das dortige "SS-Sammellager für Juden" gebracht. Am 31. Juli 1943 wurde sie mit Transport XXI/92 nach Auschwitz-Birkenau weiterdeportiert. Dies bestätigte das Brüsseler Aide Aux Israelites Victimes de la Guerre ihrem Bruder Manfred.

Das SS-Sammellager Mechelen in der Dossin diente als Durchgangslager für die Deportation der Juden und Sinti und Roma aus Belgien in deutsche Vernichtungslager, vor allem nach Auschwitz-Birkenau. In der heutigen Mechelener Gedenkstätte des Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseums ist dokumentiert, dass Margot Katz die Deportation nach Auschwitz nicht überlebte. Auch ihr Mann Julien Katz, der von Drancy nach Auschwitz deportiert wurde, starb im Lager.

© Claudia García

Quellen: 4; 6; 8; StaH 351-11 AfW Abl.2008/1, 211123; StaH 552-1 Jüd. Gemeinden, 992e2 Band 1; Angaben von Manfred Naphtalie, s. Artikel Eppendorfer Wochenblatt vom 28.11.2006, Briefwechsel Manfred Naphtalies mit Peter Hess und Johann-Hinrich Möller; Mail von Archivarin Hanne Aerts vom 12.4.2010 Jüdisches Deportations- und Widerstandsmuseum Mechelen: http://www.cicb.be/de/ home_de.htm [geladen am 08.4.2010]; Geschichte des UK Eppendorf: http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/index_15716.php [geladen am 28.4.2010]; Telefonat mit Dr. Christina Vanja, Gedenkstätte Hadamar vom 14.6.2010; Klementowski, Birthe, Stille/Silence. Euthanasie in Hadamar 1941–45. Berlin 2010; Meckl, Wartesaal, in: Terror im Westen, Benz/Distel (Hrsg.), 2004, S. 39–49; Les archives de l'Aide aux Israélites Victimes de la Guerre conservées au Service Social Juif (1944–1960), Bruxelles, Fondation de la Mémoire contemporaine, 2006. Zur Rolle des Psychiaters Hans Bürger-Prinz in der NS-Zeit, vgl. Kai Sammet in: Hamburgische Biografie, Hamburg 2006, S. 69–71
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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