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Bereits verlegte Stolpersteine



Lilly Wolff * 1896

Heinrich-Barth-Straße 8 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1941 Riga
ermordet

Weitere Stolpersteine in Heinrich-Barth-Straße 8:
Rolf Arno Baruch, Marion Baruch, Georg Baruch, Bernhard Baruch, Dan Baruch, Gertrud Baruch, Berthold Walter, Elinor Wolff, Georg Wolff, Leo Wolff, Toni Wolff, Machla Wolff, Willi Wolff

Lilly Julie Wolff, geschiedene Jäckel, geb. 26.11.1896 in Köln, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof, dort ermordet

Heinrich-Barth-Straße 8

Lilly Julie Wolff wurde als einziges Kind des Ehepaares Leo und Toni Wolff, geborene Landsberger, am 26. November 1896 in Köln geboren (siehe dieselben). 1916 zog die Familie von dort nach Hamburg. Lillys kurze Ehe, über die nichts Weiteres bekannt ist, scheiterte und wurde geschieden. Lilly legte dann den Nachnamen Jäckel ab und nahm ihren Geburtsnamen wieder an. Es ist nicht bekannt, ob sie schon 1916 mit ihren Eltern nach Hamburg kam oder aber bis zur Scheidung noch in Köln lebte.

In Hamburg arbeitete Lilly Wolff als Schauspielerin. 1933 hatte sich in Hamburg die "Jüdische Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" gebildet, für die auch Lilly Wolff als Schauspielerin tätig war. Die "Gesellschaft" war aus der Not heraus entstanden, jüdischen Künstlerinnen und Künstlern Engagements zu beschaffen und einem jüdischen Publikum Unterhaltung zu bieten. 1935 benannte sie sich in "Jüdischen Kulturbund Hamburg e.V." um. Dieser verzeichnete bereits ein Jahr später 5.208 Mitglieder, was etwa die Hälfte der damaligen jüdischen Hamburger Bevölkerung ausmachte. Lilly Wolff konnte an verschiedenen Inszenierungen mitwirken, so beispielsweise in den Stücken "Was ihr wollt" und "Pojaz". Auch trat sie 1936 bei künstlerischen Veranstaltungen im Conventgarten auf, die der Vorsitzende der jüdischen Künstlerhilfe initiierte. (Der Conventgarten war ein Veranstaltungs- und Konzertsaal in der Kaiser-Wilhelm-Straße/Fuhlentwiete (Neustadt), welcher bei Bombenangriffen 1943 zerstört wurde.)

Lillys Gagen reichten jedoch nicht, um sie und ihre Eltern finanziell zu unterhalten. So "stempelte" sie 1934 und 1935 zeitweise in einer Telefonvermittlung, erhielt auch Überbrückungsgagen des Kulturbundes und betreute ältere jüdische Familien vor ihrer Emigration. Außerdem bezog sie Zahlungen von der Wohlfahrtsbehörde.

Ab 1938 erhielt sie keine Engagements mehr beim Jüdischen Kulturbund. In einem Schreiben an das Wohlfahrtsamt erklärte sie dies damit, dass dem Kulturbund durch die Emigration vieler wohlhabender Juden die Gelder für ein breites Angebot an Veranstaltungen fehlten. Sie kritisierte aber auch das Vorgehen des Vorstandes, jüdische Künstler von außerhalb oder aber pensionierte Schauspieler für Stücke zu engagieren, so dass einheimische Schauspieler wie sie ohne Beschäftigung blieben. Mit dieser Meinung stand sie nicht allein. Um den Schauspieler Wolfram Garden sammelte sich die "Jüdische Künstlergruppe", die gegen die Führung des Jüdischen Kulturbundes protestierte, vor allem gegen dessen Auswahl der aufzuführenden Stücke, die nicht tauglich für die Allgemeinheit seien. In seinen Programmheften warb der Jüdische Kulturbund 1938 damit, dass an einem "Bunten Abend" auswärtige und Hamburger Künstler auftreten würden und bestätigte damit die Kritik sowohl Lilly Wolffs als auch Wolfram Gardens. Lilly, zwar angefragt, an diesem "Bunten Abend" als Künstlerin teilzuhaben, musste das Angebot ausschlagen, denn sie besaß kein Gesellschaftskleid, das sie zu einem solchen Anlass hätte tragen können.

Nachdem Lilly keine Engagements mehr als Schauspielerin nachweisen konnte, wurden ihr im November 1938 die Überbrückungsgelder, die sie als Zahlungen zwischen den Spielzeiten aus dem Fonds für notleidende jüdische Künstler erhalten hatte, ebenfalls gestrichen. Nun bestritt sie den Familienunterhalt, "indem sie bei jüdischen Familien [...] vornehmlich solchen, die auswandern wollen"" im Haushalt arbeitete, älteren Menschen vorlas oder diese spazieren fuhr. Nicht immer wurde diese Arbeit mit Geld vergütet, sondern oft teilweise in Naturalien beglichen.

Lilly hatte seit 1933 mit ihren Eltern zusammen in unterschiedlichen Wohnungen gelebt: zunächst am Schleidenplatz 7 (heute Biedermannplatz) in Barmbek, dann 1934 im selben Stadtteil in der Meister-Francke-Straße 5, wo sie ein Zimmer an eine Frau mit einem 14-jährigen Sohn untervermieteten. Als diese 1935 auszogen, folgte ihnen eine alleinstehende Krankenhausmitarbeiterin. Lilly schlief in dieser Zeit in der Küche auf "einer sehr alten Chaiselongue". Am 28. März 1938 wechselte die Familie in eine Zweizimmerwohnung in der Heinrich-Barth-Straße 34, wo sie jedoch nur sieben Monate blieb, da "sämtlichen jüdischen Familien gekündigt wurde." Vom 20. November 1938 bis zu ihrer Deportation am 6. Dezember 1941 lebten Wolffs in der Heinrich-Barth-Straße 8, wo der Stolperstein sie erinnert.

Um die Miete für die relativ teure Wohnung aufbringen zu können, beantragte Familie Wolff Unterstützung beim Fürsorgeamt. Lilly begründete die Mietkosten dem Wohlfahrtsamt gegenüber damit, dass das Verbot, als jüdischer Mieter bei einem nichtjüdischen Vermieter zu leben, dazu führe, dass die Nachfrage das Angebot der verfügbaren Wohnungen deutlich übersteige. Das Haus in der Heinrich-Barth-Straße 8 wurde als "Judenhaus" genutzt, in dem die ehemalige jüdische Gemeinde (jetzt: Jüdischer Religionsverband) Juden zusammenlegte.

Zwischen dem 1. Dezember 1939 und dem 6. Dezember 1941 finden sich keine Spuren der Familie Wolff mehr. Sie wurden gemeinsam mit 750 anderen jüdischen Hamburgern nach Riga-Jungfernhof deportiert und starben dort an Hunger, Kälte, Krankheiten oder wurden in der Massenerschießung der "Aktion Dünamünde" ermordet. Das genaue Todesdatum ist weder von Lilly noch von ihren Eltern Leo und Toni Wolff bekannt.

Stand Februar 2015
© Katharina Steinebach

Quellen: StaHH, 522-1, 992b, Kultussteuerkartei; StaHH, 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 2021 (Wolff, Leo); Bundesarchiv, R 1501 Ergänzungskarten zur Volkszählung vom 17.5.1939; IgdJ Archiv, Bestand Kulturbund; Apel, Linde (Hrsg.): In den Tod geschickt. Die Deportation von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945, Hamburg 2009; Meyer, Beate (Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933–1945. Geschichte, Zeugnis, Erinnerung, Hamburg 2006, S. 25–31; http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/%C2%BBjudenh%C3%A4user%C2%AB (Zugriff 28.2.2014); Barbara Müller-Wesemann, Theater als geistiger Widerstand. Der Jüdische Kulturbund in Hamburg 1934–1941, Stuttgart 1996.

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