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Bereits verlegte Stolpersteine



Berthold Walter
Berthold Walter
© Thomas Nowotny

Berthold Walter * 1877

Heinrich-Barth-Straße 8 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

entrechtet / gedemütigt
Flucht in den Tod 07.08.1935

Weitere Stolpersteine in Heinrich-Barth-Straße 8:
Rolf Arno Baruch, Marion Baruch, Georg Baruch, Bernhard Baruch, Dan Baruch, Gertrud Baruch, Elinor Wolff, Georg Wolff, Leo Wolff, Lilly Wolff, Toni Wolff, Machla Wolff, Willi Wolff

Berthold Walter, geb. 19.3.1877, Todesdatum: 7.8.1935 (Suizid)

Berthold Walter wurde am 19. März 1877 in München als sechstes von sieben Kindern von Jakob und Amalie Walter geb. Oestreicher geboren. Nach dem Besuch der Königlichen Ludwig-Kreisrealschule in München widmete er sich der Kaufmannslaufbahn und war 24 Jahre lang Inhaber eines gut gehenden Getreide- und Futtermittelgroßhandels. Am 19.1. 1922 heiratete er in München Herta Walter, geboren am 4.10. 1893 in Bochum. Die Töchter Nora und Lisa kamen 1923 und 1926 in München zur Welt.

Die in Bayern schon früh einsetzende antisemitische Hetze führte mehr und mehr dazu, dass von der NSDAP aufgehetzte Bauern Getreide "vom Juden" weder kauften noch verkauften und sich weigerten, schon gelieferte Waggonsendungen Getreide und Futtermittel zu bezahlen. 1929 musste Berthold Walter sein Geschäft aufgeben.

Mit der Familie zog er zunächst nach Berlin und dann nach Hamm, wo er jeweils die Vertretung für eine Seifenfabrik innehatte. Mit deren Arisierung wurde er entlassen und emigrierte am 1. Mai 1934 mit der Familie nach Paris. Dort versuchte er vergeblich, mit einem vegetarischen Restaurant und später einem Lebensmittelgeschäft eine neue Existenz zu gründen. Bedrückt und tief entmutigt entschloss er sich, allein nach Deutschland zurückzukehren, um zumindest seinen Unterhalt zu verdienen.

Er hoffte, in der Großstadt Hamburg dafür günstigere Bedingungen zu finden, doch er hoffte vergebens. Nur wenige Monate lebte er in der Heinrich-Barth-Straße 8 im Grindelviertel zur Untermiete. Man verweigerte dem äußerlich sehr jüdisch aussehenden Mann die Handels-erlaubnis und die Vermittlung einer angemessenen Arbeit, so dass er versuchte, als Hausierer zu überleben. Mehr als einmal wurde er von Nazis mit Schlägen bedroht, einmal wurde ein großer Hund auf ihn gehetzt, der ihm die Hose zerriss, ein anderes Mal wurde er die Treppe hinuntergeworfen.

Diese entwürdigende Behandlung brach seine Widerstandskraft. Am 7. August 1935 nahm sich Berthold Walter das Leben, indem er vom 7. Stock des Finanzgebäudes am Gänsemarkt in die Tiefe sprang. Er wurde 58 Jahre alt.

Seine Witwe überlebte die Nazizeit unter schwierigen Bedingungen in Frankreich und später in der Schweiz, die Töchter in Dänemark, wo sie ein Landschulheim besuchten, und später in England. Nach dem 2. Weltkrieg kehrten sie nach Deutschland zurück.

Von Bertholds Geschwistern starben drei schon weit vor 1933, drei weitere überlebten das "Dritte Reich": Die Zwillingsschwestern Betty und Ida waren rechtzeitig in die Schweiz ausgewandert, der Bruder Heinrich Walter wurde aus München nach Theresienstadt deportiert und von dort 1945 mit dem einzigen Transport, der in die Freiheit führte, in die Schweiz gebracht.



Hilde Meisel, Deckname Hilda Monte, Jüdin, und Sozialistin, schrieb das nachstehende Gedicht über den Tod von Berthold Walter. Hilda Monte wurde im Frühjahr 1945, kurz vor Kriegsende, bei der illegalen Arbeit gegen das 3. Reich von einer SS-Patrouille an der österreichisch-schweizerischen Grenze erschossen. An sie erinnert ein Stolperstein in Berlin-Wilmersdorf sowie der "Hilda-Monte-Weg" in Hamburg-Bergedorf.


Hamburg 1935

Von dieser Brüstung werde ich gleich springen.
Gleich wird mein Körper auf dem Hof zerschellen.
Ich höre noch den Bettler drüben singen,
Ich höre einen Hund ein Pferd anbellen.
Bleich werde ich gestorben sein.

Ich sterbe mitten im Gewühl der Stadt,
und nicht im Kämmerlein mit Veronal,
denn wer den Todessprung verschuldet hat,
wer schuldig ist an meiner Lebensqual,
soll ihren schreckensvollen Ausgang sehn.

Zwei Jahre lebte ich als Emigrant
Und konnte Frau und Kinder nicht ernähren,
und sehnte mich nach meinem Heimatland.
Schliesslich entschloss ich mich, zurückzukehren,
verzweifelt, und verängstigt, und verzagt.

Ein alter Jude, schwach und hoffnungslos,
Kehrt' ich zurück ins Deutschland der Barbaren.
Ich wollte arbeiten. Ich wollte bloss
den Kindern, die so lange hungrig waren,
ein wenig Brot und Kleidung noch verschaffen.

Ihr liesset es nicht zu. Ihr seid so roh!
Ach, wüsstet ihr, wie meine Kinder froren,
als ich von ihnen ging. Sie weinten so . . .
Doch ihr habt eure Seelen längst verloren,
seit euch das Hitlerreich die Freiheit nahm.

Er ist so mächtig! Kann ich meine Kinder schützen
vor Banden, die sich frech Regierung nennen?
Was kann ich alter Jud den kleinen nützen?
Vielleicht wenn sie mich nicht mehr kennen,
wird ihnen irgendwo ein Tor zur Welt.

Drum geh ich fort. Doch geh ich nicht im Stillen.
SA-Mann dort: in einem Augenblick
hörst du die aufgeschreckte Masse brüllen:
"Ein Mann fiel, und er brach sich das Genick.
Und dieser Mann – es war ein armer Jude."

J U D E

Man drängt um seinen Leichnam. Zieht den Hut.
Doch wenn du kommst, weicht angstvoll man zurück.
Dein braunes Hemd, es riecht so stark nach Blut -
und aus dem toten Körper saugt ein Blick
anklagend sich an deinem Auge fest.

Beklommen starrst du auf den toten Mann,
siehst Kinder um den alten Juden weinen,
und selbst die arischdeutsche Marktfrau kann,
so sehr sie sich bemüht, nicht teilnahmslos erscheinen -
Barsch forderst du zum Weitergehen auf.

Man geht. Man wendet sich noch einmal um -
ein letzter Blick – birgt er nicht ein Verstehen?
Birgt er die Frage nicht an diese Zeit: Warum
müssen wir über dieses Juden Leiche gehen?
Und das Geständnis: Unser ist die Schuld?

Ich bin ein Jude. Und ich sterbe hier,
damit ihr denken möget an das Leben
der Abertausend, über die, gleich mir,
ihr euer Todesurteil abgegeben.
Wer seid ihr, dass ihr unsere Richter seid?


© Thomas Nowotny

Der Autor ist ein Enkel von Berthold Walter und lebt heute in Süddeutschland

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus, Gedenkbuch, Hamburg 1995; Wiedergutmachungsakten Berthold Walter, Versorgungsamt Hamburg; Hamburger Tageblatt 7.8.1935

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