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Bereits verlegte Stolpersteine



Elfriede Ruben * 1885

Haynstraße 10 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

1941 Lodz
1942 ermordet in Chelmno

Weitere Stolpersteine in Haynstraße 10:
Wilhelm Cohn, Olga Delbanco, Hermann Falkenstein, Josefine Holländer, Fanny Kallmes

Elfriede Ruben, geb. 30.5.1885 in Lübeck, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 12.9.1942 nach Chelmno weiterdeportiert

Haynstraße 10

Elfriede Rubens Eltern waren der Hamburger Kaufmann Philipp Jacob Ruben (1849–1911) und die Hannoveranerin Bertha (1849–1927), geborene Jüdel. Es war Rubens zweite Ehe, nachdem die erste Frau verstorben war. Mit ihr hatte er vier Kinder: Richard (geb.1872), Henry (geb. 1873), Cäcilie/Cille (geb. 1876) und Sammy/Sonny (geb. 1879). Aus der Ehe mit Bertha, die 1883 geschlossen worden war, gingen die Töchter Johanna/Hannah (geb. 1884) und Elfriede/Elly hervor.

Philipp Ruben war im Rohprodukten-, speziell Lumpenhandel tätig. Um 1873 verlegte er Geschäft und Wohnsitz nach Lübeck und erwarb die lübeckische Staatsbürgerschaft. Nach seinem Tod kam Elfriede, die für einige Jahre als Kauffrau nach Bochum gegangen war, nach Lübeck zurück und zog zu ihrer Mutter in das Elternhaus an der Mühlenbrücke 1. Sie übernahm die Leitung des väterlichen Geschäfts und wurde Mitinhaberin der Rohproduktenhandlung Ruben & Co. mit Sitz in der Glockengießerstraße 20, später in der Werftstraße 2. Die Geschwister aus der früheren Ehe des Vaters hatten ihren beruflichen Weg außerhalb Lübecks genommen. Erst 1927 kehrte der Halbbruder Henry, unterdessen pensionierter Direktor der Celler Filiale der "Hannoverschen Bank", nach Lübeck zurück. Er war verheiratet mit Jenny Grete (geb. 1878), geborene Hammerschlag. Er engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde, in deren Vorstand er 1937 gewählt wurde.

Antisemitische Aktionen nahmen auch in Lübeck zu. Elfriede verließ die Stadt und zog im Juni 1938 nach Hamburg in die Rappstraße 15 I, zur Untermiete bei Kramer. In Hamburg lebten bereits zwei ihrer Vettern aus der Familie ihrer Mutter, die ebenfalls aus Lübeck gekommen waren.

Elfriede blieb ledig. Ihre Tätigkeit in Hamburg ist nicht klar zu erkennen. Verschiedentlich nannte sie als Beruf Kauffrau, aber auch Hausfrau und manchmal gab sie "ohne Beruf" an. Bei ihrem Eintritt in die Jüdische Gemeinde im Juli 1938 bezeichnete sie sich als "völlig mittellos", sie werde "von Verwandten unterhalten". Von der Kultussteuer war sie befreit. Im November 1940 verbesserte sich ihre Lage etwas. Es wurde eine Reichsversicherungs-Rente fällig, die pro Monat 53,60 RM brachte. Das reichte kaum zum Überleben. Elfriede war jetzt 55 Jahre alt.

Bis August 1940 wechselte sie viermal die Wohnung. Auf die Rappstraße folgten Grindelallee 138, bei Hauptmann, dann Lenhartzstraße 3, Parterre, bei Wallach, schließlich Haynstraße 10 III, bei Klein. Man kann diesen raschen Wechsel verstehen als Suche nach der kostengünstigsten Bleibe angesichts der finanziellen Not. Haynstraße 10 war ihre letzte frei gewählte Adresse. Hier lebte sie 14 Monate.
Am 25. Oktober 1941 wurde sie nach Lodz deportiert. Die Adressen, unter denen sie dort einquartiert wurde, trugen wohlklingende, zynisch an hohe Kultur gemahnende Namen: Mit 20 anderen Personen wurde sie zunächst in eine "Dreizimmerwohnung" (ohne Küche) in der Tizianstraße 2 eingewiesen, dann wurde sie in die Rubensstraße 2 verlegt.

Am 2. Mai 1942 erhielt sie den Aus­reisebefehl III 224. Diese "Reisen" gingen nach Chelmno, zur Ermordung in den Vergasungswagen.

Elfriede Ruben schrieb einen hilflos-verzweifelten Brief "An die Ausweisungs-Kommission". Einige Wörter unterstrich sie, um ihnen Gewicht zu verleihen.

Der Brief lautet: "Ich, Elfriede Ruben, Rubensstraße 2/2, zum Transport I Hamburg gehörig, soll am 4. Mai ausgesiedelt werden. Ich stehe völlig allein, habe keinerlei Verwandte im Getto, bin sehr schwerhörig. Aus diesen Gründen bitte ich die Ausweisungs-Kommission, mich zunächst noch gütigst zurückstellen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Elfriede Ruben."

Die Kommission beschied per Stempel: ODMOWA. Die Bitte war abgelehnt.
Aus uns unbekannten Gründen bestieg Elfriede diesen Transport dann doch nicht. Denn es liegt eine Karteikarte vom 12. September 1942 vor, auf der steht: "Abmeldung Ruben Elfriede … Neue Adresse: Ausgewiesen". Zwischen dem 3. und 12. September 1942 wurden in Chelmno 15 681 Menschen in Gaswagen ermordet. Elfriede Ruben wurde 57 Jahre alt.

Ihr Halbbruder Henry Ruben und seine Frau Jenny Grete wurden am 19. Juli 1942 aus Lübeck über Hamburg nach Theresienstadt verschleppt. Jenny Grete starb dort am 23. Dezember 1942, Henry am 27. Mai 1943. Sie war 66 Jahre alt, er 69.

© Johannes Grossmann

Quellen: 1; 4; 5; 8; StaH 522-1 Jüd. Gemeinden, 992e2 Band 1; StaH 332-8 Meldewesen, A 51/1 (Elfriede Ruben); Archiwum Panstwowe, Lodz (Getto-Archiv), PL-39-278-1011-22066, 22067, 22068, 22069; USHMM, RG 15083, M 300/444-445, Fritz Neubauer, Universität Bielefeld, E-Mail vom 12.6.2010; www.shtetlinks.jewishgen.org/Lodz/statistics.htm (eingesehen am 10.6.2010); Auskunft von Heidemarie Kugler-Weiemann, Lübeck, E-Mail vom 22.6.2010; Auskunft von Hans Herman Meyer, Surrey/England, Brief vom 25.5.2010.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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