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Paula Meyer (geborene Polack) * 1880

Isestraße 39 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
PAULA MEYER
GEB. POLACK
JG. 1880
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
3.12.1941

Weitere Stolpersteine in Isestraße 39:
Herta Boa-Guth, Harriet Natalie Neufeld, Mina Pels, Iwan Seligmann

Paula Meyer, geb. Polack, geb. 13.2.1880 in Hamburg, Freitod am 3.12.1941

Am Morgen des 3. Dezembers 1941 fand Anna Svoboda die beiden Türen, die zum Schlafzimmer ihrer "Herrschaft" führten, verschlossen vor. Sie musste sie vom Hausverwalter öffnen lassen. Paula Meyer, für die sie seit 1934 gearbeitet und in deren Haushalt auch gewohnt hatte, lag bewusstlos in ihrem Bett, aber sie gab noch Lebenszeichen von sich. Fräulein Svoboda rief einen Krankenwagen, und Paula Meyer wurde in das Israelitische Krankenhaus in der Johnsallee gebracht. Sie hatte eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Die Schwestern und Ärzte standen nicht nur diesmal vor einem schweren Konflikt. Sollten sie, ihrem Eid gehorchend, alles tun, um ein Leben zu retten oder sollten sie den letzten Wunsch der Verzweifelten erfüllen, in Frieden zu sterben und nicht in die tödliche Ungewissheit des Lagers transportiert zu werden? Paula Meyer hatte den "Evakuierungsbefehl" nach Riga erhalten. Sie starb kurze Zeit nach ihrer Einlieferung in das Krankenhaus.

Die Hausverwaltung beantragte, dass der "z. Z. herrenlose jüdische Haushalt" sichergestellt, die Mietforderungen von 147 RM beglichen und wegen der herrschenden "Luftgefahr" die Wohnung nicht unbewacht gelassen würde. Mit der letzten Aufgabe wurde nicht etwa Anna Svoboda beauftragt, die ja nun kein Zuhause mehr hatte, sondern der Hauswart.

Paula Meyer hatte in Hamburg keine Angehörigen, ihr Bruder Wolfram, mit Künstlernamen Charles Garden, war 1940 in die USA ausgewandert, ihr Bruder Julius 1933 verstorben. So fiel dem "Konsulenten" Samson, der sie schon vorher beraten hatte, die Aufgabe zu, den Nachlass zu regeln.

Paula Meyer war die Witwe des James Meyer den sie nach einer Scheidung in zweiter Ehe geheiratet hatte.

Im Jahr 1902 hatte sie mit 22 Jahren den vier Jahre älteren Iwan Franck geheiratet. Er hatte sich vier Jahre zuvor als Kaufmann mit einem Papierhandel selbständig gemacht.

1903 wurde ihr Sohn Erwin geboren. Er besuchte die Oberrealschule Eimsbüttel und danach die private Wahnschaff-Realschule. Seine kaufmännische Lehre absolvierte er bei der "Hamburger Bleiwerk Adolf Bernstein AG und arbeitete danach ab 1930 in der Bauabteilung der Protos Telefon GmbH, einer Tochtergesellschaft der Siemens und Halkske AG. 1926 hatte die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg für ihn eine eigene Mitgliedskarte angelegt.

1927 trennten sich seine Eltern: Paula Franck geb. Pollack heiratete 1928 James Meyer (geb. 1874), Prokurist des Bankhauses H.A. Jonas und Söhne. Während ihr erster Ehemann spätestens seit 1933 finanziell in Bedrängnis geriet und Kunden verlor, lebte seine geschiedene Frau in der neuen Ehe im Wohlstand. Ihr Sohn emigrierte 1933 nach Kopenhagen.

James Meyer starb im Mai 1937. Er hinterließ seiner Frau ein beträchtliches Vermögen. Außerdem war sie selbst an dem Besitz zweier Immobilien beteiligt.

Seit Oktober 1938 führte Morris Samson für Paula Meyer die Auseinandersetzungen mit der Devisenstelle der Oberfinanzdirektion. Wie bei allen Juden in ihrer Lage wurde die "Sicherheitsanordnung" erlassen. Seit Oktober 1939 durfte Paula Meyer monatlich "frei" über 550 RM verfügen: 180 RM für Miete und Nebenkosten, 180 RM Lebensunterhalt für einen zweiköpfigen Haushalt, 60 RM für die Hausangestellte, 130 RM für sonstige Ausgaben. Alle anderen Ausgaben musste sie extra beantragen, zu Weihnachten 1939 bekam sie 100 RM genehmigt für die Hausangestellte, den Vice, die Nähfrau usw., "die jedes Jahr etwas erhalten haben". Im Juni 1940 durfte sie 350 RM für ihren Sohn in Kopenhagen an das Generalkonsulat von Uruguay in Hamburg zahlen. Das ist ein deutlicher Hinweis auf Auswanderungspläne.

Mehr als ein Jahr später, am 30. Oktober 1941, veranlasste sie eine Schenkung von 5 000 RM an Anna Svoboda, die ihr Anwalt begründete: "Frl. Anna Svoboda, arisch, ist seit Februar 1934 zunächst bei den Eheleuten, nach dem Tod des Ehemannes dann bei Paula Meyer in Stellung. Sie ist in all den Jahren ganz besonders treu gewesen und hat Frau Meyer bei Eintritt der Witwenschaft in aufopfernder Weise zu Seite gestanden. Da Frau Meyer beabsichtigt, demnächst auszuwandern, will sie Fräulein Svoboda schon zu diesem Zeitpunkt die Sonderzuweisung zukommen lassen, zumal sie 54 Jahre alt und nicht mehr voll arbeitsfähig ist und beim Ausscheiden auf einen Zuschuss angewiesen ist."

Am selben Tag und dann noch einmal am 14. November 1941 tauchen Anträge für Sonderbewilligungen auf, die ganz eindeutig zeigen, dass Paula Meyer tatsächlich auswandern wollte. Zuerst bekam sie 92,40 RM für ein dringendes Telegramm nach Uruguay wegen Auswanderung genehmigt, das zweite Mal 65,50 RM für ein Kabel mit der Hamburg-Amerika-Linie "wegen Auswanderungsangelegenheit".
Am 14. November 1941 war aber an eine Auswanderung nicht mehr zu denken. Zwei große Deportationstransporte hatten Hamburg schon verlassen, der dritte stand unmittelbar bevor.

Nachdem Paula Meyer am 18. November wieder miterleben musste, wie vertraute Menschen in ihrer Umgebung verschwanden, von denen kein Lebenszeichen mehr kam, kann man gut verstehen, dass sie dieses Schicksal nicht teilen wollte.

Anna Svoboda erhielt ihre Schenkung im Jahre 1942, vermutlich, weil "Konsulent" Samson sich dafür eingesetzt hatte.

Im Wiedergutmachungsverfahren wurde Paula Meyers Sohn zu Anfang noch von, jetzt wieder von Rechtsanwalt, Samson vertreten, der mit den finanziellen Verhältnissen der Mutter gut vertraut war. Als das Verfahren im Jahre 1967 endlich abgeschlossen und der Sohn zu seinem Recht gekommen war, lebte der Anwalt nicht mehr.

Stand Oktober 2015
© Christa Fladhammer

Quellen: 2; StaH 331-5 Polizeibehörde, Unnatürliche Sterbefälle 1942/142; StaH 351-11, AfW 4807; Björn Eggert, Biografie Iwan Franck in Stolpersteine-Hamburg, in: www.stolpersteine –hamburg.de.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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