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Bereits verlegte Stolpersteine



Jettchen Kahn (geborene Plaut) * 1891

Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
JETTCHEN KAHN
GEB. PLAUT
JG. 1891
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Alice Graff, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Lea Heymann, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Johanna Löwe, Beate Ruben, Flora Samuel, Karl Schack, Minna Schack, Werner Sochaczewski, Sophie Vogel, Sara Vogel

Adolf Kahn, geb. am 26.12.1870 in Mayen/Koblenz, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk
Jettchen Kahn, geb. Plaut, geb. am 3.3.1891 in Hamburg, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk

Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 46/47)

Die Eltern von Adolf Kahn hießen Salomon Kahn und Helena, geb. Anschel. Adolf Kahn war am 26. Dezember 1870 im rheinland-pfälzischen Mayen zur Welt gekommen. Seit 1868 besaß die Jüdische Gemeinde in Mayen eine eigene Synagoge und 1878, als Adolf acht Jahre alt war, wurde aus der jüdischen Schule eine öffentliche Israelitische Elementarschule, die erste in der Rheinprovinz.

Wann Adolf Kahn seine Heimatstadt verließ, ist nicht bekannt. Am 8. August 1895 heiratete er in Altona Rosa Bachrach, die Tochter von Moses Bachrach und Emilia, geb. Eichholz. Sie war am 15. Juni 1861 in Paderborn geboren worden.

Adolf und Rosa Kahn bekamen vier Kinder. Tochter Helene wurde am 6. Mai 1896 in Hamburg geboren. Margaretha folgte am 14. September 1897, über sie ist nichts bekannt. Sohn Hans erblickte am 1. September 1899 in Gelsenkirchen das Licht der Welt, die Jüngste, Hedwig, am 5. März 1901 in Hamburg. Hans begann nach seiner Schulzeit eine Schlosserlehre, er starb, erst 15-jährig, aus unbekannten Gründen am 29. Mai 1915 im Hamburger Hafenkrankenhaus.

Die Familie wohnte in Hamburg in der Lindenstraße 28, 1901 in der Volksdorferstraße 44 und 1906 in der Meissnerstraße 1a in Hamburg-Eimsbüttel. 1908 ließ sich Adolf Kahn in den Hamburger Staatsverband aufnehmen. Er war jetzt als Stationsarbeiter der "Königlichen Eisenbahn" am Hauptbahnhof beschäftigt und wohnte mit seiner Familie in die Schlachterstraße 46/47, Haus 3, im jüdischen Lazarus-Gumpel-Stift. Von 1914 bis 1918 leistete er Kriegsdienst. Er fuhr auf Truppentransportern als Heizer und war nach Kriegsende einige Zeit bei der Bahn als "Lampenwärter" beschäftigt. Seine Hoffnung, dort als Beamter eine Festanstellung zu bekommen, erfüllte sich nicht. Adolf Kahn nahm seinen ursprünglichen Beruf als Schuhmacher wieder auf. Am 17. September 1920 kehrte er vorübergehend nach Mayen zurück, ob allein oder mit seiner Familie ist nicht überliefert. Fünf Jahre später lebte er wieder in Hamburg in der Schlachterstraße 46/47 und machte sich im Erdgeschoss als Schuhmacher selbstständig. Seine Ehefrau Rosa starb am 10. April 1932.

Am 22. Dezember 1932 heiratete Adolf Kahn in zweiter Ehe die Tochter seiner Nachbarn, die zwanzig Jahre jüngere Schneiderin Jettchen Plaut. Sie war als viertes von fünf Kindern des selbstständigen Sattlers und Tapezierer Joseph Plaut (geb. 23.10.1850, gest. 18.2.1929) und seiner Ehefrau Mirjam, geb. Philipp (geb. 11.12.1855), in Hamburg-Eimsbüttel in der Bellealliancestraße 16 zur Welt gekommen. Ihre Eltern, die am 26. November 1885 in Hamburg geheiratet hatten, zogen 1892 in die Schlachterstraße 46/47, Haus 6, wo schon die Großeltern Gabriel Jacob Plaut und Jette, geb. Baerentzen, wohnten. Jettchens Trauzeuge war ihr Bruder Oscar Plaut (geb. 19.11.1887), der noch in der Kampstraße 31 im Stadtteil St.Pauli zur Welt gekommen war (Oscar Plaut starb am 30. Mai 1935 nach einem "Straßenunfall" im Hafenkrankenhaus).

Von Adolf Kahns Kindern aus erster Ehe hatte sein verstorbener Sohn Hans die Talmud Tora Schule besucht, die beiden Mädchen waren auf die Israelitische Töchterschule in der Carolinenstraße 35 gegangen. Nach Ende ihrer Schulzeit hatte Helene den Beruf der Friseurin erlernt und am 4. August 1922 Emil Gärtner geheiratet. Sechs Jahre später wanderten sie gemeinsam in die USA aus. Helene Gärtner berichtete später über die berufliche Tätigkeit ihres Vater vor und nach 1933: "Mein Vater ging jeden Morgen in die Werkstatt und arbeitete bis spät abends, nur unterbrochen durch die Mahlzeiten. Er hatte seine Stammkundschaft, die immer wieder zu ihm kam. Er machte nicht nur Reparaturen, sondern auch Maßanfertigungen. Sein Meisterdiplom hing im Wohnzimmer neben einer großen Gruppenaufnahme aus seiner Militärzeit als junger Mann. Auf beides war er sehr stolz. Nach 1933 bis etwa 1936 ging der Umsatz stark zurück. Jedenfalls weiß ich, dass mein Vater sich sehr lebhaft über den Rückgang des Geschäfts beklagte."

Adolf Kahn sah sich durch Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte und Handwerksbetriebe gezwungen, seine Werkstatt aufzugeben, und wurde erwerbslos. In den letzten Jahren vor seiner Deportation arbeitete er als Schuhmacher für die Jüdische Gemeinde in Hamburg. Sie übertrug ihm Schuhreparaturen, nur so konnte er seinen Beruf noch ausüben.

Tochter Hedwig hatte 1915 bei Ernst Besser in den Colonnaden 15 und bei Peter Lamers am Gänsemarkt 3 eine Schneiderlehre absolviert. Nach ihrer Gesellenprüfung 1918 hatte sie in Hamburg und Berlin gearbeitet, bevor sie sich mit einer eigenen Werkstatt in der Hammer Landstraße in Hamburg selbstständig machte. Am 14. Februar 1925 hatte sie Richard Aderhold geheiratet, der aus einer nichtjüdischen Familie kam, und ihren Beruf zunächst aufgegeben. Nach der Trennung von ihrem Ehemann arbeitete sie bis 1937 als Hausangestellte bei dem Konsul Eduard Wolf. Nach eigenen Angaben konnte sie ihren erlernten Beruf nur heimlich ausüben. Als Schneiderin durfte sie nicht mehr tätig sein. Ihre letzte Hamburger Adresse war am Eppendorfer Baum 34, bevor sie am 20. August 1941 über Lissabon mit dem Dampfer "Mouzinho" nach New York emigrierte.

Knapp zwei Monate später, am 18. November 1941, wurde ihr Vater Adolf mit seiner Frau Jettchen ins Getto Minsk deportiert, wo sich ihre Spur verlor.

Jettchens verwitwete Mutter Mirjam Plaut, geb. Philipp, blieb die Deportation erspart, sie starb, 85-jährig, am 19. März 1941 in Hamburg.

Der ältere Bruder Philipp Plaut (geb. 6.10.1886) lebte mit seiner aus Danzig stammenden nichtjüdischen Ehefrau Helene, geb. Buchholz, und zwei Kindern in der Pestalozzistraße 21, zuletzt in der Schlüterstraße 64. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 war Philipp Plaut an seinem Arbeitsplatz im Modehaus der Gebrüder Robinsohn am Neuen Wall verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verbracht worden. Seine Frau konnte am 14. März 1939 seine Entlassung erwirken. Zunächst vor drohenden Deportationen durch seine "privilegierte Mischehe" geschützt, wurde er am 14. Februar 1945, kurz vor Kriegsende, zu einem "auswärtigen Arbeitseinsatz" nach Theresienstadt deportiert. Dort am 8. Mai durch sowjetische Truppen befreit, kehrte er nach Hamburg zurück. Philipp Plaut starb am 30. April 1951.

Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 4; 9; StaH 351-11 1657 (Kahn, Adolf); StaH 351-11 AfW 261210 (Gärtner, Helene); StaH 351-11 AfW Abl. 2008/1, 050301 Aderhold, Hedwig; StaH 351-11 AfW 8723 (Plaut, Philipp); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1678 (Plaut, Miriam); StaH 522-1 Jüdische Gemeinden Abl. 1993/01, 37; StaH 332-7, B III 95451/1908; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 3; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 5; StaH 332-5 Standesämter 2685 u 1407/1885; StaH 332-5 Standesämter 2132 u 4912/1886; StaH 332-5 Standesämter 9068 u 653/1891; StaH 332-5 Standesämter 1193 u 107/1941; StaH 332-5 Standesämter 723 u 565/1915; StaH 332-5 Standesämter 13503 u 298/1901; StaH 332-5 Standesämter 2343 u 1588/1895; StaH 332-5 Standesämter 5934 u 670/1895; StaH 332-5 Standesämter 6364 u 2573/1897; StaH 332-5 Standesämter 922 u 266/1932; StaH 332-5 Standesämter 13846 u 815/1932; StaH 332-5 Standesämter 2159 u 5597/1887; StaH 332-5 Standesämter 1039 u 140/1935; diverse Hamburger Adressbücher; www.alemannia-judaica.de/mayen-synagoge.htm (Zugriff 12.4.2011); http://www.hans-dieter-arntz.de/juden_von_mayen.html (Zugriff 12.4.2011); Meyer: Verfolgung, S. 79–87.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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