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Abraham Freimann * 1862

Dillstraße 21 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
ABRAHAM FREIMANN
JG. 1862
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.11.1942

Weitere Stolpersteine in Dillstraße 21:
Bertha Berges, Charlotte Berges, Marianna Berges, Emma Blitz, Karl Gänser, Julius Gottschalk, Minna Gottschalk, Hermann Samuel Gottschalk, Ernst August Gottschalk, Karola Gottschalk, Erwin Levinson, Flora Levinson, Hugo Levinson, Bert(h)a Seligmann

Abraham Freimann, geb. am 3.2.1862 in Wąsosz/Polen, am 19.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, dort am 16.11.1942 verstorben

Dillstraße 21

Abraham Juschk Freimann kam am 3. Februar 1862 im polnischen Wąsosz (Wonsosch) als Sohn von Jossel und Maridsch Freimann zur Welt. Über seine Kindheit, Jugend und Ausbildung ist uns nichts bekannt.

Am 26. Juni 1884 heiratete er Reislja Rose, geb. Suwalski (*26. Januar 1867) in Łomża. Ihre Eltern waren Izek-Eliasch (Herschko) Suwalski und Sora Schliom, die beide in Łomża wohnhaft waren.

Das Ehepaar Freimann bekam sieben Kinder: die älteste Tochter Golda Elka (*27. Februar 1891), das erste Zwillingspaar Scheel und Berta (*15. August 1896), das zweite Zwillingspaar Lea und Frida (*13. Januar 1903), Hermann (*13. November 1909) und die jüngste Tochter Mirjam (*1. März 1911). Die ältesten drei Kinder wurden in der polnischen Heimat geboren, während die anderen vier Kinder in Hamburg zur Welt kamen.

Seit 1900 lebte Familie Freimann in Hamburg. Dort arbeitete Abraham seit 1901 als Kultusbeamter des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes: Er übte den Beruf des Schächters bis zum Verbot des Schächtens im Jahre 1933 aus. (Unter Schächten versteht man das rituelle Schlachten von koscheren Tieren nach den Vorschriften der Tora, um koscheres Fleisch zu erhalten. Am 1. Mai 1933 trat das "Gesetz über das Schlachten von Tieren" in Kraft, welches gebot, warmblütige Tiere vor dem Schlachten zu betäuben. Da aber nur das Fleisch eines nicht betäubten Tieres als koscher angesehen wird, führte das Gesetz automatisch zu einem Berufsverbot von Schächtern.) 1939 wurde Abraham pensioniert.

Bis 1911 wohnte Abraham mit seiner Familie in der Bornstraße 7, bis 1933 in der Rutschbahn 24 und ab 1933 bis zum 2. September 1941 als Mieter einer 6-Zimmer Wohnung in der Dillstraße 21. Ab dem 3. September 1941 musste er seine Wohnung in der Dillstraße verlassen und lebte mit Unterbrechungen in zwangszugewiesenen Wohnungen. Seine letzte unfreiwillige Adresse bis zum 18. Juli 1942 war ein sogenanntes Judenhaus in der Rutschbahn 25a. Auch seine Frau Reislja musste ihre letzten Tage in einem "Judenhaus" in der Johnsallee 54 verbringen. Dort starb sie am 12. Juli 1941 an einem Schlaganfall. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Ohlsdorf beigesetzt.

Abraham wurde am 19. Juli 1942 mit dem Transport VI/2 von Hamburg nach Theresienstadt deportiert. Dort gelangte er am 20. Juli 1942 mit 750 weiteren Hamburgern an. Abraham Freimann kam am 16. November 1942 in Theresienstadt ums Leben. Als Todesursache gaben die jüdischen Ärzte in der Todesfallanzeige Marasmus senilis (Altersschwäche) an.

Was wurde aus seiner Familie? Die älteste Tochter von Abraham und Reislja, Golda Elka (Elise) kam am 27. Februar 1891 in Łomża zur Welt. Am 25. Juni 1917 heiratete sie in Hamburg den ebenfalls aus Łomża stammenden Kaufmann und Buchhalter Abraham Albert Majer Pasmanik (*17. Oktober 1889). Zusammen bekamen sie drei Kinder: Klara Vreba, geb. Pasmanik (*19. Mai 1920), Felix Pasmanik (*1923) und Susi Pasmanik (*21. August 1928). Sie kamen im Landkreis Hindenburg/Oberschlesien zur Welt, wo die Familie lebte, bis sie nach Hamburg zog. Im Zuge der sogenannten Polenaktion wurde Elka zusammen mit ihrem Mann und der jüngsten Tochter Susi am 29. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben.

Bei der Polenaktion wurden 17.000 aus Polen eingewanderte Juden auf Anweisung Heinrich Himmlers in einer gewaltsamen Aktion abgeschoben. Ab diesem Zeitpunkt fehlt von Elka, Albert und Susi jede Spur. Alle Ermittlungen blieben erfolglos, sodass sie nach Kriegsende für tot erklärt wurden. Nur die älteste Tochter Klara überlebte, sie wurde 1959 als einzige Enkelin als Erbin von Abraham Freimann erwähnt und lebte zu diesem Zeitpunkt in Tel Aviv.

Berta (Beila Rochia/Feiga) und ihr Zwillingsbruder Scheel (Schoul) wurden am 15. August 1896 in Kolno geboren. Berta heiratete am 20. November 1923 Bernhard Levy in Hamburg. Sie emigrierte vermutlich 1938 nach Palästina, wo sie in Tel Aviv lebte.

Ihr Bruder Scheel besuchte in Hamburg die Talmud Tora Realschule und lernte das Tischlerei-Handwerk. Von 1926 bis 1933 war er Besitzer eines Textilwarengeschäftes in der Rutschbahn 24. Danach führte er ein Textilwarengeschäft in der Marktstraße 2, welches er wegen der Judenboykotte 1936 aufgeben musste. Am 29. Oktober 1938 wurde Scheel, ebenso wie seine Schwester Elka nach Polen abgeschoben und musste bis zum 11. Dezember 1938 in einem Lager in Zbąszyń verbringen. Unter katastrophalen Bedingungen wurden dort die Menschen untergebracht, die die polnische Regierung, aufgrund ihres fehlenden Wohnsitzes in Polen, nicht weiterziehen ließ. Scheel gehörte zu denjenigen, die nach Hamburg zurückkehren konnten, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Er trat am 14. Dezember 1938 die Überfahrt auf der SS Manhattan nach New York an, wo er am 21. Dezember 1938 ankam. In den USA nannte er sich Saul Freeman und lebte zunächst von 1939 bis 1941 in Council Bluffs und Sioux City, Iowa. Von 1941 bis 1947 wechselte Saul nach Chicago und dann nach New York, wo er Geschäftsinhaber eines Süßwarengeschäftes war. Am 21. September 1947 heiratete er Frima Frenkel in New York. Ebenda verstarb Saul am 4. Oktober 1977 an einer Herzkranzgefäßverkalkung.

Von den Zwillingen Lea und Frida emigrierte Lea 1936 nach Palästina, wo sie in Tel Aviv lebte. Sie litt an schweren Depressionen. Ihre Schwester Frida war vom 1. Juli 1924 bis zum 31. Juli 1938 bei der Norddeutschen Spitzen-Manufaktur S. Levy Söhne in der Hansastraße 65 beschäftigt. Dort arbeitete sie als Privatsekretärin und Exportreisende, führte die Hamburger Filiale größtenteils selbstständig, bearbeitete die Steuerangelegenheiten der Firma und bereiste als Vertreterin Schweden, um dort neue Kunden zu gewinnen. Wegen der "Arisierung" des Betriebes wurde ihr gekündigt. Am 10. November 1938 wurde Frida auf der Straße von Gestapobeamten angehalten und mit zehn weiteren Frauen in das Polizeigefängnis Holstentor gebracht. Dort wurde sie zwei Tage lang festgehalten. Im März 1939 reiste sie nach Palästina aus, ging aber aufgrund ihrer dortigen Arbeitslosigkeit im August 1939 nach England, wo sie als Angestellte Geld verdienen konnte. Im Dezember 1946 kehrte sie nach Tel Aviv zurück. Sie heiratete einen Herrn Marcus, von dem sie sich aber wieder trennte. Frida verstarb am 12. Juni 1972.

Hermann bestand Ostern 1928 die Reifeprüfung an der Thaer-Oberrealschule vor dem Holstentor und begann an der Universität Hamburg Zahnheilkunde zu studieren. Am 29. Januar 1932 bestand er die zahnärztliche Staatsprüfung und erlangte wenig später auch die Doktorwürde. Ab Januar 1932 arbeitete Hermann zunächst als selbständiger Vertreter bei der Zahnärztin Erika Polster in der Gosslerstraße 10 und dann als Assistent und Vertreter beim Zahnarzt Erich Popper in der Süderstraße 83. Am 30. März 1933 floh Hermann ohne Gepäck nach Scheveningen, Den Haag, zu Josef Perlmann, einem guten Bekannten aus Hamburg. Von dort aus emigrierte er im Mai 1935 nach Palästina, wo er in einem Kibbuz im Dorf Kfar Witkin lebte. 1936 heiratete er Elfriede Löbl (*26. November 1911). Dem Ehepaar wurde 1937 eine Tochter und am 1. April 1943 der Sohn Shmuel geboren. Im Jahr 1939 zog Hermann mit seiner Ehefrau und seiner kleinen Tochter nach Nahalal. 1945 folgten die Umsiedelung nach Petach Tikwa und die Gründung einer eigenen Zahnarztpraxis.

Die jüngste Tochter Mirjam Sara besuchte von 1917 bis 1927 die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße. Anschließend erlernte sie die Goldschmiedekunst an der Hamburger Kunstgewerbeschule Lerchenfeld. Sie arbeitete zunächst ein Jahr lang als Volontärin in der Goldschmiedewerkstatt Weisel am Steindamm, 1931 bis 1933 in der Silberschmiedewerkstatt B. Griegst in Kopenhagen. 1933 ging Mirjam nach England, wo sie in Newcastle upon Tyne als Hausmädchen beschäftigt war. Ende August 1935 emigrierte sie nach Palästina. Dort arbeitete sie bis 1944 als Landarbeiterin, diente zwischen 1944 und 1946 im Frauenhilfskorps der britischen Armee und war ab 1949 als Hilfskrankenschwester in der Massage Abteilung der allgemeinen Krankenkasse in Haifa tätig. 1958 erkrankte Mirjam an Brustkrebs. Am 14. Dezember 1959 verstarb sie in Petach Tikwa.

Stand: Februar 2021
© Solveig Bünz

Quellen: 1; 3; 4; 8; StaH 351-11 (AfW), 739 (Abraham Freimann); StaH 351-11 (AfW), 18551 (Saul Freeman); StaH 351-11 (AfW), 27201 (Frida Marcus, geb. Freimann); StaH 351-11 (AfW), 34612 (Dr. Hermann Freimann); StaH 351-11 (AfW), 36303 (Mirjam Freimann); StaH 213-13 (Landgericht Hamburg – Wiedergutmachung), 937 (Lea Freimann); StaH 522-1 (Jüdische Gemeinden), 992e1 Band 7 (Deportationslisten); StaH 332-5 (Standesämter), 14005 (Geburten 1903); StaH 332-5 (Standesämter), 8780 (Heiraten 1923); StaH 332-5 (Standesämter), 8716 (Heiraten 1917); StaH 332-5 (Standesämter), 1137 (Sterbefälle 1941): StaH 314-15 (Gestapoliste), 24 UA 7; Hamburger Adressbücher (1903–1943); Städtisches Museum in Zabrze (Elka Elise Pasmanik, geb. Freimann); Passagierlisten SS Manhattan (Scheel Freimann); e-mail Nora Jean Levin/Washington DC v. 2.2.2021.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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