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Bereits verlegte Stolpersteine



Bela Neumann * 1939

Großneumarkt 56 (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
BELA NEUMANN
JG. 1939
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
LODZ

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 56:
Sella Cohen, Bertha Cohen, A(h)ron Albert Cohn, Thekla Daltrop, David Elias, Theresia Elias, Louisa(e) Elias, Camilla Fuchs, Siegmund Josephi, Robert Martin Levy, Hertha Liebermann, Fritz Mainzer, Siegfried Neumann, Fanny Neumann, Lieselotte Neumann, Mirjam Neumann, Max Leo Neumann, Therese Neumann, Josef Polack, Bertha Polack, Eva Samuel, Rosa Weinberg, Siegfried Weinberg

Alfred Levi Neumann, geb. am 3.1.1920 in Hamburg, inhaftiert 1937, 1938 KZ Fuhlsbüttel, 1941 Zuchthaus Hamburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Judis Neumann, geb. am 21.5.1940 in Hamburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Uri Neumann, geb. am 14.7.1941 in Hamburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Ursula Neumann, geb. Rosenblum, geb. am 8.1.1922 in Oldenburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz

Markusstraße 10 (Marcusstraße 61)


Bela Neumann, geb. am 23.2.1939 in Hamburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Fanny Neumann, geb. Krügel, geb. am 31.12.1897 in Köln, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Lieselotte Clara Neumann, geb. am 22.11.1921 in Hamburg, inhaftiert am 12.5.1941 KZ Ravensbrück, am 8.5.1942 in der Tötungsanstalt Bernburg a.d.Saale ermordet
Max Leo Neumann, geb. am 21.11.1924 in Hamburg, ab 11.3.1941 inhaftiert, deportiert am 10.12.1942 nach Auschwitz, dort ermordet am 17.2.1943
Mirjam Gerda Margot Neumann, geb. am 27.11.1923 in Hamburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Siegfried Neumann, geb. am 26.1.1900 in Hamburg, mehrfach inhaftiert, am 13.1.1940 im KZ Sachsenhausen umgekommen
Therese Ella Bertha Neumann, geb. am 20.8.1926 in Hamburg, deportiert im Juni 1941 mit unbekanntem Ziel, im Juni 1942 an einem unbekannten Ort ermordet

Großneumarkt 56

Fanny Krügel und Siegfried Neumann kamen beide aus kinderreichen jüdischen Arbeiterfamilien. Sie hatten am Silvestertag des Jahres 1920 in Hamburg geheiratet.

Fannys Vater Julius Ludwig Otto Krügel (geb. 29.6.1869) war in Beneckenstein bei Leipzig geboren worden, er arbeitete in Hamburg als Kutscher. Ihre Mutter Helene Chenia Slota, geb. Michlowitsch (andere Schreibweise Mischlowitz/Mitchlowitsch) (geb. 27.6.1867, gest. 17.11.1932), stammte aus einer jüdischen Familie russischer Herkunft in Neu-Minsk bei Warschau. Das Paar hatte 1894 in Leipzig geheiratet. Drei Jahre später wurde Fanny in Köln geboren. Das Ehepaar Krügel hatte noch weitere Kinder, jedoch sind nur fünf namentlich bekannt: die in Leipzig geborenen Brüder Max (geb. 20.3.1895, gest. 27.8.1947), Marcus (geb. 12.11.1899) und Leopold (geb. 24.5.1902) sowie die in Hamburg geborenen Brüder Willi (geb. 9.8.1907) und Hermann (geb. 15.9.1910). Bis auf Willi Krügel überlebten sie den Holocaust.

Die Eltern von Siegfried Neumann waren der Weinküfer und Gemüsehändler Lewin Neumann (geb. 29.4.1859 in Dirschau, gest. 19.10.1919) und dessen Ehefrau Mathilde, geb. Lohde (geb. 30.7.1859, gest. 18.12.1927). Die ältesten ihrer sechs Kinder hatten in Praust bei Danzig und in Kiel das Licht der Welt erblickt (s. Familie Geistlich). Sohn Siegfried wurde 1900 in der Lincolnstraße 8 im Stadtteil St. Pauli geboren (s Familie Geistlich und Familie Moritz Neumann).

Später wohnten die Familien Neumann und Krügel als Nachbarn in der Marienstraße 13 und 17 (ab 1940 Jan-Valkenburg-Straße, sie endet heute in einer Sackgasse und verlief früher bis zur Ecke Elbstraße/Hütten).

Siegfried Neumann fuhr als Heizer zur See. Er war noch sehr jung, als seine ersten Kinder Kurt Werner am 22. Oktober 1918 und Alfred Levi am 3. Januar 1920 zur Welt kamen. Fanny, zwei Jahre älter als Siegfried, hatte den Beruf der Verkäuferin erlernt. Nach der Heirat zog sie mit den beiden Kindern zu ihrer verwitweten Schwiegermutter in die Marienstraße 13, bis sie dann eine eigene Wohnung im Alten Steinweg 57 fand. Vier weitere Kinder wurden geboren; Lieselotte Clara am 22. November 1921, Mirjam Gerda Margot am 27. November 1923, Max Leo am 21. November 1924 und als Jüngste Therese Ella Bertha am 20. August 1926.

Die finanziellen Verhältnisse der Familie wurden schwierig, als Siegfried Neumann wegen einer Malariaerkrankung Anfang der 1920er Jahre abmustern musste. Er arbeitete nun als "unbeständiger" Hafenarbeiter, Schauermann und Schutenführer und teilte das Schicksal vieler Familienväter, die während der Weltwirtschaftskrise keine regelmäßigen Einkünfte erzielten. Familie Neumann erhielt zwischenzeitlich Fürsorgeleistungen und wohnte seit 1926 in der Caffamacherreihe 28. Sie zog noch zweimal um, 1934 in die Neustädter Straße 93 (heute Neustädter Straße) und 1935 nach St. Pauli in die Friedrichstraße 11, bis sie 1938 eine Stiftswohnung im jüdischen Hertz-Joseph-Levy-Stift, Großneumarkt 56 erhielt.

Siegfried Neumann wurde in der Fürsorgeakte der Familie als "über den Durchschnitt begabt" beschrieben. Seine "Bemühungen, sich selbst zu ernähren, [würden] durch die schwierigen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt stark behindert". Siegfried Neumann wurde verschiedentlich zu auf vier Wochen befristeten "Notstandsarbeiten" herangezogen, danach war er wieder auf Arbeitslosen- oder Fürsorgeunterstützung angewiesen. In einer dieser Arbeitskolonnen in Hamburg-Farmsen wählten die anderen Arbeiter ihn zum "Vertrauensmann". Aber auch dort wurde er im September 1927 wieder entlassen.

In einem späteren Eintrag aus dem Jahre 1932 vermerkte eine Fürsorgemitarbeiterin nach einem Hausbesuch, dass Siegfried Neumann "übrigens auch in häuslichen Arbeiten bewandert ist, den Haushalt zu versorgen", und seine Kinder über die "kommunistischen Ideen" genau aufklärte. Politische und sportliche Interessen verband er als Vorsitzender des "Roten Arbeitersportvereins Phönix". Nach Angaben seines Sohnes Kurt wurde sein Vater gleich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 zum ersten Mal verhaftet.

Da das Schulgeld für private oder höhere Schulen nicht aufgebracht werden konnte, schickte Siegfried Neumann seine Kinder auf jüdische Schulen, "um ihnen die bestmögliche Bildung beibringen zu lassen, die ihnen umsonst gewährt werden kann". Der Hebräisch-Unterricht sei ein "notwendiges Übel", womit sie sich abzufinden hätten.

Die Söhne besuchten die Talmud Tora Schule im Grindelviertel, die Mädchen Lieselotte und Mirjam die Israelitische Töchterschule in der Carolinenstraße, Therese wurde an der Mädchenschule der Gemeinde in der Johnsallee 33 unterrichtet. Die beiden älteren Brüder Kurt und Alfred konnten noch eine Berufsausbildung beginnen, die jüngeren Geschwister wurden nach Beendigung ihrer Schulzeit von der Lehrstellenvermittlung wegen ihrer jüdischen Herkunft ausgeschlossen.

So konnte Lieselotte Neumann im April 1935, als sie aus der zweiten Klasse (entspricht der heutigen siebten Klasse) der Volksschule entlassen wurde, keinen Beruf mehr erlernen. Überwiegend arbeitete sie als Hausangestellte, aber auch als Botin in der Firma der Gebrüder Robinsohn und als Statistin im Flora Theater. Als sie am 4. Oktober 1938 von der Gestapo abgeholt und in das Hüttengefängnis eingeliefert wurde, war sie schwanger. Das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", eines der Nürnberger Gesetze von 1935, verbot außereheliche Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Partnern.

Die Festnahme ihres nichtjüdischen Verlobten Karl Muszinski (s. dort) erfolgte sechs Tage später. Aber zu einer Gerichtsverhandlung wegen "Rassenschande" kam es nicht, da sich Karl Muszinski am 15. Oktober 1938 in seiner Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel "angeblich" das Leben nahm, indem er sich erhängte.

Lieselotte wurde hochschwanger aus der Haft ins staatliche Versorgungsheim Oberaltenallee und dann zur Entbindung in die Frauenklinik Finkenau verlegt. Ihre Tochter Bela wurde am 23. Februar 1939 geboren. Nach ihrer Niederkunft kam sie mit ihrer Tochter zunächst in das Versorgungsheim zurück und blieb im Anschluss bis zum 23. Juni 1939 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in "Schutzhaft".

Mit ihrer Schwester Mirjam Neumann, die 1938 aus der Schule entlassen wurde, arbeitete sie dann in einer Wollkämmerei in Hamburg-Harburg, beide wahrscheinlich als "Pflichtarbeiterinnen" wegen der Fürsorgeleistungen. Im März 1941 geriet Lieselotte Neumann unter dem Vorwand der "Rassenschande" erneut in Haft. Zuvor, am 17. Januar 1941, war sie zu einer einwöchigen Haftstrafe wegen "Betrugs- und Urkundenfälschung" verurteilt worden, die sie nun während ihrer "Schutzhaft" in der Frauenabteilung des Polizeigefängnisses Fuhlsbüttel verbüßte.

Am 12. Mai 1941 wurde Lieselotte Neumann in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt. Im Frühjahr 1942 wurde sie dort im Rahmen der "Aktion 14 f 13", die zum "Euthanasie"-Programm der Nationalsozialisten gehörte, von dem Arzt Friedrich Mennecke "begutachtet", selektiert und im Anschluss mit anderen nicht mehr arbeitsfähigen KZ-Häftlingen in der Gaskammer der Tötungsanstalt Bernburg a. d. Saale ermordet. Ihrem Bruder Max, der sich zu dieser Zeit in Haft befand, wurde durch die Gefängnisverwaltung Fuhlsbüttel mitgeteilt, dass seine Schwester am 8. Mai 1942 nach einer Grippe an einer eitrigen Rippenfellentzündung verstorben sei. Nach einer Liste des Jüdischen Friedhofs in Ohlsdorf erfolgte ihre Urnenbeisetzung erst am 12. Mai 1943.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr Bruder Kurt Neumann Deutschland bereits verlassen. Kurt hatte nach seiner Schulzeit 1933 noch eine Maschinenbaulehre bei der Firma L. Anker in der Humboldstraße 55 beginnen können, wo er nach Ende seiner Ausbildung beschäftigt blieb. Er wäre gern Ingenieur geworden und besuchte abends eine Technische Hochschule, die er aber nach einem halben Jahr wieder verlassen musste. Sein Bruder Alfred befand sich noch in seiner Maschinenbaulehre, die er im Mai 1934 in der Firma von Karl Thormaehlen in der Lagerstraße in Hamburg-Altona begonnen hatte, als die beiden Brüder am 5. Oktober 1938, einen Tag nach ihrer Schwester Lieselotte, verhaftet wurden.

Alfred Neumann wurde nach seiner Entlassung aus der "Schutzhaft" im Juli 1938 nicht mehr zur Gesellenprüfung zugelassen. Er fand Arbeit in verschiedenen Firmen, bis auch er am 20. Januar 1939 unter dem Vorwand der "Rassenschande" in Haft geriet. Das Landgericht Hamburg sprach ihn allerdings am 10. Februar 1939 aus Mangel an Beweisen frei. Alfred versuchte nun, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Er arbeitete ohne Lohn auf einem Dampfer, um sich die Fahrt "nach Übersee" zu verdienen. Ende Dezember 1939 sollte das Schiff auslaufen, aber der Kriegsbeginn verhinderte die Abreise. Alfred konnte Deutschland nicht mehr verlassen. Stattdessen zog er zu seiner Verlobten Ursula Rosenblum (geb. 8.1.1922 in Oldenburg) in die Marcusstraße 61 (heute Markusstraße). Am 9. Mai 1940 heirateten sie. Kurz nach der Eheschließung mussten sie gemeinsam mit Ursulas Vater Siegfried Rosenblum (s. Paula Schulz) und Ursulas jüngeren Geschwistern Margot (geb. 27.12.1917) und Paul (geb. 24.4.1919) in das "Judenhaus" in der Breitestraße 54 nach Altona ziehen, wo ihre Kinder Judis am 21. Mai 1940 und Uri am 14. Juli 1941 geboren wurden.

Alfreds älterer Bruder Kurt war nach seiner Festnahme am 5. Oktober 1938 bereits am 31. Oktober aus dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel entlassen worden, geriet aber wenige Tage später im Zuge des Novemberpogroms erneut in Haft. Seine Entlassung am 15. Dezember 1938 erfolgte mit der Auflage, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Am 10. März 1939 heiratete er seine Verlobte Hilda Henriette Heymann (geb. 16.3.1920) (s. Familie Heymann) und flüchtete mit ihr und dem gemeinsamen Sohn Sally (geb. 5.9.1938) am 12. April 1939 über Italien nach Shanghai, da dort kein Visum zur Einreise verlangt wurde. Das junge Paar verließ Hamburg völlig mittellos und besaß, als es in Italien zwei Tage auf sein Schiff warten musste, nicht einmal genug Geld, um seinem Sohn Sally Milch zu kaufen.

Kurt konnte zunächst in Shanghai keine Arbeit finden, sodass die Familie von dem amerikanischen Joint Distribution Committee unterstützt wurde. Sie wohnte in der Tongshan Road, bis sie, wie alle jüdischen Flüchtlinge, 1941 von den Japanern im Stadtteil Hongkew gettoisiert wurde. Die schlechte Versorgung und die schwierigen hygienischen Verhältnisse führten zu allerlei Krankheiten. Sally hatte den dortigen Lebensbedingungen nichts entgegenzusetzen, er starb im Alter von fünf Jahren in Shanghai. 1947 gelang es dem Ehepaar mit seiner Tochter Marion Bella (geb. 12.1.1941 in Shanghai) unterstützt von einer Hilfsorganisation in die Vereinigten Staaten zu Verwandten auszureisen, wo weitere Kinder geboren wurden.

Max Neumann, der jüngste der Brüder, beendete Ostern 1939 seine Schulzeit. Er wäre gern Schlosser geworden. Die Gelegenheit, in einer "jüdischen Schlosserei" eine Lehre zu beginnen, scheiterte an der Zustimmung seines Vaters. Sicherlich war die Lehrwerkstatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in der Weidenallee 10a gemeint, eine anerkannte Ausbildungs- und Vorbereitungswerkstätte (Hachschara) auf ein Leben in Palästina. Max berichtete in einem späteren Lebenslauf, er habe seine Jugendjahre als sehr hart empfunden. Der damals 15-Jährige glaubte weniger Freiheiten als seine Geschwister gehabt zu haben, da er schon früh zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen musste.

Max arbeitete zunächst in verschiedenen Anstellungen und meldete sich im Oktober 1939 zur Erntearbeit in Neuendorf. Das Landgut Neuendorf in Fürstenwalde/Spree war ebenfalls eine anerkannte Hachscharastätte, wo die Jugendlichen für die Arbeit in der Landwirtschaft ausgebildet wurden. Nach zwei Wochen zwang ihn eine ernsthafte Erkrankung zur Rückkehr. Nach seiner Genesung aus dem Krankenhaus entlassen, leistete er "Pflichtarbeit", zuletzt als Gartenarbeiter der Firma Sundermann in Niendorf. Am 11. März 1941 geriet auch Max unter dem Verdacht der "Rassenschande" in Haft. Die Jugendstrafkammer Hamburg verurteilte ihn am 1. November 1941 zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe, die er im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel verbüßen sollte. Am 20. Dezember 1941 schrieb Max Neumann in einem Brief an die Staatsanwaltschaft: "Meine Mutter nebst meinen drei Geschwistern befinden sich seit kurzem in Litzmannstadt. Mein Vater ist bereits verstorben. Ich selbst habe noch 18 Monate Gefängnisstrafe zu verbüßen. Infolge der Aussiedlung meiner Angehörigen besteht jetzt nicht mehr die Möglichkeit, dass meine Angehörigen mich besuchen können. Da ich erst 17 Jahre alt bin, wäre es mir besonders erwünscht, dass meine Mutter und meine Geschwister Gelegenheit haben, mich zu besuchen. Ich bitte daher, mich zwecks meiner Strafverbüßung von Hamburg nach Litzmannstadt zu verlegen."

Sein Gesuch wurde vom Staatsanwalt Paul befürwortet, da wie er fand "es im Interesse des jetzt 17 Jahre alten Gefangenen liegt, wenn er die Verbindung mit seinen Angehörigen aufrecht erhalten kann" und weil "er nach der Strafverbüßung von der Verwaltungsbehörde als Jude ebenfalls aus Hamburg ausgesiedelt werden wird".

Jedoch blieb Max Neumann in Hamburg in Haft. Knapp ein Jahr später, am 10. Dezember 1942, wurde er auf Verfügung des Reichsjustizministers, Gefängnisse und Zuchthäuser "judenfrei" zu machen, nach Auschwitz überstellt, wo Max Neumann am 17. Februar 1943 ermordet wurde.

Seine Mutter Fanny Neumann war am 5. Oktober 1938 mit ihren älteren Söhnen Kurt und Alfred verhaftet worden. Ein angestrebtes Strafverfahren wegen "Beihilfe zur Rassenschande" und "schwerer Kuppelei" wurde nach dem Tod von Karl Muszinski, dem Verlobten ihrer Tochter Lieselotte, eingestellt. Nach ihrer Entlassung am 4. Januar 1939 aus dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel zog Fanny zu ihrer Schwägerin Therese Brune, geb. Neumann (geb. 5.11.1895 in Kiel), in die Caffamacherreihe, wo sie ihre drei jüngsten Kinder während ihrer Haft untergebracht hatte. Sie bemühte sich nun um die Auswanderung der ganzen Familie. Mirjam, Therese und Max sollten durch den Hilfsverein der deutschen Juden mit einem Kindertransport nach England gebracht werden. Ihr Mann Siegfried Neumann wollte mit seinem Sohn Kurt nach Shanghai emigrieren. Er war – wie erwähnt – im Rahmen der Aktion "Arbeitsscheu Reich" am 10. Juni 1938 gemeinsam mit seinem Bruder Nathan Neumann (geb. 12.12.1890 in Kiel), seinem Schwager Willi Krügel und Siegfried Rosenblum, dem Vater seiner zukünftigen Schwiegertochter Ursula, verhaftet worden, die sich seit dem 23. Juni 1938 im KZ Sachsenhausen in "Schutzhaft" befand.

Seiner Familie wurde mitgeteilt, "dass mit seiner Entlassung erst zu rechnen sei, wenn er auswandere". Nachdem Fanny Neumann alle zur Auswanderung nötigen Papiere zusammenhatte, wurde Siegfried Neumann am 28. März 1939 aus dem Häftlingsblock 16 entlassen, aber die Ausreise scheiterte, weil das Schiff nach Shanghai angeblich überbelegt war. Auch für die anderen Familienmitglieder lagen die zur Auswanderung erforderlichen "Unbedenklichkeitsbescheinigungen" vor, jedoch scheiterte ihre Emigration. Wahrscheinlich fehlten die finanziellen Mittel und der Kriegsbeginn am 1. September 1939 reduzierte die Zahl der wenigen Zufluchtsländer zusätzlich.

Familie Neumann zog in eine kleine Teilwohnung in die Caffamacherreihe 18. Siegfried Neumann wurde zur Zwangsarbeit in der Firma Vogt auf Finkenwärder (heute Finkenwerder) herangezogen. Nach einem Streit, wahrscheinlich mit einem Vorarbeiter, wurde er im Sommer 1939 festgenommen und erneut ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Auf seiner Haftkarte wurde "Arbeitsscheuer Jude rückfällig" vermerkt.

Fanny Neumann musste im September 1939 mit ihren fünf Kindern und dem Enkelkind Bela in eine kleine Kellerwohnung in der Rappstraße 6 ziehen, in ein sogenanntes Judenhaus. Dort erhielt sie die Mitteilung, dass sich ihr Mann am 13. Januar 1940 um 24 Uhr im KZ Sachsenhausen Block 35 erhängt habe. Die Urne mit seiner Asche ließ sie nach Hamburg überführen. Sie wurde, wie später die Urne der Tochter Lieselotte, auf dem Jüdischen Friedhof in Ohlsdorf beigesetzt.

Nach dem Tod ihres Mannes erhoffte sich Fanny Neumann, sich durch den Status "Mischling ersten Grades" für sich und ihre Kinder etwas Erleichterung zu verschaffen. Am 23. April 1941 schrieb sie an das Rassenpolitische Amt in Berlin: "Ich Fanny Sara Neumann, geb. Krügel wurde am 31.12.1897 zu Cöln als Mischling geboren. Mein Vater ist reinarisch, meine Mutter war Jüdin. Sämtliche Unterlagen hierüber können auf Wunsch vorgelegt werden. Am 31.12.1920 heiratete ich den Juden Siegfried Neumann, der im Januar 1940 verstorben ist. Durch diese Eheschließung wurde ich lt. Nürnberger Gesetze automatisch als Jüdin geführt. Jetzt wo ich verwitwet bin, ist es mein Wunsch wieder als Mischling zu gelten. Ich hatte die arische Schule besucht und bin auch in dieser Weise erzogen. Ich bitte das Rassenamt um die Zustimmung hierzu."

Eine Anerkennung als "Mischling" erreichte sie nicht. Stattdessen erhielt sie eine Geldstrafe in Höhe von 10 Reichsmark, da sie in ihrem Gesuch versäumt hatte, ihre "Judenkennkartennummer" und den "Kennkartenort" anzugeben. (Der Kennkartenzwang für Juden wurde am 23. Juli 1938 eingeführt. Die Kennkarte musste bei Anträgen unaufgefordert vorgelegt oder im Schriftverkehr erwähnt werden).

Im Oktober 1941 kamen die Namen von Fanny Neumann, ihrer Tochter Mirjam und Enkelkind Bela auf die Ersatzliste für eventuelle Ausfälle eines Transportes ins Getto "Litzmannstadt" nach Lodz.

Einige der Jüdinnen und Juden, die auf der regulären Liste standen, entzogen sich oder nahmen sich vor ihrer Deportation das Leben. Bela Neumann mit der Nr. 129, Fanny Neumann mit der Nr. 130 und Mirjam Neumann mit der Nr. 131 mussten die Lücke füllen. Fannys Sohn Alfred Neumann meldete sich mit seiner Frau Ursula und ihren beiden Kindern freiwillig, um nicht von ihnen getrennt zu werden. Am 25. Oktober 1941 bestiegen sie am Hannoverschen Bahnhof (heute Lohseplatz) mit weiteren 1027 Personen den Zug nach Lodz. Fanny Neumann, so besagt eine Familienüberlieferung, sang mit ihren Kindern und Enkelkindern, um ihnen Mut zu machen. Für Alfred und Ursula Neumann und ihre Kinder sollen demnächst Stolpersteine in der Markusstraße verlegt werden.

Das Schicksal ihrer Tochter Therese Neumann ließ sich nicht klären. Belegt ist, dass sie am 27./28. April 1941 im Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg in der Taunusstraße 9 gemeldet war. Unter der Leitung der Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (geb. 1859, gest. 1936) war aus dieser 1907 eröffneten Einrichtung ein Zufluchtsort für jüdische Frauen und Kinder geworden. Bis kurz vor der erzwungenen Schließung im Jahre 1942 fanden dort auch Kinder Aufnahme, die von ihren Eltern nicht mehr ernährt werden konnten. Zudem wiesen die Behörden auch Jugendliche aus Strafanstalten und Arbeitshäusern ein.

Therese Neumann wurde am 30. Juni 1941 aus dem Heim in Neu-Isenburg abgemeldet und in das Offenbacher Polizeigefängnis gebracht, wo sich ihre Spur verlor. Mit unbekanntem Ziel wurde sie 1941 deportiert und im Juni 1942 an einem unbekannten Ort ermordet.

Die Schwester von Siegfried Neumann, Therese Brune, bei der seine Frau und seine jüngsten Kinder eine Zeitlang Zuflucht gefunden hatten, kam mit ihrer Tochter Carla Zancke, geb. Gransee (geb. 15.3.1915) und Enkelkind Günter (geb. 21.6.1934) in der Nacht zum 28. Juli 1943 im Hauskeller der Sachsenstraße 23 in Hammerbrook während der alliierten Bombenangriffe ums Leben.

Sein Bruder Nathan Neumann, der mit seiner nichtjüdischen Frau Pauline Auguste Emma Julie, geb. Fiedler (geb. 4.2.1894 in Altona, gest. 8.7.1944) und den Kindern in der Glashüttenstraße 88 lebte, wurde am 16. Dezember 1942 in Auschwitz ermordet.


Stand: August 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 1; StaH 351-11 AfW 42086 (Neumann, Kurt Werner); StaH 351-11 AfW 43403 (Neumann, Alfred); StaH 351-11 AfW 23901 (Neumann, Siegfried); StaH 351-11 AfW 44840 (Neumann, Lieselotte); StaH 351-11 AfW 46495 (Neumann, Max Leo); StaH 351-11 AfW 46260 (Neumann, Miriam); StaH 213-11 Amtsgericht Hamburg 7311/41; StaH 242-1 II Gefängnisverwaltung 1125; StaH 242-1 II Gefängnisverwaltung 3978; StaH 242-1 II Gefängnisverwaltung Abl. 10, St. 266; StaH 242-1II Abl. 13, jüngere Gefangenenkarteikarte Frauen (Neumann, Lieselotte); StaH 332-5 Standesämter 13401 u 273/1900; StaH 332-5 Standesämter 6027 u 774/1915; StaH 332-5 Standesämter 3266 u 128/1915; StaH 332-5 Standesämter 8739 u 974/1919; StaH 332-5 Standesämter 3372 u 1291/1920; StaH 332-5 Standesämter 926 u 499/1927; StaH 332-5 Standesämter 9860 u 1233/1932; StaH 332-5 Standesämter 1224 u 8145/1943; StaH 332-5 Standesämter 1200 u 458/1944; StaH 332-5 Standesämter 8206 u 719/1947; StaH 314-15 OFP FVg 5683; Auskunft aus der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück von Ronny Welsch-Lehmann, E-Mail vom 16.5.2011; Gespräche mit Ursula Geistlich und Ruth Dräger, 2011; http://gedenkbuch.neu-isenburg.de, eingesehen am 19.5.2014; Dokumente und Fotos von Diane Weber (USA) am 25.7.2016 und 8.8.2016 und 17.8.2016.

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