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Bereits verlegte Stolpersteine



Heinrich (Henoch) Herbst
Heinrich (Henoch) Herbst
© Privat

Heinrich (Henoch) Herbst * 1868

Kielortallee 22 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)


HIER WOHNTE
HEINRICH HERBST
JG. 1868
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Kielortallee 22:
Martha Brager, Frieda Brager, Werner Brager, Siegmund Brager, Liesel Brager, Bela Brager, Joel Falk, Karoline (Caroline) Herbst, Helene Horwitz, Alfred Levy, Martha Levy, Manuel (Emil) Neugarten, Herta Neugarten

Else Zimmak, geb. Herbst, geb. am 14.4.1914 in Oldenburg, deportiert nach Riga am 6.12.1941, am 26.3.1942 dort ermordet
Denny Zimmak, geb. am 13.6.1941 in Hamburg, deportiert nach Riga am 6.12.1941, am 26.3.1942 dort ermordet

Bogenstraße 25

Henoch (Heinrich, Henry) Herbst, geb. am 26.8.1868 in Nowy Sacz (deutsch Neu Sandez, heute Polen), am 15.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, am 21.9.1942 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert, dort ermordet
Caroline Herbst, geb. Wolf, geb. am 4.9.1878 in Jever, am 15.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, am 21.9.1942 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert, dort ermordet

Kielortallee 22

Die Schreibweise des Familiennamens Zimmak ist nicht einheitlich – weder auf den Deportationslisten noch in den Gedenkbüchern. Wir haben uns hier an der Schreibweise orientiert, die die überlebenden Nachkommen benutzen.

Else Zimmak wohnte Anfang der 1940er Jahre mit ihrem Ehemann Leonhard Lewin Zimmak in einer Zweizimmerwohnung im Haus Bogenstraße 25, das dem Jüdischen Religionsverband gehörte und in dem beide als Hausverwalter angestellt waren. Wahrscheinlich war es in erster Linie Elses Aufgabe, die Hausmeisterarbeiten zu erledigen, denn ihr Mann musste Zwangsarbeit leisten. Im Sommer 1941 wurde der gemeinsame Sohn Denny im Israelitischen Krankenhaus in der Johnsallee geboren.

Else Zimmak war gebürtig aus Oldenburg. Sie war das jüngste Kind der Familie Herbst und hatte drei ältere Brüder: Leon (geb. 1905), Edmund (geb. 1908) und Arnold (geb. 1909). Ihre Eltern waren Henoch und Caroline Herbst, geb. Wolf. Diese hatten 1904 in Jever, Carolines Heimatstadt, geheiratet. Die Familie Herbst wohnte 1905, als der älteste Sohn Leon geboren wurde, in Oldenburg in der Achternstraße 4, wo der Vater als Kaufmann und Herrenkonfektionär tätig war. 1909, als der zweite Sohn Arnold geboren wurde, lebte die Familie in Bant bei Wilhelmshaven.

Bant gehörte zum Großherzogtum Oldenburg (nach dem Ersten Weltkrieg Freistaat) und wurde 1911 mit den oldenburgischen Gemeinden Heppens und Neuende zur Stadt Rüstringen vereinigt. Im Zuge des "Gesetzes über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen" vom Januar 1937 wurden das preußische Wilhelmshaven und das oldenburgische Rüstringen zum 1. April 1937 zur neuen, nunmehr oldenburgischen Stadt Wilhelmshaven vereinigt. Im Gesetz hieß es unter § 7 Absatz 1: "Der Stadtkreis Wilhelmshaven … geht von Preußen auf das Land Oldenburg über und wird mit dem Stadtkreis Rüstringen zusammengeschlossen. Der Stadtkreis führt den Namen Wilhelmshaven."

Bis Anfang der 1920er Jahre betrieb Henoch Herbst in Rüstringen ein Herrenkonfektionsgeschäft mit einer Filiale auf Norderney. Nach der Inflation zog die Familie nach Bremen, wo Henoch Herbst sein Glück mit zwei Damenkonfektionsgeschäften versuchte. Im Familienbesitz befindet sich noch ein Foto, das ein zweistöckiges Haus mit einem Ladengeschäft zeigt. Ein Schriftband über dem Schaufenster und ein Schriftzug auf der Glasscheibe des Schaufensters lautet "Partiewaren-Geschäft von H. Herbst". Leider ließ sich nicht feststellen, in welcher Stadt und wann dieser Laden existierte.

1926 fand dann der Umzug nach Hamburg statt – zunächst in die Hochallee, später in die Kielortallee 22 in das Oppenheimer’s Stift, wo Familie Herbst eine Dreizimmerwohnung gemietet hatte. In Hamburg arbeitete Henoch Herbst ab 1929 als Rohproduktenhändler, verdiente damit aber nur sehr wenig. Er kaufte bei Warenhäusern Textil- und Papierabfälle auf. Sein Gewerbe hatte er am 3. April 1929 als Händler mit Lumpen und Altpapier für Hamburg, Elbstraße 64, Keller, angemeldet.

Ebenfalls 1929, am 7. Oktober, erlitt Familie Herbst einen schweren Schicksalsschlag: der erst 21-jährige jüngste Sohn, der unverheiratete Handlungsgehilfe Edmund, wurde beim Altonaer Fischmarkt auf Hamburger Gebiet tot aus der Elbe geborgen. Er war seit dem 30. September vermisst worden, wie aus Meldungen in Hamburger Tageszeitungen vom 9. Oktober hervorgeht. Als die Vermisstenmeldung erschien, war Edmund bereits tot. In den Zeitungsmeldungen wurde er als "schwermütig" bezeichnet. Beschrieben wurde er folgendermaßen: 1,68 m groß, schlank, schwarzes Haar, ovales Gesicht, dunkelbraune Augen.

Else Herbst wohnte bis zu ihrer Heirat bei den Eltern. Sie war Verkäuferin in Altona in der Holstenstraße bei Julia Gruzierowski und verdiente monatlich um die 100 Reichsmark. Davon musste sie auch ihre Eltern unterstützen. Bis zum April 1935 wohnte der Bruder Arnold ebenfalls in der Kielortallee. Else Herbst und Leonhard Zimmak heirateten um die Jahreswende 1938/1939. Sie hatten sich wohl durch Elses Schwägerin Gerta, geb. Cohn, kennengelernt, die Arnold Herbst geheiratet hatte und eine Nachbarin von Leonhard Zimmaks Eltern war. Die standesamtliche Trauung von Else und Leonhard fand am 28. Dezember 1938 in Eimsbüttel statt. Einer der Trauzeugen war Ernst Brager, der Vetter und Ehemann von Gretchen Brager, einer ehemaligen Nachbarin Elses in der Kielortallee (s. auch den Text zu Familie Brager). Gretchen war zwei Jahre älter als Else und hatte ebenfalls 1938 geheiratet. Ernst Brager war kurz vor Elses und Leon­hards Trauung aus Sachsenhausen unter der Auflage entlassen worden, so schnell wie möglich auszuwandern.

Leonhard Zimmak hatte seine Unterkunft vor der Heirat häufiger wechseln müssen, aber immer im Grindelviertel gelebt. Zeitweise wohnte er wohl bei seinen Eltern in der Rutschbahn und bei seiner Schwester in der Heinrich-Barth-Straße.

Am 6. Dezember 1942 wurden 964 Jüdinnen und Juden aus Hamburg nach Riga-Jung­fernhof deportiert, darunter auch die Zimmaks: Else, Denny und Leonhard, Leonhards Eltern Otto und Helene Zimmak, geb. Rosenberg, die in der Heinrich-Barth-Straße 17 wohnten, wo für beide Stolpersteine liegen, und Leonhards Tante Bertha Wartelski, geb. Zimmak, für die ein Stolperstein in Rothenburgsort liegt.

Der Vater Otto Zimmak, Jg. 1879, stammte aus Gilgenburg in Ostpreußen. Otto, Helene und Leonhard Zimmak waren 1936 nach Hamburg gekommen. Vorher wohnten sie in Pestlin, Kreis Stuhm, Westpreußen, wo die Eltern Otto und Helene einen Lebensmittelladen und eine Bäckerei hatten. Leonhard Zimmak war dort am 18.11.1907 geboren worden. Er hatte eine Schwester Frieda, die 1930 den Bäcker Wendelin Johannes Richert, der nichtjüdisch war, geheiratet hatte und nun auch in Hamburg lebte. Leonhards Onkel mütterlicherseits, Albert Rosenberg, war mit seiner ersten Ehefrau Rosa, geb. Goldschmidt, und seinen Kindern 1913 von Kassel nach Hamburg gezogen. 1931 starb Rosa, und Albert Rosenberg heiratete im Dezember 1941 Bertha Nathan. Die beiden wurden von Hamburg aus in den Tod geschickt. Für beide liegen Stolpersteine in der Heinrich-Barth-Straße 17. Alberts Kinder aus erster Ehe haben überlebt.

Das Staatsgut Jungfernhof war ein Provisorium. Auf einem 200 ha großen Gelände wurden die Menschen irgendwie untergebracht. Am 26. März 1942 wurden 1800 Menschen aus Jungfernhof im Rahmen der "Aktion Dünamünde" ermordet, darunter auch Else Zimmak und ihr Baby.

Leonhard Zimmak wurde nicht ermordet, da er als Arbeitskraft ausgenutzt werden sollte. Im Oktober 1944 wurde das Getto Riga geräumt. Im Februar 1945 gelangte Leonhard wieder nach Hamburg in das KZ Fuhlsbüttel. Von dort kam er nach Kiel ins KZ Hassee. Leonhard wurde vom Schwedischen Roten Kreuz im Rahmen der Aktion Bernadotte nach Schweden gebracht, kurz bevor am 3. Mai 1945 die Briten in Hamburg einmarschierten. Leonhard Zimmak blieb in Schweden. Er gründete noch einmal eine Familie und starb im Oktober 1993 in Stockholm.

Henoch und Caroline Herbst wurden am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und dann in Treblinka ermordet.

Elses Bruder Arnold zog im April 1935 aus der elterlichen Wohnung Kielortallee aus, als er heiratete. Er war arbeitslos, bekam Wohlfahrtsunterstützung und wurde zur "Pflichtarbeit" herangezogen. Zuerst wohnte er in der Grindelallee 73 (bei Schwarzschild), später in einem Zimmer im dritten Stock in der Rutschbahn 12. Seine Ehefrau Gerta, geb. Cohn, gebar zwei Söhne, Raphael (geb. 6.4.1936) und Manfred (geb. 14.6.1937). Von Juni bis September 1938 war Arnold im KZ Oranienburg inhaftiert. Die Emigration, die er schon 1935 vergeblich versucht hatte, in die Wege zu leiten, wurde dringend, und am 17. Oktober 1938 gelang es ihm, nach Para­guay auszureisen. Seine Frau Gerta wohnte nach seiner Abreise in der Hein­rich-Barth-Straße 19 (bei Goldschmidt). Im Januar 1941 reiste sie ihm mit den Söhnen nach – höchst beschwerlich auf dem Landweg über die Sowjetunion und Japan. Die Eltern von Gerta waren Sigmund Selig Cohn (geb. 30.8.1874 in Friedland, Mecklenburg) und Ida Cohn, geb. Wintersberg (geb. am 13.8.1875 in Wolfhagen, Hessisch Nassau), die zuletzt in Lübeck wohnten. Beide wurden mit demselben Transport wie Else, Leonhard und Denny Zimmak von Hamburg nach Riga deportiert. Gertas Bruder Siegmund überlebte wie Leonhard Zim­mak Deportation und Zwangsarbeit. Er lebte später in Australien. Gerta und ihr Bruder wussten lange nichts vom Schicksal des jeweils anderen und lebten in der Annahme, Bruder bzw. Schwester seien tot. Erst 40 Jahre nach Kriegsende fanden sie sich wieder.

Im November 1941 gelang es der Familie von Arnold, Paraguay zu verlassen und nach Argentinien einzureisen. Gerta wurde sehr alt. Sie starb im November 2006 im Alter von weit über neunzig Jahren in Argentinien.

Elses ältester Bruder Leon zog, vermutlich in den 1920er Jahren, nach Berlin. Er hatte Maschinenschlosser gelernt. Sein eigentliches Berufsziel Ingenieur ließ sich aus finanziellen Gründen nicht realisieren. 1927 heiratete Leon Herbst in Berlin. 1936 verlor er als Jude seine Arbeit und flüchtete mit seiner Frau Ida, geb. Weiss, deren Familie aus Osteuropa stammte, und seinem Sohn nach Budapest, wo Verwandte von Ida lebten. Im April 1937 wurde dort eine Tochter geboren. Das Ziel der Familie war Palästina, aber es gab Probleme mit dem Einreise-Zertifikat und auch mit der Aufenthaltsgenehmigung in Budapest. Die Flucht führte weiter über Wien nach Prag. Im September 1938 gelang dann endlich die Emigration der vierköpfigen Familie nach Palästina. Bis Kriegsbeginn stand Leon im Briefkontakt mit seiner Hamburger Familie. Leons Tochter, Enkelkinder und Urenkelkinder leben noch heute in Israel.

Elses Brüder und ihre Familien erfuhren erst lange nach Kriegsende vom Schicksal ihrer Eltern und ihrer Schwester.

Elses Ehemann Leonhard Zimmak fand nach dem Krieg einige Familienangehörige und Freunde wieder, 1946 schilderte er in Briefen an seine Schwester seine Deportationserfahrungen. Aus Abschriften dieser Briefe an seine Schwester Friedel und deren Ehemann Wendelin Richert soll an dieser Stelle ausführlich zitiert werden. Der Text in Klammern wurde zum besseren Verständnis von seinem nachgeborenen schwedischen Sohn Fred Zimmak hinzugefügt.

Nun will ich Euch aber einen kurzen Querschnitt über mein Leben der letzten Jahre geben. Also nach dem wir in Hamburg uns zu Euch verabschiedet haben, wurden wir im Hannoverschen Bahnhof in einen Personenzug gesteckt. Ziel war uns unbekannt. Der Zug war geheizt und gut mit Proviant ausgestattet, so dass wir nicht zu hungern brauchten. Wir waren alle in einem Abteil zusammen, Mutti, Vätel, Tante Betti, Else ich und das Kind (Otto Zimmak, Helene Zimmak, geb. Rosenberg, Bertha Wartelski, geb. Zimak, Else Zimmak, geb. Herbst, Leonhard Zimmak, Denny Zimmak). Für das Kind hatten wir eine kleine Hängematte bekommen und war es auch ganz gut aufgehoben. Am 3. Tag unserer Reise landeten wir auf einem Bahnhof bei Riga und wurden wir dort von der S.A. [SS] in Empfang genommen. Das heisst, die ersten zwei wurden gleich vor unseren Augen umgelegt. Alle mussten sich aufstellen und dann wurden die Menschen abgetrieben von Lettischer SS, die noch furchtbarer war als die deutsche. 30 Mann wurden ausgesucht zum Zug entladen, darunter auch ich und das war mein Glück, denn die anderen Männer kamen, nachdem sie das Lager erreicht hatten (es hatte den schönen Namen Jungfernhof) gleich zum Appel und wurden in das Lager Salaspils bei Riga abgeführt. Fragt bitte Hilde Loeb was das Lager Salaspils ist. Täglich 30–35 Tote. Todeslager. Albert (Rosenberg) war auch dabei und soll schon nach 3 Tagen tot gewesen sein. Dieses habe ich aber erst 3 Wochen später erfahren und zwar durch den Vater von dem Mädel, mit der Else zusammen im Krankenhaus zusammen entbunden worden ist, Philip. Vielleicht erinnert ihr euch noch an das Mädel. Es hatte Glück und kam wieder in unser Lager von dort zurück. Also wir mussten den Zug entladen, ich glaube so schnell ist noch nie ein Zug entladen worden, und als es inzwischen dunkel geworden war, gingen wir auch ins Lager, ein Weg von ungefähr 30 Minuten. Ja, was heißt Lager. Ein vollkommen verfallenes Bauerngehöft. Nun wollte ich erst sehen wie alle untergebracht waren. Vätel habe ich gleich gefunden. Er hat schon auf mich gewartet und ihr wisst doch unser Vater war immer sehr praktisch. Er hatte schon für sich und für mich eine Lagerstatt hergerichtet, viel abseits von allen anderen und sogar einen heißen Tee. Nach Mutti und Else und dem Kind konnte ich nicht mehr sehen, weil es inzwischen dunkel geworden war. Was soll ich euch schreiben wie sie untergebracht waren. Ein Gut ungefähr so groß wie Klein Bamsen, belegt mit 6.000 [4.000] Menschen, denn es waren vor uns schon Transporte aus Wien, Bayern, Stuttgart dort. Jeder Transport hatte eigene provisorische Küche und musste auch der Hamburger Transport sich eine einrichten. Vätel und ich machten uns daran, richteten alles ein und dadurch sind wir ja zum Glück in der Küche geblieben, denn auch Schlafplätze haben wir für das Küchenpersonal gemacht, so dass wir ganz gut, das heißt wir konnten nun liegen ohne nachts einzuschneien, untergebracht waren. Außerdem hatten wir auch etwas Wärme vom Ofen (Es sollen minus 30° gewesen sein). Mutti ist tagsüber in der Küche gewesen, nicht beschäftigt, sondern durfte sich dort aufhalten. Zur Nacht musste sie in ihre Unterkunft gehen. Die Hamburger Kleinkinder, ungefähr 18 Stück, hatten inzwischen auch eine Unterkunft gefunden, in der sie vor dem Erfrieren geschützt waren und Else hat fast allein die ganzen Kinder versorgt. Kurz vor Weihnachten (1941) begann Vätel zu klagen über Schmerzen in der Lunge und hatte auch Fieber. Heiligen Abend hat er nicht mehr aufgestanden er fühlte sich schlecht. Der Arzt stellt Lungen und Rippenfellentzündung fest. Jetzt begann eigentlich die schwerste Zeit für mich. Mutti war auch krank (Brechdurchfall). Else kam mit einer Halsentzündung ins Revier und das Kind hatte Masern.

Alles zur selben Zeit und nichts zu essen, denn unser Gepäck haben wir nicht bekommen. Am schlimmsten war es mit Vätel, der immer auf etwas anderes Appetit hatte und nichts war da. Aber was blieb mir übrig. Koffer lagen ja genug im Dreck herum. Ich habe einige "organisiert", habe mich nachts aus dem Lager geschlichen und bin dann bei den Bauern damit hausieren gegangen, um wenigstens etwas Brot zu bekommen. Unsere Wintersachen, die wir noch anhatten, habe ich für etwas Fett und Fleisch getauscht, so daß die Kranken wenigstens etwas hatten und meine größte Freude war es, dass es Mutti und Else wieder auf die Beine geholfen hat. Unser Vater hat nur noch genippt, um mir einen Gefallen zu tun, denn er wusste wie schwer ich alles anschaffte. Das Kind hatte sich auch wieder erholt und ist bei aller Not ganz gut gediehen. Inzwischen waren täglich Appelle und wurden Leute fortgeschafft. Man sagte uns ins Getto nach Riga und wir waren so naiv es zu glauben. Da wir aber doch zusammenbleiben wollten, habe ich unsere Altchen immer versteckt, bis einmal überraschend Appell war. Mutti ist gerade übern Hof gegangen, wurde geschnappt, aufs Auto gesetzt und ich habe sie nur noch von weitem winken gesehen. Das war alles, seitdem habe ich nie etwas gehört. Es war am 10. Februar 1942. Es kamen damals noch 600 andere alte Leute mit fort. Vätel wurde auch immer schlechter und ist am 22. Februar 1942 nachmittags gegen 3 Uhr 30 Minuten ruhig eingeschlafen in meinem Arm. Er liegt noch mit 600 anderen erschossenen, gehängten, erfrorenen Juden in einem Massengrab dort auf dem Jungfernhof. Aber unser Vater ist ganz normal gestorben. Am 26. März sollte der Hof nun ganz geräumt werden bis auf 300 Menschen, die noch aufräumen sollten. Auch ich gehörte zu diesen 300, trotzdem ich mich gemeldet hatte nicht zu gehen, denn ich wollte doch bei Else und dem Kind bleiben. Es ist mir aber nicht erlaubt worden. Man sagte mir, ihr kommt alle nach und muss hier erst Ordnung gemacht werden. Es hieß, die Leute, es waren ungefähr 2.000, kommen nach Dünamünde in Konservenfabriken und in drei Wochen kommt ihr nach. Also habe ich mich von Else, dem Kind und Tante Betti (Bertha Wartelski, geb. Zimak), die sich übrigens sehr gut gehalten hatte, verabschiedet, ohne zu denken, dass es für immer sein sollte. 2 Stunden später hat man uns aber schon gesagt, dass wir unsere Lieben nicht mehr wieder sehen werden. Wenn ich heute an alles zurückdenke, Tauschhandel, Eltern verstecken u.s.w. läuft es mir jetzt noch kalt übern Rücken. Das ich noch normal bin, ist wirklich ein Wunder. Alle Einzelheiten zu schreiben ist in einem Brief unmöglich, denn alles war ein Spiel mit dem Tode. Aber es wurde nicht nur der Hof geräumt sondern vollkommen aufgebaut und landwirtschaftlich bewirtschaftet. Hilde Loeb, mit der ich die ganze Zeit zusammen war, wird euch sicher erzählen, wie wir gearbeitet haben. Auch soll ein Herbert Simon von dort wieder nach Hamburg zurückgekommen sein. Er soll Amanda- oder Marthastraße in Eimsbüttel wohnen. Vielleicht erkundigt ihr euch nach ihm. Er könnte euch viel erzählen, denn auch er war in der Küche beschäftigt und haben wir beide bis wir ins Getto kamen ? gewirtschaftet. Am 10. April wurden die Juden durch Russen abgelöst und kam ich für 6 Wochen ins Getto nach Riga. Von dort wurde ich in die Autowerkstatt der SA und SS kaserniert. War von dort oft mit einer fahrbaren Werkstatt zum Fronteinsatz. Lieber Wendelin, du wirst jetzt vielleicht sagen, warum ich nicht zu den Russen übergelaufen bin. Ja, lieber Junge, wir waren mit Fußfesseln angeschlossen und konnten nur ganz kurze Schritte machen. Einen Vorteil hatte aber diese Arbeit, ich habe mich gut in Autoelektrik ausgebildet. In dieser Werkstatt war ich bis zum 9. November 1944. Wir waren gerade wieder auf Fronteinsatz in Liebau, Lettland und wollten weiter nach Ostpreußen. Der Russe hatte aber inzwischen Liebau eingekesselt und wir, das heißt die SS, saß hier wie in einer Mausefalle. Sie übergaben uns der Wehrmacht und sie selbst schifften sich ein Richtung Deutschland und landete ich wieder am 25. Februar 1945 in Hamburg "Fuhlbütteler Gefängnis". Von dort bin ich auch wieder auf ...? gekommen, als Elektriker und habe dadurch Gelegenheit gehabt, mir das zerstörte Hamburg anzusehen, aber was mir noch wichtiger war, ich habe versucht, durch einen Herrn, dessen Name mir leider entfallen ist, nach Euch zu forschen und hat der Herr so viel erfahren, dass ihr vollkommen ausgebombt seid und auch dass von Zimaks niemand mehr lebt. Ich habe nun auch angenommen, dass ihr nicht mehr am Leben seid, hauptsächlich du liebe Friedel, nachdem mir Elias sagte, du wärest nach Theresienstadt gekommen. Am 14. April 45 wurden wir wieder in Marsch gesetzt in Richtung Kiel und sind dort am 15. April 45 wieder im KZ angekommen. Über die Behandlung in den Lagern brauche ich ja nichts zu schreiben, das wisst ihr auch und ich selbst war sehr viel gewöhnt, aber Kiel war die Hölle, geleitet von Bestien in Menschengestalt. G.s.D hat es dort nicht mehr sehr lange gedauert, denn am 1. Mai 45 wurden wir dort vom schwedischen Roten Kreuz übernommen und unser Leidensweg hatte ein Ende. Am 2. Mai 1945 sind wir in Malmö Schweden angekommen. Ich habe da nur noch 48 Kilo gewogen. Verlaust, geschlagen und krank. Wir wurden vollkommen neu eingekleidet, da wir ja nur Sträflingssachen anhatten und die sehr gute schwedische Pflege hat uns bald wieder auf die Beine gebracht. Nach unserer 4-wöchigen Quarantänezeit kamen wir in ein Flücht­lings­lager (Holsbybrünn). Ja, was heißt Flüchtlingslager. Ein Sanatorium, mitten im Wald gelegen. Jeder sein eigenes Zimmer. Einfach wunderbar. Aber mit der Zeit wurde es mir doch langweilig und gut erholt war ich auch und ich habe mich um Arbeit bemüht und bin dann hier gelandet. Wie ich euch schon in meinem ersten Brief geschrieben habe, musste ich noch einmal hier 10 Wochen wegen Krankheit aussetzen, aber nun geht es mir bis auf ein Geringes in der Schulter gut und wünsche ich weiter nichts als dass auch Ihr hier sein könntet. Es ist ein herrliches Städtchen am größten See Schwedens gelegen und überall Wald und Felsen. Liebe Friedel, es tut mir so leid, dass du nichts anzuziehen hast, aber Kleider kann man leider noch nicht schicken, zumal hier auch noch viele Sachen rationiert werden. Ich kann mir vorstellen, dass du nichts hast, denn auch ich kam nur mit Sträflingskleidung her und muss alles wieder kaufen, allerdings nicht zu Phantasiepreisen, sondern normal im Geschäft. So meine Lieben, das wäre so das Hauptsächlichste, was zu berichten wäre. Es gibt zwar wohl noch mehr einzelnes Erlebtes, aber auch ich hoffe, dass wir uns wieder sehen werden und dann werden wir noch viel zu erzählen haben. Liebe Friedel, schreibe mir bitte, wie es dir jetzt gesundheitlich geht. Was macht ihr jetzt und wovon lebt ihr? Ich habe große Sorgen um euch und möchte euch so gerne helfen, wenn es nur ginge. Was hört ihr von Grübenau (Wilhelm und Lisbeth, geb. Richert) und Edith (Hoffmann, geb. Richert) und Else (Richert) (Wendelin Richerts Schwestern) oder wisst ihr nichts von ihnen? Lebt dein Vater noch, Wendelin?

© Susanne Lohmeyer

Quellen: 1; 2 (F991); 4; 5; StaH 314-15 OFP – Devisenstelle und Vermögensverwertungsstelle, "Ablieferung 1998, H 692; StaH 332-5, 954 + 356/1929; StaH 351-11 AfW, 33013, 34956 und 060436; Geburtsurkunden 214/1905 und 353/1914 Standesamt Oldenburg; Hildegard Thevs, Stolpersteine in Hamburg-Rothenburgsort, S. 107ff.; HAB IV 1933; Hamburger Echo v. 9.10.1929; www.familysearch.org; Videofilm "Herbst in Oldenburg" von Farschid Ali Zahedi; Auskunft von Marina Herbst am 8.4.2012.

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