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Bereits verlegte Stolpersteine



Max Brandenstein in der Uniform eines Militärzahnarztes aus dem Ersten Weltkrieg
Max Brandenstein als Militärzahnarztes in Antwerpen
© StaH

Max Brandenstein * 1874

Oderfelder Straße 15 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
DR. MAX BRANDENSTEIN
JG. 1874
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Weitere Stolpersteine in Oderfelder Straße 15:
Adolf Max Ahronheim, Egla Emma Ahronheim, Karl Max Ahronheim, Max Ahronheim, Bettie (Betty) Brandenstein

Max Brandenstein, geb. am 19.3.1874 in Hofgeismar, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz

Wandsbeker Chaussee 1
Oderfelder Straße 15

Am 3. September 1908 heirateten in Hamburg der 34-jährige Zahnarzt Max Brandenstein aus Hofgeismar und die 26 Jahre alte Betty Treumann aus Waren an der Müritz. Beide stamm­ten aus eingesessenen jüdischen Händlerfamilien. Ihre Häuser wurden Anziehungspunkte für Verwandte, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimatorte verließen.

Max Brandenstein war 23 Jahre alt, als er 1897 in die Matrikel, das Verzeichnis der Hamburger Zahnärzte, aufgenommen wurde. Über seinen Ausbildungsweg ist nichts bekannt, außer dass er einer schlagenden Verbindung angehörte. Er lebte erst ab 1906 ununterbrochen in Hamburg. Nach seiner Heirat mit Betty Treumann im Jahre 1908 ließ er sich als Zahnarzt mit Wohnung und Praxis in der Wandsbeker Chaussee 1 in Eilbek nieder. Seine Mutter, Jeanette, geborene Israel, war bereits verstorben, sein Vater, Abraham Brandenstein, nahm als Trauzeuge an der Hochzeit teil. Abraham und Jeanette Brandenstein gehörten zu einer alteingesessenen Familie in Hümme bei Hofgeismar. Jeanette brachte zwischen 1862 und 1879 zehn Kinder zur Welt – fünf Töchter und fünf Söhne –, die alle das Erwachsenenalter erreichten. Max war das erste Kind, das nach dem Umzug der Familie von Hümme nach Hofgeismar geboren wurde, wo Abraham Brandenstein ein Geschäft für landwirtschaftliche Gebrauchsgüter eröffnet hatte. Max folgten noch die beiden Brüder Julius (geb. 1877) und Sally (geb. 1879) sowie Neffen und eine Nichte nach Hamburg. Sechs Geschwister zogen in das heutige Nordrhein-Westfalen, die Schwester Johanna blieb als verheiratete Löwy im elterlichen Geschäft in Hofgeismar.

Betty Treumann war die jüngste von drei Töchtern des Getreidehändlers August Treumann und seiner Ehefrau Julie, geborene Löwenberg. Als der Vater nicht mehr geschäftsfähig war, trat sein Bruder Moritz als "Kurator" (heute: Betreuer) für ihn ein. August Treumann starb, als Betty sechs Jahre alt war, 1888 in der Heilanstalt Schwerin-Sachsenberg im Alter von 43 Jahren und hinterließ seine Witwe und die Töchter auskömmlich versorgt. Die Mädchen besuchten die Höhere Mädchenschule in Waren, die beiden älteren, Hedwig und Martha, auch ein Töchterpensionat in Berlin. Betty verließ 1899 die Schule, ohne eine weitere Ausbildung anzuschließen. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Sie zog nach Hamburg und wohnte dort bei ihrer Schwester Hedwig zusammen mit der dritten Schwester Martha bis zu deren Heirat im Jahre 1902.

Als erste der Schwestern heiratete Hedwig Treumann 1902 in Waren den Hamburger Kaufmann Arthur Martienssen. Sie etablierten sich in der Hagedornstraße 31 in Hamburg-Harvestehude und wurden zur Anlaufstelle für ihre Verwandten aus Waren. Bettys Mutter Julie Treumann lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1906 bei der Tochter Hedwig und deren Ehemann. Sie erlebte noch die Geburten ihrer Enkelinnen Ilse und Alice.

Die zweite der drei Schwestern, Martha Treumann, von Beruf Kontoristin, ging am 28. Dezember 1907 die Ehe mit dem Kaufmann Manfred Rothschild ein. Er starb 1918 und hinterließ sie mit den Kindern Margot und Kurt.
Betty Treumann heiratete als letzte der drei Schwestern.

Nach dreijähriger Ehe wurde am 25. Oktober 1911 Max und Betty Brandensteins einziger Sohn, Horst Heinz, geboren. Max Brandenstein nahm vom 17. August 1914 an als Militärzahnarzt beim Heer am Ersten Weltkrieg teil. Er beantragte 1916, während er in Antwerpen stationiert war, die "Aufnahme in den Hamburgischen Staatsverband", die ihm bei einem versteuerten Einkommen von 5000 Mark im Jahr 1915 gewährt wurde. Am 1. Dezember 1916 nahm Betty Brandenstein die Aufnahmeurkunde in Empfang. Als Kriegsteilnehmer ohne Einkünfte wurden Max Brandenstein im folgenden Jahr die Steuern erlassen. Nach Kriegsende kehrte er nach Hamburg zurück und mietete in der Nachbarschaft seines Schwagers Arthur Martienssen in der Oderfelderstraße 15 eine großzügige Wohnung. Die Praxis blieb in der Wandsbeker Chaussee 1. Der Sohn Horst wurde in die Knaben-Vorschule Thedsen, Jungfrauental 13, eingeschult.

1921 trat Max Brandenstein der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg bei und schloss sich dem liberalen Tempelverband an. Er blieb auch in den Inflationsjahren der Gemeinde keine Beiträge schuldig. Seine Kassenzulassung sicherte ihm ein Einkommen, das zwar bis 1933 niedrig blieb, aber der Familie einen gutbürgerlichen Lebensstandard erlaubte. Betty Brandenstein wurde durch eine junge nichtjüdische Haushaltshilfe entlastet, die sie 1936 entlassen musste.

Weitere Familienangehörige orientierten sich nach Hamburg. So ließen sich zwei Neffen Max Brandensteins ebenfalls als Zahnärzte in Hamburg nieder, Walter Löwenstein in der Billstraße in Rothenburgsort im Jahr 1926 und Julius Löwy im Jahr 1933 am Jungfernstieg. Eine Schwester Walter Löwensteins hatte den Hamburger Arzt Georg Kleimenhagen geheiratet. Sie starb am 2. Juni 1937 im Israelitischen Krankenhaus. Ihr Mann emigrierte 1939 mit dem Sohn in die USA. 1936 kam auch die Nichte Luise Brandenstein aus Wesel nach Hamburg, um ihr Medizinalpraktikum am Israelitischen Krankenhaus zu absolvieren.

Max und Betty Brandensteins Sohn Horst wollte beruflich seinem Vater folgen und begann das Studium der Zahnmedizin in Hamburg. Nach dem Abschluss der Vorschule hatte er das Johanneum besucht und dort im Frühjahr 1930 das Abitur abgelegt. Nach dem ersten Semester wechselte er an die Universität Würzburg und kehrte mit der Absicht, sein Examen in Hamburg abzulegen, in seine Heimatstadt zurück. Schon vor der Machtübergabe an Hitler hatte Horst Brandenstein viel Ablehnung erfahren, sich jedoch allen Anfeindungen widersetzt. Freunde rieten ihm zu einer vorübergehenden Unterbrechung seines Studiums in der Annahme, dass sich das NS-Regime nicht lange halten würde. Er bemühte sich vergeblich um eine Auswanderung in die USA. Stattdessen besuchte er einen Wirtschaftskurs an der Grohne-Schule und begann 1934 eine kaufmännische Lehre bei "Brasch und Rothenstein", für die er eigentlich zu alt war. Er beendete sie im Februar 1936 nach einem weiteren vergeblichen Auswanderungsversuch in die USA und arbeitete noch einige Monate bei einer Speditionsfirma, bis er mit Hilfe eines Freundes Einwanderungspapiere für Brasilien erlangte. Er verließ Hamburg im August 1936 in der Hoffnung, in Rio de Janeiro sein Zahnmedizinstudium beenden zu können. Die Erwartung erfüllte sich nicht, da sein vorheriges Studium nicht anerkannt wurde und er nicht die Mittel für ein erneutes Studium besaß. Aus der Ferne nahmen Betty und Max Brandenstein Anteil am Geschick ihres Sohnes, der sich in Brasilien allmählich eine Existenz als Verkäufer aufbaute und 1937 heiratete.

Während Horst vor den antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes floh, verbesserte sich zunächst die finanzielle Situation seines Vaters. Gegen einen Entzug seiner Approbation und der Kassenzulassung war er doppelt gesichert, da seine Approbation aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg datierte und er Frontsoldat gewesen war. Die Zahl seiner Kassen- wie die seiner Privatpatienten stieg.

Betty und Max Brandenstein gehörten ebenso wie Hedwig und Arthur Martienssen zum Freundeskreis um Hermann und Martha Glass, Hausmakler mit Wohnsitz in der Abteistraße und Geschäftssitz in der Mönckebergstraße, deren Tochter Ingeborg (verheiratete Tuteur) im Jüdischen Kulturbund Hamburg tätig war.

Mit dem 30. September 1938 wurde Max Brandenstein die Kassenzulassung entzogen, doch behandelte er offenbar weiterhin Privatpatienten. Betty und Max Brandenstein entschlossen sich, ihrem Sohn nach Rio de Janeiro zu folgen. Sie erhielten die Unbedenklichkeitsbescheinigung des Oberfinanzpräsidenten für ihre Auswanderung für März 1939, aber die Ausreise scheiterte aus nicht bekannten Gründen.

Während Max Brandenstein 1939 noch einen nennenswerten Gemeindebeitrag geleistet hatte, wurde er für 1940 nicht einmal mehr steuerlich veranlagt. Die Eheleute verließen ihr langjähriges Zuhause in der Oderfelder Straße. Was mit ihrem Vermögen geschah, ist nicht bekannt, ebenso wenig, weshalb die Eheleute in den Papendamm 3, das jüdische Knaben-Waisenhaus zogen, wo sie bis zum 25. Februar 1942 unter Kindern, Jugendlichen und deren Betreuern lebten. Ende November 1941 hatten die im Mädchen-Waisenhaus Laufgraben 37 verbliebenen Mädchen in das Knaben-Waisenhaus umziehen müssen, um Platz für das Alters- und Pflegeheim der jüdischen Gemeinde zu schaffen.

Max und Betty Brandenstein verkleinerten ihren Haushalt ein weiteres Mal, als sie in der Beneckestraße 6 untergebracht wurden, einem Gebäude der jüdischen Gemeinde mit Wohnungen, Bibliothek und den Büros verschiedener Einrichtungen. Nach Aussagen von Max Brandensteins Sohn gegenüber dem Amt für Wiedergutmachung versorgte sein Vater dort jüdische Patienten und Patientinnen zahnärztlich.

Am 11. Juli 1942 wurden Max und Betty Brandenstein in einem vergleichsweise kleinen Transport von ca. 300 Personen nach Auschwitz deportiert und offenbar gleich nach ihrer Ankunft ermordet. Max Brandenstein war 68 Jahre alt, seine Frau Betty 60 Jahre.

Ihnen vorangegangen war die Deportation von Max Brandensteins Bruder Julius und seiner Frau Frieda, geborene Rosenmeyer, von Köln aus nach Theresienstadt am 15. Juni 1942. Sie nahmen sich beide vor ihrer Weiterdeportation nach Treblinka das Leben.

Max Brandensteins jüngerem Bruder Sally gelang die Auswanderung. Er war als geschiedener Mann zwei Jahre zuvor von Herford in Westfalen zu seinen Verwandten nach Hamburg gezogen und von dort aus nach Shanghai emigriert.

Ende Juli 1939 wurde Betty Brandensteins Schwester, die verwitwete Martha Rothschild, in die Psychiatrische Klinik Friedrichsberg eingewiesen. Sie litt an den Spätfolgen von Diabetes mellitus und wurde als pflegebedürftig am 1. September 1939 in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn verlegt, wo sie bald darauf starb. Nach dem Tod ihrer Mutter Martha betrieben Kurt und Margot Rothschild erfolgreich ihre Emigration nach Brasilien. Betty Brandensteins Nichten, Ilse und Alice Martienssen, gelangten ins Exil nach Schweden.

Vier Tage nach dem Auschwitz-Transport erfolgte die erste Deportation Hamburger Juden und Jüdinnen in das Getto von Theresienstadt. Betty Brandensteins Schwester Hedwig und deren Ehemann Arthur Martienssen gehörten zu den Aufgerufenen. Arthur überlebte das Lagerleben nur drei Monate und starb am 19. Oktober 1942 im Alter von 75 Jahren, Hedwig wurde im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sie wurde 63 Jahre alt.

Von den zehn Brandenstein-Geschwistern wurden sechs, darunter vier zusammen mit ihren Ehepartnerinnen bzw. Ehepartnern, in der Shoah ermordet.

Stand Februar 2014
© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 4; 5; Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 113; StaH 332-5 Standesämter 8050-142/1918, 8657-269/1908, 9546-280/1912; 332-8 Meldewesen K 4282, 6567, 7086; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 1131; 352-3 Medizinalkollegium 1 C 12, Band 1, Nr. 95, Band 2, Nr. 33 und 191; StaH Verzeichnis der Zahnärzte und Dentisten 1936; Drinnenberg, Julia, Stätten der Erinnerung – Gedächtnis einer Stadt; Müller-Wesemann, Barbara, Tagebuch der Martha Glass; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; Wunder, Abtransporte, in: Wunder/Genkel/ Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; ders., Exodus, ebd.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link Recherche und Quellen.

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