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Bereits verlegte Stolpersteine



Antonie Simon (geborene Pagener) * 1904

Brahmsallee 39 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
ANTONIE SIMON
GEB. PAGENER
JG. 1904
DEPORTIERT 1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET MAI 1942
CHELMNO / KULMHOF

Weitere Stolpersteine in Brahmsallee 39:
Gertrud Johanna Alsberg, Ernst Alsberg, Lane Simon

Antonie Simon, geb. Pagener, geb. am 2.9.1904 in Epe/Westfalen, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, im Mai 1942 weiterdeportiert nach Chelmno und dort ermordet
Lane (Lene) Simon, geb. am 29.3.1940 in Hamburg, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, dort am 26.12.1941 gestorben

Brahmsallee 39 (Werderstraße 5)

Antonie Simon entstammte der Familie Pagener, die sich Ende des 18. Jahrhunderts als erste jüdische Familie in der münsterländischen Gemeinde Epe Dorf niedergelassen hatte. Als Antonie Pagener 1904 dort geboren wurde, hatte der Ort rund 4800 fast ausschließlich katholische Einwohner, 35 oder 36 Personen waren Jüdinnen und Juden. Unter ihnen am stärksten vertreten waren die Pageners mit vielfältigen verwandtschaftlichen Beziehungen. Epe Dorf war ein prosperierendes Gemeinwesen, dank seiner Textilindustrie mit modern ausgerüsteten Spinnereien und Webereien sowie vor allem durch die Eisenbahnverbindungen über die nahegelegene Grenze nach Eschede in den Niederlanden, nach Dortmund und Düsseldorf. Vor allem in dieser Region waren die Pageners aktiv, sei es als Vertreter für Stoffe und Kleidung oder als Einzelhändler in Textilien vor Ort. Ein Pagener wurde Kunsthonigfabrikant in Epe, ein anderer Doktor der Jurisprudenz in Heidelberg. Antonies Vater war Viehhändler.

In Epe wuchs Antonie, Tochter von Itzig (Bendix) Pagener (1858–1942) und seiner Ehefrau Emilie, geb. Bachmann (1860–1929), auf. Sie hatte drei ältere Brüder: Benno (1895–1938), Norbert (1896–1944) und Siegfried (1899–1945). Da es in Epe keine jüdische Schule gab, besuchte Antonie wie die übrigen Kinder die örtliche Volksschule. Der jüdische Religionsunterricht wurde privat erteilt.

Ob Antonie eine Berufsausbildung absolvierte bzw. welche, ließ sich nicht ermitteln. Auf ihrer Meldekarte bei der Polizeiverwaltung Epe, die von 1922 bis 1933 fortgeschrieben wurde, blieb die Rubrik "Stand oder Gewerbe" ohne Vermerk. Eingetragen wurde, dass Antonie Pagener am 8. Mai 1922, mit 17 Jahren also, Epe "nach Heidelberg" verließ. Nach gut neun Monaten, am 21. Februar 1923, war sie zurück und blieb im Elternhaus (Epe Dorf Nr. 183) über ein Jahr. Am 11. März 1924 meldete sie sich nach Dortmund ab, war aber fünf Wochen später wieder in Epe und blieb hier die nächsten neun Jahre bis zum 6. Februar 1933. Unter diesem Datum meldete sie sich nach Düsseldorf ab. Es ist der letzte Eintrag im Epener Melderegister. Womit sich Antonie Pagener in jenen Jahren an verschiedenen Orten beschäftigte und wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente, ist nicht bekannt. Eine feste Anlaufstelle bildete offenbar ihr Elternhaus.

Die nächste Information liefert erst wieder die Kultussteuerkarte 21.800 der Jüdischen Gemeinde Hamburg auf den Namen Antonie Pagener mit dem Vermerk: "eingetreten am 31.12.35". Antonie war nun 31 Jahre alt. Warum sie Düsseldorf verlassen hatte und nach Hamburg gekommen war, wissen wir nicht. Im September 1935 aber waren die sogenannten Nürnberger Gesetze verkündet worden ("Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre"), mit denen der Antisemitismus des NS-Staates eine juristische Grundlage erhielt. Aus vielen Beispielen ist bekannt, dass Jüdinnen und Juden ihre bisherigen Wohnorte verließen und in einer Großstadt, in der sie unbekannt waren, Unterschlupf suchten, vor allem wenn sie alleinstehend waren.

In der Zeile "Firma und Branche" der Kultussteuerkarte steht: "Stütze". Das bedeutet, Antonie schlug sich als Haushaltshilfe durch – dieses Wort ist wohl kaum übertrieben, denn Dienstmädchen zählten zu den am wenigsten geachteten, am schlechtesten bezahlten und am meisten von der Willkür der jeweiligen Familien abhängigen Personen in der bürgerlichen Gesellschaft, besonders wenn es sich in den Jahren nach 1935 um eine Jüdin handelte. Sie konnte praktisch nur noch in jüdischen Haushalten eine Anstellung finden und das nur, solange sich die jeweilige Familie angesichts der zunehmenden Bedrängung eine "Stütze" leisten konnte. Die soziale Situation wurde von Tag zu Tag schwieriger.

Ob Antonie erst in Hamburg ihr Auskommen als Dienstmädchen suchte, wissen wir nicht. Die Kultussteuerkarte gibt aber einige Hinweise auf ihr Leben hier: Von Anfang an war sie von jeder Zahlung an die Gemeinde befreit. Im Januar 1941 erscheint dann per Stempel der Eintrag: Wohlfahrt, d.h., die Jüdische Gemeinde bzw. die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland musste Antonie unterstützen. Die Eintragungen zeigen auch, dass sie zwischen 1937 und 1941 mindestens zehn Mal die Unterkunft wechselte, immer zu einer anderen Familie, und fast immer wurde vermerkt "St.L.", also "Stütze" und "Logis" (Unterkunft und Verpflegung). Die zuletzt genannte Unterkunft lautete: Hamburg Rothenbaum, Werderstraße 5, bei Ruben. Hier lebte Antonie mit ihrer kleinen Tochter Lane (Lene) vom 1. Februar bis zur gemeinsamen Deportation am 25. Oktober 1941 nach Lodz.

Lane war am 29.3.1940 geboren worden. Vater war der Hamburger Jude Alfred Sally Simon (19.12.1900–5.5.1968). Am 13. Januar 1940, Antonie war im siebten Monat schwanger, hatte das Paar geheiratet. Doch gleichzeitig bemühte sich Alfred Simon unter Hochdruck, letzte Formalitäten für seine Emigration in die USA zu erledigen. Die Zeit drängte, denn unterdessen war der Krieg ausgebrochen. Neun Tage nach der Hochzeit, am 22. Januar 1940, floh Alfred Simon mit der MS Saturnia von Triest aus in die USA. Der einst wohlhabende Unternehmer und Handlungsreisende in der Metall- und Baustoffbranche war infolge der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Ausplünderungspolitik völlig mittellos, besaß zum Schluss nicht mehr als die Kleidung auf dem Leibe und konnte Antonie nichts weiter hinterlassen als das noch ungeborene Kind. Wie sie diese Situation überstand, wer ihr dabei half, ob ihr jemand half, wissen wir nicht.

Antonie Simon kam zur Deportation nach Lodz auf die sogenannte Ersatzliste ("Die nachstehend aufgeführten 200 Juden sind für eventuelle Ausfälle vorgesehen") und erhielt Nummer 161, Lane bekam Nummer 164. Viele Jüdinnen und Juden hatten sich in den Tagen vor der Verschleppung das Leben genommen oder waren untergetaucht. Die Gestapo, die Organisatorin des Abtransportes in die Vernichtung, griff nun auf die Ersatzliste zurück. Am Morgen des 25. Oktober, einem Samstag, verließ vom Hannoverschen Bahnhof im Hafen (heute Lohseplatz) ein Zug mit 1034 Jüdinnen und Juden Hamburg mit Ziel Lodz. Unter ihnen waren Antonie Simon (37 Jahre alt) und Lane (1 Jahr und sieben Monate).

Die Not im Getto stand Lane nur wenige Wochen durch. Sie starb am 26.12.1941. In der "Chronik des Gettos Lodz" sind für jene Dezembertage eisige Winde, Schneestürme und Temperaturen von minus 10 Grad vermerkt. Innerhalb von drei Tagen starben 82 Personen. Antonie lebte mit zwei Hamburger Frauen zusammen in einem Zimmer, eine war Hedwig Rosskamm (geb. 11.12.1881) aus der Haynstraße 29. Antonie pflegte die schwerkranke Frau. Doch sie fand keine registrierte Arbeit, und ohne diese hatte sie kaum eine Chance, im Getto zu überleben. Anfang Mai 1942 erhielt sie vom Ältestenrat der Juden des Gettos ihre "Aussiedlungsmitteilung". Das war der verschleiernde Begriff für die Weiterdeportation in die Vernichtungsanlage Chelmno, 70 Kilometer von Lodz entfernt. Wer hier ankam, hatte keine Chance, lebend davonzukommen. Alle Opfer wurden umgehend in speziell präparierte Lastwagen gesperrt und auf der Fahrt zum Massengrab mit den Auspuffgasen getötet.

Am 8. Mai schrieb Antonie einen flehentlichen Bittbrief an den Ältesten der Juden, sie doch im Getto zu belassen. Die Bitte wurde abgelehnt. Antonie Simon starb zwischen dem 10. und 15. Mai 1942 in Chelmno.

Betrifft Ausreise-Aufforderung Nr. III.
An den Ältesten der Juden in Litzmannstadt-Ghetto
Sehr geehrter Herr Präses!
Hierdurch bitte ich aus folgenden Gründen mich von der Ausreise zu befreien: Ich bin 37 Jahre alt, sehr arbeitsfreudig und leider war es mir nicht möglich, bis jetzt Arbeit zu finden, denn in der ersten Monaten meines Hierseins hatte ich ein Kind 1¾ Jahre alt, welches hier im Ghetto starb. Kurze Zeit darauf wurde ich aus dem Kollektiv privat untergebracht. Ich nahm mich des schwer erkrankten Fräulein Rosskamm an, die mit mir zusammen wohnt und noch eine 63 jährige Dame. Dann kam Arbeitssperre, dann kam die Auswanderung der polnischen Juden und ich konnte wieder keine Arbeit bekommen. Darum bemühte ich mich um Arbeit im Schneiderressort, der mich durch das Arbeitsamt anfordern liess, dann kam die Registrierung und es wurden keine deutschen Juden mehr eingestellt.

Aus diesen oben angeführten Gründen bitte ich ergebenst, meine Bitte zu berücksichtigen. Ich stelle meine Arbeitskraft gerne 100%ig zur Verfügung, denn ich habe nur den einzigen Wunsch meinen Mann, der schon in Amerika ist, wiederzusehen.
Ergebenst
Antonie Simon
aus Hamburg

Hedwig Rosskamm, nun ohne Antonies Pflege, starb am 27. Mai 1942 im Getto.

Aus Antonies Familie, der Familie Pagener in Epe, überlebten nur wenige Personen das NS-Mordprogramm. Nach der Pogromnacht vom 8./9. November 1938, in der auch die Epener Synagoge bis auf die Grundmauern niederbrannte, floh Antonies Bruder Benno in die USA, heiratete dort eine Jüdin aus Uchte bei Hannover und hatte Nachkommen. Andere Familienangehörige flohen in die Niederlande, wurden nach dem Überfall der Deutschen auf das Land (Mai 1940) aufgespürt und in Konzentrationslager verschleppt. Ermordet wurden Antonies Vater Itzig Pagener in Minsk, ihr Bruder Norbert in Auschwitz, dessen Frau Anna, geb. de Levi, und die beiden 19 und 15 Jahre alten Töchter Ruth und Ingrid in Stutthof. Antonies Bruder Siegfried wurde in Flossenbürg ermordet, seine Frau Hermine, geb. Meyer, und die Kinder Bernhard (11 Jahre) und Gretel (7 Jahre) starben in Auschwitz. Ausgelöscht wurde auch die Familie des Onkels Simon Pagener, mit seiner Frau Bertha, geb. Meyer, und den beiden erwachsenen Töchtern Käthe (Bergen-Belsen) und Anna, verheiratete Eichenwald, in Flossenbürg.

Seit 2009 wurden für sie und andere ermordete Juden in Epe Stolpersteine verlegt, es sind bisher 26 an der Zahl.

Alfred Sally Simon gründete Ende 1945, als Antonie und Lane nicht zurückgekehrt waren, in den USA eine neue Familie, aus der zwei Söhne hervorgingen. Er starb am 5. Mai 1968 in Chicago.

Stand: September 2016
© Johannes Grossmann

Quellen: 1; 4; 5; 8; StaH 351-11 AfW, 28086 Simon, Antonie; 351-11 AfW, 23805 Simon, Alfred Sally; StaH 332-5 Standesämter Geburten, 13400-2624 Simon, Alfred; Standesamt 2 (Hamburg-Eimsbüttel) 1940, Heiratsurkunde Nr. 19/40 und Aufgebot zur Eheschließung Simon-Pagener; StaH 522-1-992 e 2, Band 1, Deportationsliste Litzmannstadt; Meyer (Hrsg.): Verfolgung; Feuchert u.a., Chronik des Gettos Lodz, Band 1941, S. 320ff.; Stadtarchiv Gronau, Polizeiverwaltung Epe i. Westf., Melderegister, Pagener, Antonie; Diekmann: Sabbats wegen, S. 154ff.; Lippert/Diekmann, DenkMal, S. 6ff.; Diekmann, Jüdische Gemeinde, in: ders., Natur und Kultur, S. 208ff.; Lippert, Stadtarchiv Gronau, E-Mails vom 4.12.2012 und 15.1.2015; Petra Böing, Stadtarchiv Gronau, E-Mails vom 26.2. und 24.3.2015; USHMM, RG 15083, M 300/156-157, Fritz Neubauer, Universität Bielefeld, E-Mail vom 2.10.2011.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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