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Bereits verlegte Stolpersteine



Hertha Liebermann * 1883

Großneumarkt 56 (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
HERTHA LIEBERMANN
JG. 1883
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1943
AUSCHWITZ

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 56:
Sella Cohen, Bertha Cohen, A(h)ron Albert Cohn, Thekla Daltrop, David Elias, Theresia Elias, Louisa(e) Elias, Camilla Fuchs, Siegmund Josephi, Robert Martin Levy, Fritz Mainzer, Siegfried Neumann, Fanny Neumann, Lieselotte Neumann, Mirjam Neumann, Max Leo Neumann, Therese Neumann, Bela Neumann, Josef Polack, Bertha Polack, Eva Samuel, Rosa Weinberg, Siegfried Weinberg

Eva Elsa Samuel, geb. Liebermann, geb. am 30.9.1884 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof
Hertha Liebermann, geb. am 15.9.1883 in Hamburg, deportiert am 15.9.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 23.1.1943 nach Auschwitz

Großneumarkt 56

Die Schwestern Eva Elsa und Hertha Liebermann waren Töchter des jüdischen Ehepaares Harry Liebermann (geb. 14.3.1851) und Auguste, geb. Cohn (geb. 16.1.1850), die am 20. November 1879 in Hamburg geheiratet hatten. Der Vater, Sohn eines Buchhalters, hatte seine Kindheit in der Hamburger Neustadt verbracht. Er übernahm als Kaufmann 1872 die Firma S. H. Beit, Patentbuchstaben-Schilder und Kautschukstempel-Fabrik in der Neustädter Neustraße 86 (heute Neustädter Straße). Die ältesten Kinder wurden in der Neustädter Neustraße 2 geboren, Clara am 12. August 1882, Hertha folgte am 15. September 1883 und Eva fast genau ein Jahr später, am 30. September 1884. Clara starb am 21. Februar 1885 im Alter von zwei Jahren. Hertha und Eva wuchsen dann in der Hamburger Altstadt auf, zunächst in der Catharinenstraße 16 (heute Katharinenstraße), wo ihre Schwester Martha zur Welt kam. Martha verstarb als 4-Jährige am 29. März 1890. Vier Jahre später hatten die Schwestern auch ihre Mutter verloren, Auguste Liebermann starb im Alter von 44 Jahren am 11. November 1894 in der Wohnung Mattentwiete 2. Harry Liebermann verlegte sein Geschäft in die Innenstadt in die Große Bäckerstraße 9. Als er am 13. März 1916 starb, wohnte er wieder in der Neustadt, Kohlhöfen 24.

Eva Elsa wurde in ihrer Familie Else genannt. Sie besuchte die Höhere Töchterschule und arbeitete bis zu ihrer Heirat als Buchhalterin und Sekretärin im Bankgeschäft M. B. Franck & Co. am Neß 1. Am 7. März 1919 heiratete sie in Minden, Westfalen, den Buchdrucker Richard Sally Samuel (geb. 9.11.1881 in Minden).

Richard Samuel hatte nach bestandenem Abitur den Beruf seines Vaters ergriffen. In Koslin erlernte er das Druckerhandwerk. Sein Vater Semmy/Samson Samuel (geb. 15.10.1847, gest. 10.3.1928 in Minden) besaß in Minden eine Buchdruckerei und ein Papiergeschäft, in das Richard nach Ende seiner Ausbildung eintrat. Seine Mutter Bertha/Betty, geb. Heine (geb. 26.8.1853, gest. 22.2.1938 in Minden), war Hamburgerin. Richard Samuel zog nach der Heirat mit Else nach Hamburg und machte sich am Laufgraben 2, Ecke Rentzelstraße mit seiner Schwägerin Hertha Liebermann selbstständig. Am 16. Juni 1921 wurde Elses und Richards einziges Kind, Tochter Gerda geboren.

Hertha Liebermann blieb unverheiratet. Sie war offiziell die Eigentümerin der gemeinsam gegründeten Buchdruckerei und übernahm die Kundenbetreuung. Zudem wurden in der Firma Kautschukstempel und Kontorartikel vertrieben. Der gemeinsame Haushalt, eine Vierzimmerwohnung, befand sich über der Druckerei.

Wahrscheinlich lag es an der schlechten Wirtschaftslage, dass Hertha Liebermann und Richard Samuel die Druckerei 1924 verkauften. Da aber der Nachfolger kurz darauf in Konkurs ging und die Raten für den Kaufpreis nicht mehr leisten konnte, übernahmen sie Ende 1925 erneut einen Teil des Betriebs. Die Druckmaschine war unter dem Nachfolger verpfändet worden und die Mietzahlung befand sich im Rückstand. Diese desolate finanzielle Situation konnten sie in den folgenden Jahren trotz aller Bemühungen nicht ausgleichen und mussten die Druckerei aufgeben.

Hertha Liebermann arbeitete ab 1928 als Hausangestellte an verschiedenen Adressen, so in der Hansastraße 81 (bei Warisch) und in der Grindelallee 58, wo sie dann jeweils Unterkunft erhielt. Am längsten wohnte Hertha Liebermann bei der Witwe M. Richter, die in der Rutschbahn 10 einen Mittagstisch betrieb. Mit ihr zog sie 1937 in den Schlüterweg 10.

Seit 1938 musste Hertha Liebermann als Fürsorgeempfängerin Unterstützungsarbeit in der Nähstube Rosenallee leisten. Dann wurde sie zu Gartenarbeiten in den Botanischen Schulgarten in der Ralph Baberadt-Straße 42 nach Fuhlsbüttel versetzt. Im Februar 1939 zog sie zu ihrer mittlerweile verwitweten Schwester Else Samuel, die seit Oktober 1930 eine Zweizimmerwohnung im jüdischen Herz-Josef-Levy-Stift am Großneumarkt 56 bewohnte. Ihr Schwager Richard Samuel war am 28. Februar 1935 im Israelitischen Krankenhaus verstorben. Ihre Nichte Gerda befand sich in England, sie hatte am 15. Dezember 1938 mit einem Kindertransport in Sicherheit gebracht werden können. Gerda hatte nach ihrer Schulzeit an der Israelitischen Töchterschule in der Carolinenstraße ihre Lehre in der Firma Moritz Pollack, Metallwaren-Vertretungen am Rathausmarkt 16, nicht mehr beenden können.

Ihre Mutter Else musste die letzten drei Monate vor ihrer Deportation in das "Judenhaus" im Durchschnitt 8 zu der Witwe Julie Frank ziehen (s. dort). Am 6. Dezember 1941 wurde sie mit einem Transport in das etwa sechs Kilometer von Riga entfernte provisorische Gut Jungfernhof gebracht, da im Rigaer Getto eine Massenerschießung lief.

Elses Schwägerin Meta Blau, geb. Samuel (geb. 20.12.1904), die am 10. Dezember 1941 von Minden nach Riga deportiert wurde und später in einem Rigaer Vorort, in Mühlgraben, in einer Zweigstelle des Armeebekleidungsamtes (ABA) der Wehrmacht Zwangsarbeit leisten musste, berichtete nach dem Krieg: "Im Laufe des Jahres 1942 erhielt ich ein Zettelchen in der Handschrift meiner Schwägerin Else mit Grüßen aus dem Lager Jungfernhof bei Riga, das durch Mitgefangene durchgeschmuggelt worden war. Etwa im Mai 1944 bekam ich im KZ Lager Mühlengraben bei Riga eine mündliche Botschaft von meiner Schwägerin. Wenn die Frau … uns treffe, sollte sie sagen, sie sei noch am Leben. Ich versuchte sie wissen zu lassen, sie sollte sich nach Mühlgraben zur Arbeit melden. Das war das letzte Lebenszeichen. Nicht später als Juli 1944 traf ich die Übermittlerin der letzten Nachricht wieder, die mir erzählte, meine Schwägerin sei mit anderen abtransportiert worden, wohin wusste sie nicht."

Im März 1942 war das Lager Jungfernhof aufgelöst worden, etwa 1700 Personen wurden während der "Aktion Dünamünde" im Wald von Bikernieki von Sicherheitspolizisten und lettischen Hilfskräften erschossen. Die Arbeitsfähigen wurden dem Getto Riga zugeführt. Diejenigen, die im November 1943 bei der Räumung des Gettos Riga noch am Leben waren, wurden ins KZ Kaiserwald überführt. Wann und wo Else Samuel ums Leben kam, bleibt ungeklärt, sie wurde auf Ende des Jahres 1945 für tot erklärt.

Ihre Schwester Hertha Liebermann war auf dem linken Ohr fast taub und auf dem linken Auge blind, als sie am 15. September 1942 aus dem Jüdischen Altenheim in der Sedanstraße 23 nach Theresienstadt deportiert wurde. Ihren Weitertransport am 23. Januar 1943 nach Auschwitz überlebte sie nicht.


Stand: August 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 5; StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1472 (Liebermann, Hertha); StaH 351-11 AfW 44187 (Samuel, Gerda); StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 3; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 4; StaH 332-5 Standesämter 2019 u 3314/1882; StaH 332-5 Standesämter 2058 u 4363/1883; StaH 332-5 Standesämter 2083 u 4624/1884; StaH 332-5 Standesämter 269 u 748/1890; StaH 332-5 Standesämter 7871 u 487/1892; StaH 332-5 Standesämter 360 u 2055/1894; StaH 332-5 Standesämter 8011 u 76/1912; StaH 332-5 Standesämter 748 u 246/1916; StaH 332-5 Standesämter 1038 u 90/1935; Jahn: Riga-Mühlgraben, in: Der Ort des Terrors, S. 79–82.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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