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Bereits verlegte Stolpersteine



Alice Graff (verw. Sochaczewski), undatiertes Porträtfoto
Alice Graff (undatiertes Foto)
© Privat

Alice Graff (geborene Müller) * 1887

Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
ALICE GRAFF
GEB. MÜLLER
VERW. SOCHACZEWSKI
JG. 1887
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
MINSK

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Lea Heymann, Jettchen Kahn, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Johanna Löwe, Beate Ruben, Flora Samuel, Karl Schack, Minna Schack, Werner Sochaczewski, Sophie Vogel, Sara Vogel

Alice Graff, geb. Müller, verw. Sochaczewski, geb. am 18.2.1887 in Hamburg, am 18.11.1941 nach Minsk deportiert und ermordet
Werner Sochaczewski, geb. am 16.2.1914 in Hamburg, am 8.11.1941 nach Minsk deportiert und ermordet

Großneumarkt 38 (früher Schlachterstraße 46/47, Lazarus-Gumpel-Stift)

Alice Graffs Großvater Siegmund Sußmann Haarburger war der erste "Friedhofsinspektor" bzw. Verwalter auf dem 1883 neu eröffneten Jüdischen Friedhof an der Ilandkoppel in Ohlsdorf. Da er dieses Amt auch schon auf dem Grindelfriedhof innegehabt hatte, hatte er um seine Entlassung in Ohlsdorf gebeten und seinen Gehilfen Siegmund Müller als Nachfolger empfohlen, der ein "junger Mann von angenehmem Äußeren … [ein] solider, fleißiger und arbeitsamer Mann" und im Hauptberuf "Cigarrensortierer" sei.

Siegmund Müllers Eltern waren der Zigarrenarbeiter Aron Müller und dessen Frau Jette, geb. Marcus. Außerdem wollte Siegmund Haarburger ihm seine Tochter Emilie zur Frau geben. (Mehr zu Familie Haarburger in der Biographie zu Martha Polack)

Emilie Haarburger (geb. 29.9.1858) und Siegmund Müller (geb. 7.8. 1858) heirateten im Januar 1885, ein Jahr später kam das erste ihrer insgesamt neun Kinder zur Welt. Auf Ernst Aaron, den Ältesten, folgte Alice, deren Leben hier nachgezeichnet werden soll. Nach drei weiteren Töchtern (Hedwig Jeanette 1888, Gertrud Flora 1889 und 1890 Margaretha Emmi) wurden 1891, 1893, 1894 und 1897 die Söhne Carl Hertz, Hans Josef, Paul Edgar und Willi Leopold geboren.

Spätestens seit 1892 lebte die Familie auf dem Gelände des Israelitischen Begräbnisplatzes. Aus einem Arbeitsvertrag Siegmund Müllers von 1895 geht hervor, dass er verpflichtet war, die mietfreie Dienstwohnung zu bewohnen. Das Gebäude steht heute noch. Der Inspektor verdiente 2500 Mark jährlich plus Feuerungsmaterial. Dafür hatte er eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen und durfte weder Handel noch Nebenerwerb treiben.

Die Familie lebte nach jüdischem Ritus, vor jeder Mahlzeit sprach der Vater ein Gebet. Was es für Alice bedeutete, auf einem Friedhof aufzuwachsen, und über ihre Schulbildung wissen wir nichts. Wahrscheinlich war sie bis zu ihrer Heirat als Hausangestellte tätig. Im Dezember 1907, sie war 20 Jahre alt, heiratete sie den aus Breslau stammenden Heinrich Sochaczewski (geb. 1.9.1869). Dieser war der Sohn des Kaufmanns Hermann Sochaczewski und dessen Frau Ernestine, geb. Brieger, die zum Zeitpunkt der Hochzeit beide bereits verstorben waren.

Am 3. Oktober 1908 kam Edith, die älteste Tochter von Alice und Heinrich zur Welt. Heinrich als Familienvorstand war in den ersten Ehejahren im Hamburger Adressbuch mit häufig wechselnden Adressen verzeichnet, fast immer in der Gegend um die St. Michaeliskirche. Die Zeit von 1920 bis 1929 verlief dann anscheinend etwas ruhiger, die Familie lebte während dieser Jahre in derselben Wohnung im Haus Steinhöft 6. Heinrichs Berufsbezeichnung lautete "Agent", auch: Geschäftsführer, Handelsagent, Kaufmann und Vertreter. Am 16. Februar 1914 waren der Sohn Werner Hermann, am 8. Juli 1918 die zweite Tochter Margot geboren worden.

Beide Mädchen besuchten die Israelitische Töchterschule. Edith absolvierte von 1924 bis 1927 eine Lehre in der Firma Hirsch und Co. Reesendamm und arbeitete anschließend in verschiedenen Hamburger Kauf- bzw. Modehäusern als Verkäuferin, u.a. bei Karstadt und im Ostindienhaus am Neuen Wall. Werner muss durch eine Lernbehinderung oder Entwicklungsverzögerung beeinträchtigt gewesen sein. Er wurde in den ausgewerteten Akten verschiedentlich als "schwachsinnig" bezeichnet. (In der Psychiatrie bis ins 20. Jahrhundert hinein als zusammenfassende Bezeichnung für die abgestuften Grade der Intelligenzminderung verwandt, gilt der Begriff "Schwachsinn" heutzutage als veraltet, wertend und diskriminierend und wird nicht mehr benutzt.)

Werner wurde 1928, mit 14 Jahren, aus der "Hilfsschule" Mühlenstraße 4 entlassen. Danach arbeitete er als Bote, später setzte man ihn im Rahmen von "Pflichtarbeits"-Programmen innerhalb und außerhalb Hamburgs ein. Demzufolge muss er durchaus über lebenspraktische Fertigkeiten verfügt haben.

1923 verlor Alice Sochaczewski ihren Vater, 1929 starb auch ihr Mann. Ihre Kinder waren nun 11, 15 und 20 Jahre alt. Bis 1933 gelang es Alice anscheinend, ein Auskommen zu finden, dann wirkte sich das nationalsozialistische Regime auch auf ihr Leben aus. Sie sah sich gezwungen, staatliche Unterstützung zu beantragen. Die folgenden Informationen ergeben sich aus der entsprechenden Akte. Da jüdische Betriebe in immer größere wirtschaftliche Schwierigkeiten getrieben wurden und Entlassungen vornehmen mussten, verlor Werner seine Stelle als Bote. Margot musste nach drei Monaten ihre gerade erst begonnene Lehre bei der Firma Texta abbrechen, weil "die Firma die Ausbildung von Lehrlingen nicht mehr tragen kann". Vielleicht mit Ediths Hilfe bekam sie eine Anstellung im Ostindienhaus. Alice arbeitete zu der Zeit als Garderobenfrau im Kino Schauburg am nahegelegenen Millerntor. Für die Familie begann eine schwere Zeit. Anfang 1934 sollte Werners Arbeitslosengeld gestrichen werden, wogegen seine Mutter sich erfolgreich zur Wehr setzte. Aber sie sorgte sich ständig um ihn. Im Februar 1934 schrieb sie an die Wohlfahrtsstelle I: "Mein Sohn hat nun seit 8 Tagen Arbeit für MK 6.- die Woche. Da er aber leider die Hilfsschule besucht hat deshalb auch nicht das leistet wie ein ‚normaler Junge’ so bin ich täglich wieder auf seine Entlassung gefasst. Auch wird die kleine Tochter, die 7.- Mark verdient, Ausgang März wieder arbeitslos." Einen Monat später, im März 1934 muss Alice am Ende ihrer Kräfte gewesen sein, sie wurde mit Werner nicht mehr fertig. In einem handgeschriebenen Bericht der Wohlfahrtsbehörde, der z.T. schlecht leserlich ist, heißt es: "Frau S. teilt mit, daß Sohn Werner, der schwachsinnig [!] ist, von anderen jüngeren (Schülern?) dazu verführt worden ist, diesen sein Zeug auszuliefern. Angeblich haben diese alles versetzt u. auch noch die Schwester d. J. bestohlen. S. hat sich dann 5 Tage mit den anderen herumgetrieben u. ist halb verhungert wieder bei der Mutter angekommen. Er selbst ist angebl. für seine Tat nicht verantwortlich. Die Mutter hat die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft übergeben u. sind die Sachen angebl. in 6 verschiedenen Pfandhäusern beschlagnahmt (?). Einer der jungen Räuber (?) ist bereits v. d. Polizei gefaßt. Die Mutter bittet dringend um Aufnahme des Jungen in ein Schwachsinnigenheim jedoch nicht Arbeitshaus, da sie selbst im Beruf steht und den Jungen nicht allein lassen kann. Sie befürchtet, daß er dann wieder rumtreiben möchte (?), da er nicht zu beeinflussen ist." Randnotiz: "Frau S. will sich auch bei der jüd. Gemeinde bemühen."

Zum Glück für Werner kam es nicht zu einer Heimeinweisung, sondern er wurde zur "Unterstützungsarbeit" herangezogen. Allerdings verlief diese anfangs nicht reibungslos. Am 1. November 1934 hieß es z.B.: "S. ist ein guter Arbeiter und kann hier [auf einer Sportplatzbaustelle in Neuhof] gebraucht werden", am 8. November wurde er jedoch wegen Differenzen mit dem Bauführer entlassen. In den nächsten Jahren wechselten sich bei ihm Zeiten der Arbeitslosigkeit mit Arbeitseinsätzen an verschiedenen Orten ab: 1935 z.B. in Ohlsdorf und wieder auf einem Sportplatz in Neuhof, ab 1938 sogar in Frankfurt/Oder, Flensburg und in Schleswig in der Torfbrikettfabrik.

Die älteste Tochter Edith war 1934 von zu Hause ausgezogen und wohnte zur Untermiete. 1935 verlor Alice ihre Arbeit im Kino, 1936 nahm sie ihre Mutter Emilie Müller bei sich in der Wohnung Anberg 12 auf. Emilie Müller starb im Dezember 1937 im Israelitischen Krankenhaus. Sie war jahrelang von ihrem ältesten Sohn Ernst finanziell unterstützt worden. Auch Alice und Werner erhielten von ihm je 10.- RM monatlich als Hilfe zum Lebensunterhalt.

Einem Bericht der Wohlfahrtsbehörde nach einem Hausbesuch bei Alice Sochaczewski zeigte im September 1938 folgende Situation: Alice arbeitete unregelmäßig als Garderobenfrau im jüdischen Gemeinschaftshaus und bezog Arbeitslosenunterstützung, Margot verdiente als Verkäuferin im Ostindienhaus 60 bis 70 Mark im Monat. Die Familie bewohnte seit dem 3. Mai [1938] eine Zweieinhalb-Zimmerwohnung im Lazarus-Gumpel-Stift für 5.- Mark Miete monatlich.

Wenig später, im Dezember 1938, verlor Margot Sochaczewski ihre Stelle, da das Modehaus "arisiert" wurde. Kurz darauf gelang ihr mit einem Dienstbotenvisum die Flucht nach England. Wahrscheinlich hatte ihre Kusine Margarethe, die Tochter von Alices Schwester Gertrud, ihr dazu verholfen, denn diese war bereits in einem englischen Haushalt in derselben Gegend, in der auch Margot unterkam, tätig.

Alices Töchter meisterten nun ihr Leben trotz schwierigster Voraussetzungen in der Ferne, doch sich selbst und ihren Sohn konnte Alice nicht retten. Kein Zufluchtsland hätte Werner wegen seiner Behinderung aufgenommen. Aber sie blieb nicht allein. 1937 verlobte sie sich mit Leopold Graff (s. dort), im März 1939 heirateten die beiden. Eine letzte offizielle Nachricht über ihr Leben entnehmen wir einem Arbeitsamtsformular vom Oktober 1939: Werner war nach Frankfurt/Oder in Arbeit vermittelt worden. "Bei erneuter Arbeitslosigkeit besteht keine Hilfsbedürftigkeit, da der Stiefvater in Arbeit steht und wöchentlich RM 35.- verdient". Zwei Jahre später erhielten Werner Sochaczewski und Alice und Leopold Graff den Deportationsbefehl nach Minsk für den 18. November 1942. Im dortigen Getto verliert sich ihre Spur.

Wie erging es den anderen Familienangehörigen?
Alices Bruder Ernst Müller (geb. 3.2.1886), von Beruf Buchhalter, war bereits 1906 in die USA ausgewandert. Nachdem er kurze Zeit bei einem Onkel in Texas gearbeitet hatte, war er nach New Orleans gezogen, hatte eine Dänin geheiratet und mit ihr vier Kinder bekommen. Nach dem Tod seiner ersten Frau 1920 ging er mit einer ebenfalls verwitweten Kindheitsfreundin aus Hamburg eine zweite Ehe ein. Einer Enkelin zufolge verhalfen Ernst und seine Frau vielen Familienangehörigen zur rettenden Einwanderung in die USA. Die besondere Verbindung zu Alice übertrug er später auf deren Töchter. Ernst Müller starb 1963 in New Orleans.

Ihre Schwester Jeannette Hedwig, geboren am 22. Februar 1888, war mit dem kaufmännischen Angestellten Hugo Ludwig Kauffmann, der der lutherischen Religion angehörte, verheiratet. Jeannette war dadurch in der NS-Zeit zwar nicht unmittelbar von Deportation bedroht, aber sie und ihr Mann wurden "auf Anzeige der Nachbarn gezwungen, ihre fast 25 Jahre innegehabte Wohnung zu verlassen". Hugo Kauffmann musste als "jüdisch Versippter" von Oktober 1944 bis Kriegsende Zwangsarbeit beim Trümmerräumen leisten, ihr Sohn durfte seine "arische" Freundin nicht heiraten und stand nach erfolgter Ablehnung der Heirat unter ständiger Aufsicht der Gestapo. Jeannette Kauffmann starb 1963 in Hamburg.

Eine weitere Schwester von Alice, Gertrud Flora, geboren am 4. Mai 1889 und von Beruf Putzarbeiterin, war in erster Ehe mit dem nichtjüdischen evangelischen Kontoristen Nikolaus Konrad Horn verheiratet gewesen. Am 5. Februar 1910 war ihr einziges Kind, die Tochter Margarethe Emilie zur Welt gekommen. Die Familie hatte ab 1911 in Berlin gelebt. Nach der Scheidung 1921 waren Mutter und Tochter nach Hamburg zurückgezogen. Zwei Jahre später war Gertrud mit dem nichtjüdischen, ebenfalls evangelischen Gustav Friedrich Dawartz (geb. 28.8.1869 in Bujendorf/Lübeck), einem Reisenden, eine neue Ehe eingegangen. Gertrud absolvierte einen Kosmetikkurs und behandelte ab Mitte der 1920er Jahre in ihrer Wohnung in der Fuhlsbütteler Straße Kundinnen. Nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze durfte sie keine "Arierinnen" mehr behandeln. Ihre Tochter, gelernte Säuglings- und Wochenpflegerin, emigrierte 1937 nach Großbritannien, da sie in Deutschland keine berufliche Perspektive sah. Sie arbeitete als Haushaltshilfe.

Da ihre Wohnung in der Fuhlsbütteler Straße 5 im Juli 1943 infolge eines Bombenangriffs total zerstört war, wurden Gertrud und Gustav Dawartz nach Parsberg bei Regensburg evakuiert. Nach Angaben ihres Mannes wurde Gertrud im September 1943 aufgrund einer Denunziation verhaftet. Im April 1944 überstellte man sie vom Gefängnis Regensburg in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie am 12. August 1944 zu Tode kam. Ihr Mann starb 1946.

Alices jüngste Schwester Margaretha Emmi (geb. 27.6.1890) hatte 1912 den evangelischen Handlungsgehilfen Martin Anton Gach geheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Der Sohn wurde von Oktober 1944 bis Kriegsende als "Halbjude" ebenfalls zu Aufräumungs- und Bergungsarbeiten "dienstverpflichtet" und konnte seine "arische" Verlobte erst 1945 heiraten. Margaretha Gach hatte keine Berufsausbildung und war Hausfrau. Ende 1942 arbeitete sie für kurze Zeit im jüdischen Altersheim in der Schäferkampsallee. 1943 verlor sie bei einem Bombenangriff ihre Wohnung und kam bei der geschiedenen ersten Frau ihres Bruders Paul Edgar unter. Mit einem der letzten Transporte wurde sie noch im Februar 1945 ins Getto Theresienstadt deportiert. Am 30. Juni 1945 kehrte sie nach Hamburg zurück. Ihr Mann starb 1966, sie selbst 1976.

Alices Bruder Carl (geb. 11.8.1891) war 1920 in die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg eingetreten. Auf seiner Kultussteuerkarteikarte ist als Beruf "Gelegenheitsarbeiter" angegeben. Carl blieb ledig und wohnte zeitweilig bei den Eltern, aber auch unter diversen Adressen zur Untermiete. Seit Januar 1938 lebte er im "Versorgungsheim" Farmsen. Ob der Tod seiner Mutter einen Monat vorher mit dem Datum seiner Aufnahme in diese Anstalt im Zusammenhang stand und aus welchen Gründen er dort untergebracht wurde, wissen wir nicht. Am 20. September 1940 überstellte man Carl in die Staatskrankenanstalt Langenhorn, von wo er drei Tage später in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel transportiert und ermordet wurde.

Hans Josef Müller (geb. 2.1.1893), der nächstjüngere Bruder, hatte eine Friseurlehre absolviert und in seinem Beruf gearbeitet, bis er 1914 zur Infanterie eingezogen wurde. Er kämpfte an verschiedenen Fronten und wurde zweimal verschüttet. Nach seiner Entlassung vom Militär 1919 lebte und arbeitete er in Schlesien, ab 1925 wieder in Hamburg. Er starb am 6. Januar 1943 im Vernichtungslager Auschwitz.

Paul Edgar Müller (geb. 27.5.1894) absolvierte nach dem Besuch der Oberrealschule Eppendorf und der Talmud Tora Schule eine Lehre als Kaufmann in der Firma Ed. Bintz Ferdinandstraße. Ab Mai 1915 diente er bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Infanteriesoldat an der russischen bzw. französischen Front. Nach seiner Entlassung vom Militär arbeitete er mehrere Jahre bei einer niederländischen Firma, bevor er sich 1925 selbstständig machte. 1922 hatte er geheiratet, aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Zusätzlich zu seinem eigenen Unternehmen "Paul Edgar Müller & Co., Hausmakler und Versicherungen" übernahm Paul die General-Agentur für die Victoria-Versicherung zu Berlin, Vorreiter auf dem Gebiet der sogenannten Volksversicherung und zeitweilig die größte deutsche Versicherung. Nach späteren Angaben seiner Tochter verdiente er bis 1935 sehr gut. Seine Ehe scheiterte, 1937 entzog man ihm aufgrund der antijüdischen Gesetze die Leitung seiner Geschäftsstelle. Im Juli 1938 gelang Paul die Flucht in die USA nach New Orleans. Wegen fehlender Sprachkenntnisse fand er dort erst im März 1941 eine Anstellung. Ein Jahr zuvor hatte er erneut geheiratet, die Ehe wurde 1957 ebenfalls geschieden. New Orleans als sein Zufluchtsort lässt vermuten, dass sein ältester Bruder Ernst ihn bei sich aufnahm oder zumindest finanziell unterstützte. Paul Edgar Müller starb im April 1976 in den USA.

Alices jüngster Bruder Willi (geb. 5.10.1899) überlebte die Shoah ebenfalls. Als 18-Jähriger wurde er zum Militär eingezogen worden und hatte 1917/1918 wie seine Brüder als Infanterist am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Seit 1921 war er in der Staatskrankenanstalt Langenhorn tätig, zunächst als ungeprüfter Pfleger. Nach einer Ausbildung arbeitete er dort weiter in der Krankenpflege bis zu seiner Entlassung im Juni 1936. Immerhin zahlte ihm sein Arbeitgeber bis 1939 noch einen "widerruflichen Unterhaltszuschuss" von 113,88 Reichsmark (RM) monatlich. Sein Gehalt hatte allerdings 241,96 RM betragen.

1926 hatte Willi in Garstedt Minna Ida Kock geheiratet, die nicht jüdisch war. 1928 wurde das einzige Kind des Paares, eine Tochter, geboren. 1932 erlitt Willi eine Verletzung und war seitdem auf dem rechten Auge blind. Nachdem er seine Anstellung verloren hatte, musste seine Frau zum Lebensunterhalt beitragen. Sie arbeitete zunächst in einem Privathaushalt, 1941 wurde sie vom Arbeitsamt als Straßenbahnschaffnerin bei der Hochbahn verpflichtet. Obwohl Willi wegen seiner "arischen" Ehefrau einen gewissen Schutz genoss, litten er und seine Familie unter antijüdischen Gesetzen. Sie mussten ihr Radio bei der Gestapo in der Düsternstraße abgeben und 1944 in ein "Judenhaus" in der Dillstraße ziehen. Willi war seit 1939 im Rahmen des "Judeneinsatzes" des Hamburger Arbeitsamtes dienstverpflichtet. Die körperlich schwere Arbeit (Erdarbeiten im Tiefbau, im Grundwasser stehend ohne ausreichende Fußbekleidung, nächtliche 10-Stunden-Schichten in einem Mühlenbetrieb, was das Tragen schwerer Säcke bedeutete, Reinigen und Reparieren von Ölfässern) hinterließ gesundheitliche Schäden, die 1953 zu seiner vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand führten. Dazu kam die seelische Anspannung. Nach dem Krieg gab er zu Protokoll: "Als Schikane und Erschwernisse müssen in jedem Fall die Drohungen der Vorarbeiter angesehen werden, welche bei nach ihrer Meinung ungenügender Arbeitsleistung die Gestapo zu rufen drohten. Diese Tatsache trat besonders stark zutage, da wir es verschiedentlich erlebten, wie jüdische Kameraden vom Arbeitsplatz weg von der Gestapo verhaftet wurden und bis heute nicht zurückgekehrt sind." Willi Müller starb im März 1964 in Hamburg.

Seit September 1936 hatte Alices Tochter Edith als erste Verkäuferin im Modehaus Robinsohn am Neuen Wall gearbeitet. Hier hatte sie ihren späteren Ehemann Hans Kleinhon kennengelernt, der dort als Abteilungsleiter ihr Vorgesetzter war. Die beiden heirateten im September 1937. Hans, geboren am 14. Juli 1895 in Dresden, hatte als Geschäftsleiter der Pelz- und Konfektionsabteilung eines Modehauses seiner Heimatstadt berufliche Erfahrungen gesammelt und dann eine entsprechende Stelle in Nürnberg angetreten, von 1929 bis 1936 war er Verkaufsleiter einer Firma in Düsseldorf gewesen. Nach deren "Arisierung" stellte das Hamburger Modehaus ihn als Verkaufsleiter der Damenkonfektionsabteilung ein. Seine Eltern waren 1933 bzw. 1936 in Dresden verstorben. Hans hatte einen jüngeren Bruder namens Wilhelm (geb. 7.11.1896), der Kaufmann von Beruf war und laut Volkszählung 1939 in Dresden lebte. Sein weiteres Schicksal ist uns nicht bekannt.

Sophie Kleinhon, die jüngere Schwester (geb. 18.12.1898), war seit November 1942 im Dresdener Sammellager Hellerberg inhaftiert. Am 2. März 1943 wurde sie von dort ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und einen Tag später ermordet.

Edith und Hans wohnten 1938 in der Behnstraße. Im Zuge des Novemberpogroms wurde Hans "vom Geschäft verhaftet" und mit hunderten anderer jüdischer Hamburger in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Am 23. Dezember erfolgte seine Entlassung unter der Bedingung, bis Ende Februar 1939 aus Deutschland auszureisen. Wie in der Familie erzählt wurde, bestach Edith einen Wachmann, den sie aus ihrer Schulzeit kannte. Außerdem gelang es ihr, zwei Schiffspassagen nach Shanghai zu organisieren. Die eigene Wohnung gab sie auf, bis zur Flucht wohnten Edith und Hans zur Untermiete im Hegestieg 1 in Eppendorf. Laut Akte der Devisenstelle erhielten sie vom Hilfsverein der deutschen Juden 1040 RM zur Auswanderung, sowie 800 RM von "Frau F. Heilbronn, Oderfelder Straße 25". Hierbei handelte es sich um Franziska Heilbron (s. www.stolpersteine-hamburg.de), die damit zum Überleben des Paares beitrug. Sie selbst wurde später aus den Niederlanden deportiert und ermordet.

Am 23. Februar 1939 traten Edith und Hans die Reise nach Shanghai an. Bei ihrer Ankunft nahm das jüdische Flüchtlingskomitee sie in Empfang. In den kommenden Jahren lebten sie von der Unterstützung dieses Komitees und vom Verkauf ihrer persönlichen Habseligkeiten. Von Mai 1943 bis 1945 mussten Edith und Hans in dem jüdischen Getto leben, das die japanische Besatzungsmacht eingerichtet hatte. Nach der Befreiung dauerte es noch über zwei Jahre, bis sie im August 1947 mit Hilfe von Alices Bruder Ernst Müller in die USA auswandern konnten. In Los Angeles mussten sie sich wieder an eine neue Umgebung gewöhnen und eine neue Sprache lernen. Hans begann sofort, als Lagerverwalter zu arbeiten, um nicht mehr auf finanzielle Unterstützung anderer angewiesen zu sein. Edith fand eine Stelle als Verkäuferin in einem Damenbekleidungsgeschäft in West Hollywood und bald wurde ihr die Leitung einer neu eröffneten Dessous- und Strumpfwarenhandlung anvertraut. Sie war bei ihren Kundinnen sehr beliebt. Ihre Nichte, Margots Tochter, erinnert sich an ihre erste Begegnung: "Eine meiner frühesten Erinnerungen stammt aus dem Jahr 1953, als ich fast fünf Jahre alt war. In unserem Haus herrschte große Aufregung. Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, sollte aus den USA zu Besuch kommen. Ich bekam ein neues Kleid an und einen Strauß Blumen in die Hand gedrückt, den ich meiner Tante geben sollte. Meine Eltern fuhren mit mir mit dem Zug nach Southampton, um sie vom Schiff, der ,Queen Mary‘, abzuholen. Die Umarmungen auf dem Kai, das Lachen und das Weinen haben sich mir tief eingeprägt. Erst viel später wurde mir klar, dass dies nach 15 Jahren das erste Wiedersehen meiner Mutter mit ihrer Schwester war."


Stand: Juli 2018
© Sabine Brunotte

Quellen: 1; 5; 9; Speech at Lunch hosted by the 2nd. Mayor, Dr. Dorothee Stapelfeldt, in the Town Hall ‚Burgermeistersaal‘ in the Free and Hanseatic City of Hamburg on 13th. June, 2013 (by S. H.); Eulogy for Edith Kleinhon (born Sochaczewski) – spoken at her funeral in Los Angeles, U.S.A. – April 1991 (S.H. 2013); A Lost Story – the family and early life of Margot D. (born Sochaczewski) by S. H., August 2013; StaH 522-1_ 629d; StaH 332-5_8517; StaH 332-5 _7035; StaH 332-5_ 1070; StaH 332-5_ 3089; StaH 213-11_ 07506/39; StaH 332-5_ 7035; StaH 332-5 _952; StaH 351-11_ 32873; StaH 332-5_ 9508; Sterberegister Standesamt Berlin IV 1874–1920, Urkunde Nr. 366 (Tod Ernestine Sochaczewski); StaH 332-5_ 9549; http://www.jfhh.org/ Zugriff vom 30.10.2016; Meldewesen Karteikarten Siegmund Müller und Gertrud Flora Müller, 741-4 K 6646 und K 6641; agora.sub.uni-hamburg.de/subhh-adress, Hamburger Adressbücher 1907 bis 1929, Zugriff vom 10.1.2014; schriftliche Auskunft G.C., E-Mail vom 1. September 2015; StaH 351-11_ 8534; StaH 351-11_ 11219; StaH 351-11_ 38736; StaH 351-11_ 12753; StaH 332-5_ 9509; StaH 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 1999/01 Kartei; StaH 351-11_16838; StaH 351-11_45379; StaH 351-11 _22011; StaH 351-11_22041; schriftliche Auskunft Stadtarchiv Dresden vom 15.1.2014; StaH 351-11_ 17511; StaH 314-15 Fvg 7115; http://search.ancestry.de, Zugriff vom 16.9.2015 (zum Tod von Margaretha Wooldridge, geb. Horn); https://de.wikipedia.org/wiki/Schwachsinn, Zugriff vom 4.2.2017.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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