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Margarethe Nitschke, Mai 1935
Margarethe Nitschke, Mai 1935
© Evangelischer Stiftung Alsterdorf

Margarethe Nitschke * 1908

Schmüserstraße 25 (Wandsbek, Wandsbek)


HIER WOHNTE
MARGARETHE
NITSCHKE
JG. 1908
EINGEWIESEN 1930
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 1943
HEILANSTALT
AM STEINHOF WIEN
TOT 10.7.1945

Margarethe Anna Nitschke, geb. am 9.3.1908 in Wandsbek, eingewiesen am 11.9.1930 in die damaligen Alsterdorfer Anstalten, "verlegt" am 16.8.1943 in die "Wagner von Jauregg Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien", gestorben am 10.7.1945

Schmüserstraße 27
(Stolperstein vor Haus Nr. 25)

Die Eltern von Margarethe Anna Nitschke hatten am 7. Juli 1889 in Volksdorf geheiratet. Knapp zwanzig Jahre später, am 9. März 1908, kam Margarethe in Wandsbek zur Welt. Sie war das fünfzehnte Kind, eine Zwillingsgeburt, die dritte in der Familie. Vier ihrer Geschwister waren bereits kurz nach der Geburt an "Lebensschwäche" verstorben, 1921 starb eine Schwester mit 22 Jahren an einer Rippenfellentzündung, drei Jahre später ertrank ein Bruder im Alter von 23 Jahren in einer Lehmkuhle am Ziegeleiweg.

Der Vater Ernst Wilhelm Nitschke, geboren am 25. September 1866, ein Schmied, stammte aus Wiesa in Schlesien. Seine Frau Bertha Wilhelmine Sophie, geborene Cornehl, geboren am 31. Juli 1870, kam aus Volksdorf und hatte bis zur Heirat als Dienstmagd gearbeitet. Sie verstarb 1915 an einer Lungenentzündung, als Margarethe sieben Jahre alt war.

Margarethe, Grete genannt, entwickelte sich offenbar anders als ihr Zwillingsbruder. Aus ihrer Krankenakte geht hervor, dass sie nach einer Lähmung einen "Klumpfuß" zurückbehalten und "sehr spät" laufen gelernt hatte. Erst mit sieben Jahren begann sie zu sprechen, vielleicht, weil sie schwerhörig war. Im Alter von acht oder neun Jahren erkrankte sie an Lungentuberkulose und wurde deshalb von der "Lungenfürsorge" in die Lungenheilanstalt nach Bad Oldesloe geschickt. Im 12. Lebensjahr traten "Anfälle" auf "meistens am Tage infolge von Aufregung". Margarethe besuchte von 1915 bis 1923 eine sog. Hilfsschule in Wandsbek und erreichte die 1. Klasse (entspricht der heutigen 8. Klasse). Nach ihrer Schulentlassung wurde sie in der Kreuzkirche in Wandsbek konfirmiert und lebte im Haushalt ihres Vaters in der Schmüserstraße 27.

Am 20. Juni 1930 wurde Margarethe Nitschke im Alter von 22 Jahren durch Beschluss des Amtsgerichts Wandsbek wegen "Geistesschwäche" entmündigt. Warum nicht ihr Vater, sondern eine Mitarbeiterin der Fürsorgebehörde die Vormundschaft übernahm, geht aus der Akte nicht hervor. Im selben Jahr, am 11. September, erfolgte ihre Aufnahme in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf). Der überweisende Arzt begründete die Aufnahme mit "angeborenem Schwachsinn". Sie sei gutmütig und ehrlich, jedoch "im Erwerbsleben nicht verwendbar." Am 7. April 1934 vermerkte der leitende Oberarzt der Alsterdorf Anstalten, Gerhard Kreyenberg, in einem sogenannten erbgesundheitlichen Gutachten, dass keine erblichen Vorbelastungen vorlägen.

Wilhelm Nitschke hielt den Kontakt zu seiner Tochter aufrecht. Am 2. Dezember 1930 schrieb er an den Leiter der Alsterdorfer Anstalten, Pastor Friedrich Lensch: "Sehr geehrter Herr Pastor, da das Christfest eine Familienfeier ist und dieses im engsten Kreise gefeiert wird möchte ich meine Tochter ungern hierbei fehlen lassen, und bitte Sie Frl. Grete Nitschke auf einige Tage beurlauben zu wollen." Der Familienbesuch wurde gestattet, sollte sich jedoch nicht übers Neujahr hinaus erstrecken. "Wir machen es Ihnen besonders zur Pflicht, gut auf Ihre Tochter aufzupassen und sie rechtzeitig in die Anstalt zurückzubringen." Weitere mehrtägige Anstaltsurlaube, die Margarethe Nitschke bei ihrer Familie verbrachte, sind ebenso in ihrer Patientenakte dokumentiert wie Urlaubsperren wegen "erregten Zustandes" oder "infolge Einschränkungsmaßnahmen von Seiten der Behörde".

Offenbar konnte sich Margarethe Nitschke in Alsterdorf nur schwer eingewöhnen. Sie litt unter Heimweh, nahm dann keine Nahrung zu sich und weinte viel. Sie wollte nach Hause und forderte auf plattdeutsch: "Lot mi rut, wat sall ick hier, hef doch nix mokt, bin jo freiwillig komen." Wenn sie sich sehr erregte, schrie und lärmte, wurde sie in den "Wachsaal" gebracht, dort erhielt sie zur Beruhigung "Packungen" und das Medikament Pyronal.

Wachsäle waren in den 1920er Jahren in psychiatrischen Einrichtungen nach damaligem Verständnis im Dienste des medizinischen Fortschritts eingerichtet worden. Dort wurden unruhige Kranke isoliert und mit Dauerbädern, Schlaf- sowie Fieberkuren behandelt. Im Laufe der 1930er Jahren wandelten sie sich zu Einrichtungen für Zwangsmaßnahmen. Zur Ruhigstellung von Patientinnen und Patienten wurden u.a. Medikamente oder Fixierungen eingesetzt.

Margarethe Nitschke wurde im Anstaltsbetrieb beschäftigt. An ihren Arbeitsplätzen in der Küche und später im Waschhaus wurde sie als willig und fleißig beschrieben. Im Sommer 1933 erkrankte sie wieder an Lungentuberkulose und wurde auf die TBC-Abteilung verlegt. Im November, nach dem sich ihr Gesundheitszustand gebessert hatte, konnte sie in ihre Abteilung zurückkehren. In einem Bericht vom 15. September 1934 an die Fürsorgebehörde hieß es, dass ihr Zustand unverändert sei, sie sei vielleicht im Ganzen etwas ruhiger geworden, zeige in der letzten Zeit nicht mehr solche plötzlichen Erregungszustände. Ihre Körperpflege könne sie, außer dem Kämmen, allein vornehmen, doch sei sie nicht im Stande, Kleidung in Ordnung zu halten. Weiterer Anstaltsaufenthalt sei notwendig.

Allerdings nahm das Pflegepersonal Margarethe Nitschke auch als "störrisch und eigensinnig" wahr. Der Umgang mit ihr sei sehr schwierig, da sie sehr oft Wutanfälle bekomme. In der Akte wurde am 17. November 1934 notiert, Margarethe Nitschke sei in den letzten Tagen sehr "ungezogen und verdreht", werfe mit Gegenständen um sich und wünsche auszugehen, sonst liefe sie davon.

Am 1. Februar 1936 wurde Margarethe Nitschke nach einem Beschluss des Gesundheitsamtes im Universitäts-Krankenhaus Eppendorf wegen "Imbezillität" (Schwachsinn) sterilisiert. Offenbar hatte sie die Hoffnung gehegt, danach entlassen zu werden oder wenigstens allein in Urlaub gehen zu dürfen. Ihr Vater war inzwischen an einem Nierenleiden erkrankt und konnte seine Tochter nicht mehr begleiten. Nachdem Wilhelm Nitschke ihr erklärt hatte, sie könne nicht aus Alsterdorf entlassen werden, da sie als Arbeitskraft in der Anstalt gebraucht werde, weigerte sich Margarethe zu arbeiten.

Sie drängte weiterhin auf Entlassung oder alleine ihre Familie besuchen zu dürfen, erregte sich, wurde dann handgreiflich und erneut isoliert. Wenn sie sich beruhigte hatte, verrichtete sie ihre Arbeit wieder "ordentlich". Wilhelm Nitschke starb am 30. Dezember 1937. Eine verheiratete Schwester, die in Tonndorf wohnte, hielt den Kontakt zu Margarethe Nitschke und beantragte weiterhin den ersehnten "Familienurlaub" für sie.

In Margarethe Nitschkes Krankenakte sind ab August 1937 keine Eintragungen mehr enthalten. Erst am 16. Mai 1942 heißt es wieder: "Pat.[ient] ist seit einiger Zeit wieder sehr erregt, schilt auf ihre Umgebung und will in Urlaub. Gestern ging sie nicht zur Arbeit, sondern blieb im Bett, verweigerte tagsüber das Essen."

Der letzte handschriftliche Eintrag vom Arzt Kreyenberg in ihrer Patentenakte lautete: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalt durch Fliegerangriff verlegt nach Wien. " Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943 ("Operation Gomorrha") hatten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden erlitten. Die Anstaltsleitung nutzte nach Rücksprache mit der Gesundheitsbehörde die Gelegenheit, einen Teil der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, in andere Heil- und Pflegeanstalten zu verlegen. Margarethe Nitschke gehörte zu den 228 Frauen und Mädchen, die am 16. August 1943 in die "Wagner-von-Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" transportiert wurden.

Bei der Aufnahme in Wien galt Margarethe Nitschke als "mangelhaft orientiert", aber "ruhig und verträglich". Ihre Zeit verbrachte sie im Tagesraum; wie es hieß, sei sie zu keiner Beschäftigung zu verwenden. Am 19. Januar 1945 wurde sie in die Pflegeabteilung verlegt.

Am 10. Juni 1945 hieß es: "War im Tagraum sehr unruhig u. rauflustig. Körperlich sehr abgemagert. Wurde heute früh um 4 h 30 tot im Bett aufgefunden". Als Todesursache wurde notiert: "Imbecillität" (mittlere geistige Behinderung), "Marasmus" (Auszehrung), "Universalis Paralysis cordis" (Herzlähmung).

Margarethe Nitschke hatte bei ihrer Ankunft in Wien 50 kg gewogen. Infolge der unzureichenden Ernährung war sie auf 36 kg abgemagert. Dem Hungersterben am Steinhof fielen von 1941 bis 1945 insgesamt mehr als 3.500 Patientinnen und Patienten zum Opfer. Margarethe Nitschke starb im Alter von 37 Jahren, einen Monat nach Kriegsende.

Stand: Januar 2020
© Susanne Rosendahl

Quellen: Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Sonderakte 141 Nitschke, Margarethe; StaH 332-5 Standesämter 4042 u 9/1889; StaH 332-5 Standesämter 3906 u 37/1889; StaH 332-5 Standesämter 3862 u 120/1890; StaH 332-5 Standesämter 3864 u 128/1892; StaH 332-5 Standesämter 3867 u 17/1895; StaH 332-5 Standesämter 3868 u 32/1896; StaH 332-5 Standesämter 3852 u 511/1898; StaH 332-5 Standesämter 3852 u 512/1898; StaH 332-5 Standesämter 4546 u 262/1898; StaH 332-5 Standesämter 13308 u 713/1900; StaH 332-5 Standesämter 4570 u 56/1921; StaH 332-5 Standesämter 4573 u 237/1924; StaH 332-5 Standesämter 4577 u 13/1937; StaH 332-5 Standesämter 4590 u 267/1938; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, 2. Aufl. Hamburg 1988.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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