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Bereits verlegte Stolpersteine



Joel Falk * 1923

Kielortallee 22 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)


HIER WOHNTE
JOEL FALK
JG. 1923
EINGEWIESEN 1940
HEILANSTALT LANGENHORN
"VERLEGT" 23.9.1940
BRANDENBURG
ERMORDET 23.9.1940
"AKTION T4"

Weitere Stolpersteine in Kielortallee 22:
Martha Brager, Frieda Brager, Werner Brager, Siegmund Brager, Liesel Brager, Bela Brager, Heinrich (Henoch) Herbst, Karoline (Caroline) Herbst, Helene Horwitz, Alfred Levy, Martha Levy, Manuel (Emil) Neugarten, Herta Neugarten

Joel Falk, geb. 25.3.1923 in Hamburg, ermordet am 23.9.1940 in der "Landes-Pflegeanstalt" Brandenburg an der Havel

Stolperstein Hamburg-Eimsbüttel, Kielortallee 22

Joel Falk wurde am 25. März 1923 in Hamburg geboren. Er war das zweite Kind der Eheleute Louis Hermann Falk, geboren am 10. Juli 1885 in Hamburg, und Jente Falk, geborene Süsswein, geboren am 3. Juli 1893 in Lisko, Galizien.

Das dem jüdischen Glauben angehörende Ehepaar hatte im Oktober 1920 geheiratet und am 6. November 1921 den Sohn Joshua Fabian bekommen. Nach Joel wurden Henriette Friederike am 25. November 1925 und Hermann René am 22. März 1930 geboren. Alle vier Kinder kamen in Hamburg zur Welt. Zwei weitere Geschwister sollen früh gestorben sein.

Familie Falk lebte zunächst in der Agathenstraße 2, ab 1921 bis mindestens 1938 in der Kielortalle 22, jeweils in Hamburg-Eimsbüttel.

Joels Vater Louis war der Zwillingsbruder von Hermann Falk. Die Brüder stammten aus einer angesehenen Familie. Ihr Vater war Rechtsanwalt, ihre Mutter Lehrerin. Louis Falk verdiente den Lebensunterhalt zunächst als selbstständiger Kaufmann in Gebrauchspapier en gros, ab 1924 als Handlungsreisender. Diesen Beruf übte er trotz körperlicher Behinderung infolge einer mit vier Jahren erlittenen Kinderlähmung und einer starken Verkrümmung der Wirbelsäule nach eigenen Angaben erfolgreich aus. Im Hamburger Adressbuch findet sich von 1920 bis 1931 die Bezeichnung "Kommissionsgeschäft". Danach ist kein Gewerbe mehr vermerkt.

Außer den körperlichen Einschränkungen zeigten sich zunehmend geistige Krankheitserscheinungen, die sich u.a. in periodisch auftretenden Erregungsphasen äußerten. Dies wirkte sich dramatisch auf die Familie aus. Es kam zu Tätlichkeiten gegenüber der schwangeren Ehefrau. Die Kinder zeigten große Angst vor ihrem Vater. Schließlich wurde Louis Falk 1926 und erneut 1929 im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf aufgenommen und 1930 in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg verlegt.

Jente Falk, Joels Mutter, litt selbst stark unter den schwierigen Lebensumständen der Familie infolge der Krankheit ihres Mannes. 1930 kam auch sie als Patientin nach Friedrichsberg und wurde dort 1933 erneut in der Patientenkartei geführt. Es ist nicht bekannt, ob sie in diesen Jahren durchgängig oder nur zeitweise Patientin in Friedrichsberg war

Ende 1930 wurde Louis Falk dauerhaft entmündigt. Am 19. Februar 1934 erfolgte seine Verlegung in die Staatskrankenanstalt Langenhorn, wahrscheinlich waren die Behandlungsmöglichkeiten in Friedrichsberg ausgeschöpft. Auf der Grundlage des am 1. Januar 1934 in Kraft gesetzten "Gesetz[es] zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erfolgte am 27. Mai 1935 Louis Falks Einweisung in die Universitätsklinik Eppendorf und dort seine Sterilisation. Sieben Tage später, am 3. Juni 1935 wurde er nach Langenhorn zurückgebracht, kurz darauf beurlaubt und am 12. Mai 1936 ohne – wie sonst üblich - einen Entlassungsgrund festzuhalten, entlassen. Nur zehn Tage später, am 22. Mai 1936, starb Louis Falk im Israelitischen Krankenhaus.

Über Joels Kindheit und frühe Jugend ist nichts überliefert. So fehlen auch Angaben über seinen Aufenthalt und den seiner Geschwister während der Zeit der Krankenhausaufenthalte der Eltern. In jedem Fall dürfte die problematische Situation der Familie die Entwicklung der Kinder erheblich beeinträchtigt haben, zumal auch die Großmutter Hermine Falk nicht helfen konnte. Sie war bereits 1928 gestorben.

Mit 16 Jahren, am 17. Dezember 1939, wurde Joel Falk landwirtschaftlicher Gehilfe auf dem jüdischen Lehrgut Gehringsdorf bei Hattenhof im Kreis Fulda. Dort war 1929 eine Hachschara-Stätte entstanden. Junge Menschen sollten in dem "Kibbuz Haddatih" genannten Gut durch eine landwirtschaftliche Ausbildung für die Emigration (Alija) nach Palästina vorbereitet werden.

Ein Vierteljahr später, am 28. Februar 1940, wurde Joel Falk Patient in der Psychiatrischen Klinik/Landesheilanstalt Marburg. Der Arzt Dr. von Keitz aus Neuhof, Kreis Fulda, hatte bei Joel eine beginnende Psychose diagnostiziert. Die Klinik richtete am 5. März 1940 ein Schreiben an Joels Mutter mit folgendem Inhalt:

"Bei Ihrem Sohn Joel, der sich seit dem 28.2.40 in unserer Behandlung befindet, handelt es sich um eine geistige Störung, deren einzige Behandlung in einer Anzahl von Spritzen besteht. Wir wenden dabei ein Medikament an, dass bereits vielen unserer Patienten mit der ähnlichen Krankheit Besserung gebracht hat. Wir bitten, uns zu dieser Behandlung Ihre Erlaubnis zu geben.
Heil Hitler
I.A.
Oberarzt"


Jente Falk antworte:
"Selbstverständlich verstehe ich zu wenig von dieser Behandlung, es steht für mich zu viel bezgl. für meinen Sohn auf dem Spiel, um als Mutter [....] meine Zusage zu dieser Behandlung zu versagen. Auch setze ich in Sie das größte Vertrauen, dass Sie meinem Sohn nur eine solche Behandlung zukommen lassen werden, die eine hoffentlich vollständige Besserung seines augenblicklichen Zustandes erhoffen lassen, und kann ich als unglückliche Mutter Sie nur innigst bitten, alles zu versuchen, um meinem Jungen, dass ja tatsächlich noch ein halbes Kind ist, seine Gesundheit zurück zu geben."

Als sich Joels Befinden besserte, wurde auf die Spritzkur zunächst verzichtet. Schon Anfang April 1940 verschlimmerte sich sein Zustand jedoch wieder, so dass eine von seiner Mutter erbetene Entlassung auf "nicht absehbare Zeit" aufgeschoben wurde.

Die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, plante im Frühjahr/Sommer 1940 eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 dorthin zu verlegen.

Am 18. September 1940 wurde Joel – wahrscheinlich auf Hamburger Veranlassung – von zwei Pflegern in Marburg abgeholt und in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn gebracht. Es existiert kein Hinweis, dass Jente Falk ihren Sohn in Langenhorn besuchen konnte, so dass sie ihn wohl nie mehr wiedersah. Am 23. September 1940 wurde Joel Falk mit weiteren 135 Patientinnen und Patienten aus norddeutschen Anstalten nach Brandenburg an der Havel transportiert. Der Transport erreichte die märkische Stadt noch an demselben Tag. In dem zur Gasmordanstalt umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses trieb man die Menschen umgehend in die Gaskammer und tötete sie mit Kohlenmonoxyd. Nur Ilse Herta Zachmann entkam zunächst diesem Schicksal (siehe dort).

Wir wissen nicht, ob und ggf. wann Joel Falks Angehörige Kenntnis von seinem Tod erhielten. In allen dokumentierten Sterbemitteilungen wurde behauptet, dass der oder die Betroffene in Chelm (polnisch) oder Cholm (deutsch) verstorben sei. Zudem wurden spätere Sterbedaten als die tatsächlichen angegeben. Die in Brandenburg Ermordeten waren jedoch nie in Chelm oder Cholm, einer Stadt nordöstlich von Lublin. Die dort früher existierende polnische Heilanstalt bestand nicht mehr, nachdem SS-Einheiten am 12. Januar 1940 fast alle Patienten ermordet hatten. Auch gab es in Chelm kein deutsches Standesamt. Dessen Erfindung und die Verwendung falscher Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einfordern zu können.

Auch Joels Mutter, Jente Falk, seine Schwester Henriette Falk und sein Bruder Hermann Renè Falk wurden im Holocaust ermordet. Alle wurden am 25. Oktober 1941 von Hamburg aus nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert. Henriette war erst 16 Jahre alt. Sie kam am 25. April 1942 in Litzmannstadt (Lodz) ums Leben. Hermann Falk wurde wahrscheinlich nach dem 15. Mai 1942 nach Chelmno weiter deportiert und dort ermordet. Das Todesdatum von Jente Falk ist unbekannt. Das Schicksal von Joel Falk älterem Bruder Joshua Fabian kennen wir nicht.

Stand: Februar 2018
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; 9; AB; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 332-5 Standesämter 2104 Nr. 3253/1885 Geburtsregistereintrag Louis Falk, 2104 Nr. 3254/1885 Geburtsregistereintrag Hermann Falk, 6054 1425/1920 Heiratsregistereintrag Louis und Jente Falk, 1053 Nr. 182/1936 Sterberegistereintrag Louis Falk, 1905 Nr. 1467/1877 Geburtsregistereintrag Henriette Falk; 352-8/7 Langenhorn Abl. 2-1995 20503 Louis Falk; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1 1995 Aufnahme-/Abgangsbuch Langenhorn 26.8.39 bis 27.1.1941; UKE/IGEM, Patienten-Karteikarte Louis Falk der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg; UKE/IGEM, Patientenakte Louis Falk der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg; LWV-Archiv, Bestand 16 K 7739, Patientenakte Joel Falk; https://de.wikipedia.org/wiki/Gehringshof, Zugriff am 20.3.2016
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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