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Bereits verlegte Stolpersteine



Bernhard Neustadt
Bernhard Neustadt
© Yad Vashem

Bernhard Neustadt * 1928

Werderstraße 43 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
BERNHARD NEUSTADT
JG. 1928
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Werderstraße 43:
Gerhard Dohme, Senta Dohme, Gertrud Hahn, Max Hahn, Henriette Neustadt

Henriette Neustadt, geb. Ezechel, geb. 15.6.1890 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga und dort ermordet

Bernhard Neustadt, geb. am 30.11.1928 in Hamburg, Flucht nach Holland 1938, 1943 in Amsterdam verhaftet und in Westerbork interniert, am 4.9.1944 in das Getto Theresienstadt und von dort am 16.10.1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet

Werderstraße 43

Der Schüler Bernhard Neustadt war das jüngste Kind von Henriette und Leo Neustadt. Den Besuch der Talmud Tora Schule brach Bernhard 1938 ab. Das Leben für deutsche Juden im Deutschen Reich war nicht mehr sicher. Seine Eltern ergriffen die Chance, ihren Jüngsten mit einem Kindertransport in die vermeintlich sicheren Niederlande zu schicken.

Doch blicken wir auf das Leben der Familie Neustadt in der Zeit zuvor zurück: Bernhards Mutter Henriette Ezechel war zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Josabeth im Hamburger Grindelviertel aufgewachsen. Die Eltern Moritz (1854-1939) und Rieckchen (1861-1935), geb. Jacobson, waren gläubige Juden. Der Vater Moritz Ezechel arbeitete bis kurz vor seinem Tod als Warenmakler. Henriette Ezechel besuchte indessen eine Höhere Mädchenschule und absolvierte im Fröbel-Seminar die Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortleiterin. Ob sie dann den Beruf ausübte, ist nicht überliefert.

Vermutlich durch die Jüdische Gemeinde lernte Henriette ihren späteren Ehemann Leo Neustadt (1874-1940) kennen. Dessen Eltern Moses David Neustadt (1821-1903 in Hamburg) und Klara Gutel, geb. Goldstein (1845 in Bad Kissingen-1901 in Hamburg), lebten in der Grindelallee, wo Leo mit drei Schwestern und einem Bruder aufgewachsen war. Wie die Geschwister ihre Kinder-, Schul- und Jugendzeiten verbrachten, darüber fanden sich keine Spuren.

Leo Neustadt entwickelte sich zu einem selbständigen Kaufmann und fungierte seit 1901 als einer der Mitbegründer und Gesellschafter der Hodermann GmbH. Diese Firma unterhielt, über das Stadtgebiet verteilt, mehrere Kaffeehäuser und Konditoreien, für die Leo Neustadt später als Geschäftsführer zeichnete.

Henriette Ezechel und Leo Neustadt heirateten am 5. November 1911 in Hamburg. In den nächsten Jahren wurden ihre Kinder, Klara (1912-2003 USA), Max Moshe (1913-1986 Israel), Rosy Josabeth (1916-1988 Israel), Josef (1920-2011 Israel) und 1928 Bernhard, geboren. Im Laufe der Jahre vergrößerten sich die Wohnungen der Familie im Grindelviertel, bis sie 1930 in das eigene Haus in der Werderstraße zogen.

Die Geschäfte florierten, die Familie verfügte über ein gutes Einkommen. Auch Leo Neustadts Bruder Oscar schlug den kaufmännischen Weg ein. Seit 1911 war er als Angestellter bei der Firma Hodermann tätig, ab 1923 bis 1932 als Prokurist. Aus der Tätigkeit heraus entstand die Idee, zusammen mit seinem Bruder das Cafe in der Mönckebergstraße 19, die Einkaufsstraße zu der Zeit schlechthin, zu pachten.

Der Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 veränderte die Situation jüdischer Geschäftsleute dramatisch. Dies machte sich sofort am 1. April 1933, dem Boykotttag, bemerkbar. Posten standen vor den Geschäften und hinderten Kunden diese aufzusuchen. Später, als die "Arisierung" jüdischer Geschäfte verstärkt stattfand, wurden die Kaffeehäuser und Konditoreien häufig nicht "arisiert", sondern teilweise aufgelöst bzw. der "arische" Mitinhaber übernahm die Geschäfte. Auch das Cafe der Brüder Neustadt wurde geschlossen. Damit verloren zwei Familien ihre wirtschaftliche Existenz.

Die Familie entwickelte einen Plan, um das Überleben zu sichern und Henriette Neustadt setzte dies um. Am 25. Mai 1936 meldete sie offiziell eine Pension in ihrem Hause an. Es konnten bis zu zehn "Pensionäre" aufgenommen werden, die auch verköstigt wurden. Zudem beschäftigte sie eine Hilfskraft. So fand das Ehepaar Gertrud und Max Hahn (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) nach seiner Vertreibung aus Göttingen Mitte 1940 Unterkunft in der Pension.

Währenddessen absolvierte Bernhard Neustadt 1935 seinen ersten Schultag in der Talmud Tora Schule im Grindelhof. Vermutlich freute sich der Junge, endlich Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Doch die Zeit währte nur kurz. Denn in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen, die Feuerwehren löschten die Brände nicht. Nationalsozialisten und Mob plünderten die Geschäfte und zerstörten sie, die Inhaber wurden verhaftet und die Polizei sah keinen Anlass einzuschreiten. Bernhard Neustadt brach die Schule ab und die Eltern entschieden, ihren zehnjährigen Sohn im Dezember 1938 mit einem Kindertransport in die Niederlande zu schicken.

Zuvor hatten Bernhards ältere Geschwister das Deutsche Reich bereits verlassen. Für Bernhard währte die Sicherheit in den Niederlande nur kurz. Nach Kriegsbeginn Anfang September 1939 dauerte es nur acht Monate (14. Mai 1940) bis das Deutsche Reich die Niederlande besetzte. Wir wissen nicht, inwieweit Mutter und Sohn noch Kontakt halten konnten.

Ein weiterer Schicksalsschlag, nach dem Ableben ihrer Eltern 1935/1939, traf Henriette Neustadt mit dem Tod ihres Mannes Leo am 3. April 1940. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel.

Henriette Neustadt erhielt den Deportationsbefehl für den 6. Dezember 1941 nach Riga, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet wurde.

Bernhard Neustadt wurde am 29. September 1943 in Amsterdam verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Ein Jahr später, am 4. September 1944 wurde er auf "Transport" nach Theresienstadt geschickt. Von dort ging es am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz.

Zum Gedenken an Henriette und Bernhard Neustadt wurden vor ihrem letzten gemeinsamen Zuhause zwei Stolpersteine verlegt. Zudem hinterlegte die älteste Tochter/ Schwester Klara in der Gedenkstätte Yad Vashem Gedenkblätter für Mutter und Bruder.

Welche Spuren fanden sich zu den Geschwistern und weiteren Verwandten von Bernhard und Henriette Neustadt ?

Die Älteste, Klara Neustadt flüchtete 1938 in die USA. Dort heiratete sie 1942 ihren Mann Norbert Bachrach (in Abterode/Nordhessen-1968 in den USA). Seine Eltern, Joseph (1858-1942 in Theresienstadt) und Minna (1870 in Nentershausen /Hessen-1942 Hamburg) lebten zuletzt in Harvestehude. Vor der Deportation am 15. Juli 1942 ihres Mannes in das "Altersghetto" Theresienstadt, starb Minna Bachrach an Nierenversagen am 29. Juni. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel. Für Joseph Bachrach wurde vor dem ehemaligen Altenheim in der Sedanstraße 23, wo er zuletzt lebte, ein Stolperstein verlegt.

Es fanden sich kaum Spuren zu Max Moshe Neustadt, der bereits 1935 nach Palästina emigrierte, wo er seinen Nachnamen in Noy änderte. Zu einem unbekannten Zeitpunkt heiratete er Sara Sussel geb. Steinhaus (1911 in Neu Sandez/ heute Nowy Sacz/ Polen– 1998 Israel), die einer weit verzweigten Familie stammte. Die Eltern, Moshe Berish Frisch-Steinhaus (1885-1974) und Leni Libe Nechama, geb. Buchsbaum, (1884-1951) flüchteten ebenfalls nach Palästina. Sie wurden im Laufe der Jahre vierfache Großeltern.

Rosy Josabeth Neustadt flüchtete Mitte 1937 nach Palästina. Vermutlich lernte sie dort ihren zukünftigen Ehemann, dem aus Osteuropa stammenden Kurt Nachum Hofbauer (1900-1961 in Israel), kennen. Die Hochzeit fand 1942 statt. Drei Jahre später kam Tochter Ruth Rivka zur Welt und 1950 wurde Shmuel geboren. Bis zum Eintritt in die Rente 1979 arbeitete Rosy als Helferin in einem Kindergarten. In 1961 fand sie eine neue Tätigkeit in einer Bank in Tel Aviv. Kurt Hofbauers Eltern, Alexander Shmuel (1876-1943 Auschwitz) und Berta (1884-1943 Auschwitz), geb. Gutkind, lebten in Berlin und wurden von dort nach Theresienstadt und weiter nach Auschwitz deportiert.

Joseph Neustadt besuchte die Talmud Tora Schule, bis er gezwungen wurde, sie ohne Abitur zu verlassen, somit blieb ihm ein angestrebtes Mathematikstudium verwehrt. Er entschied, zukünftig in Palästina zu leben. Dafür absolvierte er die Haschara-Ausbildung zunächst in Blankenese-Wilhelmshöhe, wo die jungen Menschen auf ein Leben in einem Kibbuz vorbereitet wurden. Im Oktober 1938 hielt er sich für eine Fortbildung in Halberstadt (heute Sachsen-Anhalt) auf. Dort wurde er in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet, ins KZ Buchenwald bei Weimar verbracht und nach zehn Tagen mit der Auflage der baldigen Auswanderung entlassen. Bereits am 20. März 1939 traf er in Palästina ein. Wann er seine zukünftige Ehefrau Towa Naumburg (1927 Treuchtlingen/Bayern-2009 Israel) kennen lernte, dazu fanden sich keine Spuren. Ihre Eltern Alfred (1890-1976) und Emilie geb. Meyer (1893-1964) flüchteten ebenfalls. Die Eheleute bekamen drei Kinder und lebten bis zu ihrem Tode im Kibbuz.

Leo Neustadts Schwester Sophie (1871-1940 in Hamburg) heiratete 1910 in Hamburg den aus Hall (auch Schwäbisch Hall) stammenden Julius Hähnlein (1880-1941 in Minsk, siehe www.stolpersteine-hamburg.de ). Deren Kinder Clara und Max kamen 1911 bzw 1915 zur Welt. Die Eheleute lebten in Harvestehude. Aus ihrem Zuhause wurden sie jedoch 1939 vertrieben und in das "Judenhaus" Kielortallee 22 bei der Witwe Dina Levy (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) einquartiert. Sophie Hähnlein starb an den Folgen eines Schlaganfalls im Jüdischen Krankenhaus Johnsallee. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel.

Die Schwestern Olga (1872-1943 in Sobibor) und Fanny Kelah Neustadt (1879-1943 in Auschwitz) heirateten 1905 bzw. 1906, das aus Winschoten/Niederlande stammende Brüderpaar Marcus Isaac (1873-1943 in Sobibor) und Siegfried Bloemendal (1880- 1943 in Auschwitz). In Winschoten kamen deren Söhne Johan Erich (1910- 1943 Warschau) und Frans Herbert (1911- 1943 in Sobibor) zur Welt. Der Erstgeborene heiratete 1938 in zweiter Ehe seine Cousine Clara Hähnlein (siehe www.stolpersteine-hamburg.de), Frans Herbert blieb unverheiratet. Anfang Juli 1943 deportierten die Nationalsozialisten die Familie Bloemendal nach Sobibor, von dort kehrte keiner zurück. Johan Erich und Clara Bloemendal wurden Anfang September 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Fanny und Siegfried Bloemendal lebten um 1907 in Ober-Ingelheim/Pfalz, wo deren Sohn Manfred 1907 zur Welt kam. Vermutlich aus beruflichen Gründen verzog die Familie nach Bad Kissingen/Bayern, dort wurde 1912 Josef geboren. Mit den beiden Söhnen und den aus Arnhem/ Niederlande gebürtigen Schwiegertöchtern Margaretha Henriette Cohen (1915-1944 in Auschwitz) und Anna Hamburg (1913-1944 in Auschwitz), deren Mutter eine gebürtige Emanuel aus Hamburg war, emigrierten sie 1933/ 1934 in die zu dem Zeitpunkt sicheren Niederlande. Ab November 1942 hatte die Familie im Lager Westerbork zu "leben". Die Familie Bloemendal entging dem Deportationsschicksal Anfang September 1943 nach Auschwitz nicht. Zum Gedenken an die Familie Bloemendal ließen engagierte BürgerInnen in Bad Kissingen Stolpersteine verlegen.

Oscar Isaac Neustadt (1887-1961 in den USA) und die nichtjüdische Sophie Richers (1895- 1980 in den USA) heirateten standesamtlich Ende März 1924 in Hamburg. Sophie Neustadt konvertierte zum Judentum. Die rituelle Hochzeit feierten sie 1925 in der Neuen Dammtor Synagoge. Einige Monate später kamen die Zwillinge Günter Max und Ursula Klara am 19.6.1925 zur Welt. Die Kinder besuchten die Jahnschule (heute Ida-Ehre-Schule) in der Bogenstraße. Weiterführende Höhere Schulen konnten sie nicht mehr besuchen. Günter und Ursula leisteten ab 1943 Zwangsarbeit. Mittlerweile "lebte" die Familie in den "Judenhäusern" Rutschbahn 25a und danach in der Rappstraße 15.
Vermutlich wurde auch Sophie Neustadt als "Arierin" unter Druck gesetzt, sich von ihrem Mann zu trennen, sie tat es nicht.
Von der Rappstraße aus wurde Ursula Neustadt am 30. Januar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Ihrem Bruder gelang kurz vor seiner Deportation die Flucht. Er versteckte sich bis Kriegsende mit Hilfe seines Onkel Max (Bruder seiner Mutter) in dessen Gartenlaube in Bramfeld.

Oscar Neustadt wurde am 23. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebten und trafen sich mit Ehefrau/ Mutter Sophie einige Wochen nach der Befreiung in Hamburg wieder. 1949 emigrierten Günter und Ursula Neustadt zusammen in die USA, die Eltern folgten 1951. Ursula starb dort 1994, das Sterbedatum ihres Bruders ist nicht bekannt.

Die Witwe Josabeth Heckscher (1887 in Hamburg, siehe www.stolpersteine-hamburg.de), geb. Ezechel, heiratete 1939 den Witwer Felix Halberstadt (1877 Hamburg). Das Ehepaar wohnte zuletzt in der Hallerstraße 76. Von dort wurden sie 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert, sie kehrten nicht zurück.

Stand: Mai 2021
© Sonja Zoder

Quellen: 1; 2; 4; 5; 7; 8; 9; StaH 213-13/7272 Landgericht Wiedergutmachung; StaH 314-15 (OFP) R1938/3253, R1940/0234; StaH 332-5/9020-1193/1887, 332-5/2228-2573/1890 Standesamt (Geburten); StaH 332-5/8675-7/1911 Standesamt (Heiraten); StaH 332-5/8167-187/1940 Standesamt (Sterbefälle); StaH 351-11(AfW) 624, 2521, 9516, 10054, 12451, 17894, 41459, 44122, 47576, 47577, 49114; Apel: In den Tod geschickt, Hamburg 2009, S. 109; Grolle, Igla: Stolpersteine in Hamburg -Grindel I-, Hamburg 2016, S. 179-182; Karin Guth: Bornstraße 22. Ein Erinnerungsbuch, Hamburg 2001, S. 101; Wilhelm Mosel: Wegweiser zu den ehemaligen jüdischen Stätten in Hamburg, Heft 3, Hamburg 1989, S.100; Jüdischer Friedhof Hamburg, Ilandkoppel Leo Neustadt Grab-Nr. F 269 sowie Rieckchen und Moritz Ezechel Grab-Nr. K1-17/ 18 am 2.8.2017; Ida-Ehre-Kulturverein: Steine des Anstoßes, An- und Innehalten, Hamburg 2012, S. 25; AK Erinnerung an der Ida-Ehre-Schule: Bd. 2, Die Jahn-Schule 1933-1945, Hamburg 2014, S. 53, 56; URL: www.agora.sub.uni-hamburg.de; www.geni.com; https://www.tracingthepast.org/name=neustadt; https://collections.arolsen-archives.org/archive/5107202/?p=1&s=bernhard%20neustadt&doc_id=5107202, www.joodsmonument.nl jeweils am 4.11.2020; Yad Vashem, Fotoarchiv-Signatur 15000/14235722 am 21.11.2017.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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