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Bereits verlegte Stolpersteine



Bertha Nürenberg, 1932
Bertha Nürenberg, 1932
© UKE/IGEM

Bertha Nürenberg (geborene Heinemann) * 1874

Grindelhof 83 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
BERTHA NÜRENBERG
GEB. HEINEMANN
JG. 1874
EINGEWIESEN 1935
HEILANSTALT LANGENHORN
"VERLEGT" 23.9.1940
BRANDENBURG
ERMORDET 23.9.1940
"AKTION T4"

Weitere Stolpersteine in Grindelhof 83:
Leopold Bielefeld, Erna Brociner, Valentina Brociner, Kurt Ehrenberg, Herbert Lesheim, Bert(h)a Lesheim, Ruth Lesheim, Marion Lesheim, Tana Lesheim, Mary Liebreich, Hugo Moses

Bertha Nürenberg, geb. Heinemann, geb. am 24.10.1874 in Oberwaldbehrungen (Unterfranken), ermordet am 23.9.1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel

Grindelhof 83

Die in dem unterfränkischen Oberwaldbehrungen am 24. Oktober 1874 geborene Bertha Heinemann war mit dem am 5. Dezember 1880 in Bukarest geborenen Elektrotechniker Osias Nürenberg verheiratet.

Berthas jüdischstämmige Eltern hatten am 10. Dezember 1872 im ebenfalls unterfränkischen Mellrichstadt geheiratet. Ihr erstes Kind wurde am 22. September 1873 tot geboren. Nach Bertha kam als drittes Kind der Sohn Simon Heinemann zur Welt.

Über Berthas Lebensweg bis zu ihrer Heirat wissen wir nichts.

Bertha Nürenbergs Ehemann bekannte sich ebenfalls zum jüdischen Glauben. Er besaß die rumänische Staatsangehörigkeit. Das kinderlos gebliebene Ehepaar lebte seit 1911 in Hamburg. Die Meldekartei weist viele wechselnde Adressen aus. Zeitweise lebte Osias Nürenberg in Berlin und kehrte über Altona nach Hamburg zurück. Vom November 1923 bis August 1924 befand er sich in Strafhaft im Gefängnis Fuhlsbüttel. 1926 schließlich verließ er Hamburg auf Dauer. Wahrscheinlich war Bertha Nürenbergs Ehemann für sie schon während seiner Hamburger Jahre keine verlässliche Stütze. Nach seinem Fortzug war sie endgültig auf sich allein gestellt.

Bertha Nürenberg, deren Beruf als Köchin angegeben wurde, wohnte in der Straße Grindelhof 83 Haus 5 zur Untermiete bei Reimers.

Am 29. August 1932 wurde sie wegen einer von ihrem Hausarzt Ernst Kalmus diagnostizierten psychischen Erkrankung in das Allgemeine Krankenhaus Eppendorf eingewiesen. Bertha akzeptierte die Notwendigkeit des Krankenhausaufenthalts nicht. Sie hielt sich für gesund und wollte nach Hause entlassen werden. Am 9. Dezember 1932 wurde sie in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg verlegt. Sie konnte sich räumlich und zeitlich nur unzureichend orientieren, war aber weiterhin davon überzeugt nicht krank zu sein.

Am 16. April 1935 wurde Bertha Nürenberg zunächst im Versorgungsheim Oberaltenallee und anschließend im Versorgungsheim Averhoffstraße untergebracht. Kurze Zeit später, am 22. August 1935, kam sie in die Staatskrankenanstalt Langenhorn und blieb dort in den nächsten fünf Jahren.

Im Frühjahr/Sommer 1940 plante die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 dorthin zu verlegen.

Nachdem alle jüdischen Patienten aus den norddeutschen Anstalten in Langenhorn eingetroffen waren, wurden sie gemeinsam mit den dort bereits länger lebenden jüdischen Patienten am 23. September 1940 in einem Transport von insgesamt 136 Menschen nach Brandenburg an der Havel gebracht. Noch am selben Tag wurden sie in dem zur Gasmordanstalt umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses mit Kohlenmonoxyd getötet. Nur eine Patientin, Ilse Herta Zachmann, entkam diesem Schicksal zunächst (siehe dort).

Es ist nicht bekannt, ob und ggf. wann Angehörige Kenntnis von Bertha Nürenbergs Tod erhielten. In allen dokumentierten Mitteilungen wurde behauptet, dass der oder die Betroffene in Chelm (polnisch) oder Cholm (deutsch) verstorben sei. Die in Brandenburg Ermordeten waren jedoch nie in Chelm/Cholm östlich von Lublin. Die dort früher existierende polnische Heilanstalt bestand nicht mehr, nachdem SS-Einheiten am 12. Januar 1940 fast alle Patienten ermordet hatten. Auch gab es dort kein deutsches Standesamt. Dessen Erfindung und die Verwendung späterer als der tatsächlichen Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einfordern zu können.

Über das Schicksal der Angehörigen von Bertha Nürenberg ist nichts bekannt.

Stand: Juni 2017
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 332-8 Meldewesen (Einwohnermeldekartei 1892–1925); 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1/1995 Aufnahme-/Abgangsbuch Langenhorn 26. 8. 1939 bis 27. 1. 1941; UKE/IGEM, Archiv, Patienten-Karteikarte Bertha Nürenberg der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg; UKE/IGEM, Archiv, Patientenakte Bertha Nürenberg der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg; Staatsarchiv Würzburg, Jüdisches Standesregister Oberwaldbehrungen 102, Geburt Bertha Heinemann. Anna von Villiez, Mit aller Kraft verdrängt, Entrechtung und Verfolgung "nicht arischer Ärzte" in Hamburg 1933 bis 1945, Hamburg 2009, S. 314 (Ernst Kalmus).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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