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Bereits verlegte Stolpersteine



Lea Heymann
Lea Heymann
© Privatbesitz

Lea Heymann (geborene Salomon) * 1886

Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
LEA HEYMANN
GEB. SALOMON
JG. 1886
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
MINSK

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Alice Graff, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Jettchen Kahn, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Johanna Löwe, Beate Ruben, Flora Samuel, Karl Schack, Minna Schack, Werner Sochaczewski, Sophie Vogel, Sara Vogel

Alfred Heymann, geb. 18.11.1923 in Hamburg, Haft 1941, deportiert am 6.11.1941 nach Riga-Jungfernhof (Stolperstein geplant)
Lea Heymann, geb. Salomon, geb. 27.2.1886 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Paul Heymann, geb. 10.2.1878 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk (Stolperstein geplant)
Wilma Heymann, geb. 18.6.1927 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk (Stolperstein geplant)

Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 40/42)

Fanny Salomon, geb. 8.2.1882 in Kiel, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof
Rosa Salomon, geb. 5.5.1879 in Kiel, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof

Neuer Steinweg 20 (Neuer Steinweg 78)

Durch die "großzügige Spende" einer Hamburger Versicherungsgesellschaft wurde im Jahre 1795 in der Pastorenstraße 15/16 eine Entbindungsanstalt für wohnungslose oder unbemittelte ledige Schwangere gegründet. Henriette Heymann brachte dort am 10. Februar 1878 ihren Sohn Paul zur Welt. Nach dem Eintrag ins Geburtenregister war seine Mutter zu diesem Zeitpunkt in der 1. Marienstraße 25 (ab 1940 Jan-Valkenburg-Straße) gemeldet.

Paul Heymann beschrieb seine Kindheit später als "recht hart". Seit seinem 14. Lebensjahr arbeitete er als Friseur, offenbar auch während seiner Zeit in den USA. Denn von dort kehrte er als 16-Jähriger, Ende 1894 nach Hamburg zurück. Knapp zehn Jahre später verließ Paul Heymann seine Geburtsstadt erneut, um 1905 sein Glück in London zu suchen. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde er von der britischen Regierung als feindlicher Ausländer in ein Internierungslager gebracht und dann mit anderen deutschen Zivilisten gegen britische Staatsbürger, die in Deutschland interniert waren, ausgetauscht. Zurück in Hamburg, arbeitete Paul Heymann zunächst als Dolmetscher und selbstständiger Händler.

Am 4. Juli 1919 heiratete er das Dienstmädchen Lea Salomon. Sein Trauzeuge wurde Mathias/Max Hochfeld (s. dort), der in England ebenfalls interniert gewesen war und ausgewiesen wurde. Henriette Heymann, Pauls Mutter, war nach dem Eintrag ins standesamtliche Heiratsregister, bereits in Hamburg verstorben.

Paul wohnte am Hohenfelderpark 26 in Hamburg-Hohenfelde. Seine zukünftige Ehefrau Lea Salomon im Stadtteil St. Georg, in der Greifswalderstraße 36, bei ihrer Schwester Rosa Salomon (s. unten). Lea brachte ihren am 23. Februar 1910 geborenen Sohn aus einer vorehelichen Beziehung mit einem nichtjüdischen Kaufmann nicht mit in die Ehe. Walter Salomon wuchs bei Pflegeeltern auf und kannte seine Mutter nur flüchtig. Er überlebte den Holocaust, in einer "privilegierten Mischehe" mit sechs Kindern.

Seine Mutter Lea war das jüngste Kind des in Altona geborenen Händlers Adolf/Abraham Wolf Salomon (geb. 28.11.1838, gest. 16.2.1924) und dessen Ehefrau Sophie Selig, geb. Lewin (Levy) (geb. 19.8.1845, gest. 4.7.1924). Ihre Eltern hatten einige Jahre in Kiel, der Geburtsstadt der Mutter, gelebt, wo die älteren Geschwister zur Welt gekommen waren. 1884 ließen sie sich in Hamburg nieder, zwei Jahre später wurde Lea in der Peterstraße 4 geboren. 1913 war Familie Salomon ins jüdische Marcus-Nordheim Stift, Schlachterstraße 40/42 Haus 1 gezogen. Leas Brüder hatten nicht nur ihr Elternhaus, sondern auch Hamburg verlassen: Sally Salomon (geb. 2.8.1869) war früh in die USA ausgewandert und lebte als Kaufmann im texanischen Houston. Max (geb. 12.5.1872) hatte sich in London niedergelassen, Ludwig (geb. 11.9.1875) lebte in Lübeck und Hermann (geb. 9.3.1877, gest. 30.1.1960) in Frankfurt am Main. Anders als ihre Schwestern Rosa (geb. 5.5.1879), Fanny (geb. 8.2.1882) und Lea überlebten sie die NS-Zeit. Eine vierte Schwester, die Kontoristin Frida Creutzmann, geb. Salomon (geb. 5.5.1884), war im Sommer 1921 bei einem Bootsunglück in der Außenalster ertrunken.

Lea und Paul Heymanns älteste Tochter Hilda Henriette war am 16. März 1920 in der Niederfelderstraße 7 auf der Veddel geboren worden, Alfred folgte am 18. November 1923 und die jüngste Wilma am 18. Juni 1927. Nach dem Tod von Leas Eltern, die 1924 kurz nacheinander verstarben, übernahmen sie offenbar deren Wohnung im Marcus-Nordheim-Stift. Paul Heymann wurde dort Hausverwalter und eröffnete zudem 1926 in der Peterstraße 2 ein Friseurgeschäft. Wie aus seiner Kultussteuerkarte der Jüdischen Gemeinde hervorgeht, wurde er nur in den Jahren 1925 und 1927 zu Kultussteuern veranlagt. Während seiner Internierungszeit in einem britischen Feldlager war Paul Heymann an einem schweren Lungenspitzenkatarrh erkrankt, im Dezember 1924 wurde bei ihm eine Lungentuberkulose diagnostiziert. Nach längerem Aufenthalt in der Lungenheilanstalt Edmundsthal-Siemerswald in Geesthacht gab Paul Heymann das Friseurgeschäft im Oktober 1930 aus gesundheitlichen Gründen auf. Um seiner Familie eine gewisse finanzielle Grundlage zu erhalten, übernahm er im folgenden Jahr den Pachtvertrag für die sanitären Anlagen im Lokal "Libelle", später die des Hotels Esplanade. Mit schwerem Gelenkrheumatismus wurde Paul Heymann 1936 erwerbsunfähig.

Die älteste Tochter Hilda Heymann arbeitete nach ihrer Schulzeit als Hausangestellte und war mit dem Maschinenbauer Kurt Werner Neumann (geb. 22.10.1918) verlobt. Als ihr gemeinsamer Sohn Sally am 5. September 1938 geboren wurde, befand sich sein Vater Kurt im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in "Schutzhaft" (s. Fanny und Siegfried Neumann). Seine Entlassung erfolgte mit der Auflage, Deutschland umgehend zu verlassen. Hilda und Kurt heirateten am 10. März 1939 und flüchteten am 12. April mit ihrem Sohn Sally über Italien nach Shanghai.

Hildas jüngerer Bruder Alfred Heymann besuchte zunächst den Kinderhort der Jüdischen Gemeinde in der Johnsallee und dann die Talmud Tora Schule, aus der er Ostern 1939 entlassen wurde. Da er als Jude bereits von der Lehrstellenvermittlung ausgeschlossen war, meldete er sich zur Aufnahmeprüfung in der Tischlerwerkstatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in der Weidenallee 10a. Bei dem Lehrwerkstattleiter Jacob Blanari (Stolpersteine im Weidenstieg 8, s. www.stolpersteine-hamburg.de) begann er eine zweijährige Ausbildung, die auch als Hachschara anerkannt wurde, eine Vorbereitung auf ein Leben in Palästina. Anfang März 1941 arbeitete Alfred als "Tischlerhilfsarbeiter" in der Tischlerei Reichert in Altona. Mit seinem Wochenverdienst von 32 Reichsmark trug er wesentlich zum Lebensunterhalt seiner Familie bei.

Seine Schwester Wilma besuchte erst die "Warteschule" am Mühlenberg und wurde 1935 Schülerin an der Israelitischen Mädchenschule in der Carolinenstraße, auf die auch die gleichaltrige Gerda Henschel (geb. 10.11.1927), eine Spielkameradin aus der Schlachterstraße, ging.

Am 21. April 1941 wurde die 14-jährige Schülerin Gerda Henschel zur Gestapo bestellt. Sie sollte Angaben über "deutschblütige Mädchen" machen, die in Kontakt mit Juden standen. Während ihrer Befragung fiel unter anderen auch der Name von Wilmas Bruder Alfred Heymann, der früher mit Gerdas Bruder Erwin Henschel (geb. 29.9.1923) befreundet gewesen war. Obwohl der 17-jährige Alfred keine Verbindung zu "arischen" Mädchen unterhielt, wurde er am nächsten Tag verhört und zur "Erlangung eines Geständnisses" über Nacht in Polizeihaft versetzt. Ob Alfred Heymann in dieser Nacht misshandelt wurde, um ein Geständnis zu erpressen, lässt sich nur vermuten. Am nächsten Tag gab er bei seiner Vernehmung erste sexuelle Kontakte unter Nachbarskindern zu, die Alfred, damals erst elf Jahre alt und seine Schwester Wilma, sie war sieben, als kindliche Spielerei aufgefasst hatten. Als ihn das Amtsgericht Hamburg am 19. Juni 1941 unter Anrechnung seiner Untersuchungshaft zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilte, hieß dies "Sittenverbrechen und Blutschande".

Seine Eltern Lea und Paul Heymann hatten mittlerweile ihre Wohnung in der Schlachterstraße verlassen müssen, sie wurden in das "Judenhaus" in der Kielortallee 24 einquartiert. Von dort wurden sie am 8. November 1941 gemeinsam mit ihrer Tochter Wilma ins Getto Minsk deportiert. In diesem Transport befanden sich auch die ehemaligen Spielkameraden von Wilma und Alfred Heymann, Gerda und Erwin Henschel (Stolpersteine im Von-Heß-Weg 4, s. www.stolpersteine-hamburg.de) und Alfreds Lehrwerkstattleiter Jacob Blanari mit ihren Familien (s. Jenny Hirsch). Keiner von ihnen hat überlebt.

Alfred verbüßte seine Haftstrafe im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, als seine Tante Rosa Salomon, die Schwester seiner Mutter, am 19. November 1941 an die Staatsanwaltschaft schrieb: "Da ich in nächster Zeit Hamburg verlassen muß, möchte ich den Verurteilten mitnehmen. Der Vater des Verurteilten ist bereits evakuiert. Andere Angehörige hat er hier nicht."

Als Rosa und Fanny Salomon, Alfreds ledige Tanten, ihre sogenannten Evakuierungsbefehle erhielten, die Benachrichtigung über die bevorstehende Deportation, teilten sie sich eine kleine Stiftswohnung im Hinterhof des Neuen Steinweg 78, Haus 7. Fanny Salomon hatte diese schon seit vielen Jahren bewohnt. Ihr anderer Neffe, der bereits erwähnte Walter Salomon, beschrieb seine Tante Fanny als kleine zarte und verwachsene Person, die von einem in Dänemark lebenden Verwandten finanziell unterstützt wurde. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt, obwohl auf ihrer Kultussteuerkarte Näherin angegeben war.

Rosa Salomon hingegen muss eine gute Ausbildung erhalten haben, sie hatte sechs Sprachen erlernt und arbeitete als Sekretärin, Übersetzerin und Auslandskorrespondentin in verschiedenen Bankhäusern und Internationalen Handelsfirmen. Als sie im April 1931 für drei Jahre stellungslos wurde, konnte sie ihre Wohnung, die sie seit 1914 in der Greifswalderstraße 36 bewohnte, nicht länger halten. Für die nächsten 1 ½ Jahre kam sie bei ihrer Schwester Fanny unter. Da aber die Statuten des "Lazarus-Samson-Cohen-Eheleute und Levy-Hertz-Eheleute Stift" auf Dauer keine Untermieter duldeten und die Schwestern dort sehr beengt lebten, zog Rosa zur Untermiete in die Admiralitätsstraße 21. Sie erhielt vom Wohlfahrtsamt Fürsorgeunterstützung und wechselte innerhalb der Neu- und Altstadt mehrmals ihre Unterkünfte. Im Juni 1934 bezog Rosa Salomon eine eigene Dreizimmerwohnung in der Elbstraße 86 (heute Neanderstraße), nachdem sie eine Stelle als Fremdsprachenstenotypistin in der Firma C. Bromberg, Export von Eisenwaren, Maschinen und Werkzeugen, an der Bleichenbrücke 10 gefunden hatte. Zuletzt war sie in der Firma Benzian & Co. Handel mit Bergwerksprodukten, Hohe Bleichen 8/10 von 1937 bis 1938 tätig, die Firmen wurden nacheinander "arisiert". Im Sommer 1939 zog Rosa wieder in die kleine Stiftswohnung zu ihrer Schwester Fanny. Diesmal für die nächsten 2 ½ Jahre.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft "befürwortete" Rosa Salomons Antrag und somit wurde Alfred Heymann auf die Deportationsliste, als Person, die sich freiwillig gemeldet hatte, gesetzt. Am 6. Dezember 1941 begleitete er seine Tanten in das sechs Kilometer von Riga entfernte verlassene Gut Jungfernhof, wohin der Hamburger Transport umgeleitet wurde und wo sich ihre Spuren verloren.

Stand: April 2021
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 6; 9; StaH 351-11 AfW 3727 (Heymann, Paul); StaH 351-11 AfW 9117 (Heymann, Lea); StaH 351-11 AfW 3322 (Salomon, Hermann); StaH 351-11 AfW 42086 (Neumann, Kurt); StaH 351-11 AfW 43639 (Neumann, Hilda Henriette); StaH 351-11 AfW 46276 (Heymann, Alfred); StaH 351-11 AfW 36014 (Salomon, Walter); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1823 (Salomon, Rosa); 332-5 Standesämter 3333 u 447/1919; StaH 332-5 Standesämter 1928 u 750/1878; StaH 332-5 Standesämter 882 u 100/1924; StaH 332-5 Standesämter 2125 u 1409/1886; StaH 332-5 Standesämter 882 u 365/1924; StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht - Strafsachen 1176/42; StaH 314-15 OFP, FVg 5683; StaH 522-1 Jüdische Gemeinden 477 Statistik der während des Weltkrieges unterstützten Personen; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 3; Lohmeyer: Stolpersteine, Band 1, S. 101; Thevs: Stolpersteine, S. 120; o.A.: Hamburg, S. 291; Lungenheilanstalt Edmundsthal-Siemerswald, http://www.geesthacht.de, Leben und Kultur in Geesthacht (Zugriff 7.10.2015).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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