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Bereits verlegte Stolpersteine



Fanny Kallmes (geborene Nathan) * 1871

Haynstraße 10 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


HIER WOHNTE
FANNY KALLMES
GEB. NATHAN
JG. 1871
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
16.7.1942

Weitere Stolpersteine in Haynstraße 10:
Wilhelm Cohn, Olga Delbanco, Hermann Falkenstein, Josefine Holländer, Elfriede Ruben

Fanny Kallmes, geb. Nathan, geb. am 26.10.1871, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod am 15.7.1942

Haynstraße 10 (Eppendorf)

Fanny Nathan war am 26.10.1871 als zweites Kind der jüdischen Eltern Abraham Nathan und seiner Ehefrau Hanna Nathan, geb. Levy, in Hamburg in der Luisenstraße 5/Marienthal geboren worden. (Abraham Nathan verstarb am 1. Juli 1907, Hanna Nathan am 26. November 1915. Beide wurden auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt).
Wir wissen nichts über die Kindheit von Fanny Nathan oder eine eventuelle Ausbildung. Sie heiratete am 10. April 1894 in Hamburg den Kaufmann James Kallmes. Das Paar wohnte in der Brahmsallee 15 in Harvestehude. James Kallmes war am 5.10.1861 als erstes von fünf Kindern der ebenfalls jüdischen Eheleute Israel Julius Kallmes und Julie Kallmes, geb. Schöning, in Hamburg geboren worden. Nach ihm kamen seine Geschwister zur Welt: Iwan (geb. 22.4.1863), Anna (geb. 4.12.1865), Albert (geb. 25.2.1870) und als jüngstes Kind Otto (geb. 4.10.1872).

James Kallmes wuchs in einer kulturell interessierten und musischen Umgebung auf: Der Vater unterstützte aktiv den Hamburger Kunstverein und gehörte diesem auch als Mitglied an. Die Mutter dichtete. Zum gut situierten Haushalt der Familie Kallmes gehörte unter anderem auch ein Klavier.

James, Iwan und Israel Julius Kallmes ließen am 1. Januar 1886 die neu gegründete Handelsgesellschaft mit dem Namen Kallmesius im Handelsregister eintragen. Der Firmensitz befand sich am Kleinen Burstah 11/Altstadt. Im Laufe der Jahre bauten die Gesellschafter die Firma zu einem florierenden Im- und Export mit Häuten und Fellen aus, insbesondere nach Übersee. Sie wuchs zu einer respektablen Größe heran. Durch Tod schied Israel Julius Kallmes am 28. März 1911 aus der Firma aus. (Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt.)

James Kallmes war laut Bürgerprotokoll seit dem 24. Juni 1886 Hamburger Bürger geworden. Er führte die elterliche Tradition fort und war von 1905 bis 1909 im Besitz von Familienkarten für den Kunstverein in Hamburg.

James Kallmes kaufte 1913 im vornehmen Stadtteil Harvestehude im Harvestehuder Weg 71 ein Haus, das er später seiner Frau überschrieb. Das Ehepaar Kallmes vermietete ab 1913 ein Zimmer an Wilhelm Cohn (geb. 27.12.1873).

Von 1915 bis 1916 besaß Fanny Kallmes einen Reisepass und unternahm ausgedehnte Reisen nach Dänemark, Norwegen, Schweden und Holland. Laut Beschreibung im Pass war sie eine schlanke Frau mit dunkelbraunen Augen und dunkelbraunen Haaren.

Am 18. März 1919 verstarb James Kallmes in Bad Homburg. (Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt.) Nach seinem Tod wurde ein Konto unter dem Namen J. Kallmes jr. Nachlass eingerichtet, Fanny Kallmes kamen die Zinsen des Nachlasses zugute.

Sie verkaufte 1922 das Haus im Harvestehuder Weg 71 an den Generalkonsul des Königreiches Belgien, Albert Moulaert (geb. 1.8.1906). Kurz zuvor war dieser bereits als Untermieter dort eingezogen.

Fanny Kallmes und ihr Untermieter Wilhelm Cohn waren inzwischen offensichtlich ein Paar geworden. Sie blieben auch fortan zusammen. 1922 zogen sie in die Oberstraße 140 in Harvestehude. Wilhelm Cohn meldete sich auch dort wieder als Untermieter an.

Seit 1925 verlebte Ilse Lewin (geb. 24.1.1909), eine Nichte von Wilhelm Cohn, ihre Ferien bei Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn in einem extra für sie eingerichteten Gästezimmer. Sie erinnerte sich später noch an viele schöne Ferien in Hamburg. Die kinderlose Fanny Kallmes hing offensichtlich an der Nichte (Ilse Lewien lebte von 1925 bis 1932 in Kreischa/Oschatz in der Nähe von Dresden, zog dann nach Berlin und wanderte im Juli 1934 nach Palästina aus.)

1929 bezogen Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn eine Wohnung in der Sierichstraße 90 in Winterhude.

Die Kinder Albert, Anna, Iwan, Otto und die Schwägerin Fanny Kallmes gründeten anlässlich der Goldenen Hochzeit ihrer Eltern zum 1. Januar 1930 in Hamburg "Die-Julius- und-Julie-Kallmes-Stiftung" und übergaben das Stiftungsgeld der Deutsch Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Zweck der Stiftung sollte die Unterstützung hilfsbedürftiger und würdiger Personen im weitesten Sinne sein. Angehörige aus den Familien Kallmes und Schöning sollten bis zum Jahre 2000 anderen Bewerbern vorgezogen werden. Iwan und Otto Kallmes sollen für die Dauer ihres Lebens Sitz- und Stimmrecht im Stiftungsvorstand erhalten.
Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn zogen 1933 wieder um, diesmal in die Haynstraße 33 in Eppendorf, 1934 in die Haynstraße 10 in den dritten Stock. (Hier wurden auch die Stolpersteine für Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn genannt Korn verlegt.) 1935 wechselten sie in die Lenhartzstraße 13 in Eppendorf. Wilhelm Cohn meldete sich stets als Untermieter an.
Der NS-Staat griff – wie bei allen vermögenderen Juden – auch auf das Vermögen von Fanny Kallmes zu. Ihr Konto wurde zum 7. Dezember 1938 gesperrt. Es wies ein Guthaben von 3.599 RM auf. Die Oberfinanzdirektion wies Fanny Kallmes zudem an, ihre Wertpapiere auf ein gesperrtes Depot bei der Deutschen Bank zu übertragen. Sie besaß eine Aktie von 1000 RM vom Uhlenhorster Fährhaus, die allerdings einen Wertverlust von 350 RM aufwies. Zudem gehörte ihr noch ein Sparkassenbuch mit 3.900 RM. Nachdem sie ihre Lebenshaltungskosten offengelegt hatte, billigte die Oberfinanzdirektion ihr zu, monatlich 300 RM von ihrem Vermögen für ihren Lebensunterhalt zu verwenden.

Ebenso wie alle vermögenderen Juden wurde auch Fanny Kallmes nach dem Novemberpogrom 1938 zur "Judenvermögensabgabe" herangezogen. Ab 13. Dezember 1938 zahlte sie fünf Raten zu je 1.200 RM. Auch auf das Nachlasskonto ihres verstorbenen Mannes erließ die Oberfinanzdirektion am 17. Dezember 1938 eine "Sicherungsanordnung". Als Testamentsvollstrecker für den Nachlass war der Rechtsanwalt Morris Samson (geb. 21.10.1878) eingesetzt worden, der sich jetzt "Konsulent" nennen musste. Die Vermögenswerte bestanden aus Hypotheken und Wertpapieren, deren Zinsen Fanny Kallmes erhielt. Nach Fanny Kallmes` Tod, so hatte James Kallmes verfügt, sollten die Vermögenswerte an die Jüdische Gemeinde überschrieben werden.

Die Oberfinanzdirektion legte fest, dass ein Teil des Vermögens in Reichsschatzanweisungen getauscht werden musste. (Mit den Reichsschatzanweisungen wurden die Kosten für den zweiten Weltkrieg getragen.) Mit diesen Reichsschatzanweisungen bestritt Fanny Kallmes die dritte und vierte Rate der "Judenvermögensabgabe".

Inzwischen mehr oder weniger mittellos, wurde Fanny Kallmes von ihrem Schwager Otto Kallmes mit meist monatlichen Zahlungen von 167 RM und von ihrer Schwägerin Anna Kallmes mit weiteren 167 RM finanziell unterstützt. Als ihr Schwager Iwan am 25. Oktober 1939 verstarb, erhielt sie aus dessen Nachlass eine vierteljährliche finanzielle Unterstützung von 250 RM.

Im Oktober 1939 musste Fanny Kallmes ihr Silberbesteck, ihren Schmuck und diverse Haushaltsgeräte an die Oberfinanzdirektion abliefern. Der Erlös betrug 382,14 RM, den sie auf ihr "Sicherungskonto" einzahlen musste.

Einen kleinen Zuverdienst erbrachte ihr die Untervermietung eines Zimmers: Am 4. Juli 1939 zog die ledige nichtjüdische Helene Pauline Lange (geb. 7.5.1884) dort ein, die bis zum 9. Juni 1941 dort wohnte.

Am 6. September 1939 forderte die Oberfinanzdirektion Fanny Kallmes erneut auf, ihre Vermögensverhältnisse darzulegen. Von den geforderten 720 RM für den monatlichen Lebensunterhalt bewilligte sie Fanny Kallmes ab 1. November 1939 jedoch nur 450 RM.

Zum 29. November 1940 wurde die "Julie- und-Julius-Kallmes-Stiftung" aufgelöst.

Am 26. September 1941 zog Fanny Kallmes zusammen mit Wilhelm Cohn in die Haynstraße 10 in den zweiten Stock um.

Am 6. Dezember 1941 wurde ihr Schwager Otto Kallmes nach Riga deportiert. Damit entfiel für Fanny Kallmes dessen regelmäßige finanzielle Unterstützung.

Zudem mussten Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn am 22. April 1942 in das "Judenhaus" Agathenstraße 3 umziehen. Offensichtlich sahen sie nun für ihr Leben keine Perspektive mehr. Am 11. Juli 1942 wurde die Schwägerin Rosa Anna Lucie Kallmes nach Auschwitz deportiert, damit wäre künftig auch deren finanzielle Unterstützung weggefallen. Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn waren bisher aufgrund ihres Alters von den Großdeportationen nicht betroffen, doch nun standen die "Alterstransporte" nach Theresienstadt an, die am 15. und 19. Juli 1942 abgehen sollten.

Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn nahmen am 14. Juli 1942 Barbiturate und setzten ihrem Leben selbst ein Ende. Mitbewohner aus dem Haus Agathenstraße 3 informierten die Polizeirevierwache, die beide ins jüdische Krankenhaus in der Johnsallee transportieren ließ. Dort verstarben sie am 15. Juli 1942.

Fanny Kallmes und Wilhelm Cohn wurden auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt.

Der James Kallmes Nachlass mit den Wertpapieren und Hypotheken belief sich nach dem Tod von Fanny Kallmes noch auf 30.000 RM. Das Vermögen wurde an die Jüdische Gemeinde in Hamburg überschrieben, die darüber nur mit Genehmigung verfügen durfte.

Zum Schicksal der Schwester von Fanny Kallmes, geb. Nathan:
Marie Nathan (geb. 26.3.1865) heiratete am 26. November 1894 Albert Elias Ascher (geb. 18.9.1852). Sie hatten einen Sohn Erich Ascher (geb. 15.10.1894), der 1939 in die USA flüchten konnte. Albert Ascher verstarb am 27. Dezember 1916, Marie Ascher am 17. September 1936 in Hamburg.

Zum Schicksal der Geschwister von James Kallmes:
Iwan Kallmes (geb. 22.4.1863) heiratete am 4. Dezember 1903 Rosa Anna Lucie Goldschmidt (geb. 1.2.1883). Iwan Kallmes verstarb am 25. Januar 1939 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt. Anna Kallmes wurde am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert (siehe oben).

Anna Kallmes (geb. 4.12.1865) heiratete am 17. Juli 1891 Wolf Katzenstein (geb. 14.3.1859). Er verstarb am 26. Januar 1932, sie am 1. Oktober 1938. Beide wurden auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt.

Albert Kallmes (geb. 25.2.1870) heiratete am 12. April 1916 die nichtjüdische Minna Sophie Elisabeth Claussen (geb. 06.12.1882). Er überlebte in dieser Mischehe, verstarb am 8. Juni 1949 in Hamburg und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel beigesetzt. Minna Kallmes verstarb am 17. Juli 1955.

Otto Kallmes (geb. 4.10.1872) wurde am 6. Dezember 1941 in das KZ Riga-Jungfernhof deportiert und ermordet. (Siehe www.stolpersteine-hamburg.de)

Stand: Juni 2021
© Bärbel Klein

Quellen: StaH, 1; 2; 4; 8; 331-5_3 Akte 1188/1942 (Kallmes, Fanny); 331-5_3 Akte 1269/1942 (Cohn, Wilhelm); 111-1_48900; 311-2 IV_DV I B 3 b V B 4 Grundstücksakte; 332-3_A 119_6437; 332-3_ A 286_237/1872; 332-5_138/1894; 332-5_262/1901; Frankfurt am Main Heiratsurkunde 2687/1903; Frankfurt am Main Heiratsurkunde 931/1909; Frankfurt am Main Sterbeurkunde 1201/1935; 332-5_168/1911; 332-5_822/ 1915; Bad Homburg 126/1919 Sterbeurkunde; 332-5_664/1921; 332-5_387/1922; 332-5_71/1926; 332-5_613/1928; 332-5_377/1938; 332-5_51/1939; 332-5_373/1942; 332-5_355/1949; 332-5_1774/1955; 332-5_212/1942; 522-1_696c_75/1839; 213-13_1526; 213-13_6830; 213-13_6831; 213-13_6832; 213-13_6833; 213-13_6834; 213-13_6835; 213-13_6836; 213-13_6837; 213-13_6838; 213-13_6839; 213-13_6840; 213-13_16088; 213-13_20942; 213-13_21678; 214-1_383; 351-8_B 184; 351-11_5590; 351-11_6198; 351-11_7991; 351-11_19444; 351-11_34620; 351-11_55753; 621-1/84_49; Heiko Morisse, Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger jüdischen Juristen im Nationalsozialismus, Göttingen 2013, S. 167; www.wikipedea.de; www.geni.com; www.ancestry.de.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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