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Bereits verlegte Stolpersteine



Leopold Belzinger * 1866

Rutschbahn 25 a (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1942 Theresienstadt
ermordet 10.3.1944

Weitere Stolpersteine in Rutschbahn 25 a:
Pauline Bachrach, Minna Belzinger, Lea Erna Belzinger, Johanna Schack, Max Schack, Heinz Wittkowsky

Erna Belzinger, geb. am 13.6.1894 in Hamburg, ermordet am 23.9.1940 in der "Tötungsanstalt" Brandenburg an der Havel
Leopold Belzinger, geb. am 25.8.1866 in Hamburg, ermordet am 10.3.1944 in Theresienstadt
Minna Belzinger, geb. Cohen, geb. 14.8.1871 in Altona, ermordet am 6.10.1942 in Theresienstadt

Stolpersteine Hamburg-Rotherbaum, Rutschbahn 25a

Erna Belzinger wurde als zweitältestes Kind der Eheleute Leopold und Minna Belzinger, geborene Cohen, am 13. Juni 1894 in der Wilhelminenstraße 13 (heute Hein-Hoyer-Straße) in Hamburg-St. Pauli geboren. Ihre Eltern gehörten dem jüdischen Glauben an. Bei der Geburt ihres älteren Bruders Max am 1. August 1893 hatten die Eltern wenige Häuser weiter in der Wilhelminenstraße 73 gewohnt. Der jüngere Bruder Siegfried kam am 8. August 1897 in der Kieler Straße 84 (heute Clemens-Schultz-Straße, St. Pauli) und die jüngere Schwester Franziska am 6. November 1899 in der Wilhelminenstraße 63 zur Welt.

Ernas Vater, Leopold Belzinger, geboren 1866, betrieb in der Catharinenstraße 31 zusammen mit seinem Partner Joseph Jacobsohn aus der Kieler Straße 87 einen Pfeifen- und Meerschaumwarengroßhandel. Aus Meerschaum wurden vorzugsweise Zigarrenspitzen und Pfeifenköpfe, aber auch kleinere Ziergegenstände gefertigt. Später handelte er ausschließlich mit Zigarren. Leopold Belzinger und seine sechs Geschwister Jacob, Carl, Luis (Louis), Alma Ida, Rosa und Henry lebten in der zweiten Generation in Hamburg. Ihr Vater, der Kürschner Philip Belzinger, war in den 1860er Jahren aus Winschoten/Groningen nach Hamburg eingewandert, hatte die 1840 in Altona geborene Rosa Lademer geheiratet und am 15. April 1864 das Hamburger Bürgerrecht erlangt.

Erna Belzingers Brüder, Max und Siegfried, kamen im Ersten Weltkrieg ums Leben. Max starb am 30. August 1915. Sein Todesort ist nicht bekannt. Siegfried starb am 3. Juni 1918 in Belgien als Matrose in einer Marine-Einheit. Sein Grab befindet sich in Diksmuide-Vladslo (Block 2 Grab 2190).

Erna Belzinger, über deren Kindheit und Jugend wir nichts wissen, blieb unverheiratet. Im September 1922 trat sie der Jüdischen Gemeinde bei. Einen Beruf soll sie nicht ausgeübt haben, obwohl ihr "Stand" auf der Karteikarte der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, dem einzigen über sie noch erhaltenen Dokument aus dieser Anstalt, als "Haustochter" vermerkt war. Sie war bereits zweimal in Friedrichsberg gewesen, bevor sie dort am 15. Februar 1938 erneut eingeliefert wurde. Die nunmehrige "Psychiatrische und Nervenklinik der Hansischen Universität" wies sie einen Monat später in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn ein. Als Grund wurden "Erregungszustände" genannt.

Im Sommer 1940 plante die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 nach Langenhorn zu verlegen. Nachdem die von dieser Anweisung betroffenen Menschen aus den norddeutschen Anstalten in Langenhorn eingetroffen waren, wurden sie am 23. September 1940 gemeinsam mit den schon länger in Langenhorn lebenden Patienten – darunter auch Erna Belzinger – auf dem Güterbahnhof Ochsenzoll in einen Zug verladen und nach Brandenburg an der Havel transportiert. Noch am selben Tag wurden sie in einem umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses mit Kohlenmonoxyd getötet. Nur eine Patientin, Ilse Herta Zachmann, entkam diesem Schicksal zunächst (siehe dort).

Eine Mitteilung von Erna Belzingers Tod gelangte nach Hamburg an ihr Geburtsstandesamt. Auf dem standesamtlichen Geburtseintrag ist vermerkt: "verstorben Nr. 335/41 St.A. Chelm II Generalgouvernement".

Die in Brandenburg Ermordeten waren jedoch nie in Chelm (polnisch) oder Cholm (deutsch), einer Stadt östlich von Lublin. Die dort früher existierende polnische Heilanstalt bestand nicht mehr, nachdem SS-Einheiten am 12. Januar 1940 fast alle Patienten ermordet hatten. Auch gab es in Chelm kein deutsches Standesamt. Dessen Erfindung und die Verwendung späterer als der tatsächlichen Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einfordern zu können.

Es ist nicht bekannt, ob Erna Belzingers Eltern von dem Tod ihrer Tochter erfahren haben. Sie waren allein in Hamburg zurückgeblieben und hatten lange Jahre in der Heinrich-Barth-Straße 1 in Hamburg-Rotherbaum gewohnt. 1937 wechselten sie in die Straße Rutschbahn 25a, ebenfalls in Rotherbaum, in ein "Judenhaus". In "Judenhäusern" wurden Jüdinnen und Juden auf engstem Raum zwangsweise untergebracht. Das Ehepaar Belzinger musste erneut umziehen, und zwar in ein "Judenhaus", nun in der damaligen Schlachterstraße 40/42 Hs. 4/5 in Hamburg-Neustadt. Dort erhielt es den Deportationsbefehl. Minna und Leopold Belzinger wurden am 20. Juli 1942 von Hamburg in das "Altersgetto" Theresienstadt deportiert. Minna Belzinger starb dort am 6. Oktober 1942 angeblich an einer Darmentzündung, Leopold Belzinger kam am 10. März 1944 ebenfalls in Theresienstadt ums Leben.

Erna Belzingers Schwester Franziska (Fräncis), geboren am 6. November 1899, und ihr Ehemann Levy Bari verließen Deutschland im Frühjahr 1939 mit ihren drei Söhnen, Manfred, geboren 1921, Siegfried, geboren 1922, und Wolfgang, geboren 1928. Sie emigrierten in die USA.

An Minna, Leopold und Erna Belzinger erinnern Stolpersteine in der Straße Rutschbahn 25a. Zu Erinnerung an Leopold Belzingers Bruder Carl, der sich am 26. September 1942 das Leben nahm, und an seine Schwester Rosa, die am 29. März 1941 gestorben war, liegen Stolpersteine in der Bornstraße 18 in Rotherbaum.


Stand: März 2019
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; 9; AB; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 314-15 Oberfinanzpräsident R 1939 2672 Carl Belzinger; 332-3 Zivilstandsaufsicht A–237 Geburtsregister Nr. 1441/1871 Carl Belzinger, A_227 Geburtsregister Nr. 1350/1868 Jacob Belzinger, A_220 Geburtsregister Nr. 812/1866 Leopold Belzinger, A_256 Geburtsregister Nr. 197/1875 Luis Belzinger; 332-5 Standeämter 2315 Geburtsregister Nr. 2899/1893 Max Belzinger; 2344 Geburtsregister Nr. 2236/1894 Erna Belzinger, 2432 Geburtsregister Nr. 2773/1897 Siegfried Belzinger, 8741 Heiratsregister Nr. 426/1920 Franziska Belzinger/Levy Bari, 13168 Geburtsregister Nr. 2734/1899 Gertrud Belzinger; 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht AIe 40 Bd. 5 Einbürgerung Philip Belzinger; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1/1995 Aufnahme-/Abgangsbuch Langenhorn 26.1.39–23.9.40; UKE/IGEM, Archiv, Patienten-Karteikarte Erna Belzinger der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg; http://www.weltkriegsopfer.de/Krieg-Opfer-Max-Belzinger_Soldaten_0_462233.html (Zugriff 25.8.2015); http://www.weltkriegsopfer.de/Kriegsopfer-Siegfried-Belzinger_Soldaten_0_99118.html (Zugriff 25.8.2015); http://www.holocaust.cz/de/search?query=Belzinger&x=0&y=0 (Zugriff 26.8.2015); Biographie Carl und Rosa Belzinger: http://www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&r_name=Belzinger&r_strasse=&r_bezirk=&r_stteil=&r_sort=Nachname_AUF&recherche=recherche&submitter=suchen&BIO_ID=669 (Zugriff 26.8.2015).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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