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Bereits verlegte Stolpersteine



Dr. Rudolf Borgzinner, ca. 1930
© Privatbesitz

Dr. Rudolf Borgzinner * 1896

Schäferkampsallee 29 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)

1943 Theresienstadt/Auschwitz
ermordet 5.12.1944 KZ Dachau

Weitere Stolpersteine in Schäferkampsallee 29:
Martha Dessen, Heinrich Harth, Meyer Jelinewski, Margaretha Magnus, Eva Emma Mathiason, Emma Weiland

Dr. Rudolf Borgzinner, geb. am 17.4.1896 in Hamburg, deportiert am 23.6.1943 nach Theresienstadt, deportiert am 27.10.1944 nach Auschwitz, gest. am 5.12.1944 im KZ Dachau Kaufering

Schäferkampsallee 29
Bramfelder Straße 23, Barmbek

Der unverheiratete Arzt Rudolf Borgzinner war das einzige Kind seiner Eltern Dr. med. Paul (geb. 1868 in Paderborn) und Minna Borgzinner, geb. Kempenich (geb. 1869 in Neheim, gest. 1942). Die Eltern lebten in der Husumer Straße 16 II. Die Arztpraxis des Vaters befand sich in der Bramfelder Straße 5. Als Rudolf geboren wurde, wohnten die Eltern in der Bramfelder Straße 22. Der Vater Paul Borgzinner war 1926 aus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde ausgeschieden. Das galt aber nicht für seine Ehefrau und den Sohn.

Rudolf Borgzinner war nach dreijährigem Vorschulbesuch von Michaelis 1905 bis August 1914 Schüler der Oberrealschule auf der Uhlenhorst. Nach dem Abitur begann er ein Medizinstudium. Im Winter 1914/15 war er in Kiel, im Sommer 1915 in Würzburg immatrikuliert. Wegen des Ersten Weltkriegs unterbrach er sein Studium. Zwischen Herbst 1915 und Januar 1919 diente er Soldat in verschiedenen Infanterieregimentern. Im Februar 1919 nahm er sein Studium in Hamburg wieder auf und bestand im Frühjahr 1920 in Würzburg seine ärztliche Vorprüfung. Seine klinischen Semester absolvierte er in München und Hamburg, wo er im Dezember 1922 sein Staatsexamen bestand. Während der Ferien famulierte er am pathologischen Institut und auf der zweiten Inneren Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Barmbek, wo er seit Januar 1923 zur Ableistung seines Probejahres beschäftigt war. Seine Approbation erhielt er 1923. Im Oktober 1923 hatte Rudolf Borgzinner seine 27-seitige Dissertation mit dem Titel "Über Pneumatosis cystoides intestini hominies" der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg vorgelegt. Sein Prüfer war Theodor Fahr aus dem pathologischen Institut des Allgemeinen Krankenhauses Barmbek. Die Dissertation behandelte das seltene Krankheitsbild der Ausbildung gashaltiger Zysten in der Darmwand.

Rudolf Borgzinner war Chirurg und arbeitete bis zum Dezember 1932 als Assistenzarzt am Krankenhaus Barmbek. Danach unterstützte er kurze Zeit seinen Vater in dessen Praxis. 1933 übernahm er dann die Chirurgische Abteilung im Israelitischen Krankenhaus. Ein Zeitzeuge weiß noch zu berichten, dass Rudolf Borgzinner im Februar 1930 bei seiner Geburt im Krankenhaus der Freimaurer am Kleinen Schäferkamp als Geburtshelfer fungierte, zusammen mit seinem jüdischen Kollegen Eugen Kohn. Ob Rudolf Borgzinner eine zeitlang in diesem Krankenhaus beschäftigt war, ist unklar. Vielleicht war er als Chirurg hinzugezogen worden, weil sich bei der Geburt Komplikationen ergaben. Zwischen den Eltern des Zeitzeugen und den beiden Ärzten entwickelte sich jedenfalls eine freundschaftliche Beziehung.

Ab 1940 leitete er die Chirurgische Abteilung im Israelitischen Krankenhaus mit einer Sondergenehmigung als "jüdischer Krankenbehandler". Zu dem Zeitpunkt hatte das Krankenhaus seinen ursprünglichen Standort an der Eckernförderstraße (heute Simon-von-Utrecht-Straße) in St. Pauli aufgeben müssen und war in das Siloah-Diakonissenhaus in der Johnsallee 68/Ecke Schlüterstraße gezogen. 1942 musste es in das ehemalige jüdische Siechenheim in der Schäferkampsallee umziehen. Bei jedem Umzug verkleinerte es sich.

Eine Mitarbeiterin aus dieser Zeit erinnert sich an Rudolf Borgzinner, mit dem sie in der Schäferkampsallee zusammen gearbeitet und mit dem sie sich angefreundet hatte. Sie hatte selbst ein Medizinstudium in Hamburg absolviert, eine Tätigkeit als Ärztin war ihr aber als Jüdin verwehrt. Bis zu ihrer Auswanderung arbeitete sie als Pflegerin. 1942 gab es im jüdischen Krankenhaus nur noch fünf Ärzte, die meist in Mischehe lebten und dadurch einen gewissen Schutz genossen. Rudolf Borgzinner war der einzige Chirurg und wahrscheinlich auch der einzige Arzt mit Klinikerfahrung. Seine Mitarbeiterin berichtete, Rudolf Borgzinner hatte ihr anvertraut, dass ihn ein alter Bekannter in Barmbek verstecken wollte, aber "Er hat gesagt: ‚Das kann ich nicht.’"

Der Arzt und die Pflegerin hatten ein Code-Wort verabredet, einen zweiten Vornamen in der Anrede, damit er ihr, die inzwischen emigriert war, mitteilen konnte, dass er abtransportiert worden war. Eines Tages erhielt sie dann tatsächlich eine Karte von ihm, in der er sie verschlüsselt über seine Deportation unterrichtete.

Rudolf Borgzinner wurde am 23. Juni 1943 von der Schäferkampsallee 29 aus nach Theresienstadt deportiert und am 28. September 1944 weiter transportiert nach Auschwitz. Er wurde dort zur Zwangsarbeit "selektiert" und starb am 5.Dezember 1944 im KZ Dachau, Außenlager Kaufering.

In Theresienstadt findet sich noch eine Spur seiner ärztlichen Tätigkeit: die OP-Bücher sind erhalten und dort ist auch sein Name verzeichnet. Er kümmerte sich um die chirurgische Versorgung schwerkranker Patienten und operierte unter schwierigsten Bedingungen im dortigen Krankenhaus "Hohenelbe" gemeinsam mit dem Leitenden Chirurgen Erich Springer.

Er scheint ein Büchersammler gewesen zu sein. Seine Bibliothek mit ungefähr 800 Büchern und Heften wurde am 14. Oktober 1943 versteigert. 261.20 RM wurden an die Oberfinanzkasse Hamburg überwiesen.

Stand Juni 2016

© Recherche und Text: Carmen Smiatacz und Susanne Lohmeyer

Quellen: 1; 2 (R 1940/86; R 1940/88); 4; 5; 7; WdE/FZH Aliasname: Elke Petsch, Teil 1 vom 24.6.1994 autorisierte Fassung; Auskunft der KZ-Gedenkstätte Dachau; StaH 214-1 Gerichtsvollzieherwesen 174 Dr. Rudolf Borgzinner; StaH 741-4, D 1174/36; StaH 332-5 Geburten 6352 u. 1154/1896; StaH 741-4, D 1174/36; Anna von Villiez, Mit aller Kraft verdrängt.; Denkmalpflege Hamburg, Nr. 5/Mai 1991, Das ehemalige Israelitische Krankenhaus; Rahlstedter Jahrbuch für Geschichte und Kultur 2011, S. 14; Israelitisches Krankenhaus in Hamburg – 175 Jahre, hrsg. von Harro Jenss u.a., Hamburg 2016, S. 69 ff.

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