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Bereits verlegte Stolpersteine



Julius Cohn * 1882

Eppendorfer Landstraße 30 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

1941 Lodz
1942 weiterdeportiert nach ???

Weitere Stolpersteine in Eppendorfer Landstraße 30:
Dr. Paul Blumenthal, Gertrud Cohn, Meta Müller, Hermann Müller, Erna Polak, Moritz Polak

Julius Cohn, geb. 8.6.1882 in Bremen, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 15.9.1942 nach Chelmno weiterdeportiert
Gertrud Cohn, geb. Delmonte, geb. 20.3.1890 in Hamburg, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 15.9.1942 nach Chelmno weiterdeportiert

Eppendorfer Landstraße 30

Die Eltern des am 8. Juni 1882 in Bremen geborenen Julius Cohn waren Samuel David Cohn und Marianne, geb. Cassuto. Wann und warum Julius Cohn nach Hamburg zog, wissen wir nicht. Er war Bankier und Inhaber des Bankgeschäftes Wilhelm Rosenbacher.

Mit seiner Ehefrau Gertrud Cohn wohnte er in verschiedenen Hamburger Stadtteilen, so im Papendamm 4, in der Hallerstraße 72, in der Hallerstraße 12 und im Hauersweg 10. Die letzte Hamburger Wohnung befand sich in der Eppendorfer Landstraße 30.

Die am 8. Februar 1923 geborene Tochter Selma wurde ab 1934 nicht mehr in der Kultussteuerkartei geführt, bei dem Ehepaar findet sich vielmehr der Vermerk "keine Kinder". Es ist anzunehmen, dass die Tochter als Kind verstarb.

In der 1872 gegründeten Firma Rosenbacher arbeitete Julius Cohn anscheinend zunächst in der Bergstraße 2 als Angestellter. Später übernahm er die Firma. Zuletzt befand sich seine Firma als Bank- und Kommanditgesellschaft am Gänsemarkt 35 mit einem offenbar sehr eingeschränkten Geschäftsbetrieb – im Dezember 1939 gab Julius Cohn zu einer "Sicherungs­an­ordnung" des Oberfinanzpräsidenten Hamburg im Zusammenhang mit Auswande­rungs­vorbereitungen ein Banksaldo seiner Fa. Wilhelm Rosenbacher in Höhe von 2267,61 RM an. Sein Privatvermögen betrug dagegen gleichzeitig (noch) 8071 RM und das größtenteils aus einer Erbschaft stammende seiner Frau 5453 RM. Dem Ehepaar wurden aus seinem Ver­mö­gen monatlich 450 RM zur Bestreitung seiner Kosten für Miete, Lebensunterhalt einschließlich Bekleidung, Hausangestellte usw. bewilligt, obwohl es 490 RM beantragt hatte.

Beide, Julius und Gertrud Cohn, waren in der jüdischen Hamburger Nehemia Nobel-Loge engagiert. Julius Cohn war im Bruderhilfefonds- und im Witwen- und Waisenausschuss tätig, Gertrud arbeitete als Schriftführerin im Vorstand der Schwesternvereinigung der Loge. Die 1922 in Hamburg gegründete Nehemia Nobel-Loge gehörte zum 1843 in New York von aus Deutschland stammenden Juden gegründeten jüdischen Orden Independent Order of B’nai B’rith (Söhne des Bundes), der sich vor allem karitativen Zielen widmete. Die erste B’nai B’rith Loge auf europäischem Boden wurde 1882 in Berlin gegründet und nach einem der amerikanischen Gründer Henry Jones, der 1811 als Heinrich Jonas in Hamburg geboren wurde, benannt. 1887 wurde auch in Hamburg eine Henry Jones-Loge gegründet. Ihr folgten 1909 die Steinthal-Loge und 1922 die Nehemia Nobel-Loge.

Alle drei B’nai B’rith Logen residierten im 1904 in der Hartungstraße 9–11 eröffneten Logenhaus (heute Sitz der Hamburger Kammerspiele), das ein Mittelpunkt des kulturellen und sozialen jüdischen Lebens in Hamburg war. Im April 1937 ließen die Nationalsozialisten den unabhängigen Orden B’nai B’rith in Deutschland wegen "staatsfeindlicher Umtriebe" auflösen und sein Vermögen beschlagnahmen. Ob Julius und Gertrud Cohn bis zur Auflösung in der Nehemia Nobel-Loge aktiv waren oder ob sie durch die zunehmenden eigenen Existenzprobleme schon früher gezwungen waren, ihr soziales Engagement einzuschränken oder aufzugeben, wissen wir ebenso wenig wie den Grund, aus dem ihre 1939 in die Wege geleitete Auswanderung nach Chile scheiterte; vermutlich lag es am Kriegsbeginn.

Das Ehepaar Cohn wurde im Alter von 59 bzw. 51 Jahren am 25. Oktober 1941 nach Lodz deportiert, von wo es am 15. September 1942 ins Vernichtungslager Chelmno weiterdeportiert und ermordet wurde.

Die jüngere Schwester von Gertrud Cohn, Käte Rachel Goldschmidt, geb. am 8. Juli 1894 in Hamburg, überlebte mit ihren drei Kindern (geb. etwa 1923, 1925 und 1929) die Verfolgung. Ob sie rechtzeitig fliehen oder in Deutschland überleben konnte, wissen wir nicht. 1956 lebte sie jedenfalls in Tel Aviv und strengte als Erbin ihrer Schwester ein Wiedergutmachungsverfahren an, wobei in diesem Zusammenhang zugleich ein Toderklärungsverfahren für das Ehepaar Cohn eingeleitet wurde. 1963 gab sie im Wiedergutmachungsverfahren als Adresse Hamburg, Schäferkampsallee 25 an. Das Verfahren endete ergebnislos, weil wegen der unbekannten Todesdaten nicht feststellbar war, ob Julius oder Gertrud Cohn zuerst gestorben war. Damit konnte auch die Erbfolge nicht geklärt werden.

© Birgit Burgänger

Quellen: 1; 4; StaH 390 Wählerliste 1930; StaH 314-15 OFP R 1939/3121; StaH 351-11 AfW, 080682 u. 200390; Verzeichnis Hamburger Börsenfirmen (abgeschl. Februar 1933); Verzeichnis der Mitglieder der drei Hamburger Logen U.O.B.B. Henry Jones-Loge, Steinthal-Loge und Nehemia Nobel-Loge 1933; Reinke, in: Das Jüdische Hamburg, 2006, S.180f.; Hirsch, in: Wamser/Weinke, (Hrsg.), Jüdisches Leben, 2006, S. 40f.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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