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Ilse Lippstadt * 1905

Curschmannstraße 8 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

1941 Minsk

Weitere Stolpersteine in Curschmannstraße 8:
Helene Elsa Bauer, Sara Gertrud Theiner, Iwan von der Walde

Ilse Lippstadt, geb. 31.12.1905 in Elmshorn, am 18.11.1941 nach Minsk deportiert, dort erschossen

Curschmannstraße 8

Ilse Lippstadt meldete sich am 8. Januar 1936, kurz nach ihrem 30. Geburtstag, bei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Sie hatte ihren Geburtsort Elmshorn verlassen, weil dort das Leben für Jüdinnen und Juden – besonders für solche ohne Einfluss und Vermögen – wie allgemein in deutschen Kleinstädten nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze unerträglich geworden war.

Ilses aus Hamburg stammender Urgroßvater, Hirsch Elias Lippstadt, hatte sich schon vor 1840 in dem damals dänischen Städtchen als Viehhändler und Schlachter niedergelassen. Unter seinen Elmshorner Glaubensgenossen erreichte er zeitweise das höchste Einkommen. Ilses Vater Julius war diesem Beruf treu geblieben, hatte eine Hamburgerin geheiratet, Jettchen (Henriette) Rothgießer, der er eine solide bürgerliche Existenz zu bieten vermochte. Ilse hatte zwei Schwestern: Fanny war am 16. Februar 1903, Anna am 14. Dezember 1908 geboren.

Die Familie Lippstadt gehörte zu dem Teil der Jüdischen Gemeinde, der sich im öffentlichen Leben Elmshorns engagierte. 1881/82 warb Julius Lippstadt in einer Zeitungsanzeige für einen Bürgermeisterkandidaten; zudem gehörten zwei Frauen der Familie zu den Gründerinnen des Elmshorner Frauenvereins. Julius nahm am Ersten Weltkrieg teil. 1931 ließ sich Toch­ter Anna Lippstadt taufen und heiratete den einheimischen evangelischen Bäckermeister Oskar Willi Ernst Lötje. Angesichts dieser Entwicklung wundert es nicht, dass auch Ilse Lippstadt die "israelitische Religionsgemeinschaft" am 29. September 1932 verließ.

Dieser Umstand und die Tatsachen, dass Ilse alleinstehend und mittellos war und in Hamburg weder Arbeit noch Bleibe hatte, verlangte von der dortigen Jüdischen Gemeinde 1936 die Lösung einer schwierigen Aufgabe.

Bei "freier Station" und 43,25 RM Lohn im Monat wurde Ilse als Haushaltshilfe an die Familie Guggenheim in die Hallerstraße (bald umbenannt in Ostmarkstraße) 83 I vermittelt. Ihr Monatseinkommen in Elmshorn, wo sie als Sekretärin angestellt gewesen war, hatte 130 RM betragen. In den folgenden drei Jahren fand sie dann Unterschlupf in der nahen Rothenbaumchaussee 73 und in der nur wenig entfernten Oderfelder Straße 42 III bei Familie Eckert. Dann ging es an die Außenalster in die Alte Rabenstraße 9 I, wo sie für kurze Zeit mit ihrer Schwester Fanny und mit Anna Rosenbaum zusammenwohnte (s. dort) .

Fanny Lippstadt war bereits 1932 nach Hamburg gekommen. Den Akten ist zu entnehmen, dass sie im Juli 1938 in das KZ-Lager Lichtenburg bei Wittenberg an der Elbe eingeliefert worden war und dort bis kurz vor ihrer Ausreise nach England im Sommer 1939 festgehalten wurde. Wir wissen nicht, warum Fanny Lippstadt verhaftet wurde, sind uns aber bewusst, dass die Geheime Staatspolizei oft willkürlich handelte.

Auch bei Ilse Lippstadt konkretisierte sich ein Plan, nach England auszuwandern. Im August überstand ihr auf rund 700 RM taxiertes Umzugsgut sogar die Prüfung der Behörden. Sie gaben es allerdings erst unmittelbar vor Ausbruch des Krieges frei und ließen so die Ausreise scheitern.

In dieser verzweifelten Lage erreichte Ilse die Nachricht vom Tod ihres 69-jährigen Vaters in Elmshorn. Mutter Jettchen zog bald in die Nähe ihrer Tochter nach Hamburg. Sie wurde in das "Judenhaus" Frickestraße 24 eingewiesen. Als Ilse dann im August eine neue Wohnung bei der Witwe Gertrud Theiner, geborene Bauer (68 Jahre), und deren Schwester, der Lehrerin Helene Elsa Bauer (65), zugewiesen bekam, trug Ilse die Verantwortung für drei alte Frauen. Ihre Mutter musste sie sogar von ihrem kargen Lohn unterstützen.

Am 18. November 1941 wurde Ilse Lippstadt von den drei Hilfsbedürftigen durch die Deportation nach Minsk getrennt.

Durch Zufall kennen wir die Umstände ihres Todes. Harald Kirschninck, der Chronist der Elmshorner Jüdinnen und Juden, konnte mit der überlebenden Schwester Anna Lötje sprechen und berichtete Folgendes: Sie "erfuhr nach dem Krieg von einem Elmshorner Augenzeugen, der Soldat in Rußland war, daß ihre Schwester in der Nähe von Minsk in einer Kolonne mit anderen Juden marschiert sei. Diese Kolonne begegnete einigen deutschen Soldaten. Ilse Lippstadt erkannte unter ihnen einige Elmshorner wieder, mit denen sie früher im Holsteinischen Hof ausgegangen war. Sie habe ihnen zugerufen: ‚Hallo Elmshorn!’ Daraufhin sei sie beiseite geführt und auf ‚freiem Feld’ erschossen worden."

Schließlich deportierte die Geheime Staatspolizei am 15. Juli 1942 auch Mutter Jettchen. Mit 70 Jahren erreichte sie Theresienstadt, wo 16 Monate später auch sie elend zugrunde ging.

© Dietrich Rauchenberger

Quellen: 1; 9; StaH 314-15 OFP, Fvg 5624; StaH 332-8 Meldewesen, A 51 (Ilse Lippstadt); Stadtarchiv Elmshorn, Auskunft Marion Eymers am 3.2.2010; Kirschninck, Juden in Elmshorn, Teil 1, Elmshorner Geschichte, Bd. 9, 1996, S. 147f., 155, 157; derselbe, Teil 2, Bd. 12, 1999, S. 141, 149, 158; derselbe, Doppelt so viele Elmshorner Juden deportiert wie bisher angenommen, in "Elmshorner Nachrichten" v. 30.6.2007; derselbe, www.stolpersteine-elmshorn.de.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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